Sprechstunde – die Sprachkolumne Rap spricht

Hip-Hop ist Wirtschaftsfaktor und Subkultur, wird bejubelt und kriminalisiert. Unsere neue Kolumnistin Taiga Trece blickt auf diese Gegensätze und fragt nach den rebellischen und kreativen Potenzialen des Rap.

Von Taiga Trece

Illustration: Weibliche Person mit geöffnetem Mund und gezackter Sprechblase, in der rechten Hand ein Mikrofon, die rechte Hand ist erhoben Hätte Rap einen Dresscode, würde dieser lauten: Wir ziehen Kritik an und Tabus aus | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank
Musik spricht. In welcher Sprache tut sie das?! In meiner Welt dreht sich alles um Rap, aber wie viele Sprachen spricht Rap? Rap spricht Straße, Philosophie, Poesie, Humor, sämtliche Weltsprachen und erzählt in unzähligen Slangs die verschiedensten Geschichten.

Kaum ein Musikgenre wird so ambivalent in den Medien diskutiert wie Rap-Musik. Kaum eine Musikrichtung ist so klischeebehaftet. Kaum eine Subkultur wird so kriminalisiert. Obwohl doch ihr ursprünglicher Wert auf Zusammenhalt, Respekt und Liebe beruht. Schon krass, dass Hip-Hop seit Anbeginn stigmatisiert wird und trotzdem 2021 einen Anteil von 19,4 Prozent am Gesamtumsatz der Musikindustrie in Deutschland hatte. Somit ist dieses Genre der zweitgrößte – und weiter wachsende – Absatzmarkt in der deutschen Musikindustrie, direkt nach Pop- und Rockmusik. Rapmäßig gesagt: Rap ist level-up und längst vom Bordstein zur Skyline aufgestiegen.

Die Sprache der Jugend – ein schlechtes Vorbild?

Rap ist Jugendsprache, die Sprache der Jugend, und weil sich eine Kultur erst durch Sprache definiert, sollten wir diesen Output ernst nehmen. Ich finde es lustig, wenn Leute sagen, dass die Rap-Sprache nicht jugendfrei sei, wenn doch Rap-Lyrics und Jugendsprache zueinander gehören und sich gegenseitig befruchten. „Jugend will, dass man ihr befiehlt, damit sie die Möglichkeit hat, nicht zu gehorchen“, schrieb der französische Philosoph und Publizist Jean Paul Sartre.

Trotz der medialen Aufmerksamkeit, lassen sich Rapper*innen nicht den Mund verbieten. Sie nutzen die Redefreiheit schamlos aus. Frei Schnauze, und nicht selten auf die Fresse. Das kann schonmal verletzen, gnadenlos frech sein. Aber Rap darf das. MCs haben die Lizenz zu spucken und sich zu dissen. Das gehört dazu. Das Wort „Dissen“ steht übrigens mittlerweile im Duden. Wie oft wird gesagt: „Rap ist ein schlechtes Vorbild!“? – Für wen?! Hätte Rap einen Dresscode, würde dieser lauten: Wir ziehen Kritik an und Tabus aus.

Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als „böse“ Wörter gepiept wurden, im Radio oder auf MTV. Heute ist Rap öffentlich freizügiger unterwegs. Rap-Texte verlieren Bedeutung, wenn sie zensiert werden. Perfekte Grammatik spielt oft eine Nebenrolle. Die Rolle der politischen Korrektheit nehmen eher die Journalist*innen ein. Es geht nicht darum, sich anzupassen, sondern zu flexen, also die Fähigkeiten zu zeigen. Die Jugend redet nicht wie die Erwachsenen. Normen sind überbewertet. Deutschrap überschreitet Grenzen, übertreibt radikal, bringt es auf den Punkt und trifft charmant auf die zwölf. Ein Rowdy, von der Straße für die Straße. Wenn Rap all das nicht mehr ist … Wo bleibt denn dann die Rebellion?

Deutschrap ist multilingual

Durch die Sprach-Updates im Takt der Jugend reitet Rap den Zeitgeist mit Boss-Mentalität. Aus den Wohnblöcken, aus Nebenschauplätzen, aus jeder zweiten Straße, aus den Vierteln der Citys, von Schulhöfen bis in die Playlisten – Hip-Hop ist universell präsent. Duldung war gestern, Hip-Hop hat sich den Aufenthaltsstatus verdient. Trotzdem gerät Rap immer wieder in Passkontrollen. Hip-Hop ist ein Ausländer – geliebt, verachtet, belächelt, bewundert und nachgeahmt. Er will die Staatsbürgerschaft – und dann Präsident werden. Dabei geht es nicht um Herkunft, sondern um den Status. Vor allem auch unter Leuten, die diesen Trend nicht verstehen und die Musik kritisieren.

In keiner Musikart mischen sich unterschiedliche Sprachen so selbstverständlich. Oft teilen sich Sätze in Fremdsprachen den Platz mit deutschen Wörtern. Rap ist die Sprache der Integration. Deutschrap ist multilingual. Dieses Land hat so viele andere Muttersprachen als nur Deutsch. Durch Rap werden sie hörbar und bekommen eine Stimme in der Gesellschaft.

Ich staune immer wieder über die fusionierte Linguistik, gehe ab auf Newcomer-Reimkombinationen oder gewiefte Neuverwertungen, die mich zum Schmunzeln bringen. Es ist der urban-triefende Redestil der catcht und durch seine Direktheit authentisch ist. Rap macht sich seine Sprache, erfindet und findet sie.

Es heißt, durch Liebe lernen wir Fremdsprachen besser, denn verliebt sein macht alles einfacher. Dann verliebt euch! In der Liebe zu Hip-Hop lernte ich Sprachen – vier um genau zu sein. Mit Rap sind es fünf.
 

Sprechstunde – die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.