Dirk Stermann Alter Vater im Norwegerpulli

Vater-Sohn-Geschichten sind in der Literatur meistens eine tragische Angelegenheit. In seinem neuen Roman persifliert Dirk Stermann diesen Topos. Der Sohn ist gerade mal vier, sein Vater vergleichsweise alt – und er sieht noch älter aus, als ein ukrainischer Babysitter auftaucht.

Von Holger Moos

Stermann: Maksym © Rowohlt Dirk Stermann wurde 1965 in Duisburg geboren, lebt jedoch seit 1988 in Österreich und ist somit einer der österreichischsten Deutschen, die man sich vorstellen kann. Er hat sich dort sogar auf einem Gebiet durchgesetzt, in dem die Österreicher den Deutschen eigentlich überlegen sind: dem Humor. Sterman macht kabarettistisches Radio und moderiert seit 2007 gemeinsam mit Christoph Grissemann die ORF-Late-Night-Show Willkommen Österreich. Mit seinem Roman Sechs Österreicher unter den ersten fünf (2010) feierte er seine Entpiefkesierung.

Der Held seines aktuellen Romans Maksym ist ein in Wien lebender, viel beschäftigter deutscher Kabarettist und Schriftsteller namens Dirk Stermann, ein alternder weißer Mann, der kurz vor seinem 50. Geburtstag nochmals Vater geworden ist. Seine Freundin Nina, die sich bislang meistens um den gemeinsamen Sohn Hermann gekümmert hat, freut sich über ein Jobangebot beim Österreichischen Kulturforum in New York:
„«New York«, murmelte ich. »Und wie stellst du dir das vor?«
»So wie die letzten vier Jahre«, sagte Nina. »Nur umgekehrt.«“

Babysitter und Kampfsportler

Hermann sieht seinen Vater nicht sehr oft, immer ist dieser auf Tour, daher nennt sein Sohn ihn Banksy, nach dem britischen Streetart-Künstler, den man ja auch nicht zu Gesicht bekommt. Nun muss also ein*e Babysitter*in gefunden werden, denn alle Auftritte lassen sich nicht absagen. Aus den Bewerbungen sticht die eines gewissen Maksym heraus, der lapidar schreibt: „Mache alles.“ Das Bewerberfoto zeigt einen kahlköpfigen Mann mit verwaschenem Sweatshirt: „Wie kommt dieser Ostschlächter auf die Liste der gut ausgebildeten Mädchen? … Wahrscheinlich hatte er sich für so eine Arbeiterstrich-Seite melden wollen, aber wegen nicht vorhandener Deutschkenntnisse war er hier gelandet“, denkt sich der Ich-Erzähler.

Die erste Kandidatin ist jedoch ein Reinfall: Maria aus Kärnten, „die blonde Version einer bulgarischen Hammerwerferin“. Als dann Nina von ihren Freund*innen darin bestärkt wird, dass ein männlicher Babysitter wahnsinnig fortschrittlich ist, engagiert sie Maksym tatsächlich als Babysitter.

Maksym und Hermann verstehen sich von Anfang an prächtig. Der Babysitter bringt dem Kleinen jedoch nicht nur Radfahren bei, sondern weiht ihn auch in die Kampfkunst ein. Er schwärmt vom russischen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Chabib Abdulmanapowitsch Nurmagomedow, der einen Bären besiegt habe. Der Vater hat anfangs natürlich Vorbehalte, doch als er erkennt, dass Maksym Verbindungen hat, die zwar zwielichtig, aber auch hilfreich für ihn sind, sieht er den Babysitter plötzlich in einem anderen Licht.

Stermann bemüht in seinem Roman nicht wenige Klischees, doch er bricht sie auch. So hat der angeblich so rohe Maksym ein fotografisches Gedächtnis, absolviert nebenbei mit großer Leichtigkeit ein Jurastudium und hilft dem Protagonisten schließlich sogar bei der Überwindung seiner Schreibblockade.

Keine Standing Ovations

Der Ich-Erzähler thematisiert auch das Verhältnis zu seinem Vater, um dessen Anerkennung er vergeblich rang. Eine Anekdote aus der Vergangenheit verdeutlicht das: „Heute: Stermann“ steht auf einem großen Transparent am prestigeträchtigen Wiener Burgtheater. Seine Eltern erleben seinen dortigen Solo-Auftritt, doch nach dem Tod seines Vaters erfährt der Sohn durch dessen Tagebücher, dass sein Vater alles andere als beeindruckt war: „Burgtheater ausverkauft, aber Studentenpreise. Keine Standing Ovations.“

Der Stermann im Roman schlachtet für seine Bücher sein Privatleben gnadenlos aus, womit er sich nicht nur Freunde macht. „Du bist nicht Knausgård“, wird er von seiner Ex-Ehefrau angegangen, und: „Du hast nur einen von Motten zerfressenen Norwegerpulli.“

Und wie steht es angesichts des autobiografischen Inhalts dieses pointensicher erzählten Romans um das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit? Da gilt vielleicht der (angebliche) Ausspruch der amerikanischen Psychoanalytikerin Erika Freemann aus dem Nachwort: „Manchmal schreibt man über Dinge, die man erlebt hat, manchmal über Dinge, die man noch erleben wird.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Dirk Stermann: Maksym. Roman
Hamburg: Rowohlt, 2022. 320 S.
ISBN: 978-3-498-00267-1
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