Zukunft der Arbeit Innovationsdruck in der Montagehalle Europas

Innovationsdruck in der Montagehalle Europas Foto: Christopher Burns via unsplash | CC0 1.0

Wird die Gleichberechtigung von Frauen erreicht? Werden Arbeiter*innen durch Roboter ersetzt? Werden wir besser mit den Daten umgehen, die wir überall hinterlassen? Die Juristin und Gewerkschafterin Šárka Homfray hat zwei Zukunftsvisionen im Angebot – und eine Erklärung, warum weder die eine noch die andere eintritt.

Zukunftsforscher*innen haben schon eine recht konkrete Vorstellung davon, wie die Welt in zehn Jahren aussehen könnte, und auch davon, welchen Risiken und welchen Chancen sich die Gesellschaft bis dahin gegenübersieht. Ohne dass ich mich in deren Handwerk einmischen wollen würde, bediene ich mich ein wenig in meinem eigenen Vorrat an Wünschen, Erwartungen, Befürchtungen und zynischen Enttäuschungen, die sich aus meinen Lebenserfahrungen ergeben. Ich habe zwei Varianten der Zukunft im Angebot und ein paar Anmerkungen dazu, warum weder die eine noch die andere Wirklichkeit wird.

Die sehr optimistische Variante

Franta und Maruna wachen zum bereits fertigen Frühstück auf, das ihnen ihre Smart Kitchen zubereitet hat. Smart ist eigentlich mittlerweile alles, inklusive der Toilette, und vor allem Maruna hat deshalb viel weniger Aufgaben und Arbeit. Die Wäsche macht sich selbst, die Einkäufe erledigen sich selbst, das Kochen, Geschirrspülen, alles... Das Wasser ist wiederaufbereitet, Müll fällt nur wenig an, Strom bezieht jede*r zum Großteil aus der eigenen Solaranlage. Man sieht, dass in diese smarten und grünen Technologien für Haushalte viel investiert wurde. Wahrscheinlich auch in Fabriken und Großbetrieben, aber wie es dort zuging, bekamen Franta und Marina nicht mit. Die Veränderungen in ihrem Haushalt aber konnten sie unmöglich übersehen.

Die smarte Toilette übermittelt Werte an eDoktor.cz, zunächst entscheidet dann ein Algorithmus, ob es vielleicht schon reicht, ein paar Vitamine über Nahrungsergänzungsmittel zuzuführen oder ob die Dosis bereits verschriebener Medikamente erhöht werden muss. Erst dann wird – wenn nötig– die Auswertung an einen echten Arzt weitergeleitet. Von denen gibt es nicht mehr viele, ähnlich wie in anderen qualifizierten Berufen. Aber dank der Digitalisierung müssen die banalen Arbeiten nicht mehr von Menschen erledigt werden, und so können sich die aus öffentlichen Geldern bezahlten Experten den komplizierten Dingen widmen. Deren Arbeitspensum beträgt vier Stunden täglich, so wie das von allen anderen – auch von Franta und Maruna.

Die Arbeit ist ebenfalls eine andere. Maruna gab ihren „Papierkram“ auf und schulte um zur Planung von Requalifizierungs- und Erwachsenenbildungskursen. Dort lernte sich auch Franta kennen, der nun Roboter programmiert, kontrolliert und wartet, die dann „seine“ Arbeit erledigen. Sie haben zwei Kinder und weil sie so wenig arbeiten müssen, haben sie viel Zeit – sowohl für die Kinder als auch für sich. Franta und Maruna sind zufrieden, nur manchmal fragen sie sich, wohin eigentlich die ganzen Informationen aus ihren smarten Haushaltsgeräten gehen. Aber angeblich sind da Vorkehrungen getroffen worden, damit alles sicher ist, also warum sollten sie sich darüber den Kopf zerbrechen?

