"Nicht die Maschinen sind das Problem, sondern der Mensch"

Tagungsbericht Kultursymposium Weimar 2019
© Jörg Gläscher

Ein Tagungsbericht zum Kultursymposium Weimar 2019 von Kirsten Riesselmann

Es ist drückend heiß, als am Mittwoch, dem 19. Juni, das Kultursymposium Weimar 2019 eröffnet wird. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Menschen mit Rollkoffern und Rucksäcken, viele haben das Smartphone in der Hand und lassen sich führen von ihren Navi-Apps, mit auf den Bildschirm gehefteten Augen lassen sie Goethe-Schiller-Denkmal, Deutsches Nationaltheater und neues Bauhaus-Museum links liegen. Auf dem in der Sonne brütenden Platz vor der Weimarhalle hört man die Geräte sagen: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Erleichterung auf verschwitzten Gesichtern. Köpfe gehen hoch, Augen sehen sich um, Menschen nehmen sich wahr, am Empfang werden Einlass-Badges um Hälse gehängt, im Foyer wartet kühler Orangensaft. Hier und da werden erste Gespräche geführt, leise und verhalten noch, meist auf Englisch, mit unterschiedlichstem Akzent, der Saal füllt sich.
 

Geballtes Globales Wissen Zusammentragen

Das Kultursymposium Weimar findet nach 2016 zum zweiten Mal statt. Unter dem Motto „Die Route wird neu berechnet“ hat das Goethe-Institut in diesem Jahr Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt eingeladen und ein zweieinhalbtägiges Programm aus Vorträgen, Panels, Performances und Filmscreenings zusammengestellt, das eine tiefgehende Auseinandersetzung versucht mit den drängenden Themen unserer Zeit. Um Orientierungshilfe für eine immer schneller und gefühlt ständig komplexer werdende Welt soll es gehen, um das sich rasant verändernde Verhältnis von Mensch und Technik, um von Algorithmen und künstlicher Intelligenz gesteuerte Lebens- und Arbeitsumgebungen, um die Öffentlichkeit in den sozialen Medien, um die Tech-Ökonomie, aber auch und nicht zuletzt um die weltweit zu beobachtenden politischen Entwicklungen, um Rechtsruck und Nationalismus und die sich ändernden Bedingungen für Kulturproduktion.

Der Auftakt kommt noch ganz leichtfüßig und poetisch daher: Baby Dundu und Giant Dundu, eine kleine und eine sehr große Gliederfigur, fragil aus weißen Kunstfasern gebaut und von Puppenspieler*innen an Stäben geführt, schreiten, laufen und hüpfen durch den Saal. Auf der Bühne probieren sie Sofa und Stehpult aus, treten in Interaktion mit dem Publikum, nehmen in Gesten und Bewegungen spielerisch vorweg, was in den kommenden Tagen passieren wird. Dann begrüßt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, die gut 500 Teilnehmer*innen aus 70 Ländern. Von der Vielfalt der in Weimar vertretenen Perspektiven erhofft er sich, dass Gegenwart und Zukunft nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance begreiflich werden. Das Symposium wolle „geballtes globales Wissen zusammentragen und vielleicht die ein oder andere Antwort finden“, aber gleichermaßen für „anregende, aufregende und vergnügliche Tage“ sorgen.
 

Dicke Luft

In ihrer anschließenden Keynote „Why I build future scenarios” stellte die Designerin Anab Jain – selbst bezeichnete sie sich als „Archäologin der Zukunft“ – vor, wie sie mit dem Gefühl von Ohnmacht und Überwältigung angesichts von Informationsüberfülle, von Deepfakes, wankendem Wahrheitsbegriff und täuschenden Hochglanz-Oberflächen umgeht: Sie lässt die Konsequenzen unseres Handelns körperlich erfahrbar werden, macht spürbar, wie sich heute getroffene Entscheidungen auf das Morgen auswirken. So blies sie den Verkehrsplanern Dubais ganz konkret die Luft im Jahr 2030 ins Gesicht, sollte das Emirat nicht Abstand vom Auto nehmen. Jetzt treibt Dubai den Metro-Ausbau und die Elektromobilität voran.

