Decolonise Your Style Wie kolonial ist Dein Schönheitsideal?

Ariana Grande
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Wer chattet?

Hengameh Yaghoobifarah (Journalist*in), L. Ayu Saraswati (feministische Wissenschaftlerin), Aleya Kassam (Autorin) und Dina Makram-Ebeid (Soziologin) diskutieren mit Euch, wie sich kolonialistische und sexistische Körperbilder gegenseitig befeuern. Wie können wir Schönheitsideale dekolonisieren, die kulturelle Aneignungen wie Blackfishing fördern?

Konzept und weitere Autor*innen: Regine Hader, Elisa Jochum
 
Auf WhatsApp und Telegram endet #DecoloniseYourLife am 7.12.2019. Hier könnt Ihr weiterhin alle Chats verfolgen und mitdiskutieren.
  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Kardashian © picture alliance / AP Photo

    Hallo an alle, ich freue mich, heute mit Euch über Schönheitsideale zu diskutieren.
    Lange dominierten eurozentrische Beautystandards die Vorstellung in vielen Ländern – selbst in China oder dem Iran, obwohl diese Kulturen sich auf eine eigene Geschichte der Schönheit und eigene historische Normen beziehen können. Trotz allem sind helle Haut, glattes Haar, eine kleine Nase, blaue Augen und ein schlanker Körper seit Jahrzehnten die ästhetischen „Ziele“.
    In den letzten drei oder vier Jahren haben sich die Vorstellungen aber ein wenig verändert. Künstlerinnen, Models und Influencerinnen wie Kim Kardashian, Kylie Jenner und Ariana Grande eignen sich schwarzer Attribute – wie etwa vollere Lippen, üppigerer Po und dunklere Haut – an und machen sie zu einem Trend. Diese neuen Ideale haben Namen wie „slim thick“. Der Ausdruck bezeichnet eine Sanduhr-Figur mit flachem Bauch und schlanker Taille, aber breiteren Hüften und üppigerem Po.
    Ein anderer Trend, insbesondere in den sozialen Medien, ist Blackfishing. Weiße und nicht-schwarze People of Colour übernehmen schwarze Attribute so krass, dass sie tatsächlich als „hellhäutige“/multiethnische Schwarze durchgehen. All das geschieht in einem anti-schwarzen und insgesamt rassistischen Umfeld. Diese Aneignung ändert an der anti-schwarzen Gesinnung dieser Personen überhaupt nichts – sie macht sie nur noch defensiver, wenn sie kritisiert werden.
    Die Body-Positivity-Bewegung ermutigt insbesondere Frauen, nach der Devise „Mein Körper, meine Entscheidung“ zu handeln. Aber die Entscheidung, sich stereotypisierte Attribute anzueignen, kann zur Unterdrückung von schwarzen Frauen und Women of Colour werden. Was sind Eure Erfahrungen?

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Ariana Grande © picture alliance/PictureLux

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Ariana Grande remade © picture alliance / AP Images

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Ich denke, die Aneignung oder das „Stehlen“ schwarzer Kultur gibt es schon länger als nur drei oder vier Jahre. Die Beliebtheit von Bräunungscreme oder Hairstyling spricht für die Sehnsucht nach einem konsumierbaren, kapitalisierbaren Schwarzsein (oder einer Version des Schwarzseins). In letzter Zeit haben Posts zu diesen Praktiken, die aus einer neokolonialen Perspektive sprechen, auf Social Media besondere Aufmerksamkeit erregt. Nichtsdestotrotz bleibt die Schönheitspraxis dieselbe.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Diese Art der Aneignung fetischisiert Schönheit und macht Menschen zu Objekten …
    Man wird reduziert, zu weniger als einem vollen Menschen gemacht. Die Wahrheit ist, dass diese Schönheitsideale, die das Weißsein – durch Aneignung – zur Schau stellen und zu seinem Vorteil nutzen kann, dieselben sind, die nichtweiße Frauen aus vielen Räumen ausschließen. Diese Normen dienen dazu, zu erniedrigen, zu unterdrücken und zu entmenschlichen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Genau!

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Die Pos schwarzer Frauen werden, wie Aleya bereits erwähnte, seit Jahrhunderten fetischisiert! Auf Weltausstellungen, in Zeitschriften und jetzt natürlich auch auf social media zur Schau gestellt!