Die etwas skeptische Variante

Franta und Maruna sind um vier Uhr aufgestanden, um es rechtzeitig zur Sechs-Uhr-Schicht zu schaffen. Für ein Frühstück war keine Zeit, Kaffee und Kippe mussten reichen. Den Tag in der Fabrik kriegen sie schon irgendwie rum. Marina arbeitet wegen der Kinder in Teilzeit, also werden sie hoffentlich gemeinsam zu Abend essen. Franta macht wie immer eine Doppelschicht von 16 Stunden, also wird er morgen normal frühstücken. So machen das angeblich alle seine Kollegen. Das Management hat wohl andere Arbeitszeiten, aber schwer zu sagen. Sie haben schon lange niemand von denen mehr gesehen.

Bei der Fahrt durch den Smog im überfüllten morgendlichen Bus, erhaschen Franta und Maruna über die Schulter eines anderen Fahrgasts den Blick auf eine Nachricht: Die Automatisierung schreitet erfolgreich voran und viele unangenehme Arbeiten werden heute von Robotern erledigt. Da müssen sie schon ein bisschen lachen. Denn anstelle der Arbeiter*innen haben die Roboter die Manager*innen ersetzt – denen war es zu eklig geworden, immer perfidere Strategien zu benutzen, um die Motivation der Arbeiter*innen hoch zu halten. Aber da nun einmal immer noch vor allem die menschliche Arbeit besteuert wird, und es von der immer weniger gibt, muss halt malocht werden bis zum Umfallen. Damit man was verdient und damit vom Brutto auch noch genug für den Staat abfällt. Roboter ekeln sich vor nichts, nicht mal davor, die Doppelschicht-Arbeiter*innen in der Montagehalle Europas auszupeitschen.

Rentner*innen fristen zwar ein ziemlich kümmerliches Dasein, denn die paar, die arbeiten, schaffen es nicht, den Laden am Laufen zu halten, aber das macht eigentlich auch nicht so viel aus. Die Rentner*innen von heute werden schon irgendwie ihrem Ende entgegen vegetieren, und viel mehr neue kommen ohnehin nicht mehr hinzu. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt zwar, aber dafür sind eher andere Weltregionen verantwortlich, wir hier in Europa nicht so. Neue Menschen kommen auch immer weniger zur Welt. Die obersten Geburtswächter tun zwar, was sie können, sogar Abtreibungen wurden komplett verboten, aber das reicht nicht. Es wird deshalb diskutiert, dass weniger Mädchen studieren sollen. Das Diplom nützt ihnen während des mehrjährigen Mutterschafts-… „Urlaubs“ sowieso nichts, nicht mal einen bekackten Babypo können sie damit abputzen. Franta und Maruna jedenfalls schwanken hin und her zwischen chronischer Müdigkeit und einer immer radikaleren Empörung. Die Frage ist, welche von beiden schließlich überwiegt.

Von unseren Nachbar*innen in Polen und Ungarn sollten wir uns nicht abschauen, wie man gegen gesellschaftliche Veränderungen, die wir nicht verstehen und vor denen wir uns fürchten, kämpft, indem man sie ignoriert oder sogar versucht, sie zu verbieten.“

Covid als Disruptor oder Beschleuniger

Eine der Lektionen die uns die Krankheit Covid-19 beschert hat, ist die Erkenntnis, dass es tatsächlich möglich ist, Veränderungen im Prinzip von einem Tag auf den anderen durchzuführen. Eine weitere Lektion war die Feststellung, dass kaum ein Staat mit unerwarteten Herausforderungen zu meistern weiß, jeder allerdings auf seine eigene Weise. Da sind Staaten, denen die zurückliegenden zwei Jahre nur Zerstörung und Chaos gebracht haben. In anderen gelangte man zur Einsicht, dass öffentliche Beschäftigungsverhältnisse Stabilität versprechen, dass Fürsorge und Pflege wichtig sind und dass der Planet wirklich nicht nur uns Menschen gehört. Und dann wiederum gibt es Staaten, die im Kampf gegen Zerstörung und Chaos zwei Waffen gezogen haben, die wir noch aus der – heute schon – alten Welt kennen: Populismus und konservative ökonomische Theorien. Ich muss vermutlich nicht extra erklären, welchem Lager sich die Tschechische Republik mutig angeschlossen hat.