Die Teilnehmer*innen des Symposiums gingen nach der Eröffnung zu Fuß. In langem Zug führten die Dundus sie zum Veranstaltungszentrum, dem E-Werk-Gelände. Hier warteten Stehtische und Essensstände, ein offenes Zelt, das Lichthaus-Kino, der Maschinensaal und der weitläufige Hof darauf, in Beschlag genommen zu werden. Die Zürcher Band Steiner & Madlaina spielte auf, erste Kontaktaufnahmen ergaben sich umstandslos. Ob mit dem Kurator aus Barcelona, dem Künstler aus Algerien, der Kulturmanagerin aus der Ukraine, dem Talkmaster aus Malaysia, der Dokumentarfilmerin aus Hongkong oder dem Alternative-Sexshop-Betreiber aus Leipzig: Man kam schnell ins Gespräch, die Neugierde aufeinander war groß, die Offenheit enorm. Irgendwann hatten dann alle Funkkopfhörer auf und tanzten zur Silent Disco, die von drei DJs im ausrangierten Straßenbahnwaggon beschallt wurde, in die kühler werdende Nacht.
 

Hineinstürzen und sich einlassen

An den folgenden zwei Tagen bahnte man sich einen Weg durch die etwa 50 Veranstaltungen des Symposiums, düste mit dem Leihrad vom E-Werk zur Bauhaus-Universität und weiter zum Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Wieder und wieder studierte man das nach vier Schwerpunkten – „ORIENT//IERUNG“, „AUTO//NOMIE“, „RE//GRESSION“ und „DIGI//NOMICS“ – gegliederte prall gefüllte Programm, diskutierte in den oft zu kurzen Kaffeepausen über gerade Gehörtes und befragte andere über Verpasstes. „Warst du beim Vortrag über die Schimpansen und wie sie die Welt sehen?“, „Wie war’s bei den ‚Arbeitswelten von morgen‘?“, „Wer kommt heute Abend mit zur Mensch-Roboter-Tanzperformance?“ Oft half nur: Hineinstürzen und sich einlassen, auch und gerade in all das düster Stimmende, das zu verhandeln war. Und fest daran glauben – und erfahren –, dass die gemeinsame Lösungssuche Erleichterung und Erkenntnis genug verschafft.
 

Streit als Dialog 

Die Zustandsbeschreibungen, die zwei Theatermacher*innen und ein Künstler im Panel „Kulturpolitik unter Druck“ aus PiS-Polen, Bolsonaro-Brasilien und von den Duterte-Philippinen lieferten, waren allesamt bedrückend. Wie schnell eine werteabsolutistische, christlich-fundamentalistische, klar in Schwarz und Weiß einteilende Politik oppositionelle Stimmen zu unterdrücken weiß, wie schnell Kunst- und Intellektuellenfeindlichkeit bedrohliche Ausmaße annimmt, wie schnell auch Experimentierlust und Kritik der Selbstzensur zum Opfer fallen, wurde überdeutlich. Die Aufgabe der Kulturszene, so meinten Marta Keil aus Warschau und Antônio Araujó aus São Paulo so übereinstimmend wie skeptisch, sei es in solch einer Situation, einen ‚Common Ground‘ zu bestimmen, von dem aus miteinander geredet werden könne, den Kontakt zu suchen zu den Gegner*innen und ein Framing zu finden, das Streit als Dialog möglich mache.
 

