Einar Turkowski Keine Angst vor Schattenmullen

Ist von Hollywood die Rede, wird gerne die Metapher der Traumfabrik bemüht. Einar Turkowskis neues Bilderbuch für Erwachsene spielt in einer Hollywood-ähnlichen Landschaft und zeigt surreal-traumhafte Kindheitserinnerungen.

Von Holger Moos

„Ich erinnere mich noch, wie damals alles begann“, heißt das Motto am Anfang von Einar Turkowskis neuem Buchkunstwerk Die Geheimnisse von Pinewood Hill. Darin ist ein Junge mit seiner Familie in eine neue, große Stadt gezogen. Alle befinden sich in einem „Ausnahmezustand“, heißt es anfangs. Doch weder von der großen Stadt noch von der Familie – abgesehen vom älteren Bruder Vince – wird viel erzählt in diesem Buch.

Stattdessen erkundet Chaska mit seinem BMX-Rad seine nähere Umgebung – die Big Pines, ein Gebiet, in dem es viel Natur und viele gottverlassene Orte gibt. Eine der Zeichnungen sieht aus wie der berühmte Mulholland Drive. Wer damit David Lynchs gleichnamigen mysteriösen Film assoziiert, liegt auch bezüglich der Atmosphäre in Turkowskis Buch nicht verkehrt.

Imagination und Wirklichkeit

Der Ort der Handlung ist hybrid. Einerseits ist die hügelige Landschaft rund um Pinewood Hill an die Hollywood Hills angelehnt – inklusive des berühmten Schriftzugs auf der Hügelkette. Andererseits erinnert der Titel an die berühmten britischen Pinewood Studios, wo unter anderem zahlreiche James-Bond-Filme gedreht wurden.

Auf seinen ziellosen Erkundungstouren verliert Chaska zwar nicht seine räumliche Orientierung, pünktlich zum Essen radelt er stets nach Hause, ins von dichter Vegetation umwucherte Coral House. Doch er verliert sich umso mehr in seinen Fantasiewelten, die für ihn mindestens so wichtig und real sind wie die so genannte Wirklichkeit.

Schnell wird klar, dass der Junge ein Filmfan ist, mit einer Vorliebe für die an Autojagden reichen Actionfilme der 1970er-Jahre. Sein BMX-Rad nennt er Bandit, angelehnt an Burt Reynolds Spitzname aus der Actionkomödie Smokey and the Bandit (1977). Im weiteren Verlauf der Geschichte tauchen verlassene oder brennende Autos auf. Es schwingt auch etwas Unheimliches mit, hervorgerufen etwa durch eine Horrorclown-Puppe, die den Jungen aus einem Fenster beobachtet, und seltene Tiere wie den scheuen Steinschläfer oder Fabelwesen wie den Schattenmull.

Nur Fantasie Zählt

Turkowski teilt seine Geschichte in 17 Kapitel auf. Jedes Kapitel besteht aus einer Doppelseite: Auf der einen Seite wird die Geschichte erzählt, auf der anderen ist eine Illustration zu finden. Turkowskis minutiöse Bleistiftzeichnungen sind bestechend und sehr detailverliebt. Es ist viel Raum für magische Elemente, wie etwa durch die Luft fliegende Fische, die einen Baum umschwirren, oder ein geflügeltes Pferd mit toten Augen, das eine Tunneleinfahrt blockiert.

Dank Vince, der von den fantastischen Aufzeichnungen im Notizheft seines Bruders beeindruckt ist, findet Chaska Zutrauen zu seinem Talent statt sich – wie zuvor – vor seiner Vorstellungskraft zu fürchten. Ob er später wirklich, wie erträumt, Filmregisseur wird, ist gar nicht so wichtig. Es zählt allein die Fantasie!
  • Turkowski: Die Geheimnisse von Pinewood Hill, Buchcover © Einar Turkowski / kunstanstifter
  • Turkowski: Die Geheimnisse von Pinewood Hill, Kapitel 3 © Einar Turkowski / kunstanstifter
  • Turkowski: Die Geheimnisse von Pinewood Hill, Kapitel 15 © Einar Turkowski / kunstanstifter
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Einar Turkowski: Die Geheimnisse von Pinewood Hill
Mannheim: Kunstanstifter, 2022. 40 S.
ISBN: 978-3-948743-20-8