Den Kopf in den postsozialistischen Sand stecken

Wenn gefordert ist, etwas gegen die Pandemie zu unternehmen, sperren wir die Menschen zu Hause ein. Beziehungsweise: Senior*innen sperren wir in Altersheimen ein, und die Kinder zu Hause. Und mit ihnen deren Mütter. Denn vor allem ist es nämlich wichtig, dass die Leute arbeiten gehen. Und was machen wir, wenn wir uns nach zwei beispiellosen Jahren um die unerwarteten Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte kümmern müssen? Wir setzen auf eine Politik der dummen Kürzungen ohne Rücksicht darauf, dass das schon nach der letzten Finanzkrise gar nichts gebracht hat, und obwohl sogar Leute wie Mario Draghi heute davor warnen. Aber wir können nichts anderes, etwas anderes haben wir während der letzten 30 Jahre nicht gelernt und wir wollen noch nicht einmal etwas anderes lernen. Das gilt nicht nur für uns in Tschechien, sondern auch für einige weitere Weggefährten mit ähnlichen historischen Erfahrungen.

Von unseren Nachbar*innen in Polen und Ungarn sollten wir uns nicht abschauen, wie man konservative autoritäre Traditionen festigt und wie man gegen gesellschaftliche Veränderungen, die wir nicht verstehen und vor denen wir uns fürchten, kämpft, indem man sie ignoriert oder sogar versucht, sie zu verbieten. Uns sollte das eher eine Lehre sein, wie leicht man in den Kaninchenbau der Rückständigkeit fallen kann, verbunden mit einer Beschneidung der Demokratie. Das dürfen wir nicht zulassen, wenn wir nicht gefangen sein wollen in irgendeinem postsozialistischen Freilichtmuseum der Angst vor dem Unbekannten. Die Zeiten ändern sich viel zu schnell, als dass wir an solchen altbekannten Maßnahmen festhalten dürfen.

Die Pandemie hat uns eine ganze Reihe von Lektionen angeboten, von denen allerdings auch eine ganze Reihe sozusagen über unsere Köpfe hinweg geflogen ist. Die Aufmerksamkeit, die zu Hause von uns verlangt wurde, die ganze Arbeit und Fürsorge, die wir aufbringen mussten, hat nicht zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte darüber geführt, wie unausgewogen die Belastungen verteilt sind, und auch nicht zur Einsicht, dass das in Zukunft für niemanden mehr von Vorteil sein wird. Anstatt dass wir uns der gesellschaftlichen Unverzichtbarkeit der öffentlichen Dienste bewusst würden, inklusive des Gesundheitswesens und einer funktionierenden Verwaltung, und deren erschöpfte Kapazitäten stärken und erhöhen würden, und anstatt dass wir eine seriöse Debatte über die dafür unausweichlichen Modernisierungen und Umstrukturierungen führen würden, applaudieren wir den einen, schimpfen auf die anderen und gehen weiter den Weg der dummen Kürzungen, als hätte es die vergangenen zehn Jahre nie gegeben.

Das Ergebnis wird sein, dass wir in zehn Jahren nur einen kompletten Zusammenbruch dieser Segmente erleben werden. Die aktuellen Preise für Zahnkronen werden dann nur noch eine schöne Erinnerung sein, weil im Grunde nichts mehr erschwinglich sein wird. Leere (und gefährliche) Phrasen über die Notwendigkeit eines schlanken Staates sind überraschenderweise auch von Menschen in anderen Bereichen zu hören, die nicht unter einer ähnlichen systematischen Verlangsamung aus der Zeit vor der letzten Finanzkrise leiden. Und anstatt über öffentliche Beschäftigung zu sprechen als ein Instrument zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes mit dem Potenzial diesen widerstandsfähiger zu machen gegenüber unerwarteten Schwankungen, streiten wir darüber, wer in der Pandemie hungriger war und wer früher oder später staatliche Entschädigung erhielt. Währenddessen strengen sich diejenigen, die die Pandemie ökonomisch überhaupt nicht gespürt oder gar davon profitiert haben, vorzugeben, als wären sie überhaupt nicht da.