Kapitalismus vs. Demokratie

Um die weltweite Demokratiekrise ging es auch Pankaj Mishra, der als Autor des Buchs Das Zeitalter des Zorns Rechtspopulismus als Reaktion auf ökonomische und technische Abgehängtheitsgefühle untersucht hat. Im Audimax der Bauhaus-Uni erläuterte Mishra die gegenläufigen Ziele von Kapitalismus und Demokratie: Demokratie wolle, dass alle gleich sind, der Kapitalismus wolle gerade das nicht, denn nur aus der Logik der ungleichen ökonomischen Entwicklung ließe sich Profit schlagen. Wenn sich der Populismus dann der kapitalismusbedingt Unzufriedenen bediene, um demokratische Mehrheiten zu generieren, und diese postwendend autoritär gegen das demokratische Ideal der Gleichheit ins Feld führe, habe die liberale Demokratie kaum eine Chance. Einen Vorschlag zu deren Rettung hatte die Verfassungsrechtlerin Ece Göztepe: Die sozialen Medien stellten offenbar nicht die Form von Öffentlichkeit her, die für eine echte Demokratie notwendig sei – man müsse eine solche also wiedergewinnen. Mishra hoffte in dieser Hinsicht auf „frische Ideen“ – sie entstünden dann, wenn die Menschen die Zukunft weniger rosiger sähe als die Gegenwart. Bald also. Als die Diskussion geöffnet wurde, flog das allgegenwärtige Wurfmikrofon – ein weich gepolsterter Würfel – kreuz und quer durch den Hörsaal, wie ein Wollknäuel bei einem Kennenlernspiel. Die Wortmeldungen aus Angola, Venezuela und dem Kongo öffneten die Augen für das postkolonial uninformierte europäische Klagen über die Demokratiekrise und rückte die hiesige Situation noch mal in einen anderen Kontext.

Auch die US-Wirtschaftswissenschaftlerin Denise Hearn übte Kritik an stark ungleich verteilter Macht. Sie benannte die Branchenkonzentration in der Tech-Industrie und die Entstehung weniger Riesen im Silicon Valley als massives Problem für Steuerungsmöglichkeiten und gerechter verteilte Wertschöpfung. 93% aller Online-Suchen laufen heute über Google, fast 70% des globalen Datenverkehrs passiert auf Internetplattformen, die zum Google- oder Facebook-Imperium gehören. Hearn mahnte dringend an, den Glaubenssatz „The winner takes all!“ zu überdenken, gegen Monopolbildung vorzugehen, neue Gesetze gegen zu große Fusionen zu erlassen und schlicht wachsam zu bleiben.
 

Mensch und Maschine

Diese Frage „Wie bekommen wir das Heft zurück in unsere Hand?“ – und daran anknüpfend auch immer die so schwierige wie unerlässliche, vor allem von Teilnehmer*innen aus Afrika gestellte Frage „Und wer ist eigentlich dieses ‚Wir‘?“ – wurde in Bezug auf die Technik mehrfach verhandelt. Der australische KI-Experte Toby Walsh stand recht allein mit seiner Begeisterung für immer smarter werdende Maschinen, die schöne neue Welt des autonomen Fahrens und die Einsatzmöglichkeiten von Gesichtserkennung. Die norwegische Roboter-Entwicklerin Karen Dolva plädierte dafür, Entwicklung nicht vom technisch Möglichen, sondern von der konkreten Problemstellung leiten zu lassen. In ein ähnliches Horn blies der britische KI-Forscher Noel Sharkey: Maschinen sollen helfen, nicht beherrschen, allerdings sei der Anthropomorphismus im Umgang mit Maschinen zunehmend ein Problem. Niemals, so Sharkey, würden Maschinen ethische Entscheidungen treffen, echte Gefühle fühlen oder in eine wahre Beziehung zum Menschen treten können. Roboter taugten nicht für die Überwindung sozialer Isolation, sie verschärften sie. Mari Matsutoyas Bericht aus Japan nährte allerdings die Vermutung, dass Menschen sich doch lieber kopfüber in das Phantasma einer Beziehung zur KI-Geliebten, zum Hologramm-Popstar oder gar zu ihrem Kopfkissen stürzen.
 
