Wolfgang Bauer Hybris des Westens

Der Kriegsreporter Wolfgang Bauer hat ein beeindruckendes, aber desillusionierendes Afghanistan-Buch geschrieben. Es ist auch eine Abrechnung mit dem Westen, der dort auf ganzer Linie scheiterte.

Von Holger Moos

Bauer: Am Ende der Straße © Suhrkamp Seit etwa 20 Jahren reist Wolfgang Bauer immer wieder nach Afghanistan, zuletzt im Winter 2021. Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban fährt er auf der legendären Ring Road nochmals durch das Land. In seinem nun erschienenen Buch Am Ende der Straße. Afghanistan zwischen Hoffnung und Scheitern berichtet er von seinen Erlebnissen – damals und heute.

Die Ring Road ist, wie der Name verrät, ringförmig angelegt und verbindet auf 2200 Kilometern Länge die wichtigsten afghanischen Städte miteinander, Kabul im Osten, Kandahar im Süden, Herat im Westen, Mazar-i-Sharif im Norden. Schon diese Straße versinnbildlicht das Scheitern in Afghanistan. Denn sie ist bis heute nicht vollständig fertiggestellt, obwohl der Baubeginn bereits vor 70 Jahren unter dem letzten afghanischen König Mohammed Zahir Schah erfolgte. Die Ring Road, an der die Amerikaner nach 2001 weiterbauten, sollte bewirken, dass aus dem Konglomerat aus 14 Ethnien ein Staat wird. Sie sollte den Handel und die Hoffnung auf eine positive Entwicklung fördern. Die Realität ist laut Bauer eine andere, die Straße wurde zu einer „Blutspur“: „Die heftigsten Kämpfe des Krieges fanden entlang dieser Straße statt.“

Bauer schreibt packend und anschaulich. Über einen langen Zeitraum trifft er Afghan*innen aus verschiedenen Regionen und von unterschiedlichen Ethnien und präsentiert eindrückliche Lebensgeschichten. Auch seine Mitreisenden werden skizzenhaft porträtiert. So lockert sein Fahrer Situationen gern durch Witze auf, sein frisch verheirateter Dolmetscher dagegen sorgt sich unterwegs um seine schwangere Frau. Bauer trifft Ingenieure des Salang-Tunnels auf Afghanistans höchstem Pass und Raubgräber, die die Erde nach antiken Relikten durchwühlen. Er besucht die verwaisten Klassenräume einer Provinzschule, in der früher Mädchen unterrichtet wurden, und berichtet von der Liebe zwischen einem Tadschiken und einer Hazara, zwei von vielen Volksgruppen, die miteinander verfeindet sind. Und er trifft auch Taliban – diese Begegnungen verdeutlichen, dass es sich durchaus um eine heterogene Bewegung handelt.

Fata-Morgana-Karrieren

Die im Untertitel erwähnte Hoffnung kommt bei Bauer lediglich in homöopathischen Dosen vor. In einem Kapitel erzählt er die Geschichte von Zarifa Ghafari, die von 2018 bis August 2021 Bürgermeisterin von Maidan Shahr, der Hauptstadt der Provinz Wardak, war, bevor sie vor den Taliban nach Deutschland floh. Ghafari war aus Sicht des Westens eine Hoffnungsträgerin und wurde dort mit diversen Auszeichnungen geehrt. Bauer schildert die vielen Widerstände und auch die Lebensgefahr, mit der die junge Frau zu kämpfen hatte. Anfangs konnte sie monatelang ihr Amt gar nicht antreten, die ältesten Männer blockierten den Zugang zum Rathaus und bewarfen sie mit Steinen. Außerdem musste sie bis zum Ende im gut 40 km entfernten Kabul wohnen, weil es in Maidan Shahr selbst viel zu gefährlich für sie gewesen wäre. Die (unsichtbare) Front zu den von den Taliban beherrschten Gebieten verlief einen Kilometer hinter dem Stadtzentrum. Ghafari bekam mehrere Morddrohungen.