Unsere ‚traditionelle‘ Ökonomie der billigen Arbeit wird unter dem Eindruck sich verschärfender Inflation für viele Menschen eine Ökonomie der Unerträglichkeit sein.“

Optimismus sollte seine Grenzen haben

Nicht überall hat man vor der Zukunft eine solche Angst, wie wir in Tschechien. In Europa gibt es eine ganze Reihe von Städten und auch ganzen Staaten, in denen wir die besseren Seiten einer smarten Zukunft schon jetzt erleben können, und ich kann mir vorstellen, dass eine Stadt wie Barcelona einmal ein Zielort für einen Brain Drain sein wird, für diejenigen, denen das veraltete und rückständige heimische Umfeld immer weniger zu bieten hat. Neue Chancen werden sich zum Beispiel auftun für junge Wissenschaftlerinnen, von denen man in unserem Land warum auch immer noch erwartet, dass sie sich um die Kinder kümmern. Und die Montagehalle Europas werden wahrscheinlich auch all diejenigen verlassen, die schon kurz hinter der Grenze für die gleiche Arbeit mehr verdienen können. Unsere „traditionelle“ Ökonomie der billigen Arbeit wird nämlich unter dem Eindruck von sich verschärfender Inflation für viele Menschen eine Ökonomie der Unerträglichkeit sein.

Aber zurück zu den vermeintlichen Sonnenseiten der Zukunft und den smarten Haushalten, Städten und Ländern. Es ist sicher nicht angebracht, den Technologien von Morgen ausschließlich optimistisch entgegenzusehen. Wir sollten uns wie Franta und Maruna fragen, was mit all den Daten geschieht, wer sie sammelt, Möglichkeiten suchen zu einer effektiven Regulierung, die uns schützt aber zugleich nicht erstickt. Ebenso sollten wir uns darüber Gedanken machen, wer die Wächter überwachen soll. Für eine solche Debatte braucht man aber das entsprechende Knowhow.

Nichts von alldem funktioniert bei uns in Tschechien. Die politische Elite hat (bis auf einige ehrenhafte Ausnahmen) in aller Regel nur sehr geringe Kapazitäten, um sich analytisch und kritisch auseinanderzusetzen mit der gegenwärtigen technologischen Entwicklung, weder mit den Risiken, die sie mit sich bringt, noch mit den Vorteilen, die sich daraus ziehen lassen. Die Politik wird sich vermutlich auch weiterhin auf allgemeine Verlautbarungen beschränken wie „Wir unterstützen smarte Investitionen“ beschränken, und darunter wird dann alles gezählt, was das techno-optimistische Business gerade mit diesem Begriff bezeichnet.

Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird

Nun habe ich erklärt, warum wir in zehn Jahren nicht die optimistische Variante meiner Zukunftsvisionen erleben werden, auch wenn sie rein technologisch möglich wäre. Ich versuche nun also ebenso – entgegen meiner üblichen Skepsis – auch einige Anhaltspunkte zu finden, die uns vor der pessimistischeren Variante bewahren werden.

Einer dieser Anhaltspunkte ist die Tatsache, dass unser Land - und auch nicht unser postsozialistisches Lager – in einem luftleeren Raum existiert. Einflüsse und Regulierungen von Seiten der EU und weitere Entwicklungen auf internationaler Ebene werden zu einem gewissen Grad die Richtungsentscheidungen korrigieren, die lokale Regierungen treffen. Das allein muss noch kein Grund für Optimismus sein, wir sollten nicht unkritisch sein. Aber zumindest einige Trends könnte das dahingehend beeinflussen, dass wir eine lebenswerte Zukunft vor uns haben.

Ein weiterer Anhaltspunkt mag sein, dass selbst wenn auf höchster politischer Ebene Innovation, kreative Lösungen und die Fähigkeit, sich inspirieren zu lassen, Mangelware sind, dies noch lange nicht bedeutet, dass das in der Gesellschaft als Ganzes so sein muss. Es ist möglich, dass sich doch einige Türen mit der Zeit öffnen werden, sowohl für Innovationen als auch für den kritischen Blick auf diese. Und nicht zuletzt glaube ich daran, dass ein ausreichend großer Teil unserer Gesellschaft zumindest ein elementares Maß an sozialer Sensibilität besitzt.

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