Während der nächsten Kaffeepause setzte man sich in der Teststation eines Live Escape Games dann gleich die VR-Brille auf, beschoss mit virtuellem Pfeil und Bogen Luftballons und hatte nach nur zehn Minuten – herzlichen Glückwunsch! – die Menschheit gerettet. Eine recht flüchtige Illusion von Handlungsmacht. Direkt danach nahm einem die Diskussion zur „Verrohung der Sprache im politischen Diskurs“ jegliche Hoffnung, dass es ähnlich leicht sein könnte, auch nur irgendetwas zu retten von dem, was das Internet einst versprochen hat. Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, berichtete von der „brutalen Radikalisierung der Sprache“ seit Einzug der AfD ins Parlament, von „Hetze und Hass in Bundestagsreden“ und von den Anfeindungen, Beleidigungen und Morddrohungen, die sie regelmäßig im Netz bekommt. Die Medienwissenschaftlerin Anna Szilágyi ergänzte, „verbaler Missbrauch“ werde immer noch verharmlost, dabei könnten Worte genauso destruktiv sein wie Taten. Der Künstler Carlos Celdran forderte, Facebook als einen „Schauplatz des Verbrechens“ zu bewerten und Plattformen wie Twitter und Instagram stärker zur Verantwortung zu ziehen. Szilágyi warb daraufhin nicht nur für angemessenes Reagieren, sondern für eine pro-aktive Erzählung, einen demokratischen Gegenentwurf. Wie dieser aussehen könnte, blieb allerdings offen. Die Hoffnung lag – nicht zum ersten Mal – auf „den jungen Leuten“, auf jenen, die sich von Facebook verabschieden und bei den Fridays for Future demonstrieren.
 

Verängstigt und doch inspiriert

Vor dem Abschlussplenum tauschte man Visitenkarten und E-Mail-Adressen und aß ein letztes Stück Thüringer Apfelkuchen. Dann fragte die Moderatorin schon: „Haben wir das Ziel erreicht?“ und bat die vier Podiumsteilnehmer*innen um ein abschließendes Statement. Und die Essayistin Panashe Chigumadzi aus Simbabwe, der Journalist Juan Carlos Rincón aus Kolumbien, Denise Hearn und Toby Walsh versuchten das fast Unmögliche und stellten ein buntes Potpourri der während der Weimarer Tage diskutierten Themen und Ansätze zusammen: Es wurde für einen postkolonial informierten „New Green Deal“ plädiert und für die Chancen einer sozial nachhaltigen Entwicklung durch die Nutzung indigenen Wissens. Die Maschinen wurden verteidigt, schließlich sind nicht sie das Problem, sondern die Menschen dahinter. Es wurden neue Formen effektiver Kommunikation beschworen, die Hass, Hetze und Falschdarstellung in die Knie zwingen. Wie in einem Vexierbild kippte der Optimismus in den Pessimismus und wieder zurück. Die beste Zusammenfassung kam wohl von Rincón: „Ich wurde hier beides: inspiriert und verängstigt. Aber ich denke, wir können guten Mutes in die Zukunft blicken – wir müssen nur engagiert und wachsam bleiben.“

In diesem Sinne war die Freude groß, als Goethe-Generalsekretär Johannes Ebert zum Abschluss verkündete, man werde sich 2021 erneut in Weimar treffen. Viele werden den Weg dorthin dann ohne ihr Smartphone finden. Oder die Lust am Sich-Verlaufen und trotzdem Ankommen entdeckt haben. Oder wissen, dass man einfach auch die Leute auf der Straße fragen kann.




Über die Autorin
Kirsten Riesselmann ist Journalistin und Übersetzerin, u. a. von Adrian McKinty, Elmore Leonard und DBC Pierre. Sie lebt in Berlin.

Juli 2019