Doch Bauer verschweigt auch nicht die Kehrseite. So brüstet sich Ghafari damit, die Steuereinnahmen stark erhöht zu haben. Davon, dass diese Steigerung wohl nur auf zusätzliche Gelder von der Zentralregierung zurückzuführen ist, will sie nichts hören. Auch manche ihrer Projekte sind eher fragwürdig, wie etwa ihr Plan, ein unterirdisches Frauenkaufhaus oder einen Vergnügungspark zu bauen. In solchen für den Westen aufgebauten Lichtgestalten manifestiert sich für Bauer ein altes Problem: „Sehnsüchtig sucht der Westen in Afghanistan nach Hoffnungsträgern, die seinen Idealen entsprechen. Im Vorteil sind dabei Frauen und Männer, die Englisch beherrschen und das amerikanische Managementvokabular. Sie nimmt der Westen wahr, sie fördert er, ohne aber zu wissen, was die Geförderten wirklich tun.“ Dadurch entstünden „Fata-Morgana-Karrieren“.

Korrumpiert vom Westen

Die Fahrt entlang der Ring Road offenbart viel über das Versagen der Idee des Nation building seitens der USA. Bauer stoppt auch in Kunduz, der Stadt, in die die Deutschen das meiste Geld investierten während der letzten 20 Jahre. Dort veranschaulicht er das Scheitern der deutschen Entwicklungspolitik anhand der Geschichte von Kata Khel, eines kleinen Dorfes bei Kunduz. Das Dorf soll zum schönsten Dorf Afghanistans werden. Ein deutscher Verein sammelt Spendengelder. Sybille Schnehage, die Vereinsgründerin, ist seit drei Jahrzehnten in Afghanistan tätig, will mit ihren Projekten Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Doch vor Ort kommt es zu Günstlingswirtschaft. Ihr Vertrauter betrügt die Vereinsgründerin, veruntreut Spendengelder, bevorteilt nur seinen Clan. Bauer kommt zu dem Schluss: Schnehage „glaubt Gutes zu tun, und das tut sie auch. Aber sie erschafft neben Brunnen, Schulen, Straßen und Brücken auch: Hass. Neid. Missgunst. Einen Stammeskrieg.“

Das, was im Kleinen schief ging, wiederholte sich im Großen. Ein „Hilfskonzern“ wie die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sei nicht mehr zeitgemäß. Die Lebensrealitäten haben sich im Lauf der 20 Jahre voneinander entkoppelt. Bereits Ende 2020 kontrollierten die Taliban 80 Prozent des Landes. Es seien zwei Welten entstanden, das Land Afghanistan und die Welt der Hilfsorganisationen und der westlichen Militärstützpunkte. Am Ende holt Bauer zu einer großen Anklage gegen den Westen, gegen die westliche Hybris aus. Der Westen habe Afghanistan korrumpiert. Die Korruption habe durch das viele westliche Geld, das in das Land gepumpt worden sei, vollkommen neue Dimensionen erreicht: „Die Summen, die der Westen gab, ohne ernsthaft zu kontrollieren, was sie bewirkten, höhlten den neuen Staat aus. Er verrottete von innen.“

Aus den Reiseskizzen und den zahlreichen Einzelschicksalen ergibt sich ein vielschichtiges, äußerst lebendiges Bild des Landes. Doch Bauers Bilanz ist bitter – da hilft auch die abschließende gleichnishafte Geschichte mit gutem Ausgang nicht. Am Ende verkörpert die Ring Road das passende Bild der Geschichte Afghanistan: Sie führt im Kreis herum, man steht heute wieder dort, wo man schon vor 20 Jahren stand.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Wolfgang Bauer: Am Ende der Straße. Afghanistan zwischen Hoffnung und Scheitern. Eine Reportage
Berlin: Suhrkamp, 2022. 399 S.
ISBN: 978-3-518-43076-7
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