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Die durchschnittliche Kenianerin versucht, ein positives Leben zu führen. Eines, das Sinn und Stabilität hat – ein erfülltes Leben. Nicht alle kenianischen Frauen schauen sich Kim K auf social media an und nicht alle sind besessen von der Idee eines „slim thick“ Körpers. Die Tendenz, hautaufhellende Creams zu kaufen, ist mindestens genauso stark. Das heißt, sogar die Idee dieses Themas und die Art, wie es formuliert ist, kreisen um das Weißsein und betonen den weißen Blick. 

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Zurück zu @Ayu: Die Aneignung schwarzer Kultur gibt es seit Jahrhunderten, das stimmt, aber in meinem Eingangsstatement meinte ich speziell Trends wie „slim thick“, Blackfishing usw. Könntest Du genauer erklären, was Du damit meinst, dass die Praxis der Aneignung schwarzer Schönheitskultur aus einem neoliberalen Blickwinkel besondere Aufmerksamkeit erhält?

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Ja, durch den ehemals dominanten Blick, sagen wir mal, den männlichen, diente weibliche Schönheit nur dazu, die Körper der Frauen zu Objekten zu machen – Frauen waren Opfer. In der Logik des neoliberalen Blicks übernehmen Frauen die Schönheitspraktiken als Investition in sich selbst; als etwas, das sie für sich selbst tun. Sie werden in diesem Narrativ nicht zu Opfern gemacht, sondern können stattdessen Selbstbestimmung fordern: „mein Körper, meine Entscheidung“. Aber dieses Konzept ist natürlich in sich problematisch. Diese Entscheidungsmöglichkeiten sind eingeschränkt und schränken ein. Sie überschneiden sich beispielsweise mit Rassen-, Sexualitäts-, Nationalitäts- und Klassenideologien.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Die koloniale Kontinuität dieser Fetischisierung verursacht in afrikanischen und asiatischen Ländern auf jeden Fall andere Schäden als in Europa und den USA. Die Frage ist auch: Wie viel von dem, was wir tun, ist wirklich eine freie Entscheidung, wenn wir in einer kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaft leben? Wenn jede Reaktion auf uns untrennbar damit verbunden ist, wie wir aussehen und uns präsentieren? Die Autonomie über unsere Körper ist relativ, wenn wir auf Jobs, Wohnraum und andere Ressourcen angewiesen sind.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Schönheit ist eine systematische Methode, Frauen zu diskriminieren.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Absolut. Wenn das Aussehen meiner Haare diktiert, ob ich einen bestimmten Job bekomme oder nicht. Wenn meine Hautfarbe bedeutet, dass ich ein höheres Gehalt bekomme, weil meine Haut heller ist. Diese sogenannten Entscheidungen wirken sich auf das reale Leben aus.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Es geht darum, Ressourcen auf Basis des Aussehens zu verteilen.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Könntet Ihr uns mehr über die Body-Positivity-Bewegung in Euren Ländern erzählen? Wie sieht die Diskussion bei Euch aus? Ihr könnt Euch aussuchen, welches Land Ihr thematisieren möchtet (vielleicht nicht unbedingt die USA, auf die sich bereits viele Diskussionen konzentrieren.) Einfach der Kontext, über den Ihr glaubt, am meisten sagen zu können!

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Das ist für mich eine interessante Frage: wo ich zuhause bin, haha! Geboren und aufgewachsen in Jakarta, Indonesien. In Kanada und den Vereinigten Staaten gelebt. Aber jetzt wohne ich in Hawaii ... juristisch Teil der USA…
    Ich glaube aber, dass die Leute möchten, dass ich Indonesien immer noch als meine „Heimat“ bezeichne, also vielleicht antworte ich dementsprechend?

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Meine Heimat ist Kenia. Hier beginnt die Entkolonialisierung der Schönheit bei den Haaren. Früher wurde erwartet, dass man im Beruf seine Haare glättet ... heute fühlen sich immer mehr Frauen damit wohl, ihre Haare so zu tragen, wie sie möchten ... Dreads, Braids, Afros, Natur ... und ich vermute natürlich, dass das auch daran liegt, dass mittlerweile mehr Frauen entscheiden, wer eingestellt wird.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Vielleicht übersehe ich etwas Wichtiges, aber in Ägypten, wo ich herkomme, diskutieren wir bisher kaum über Körper. Ich bin nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Auf eine Art akzeptiert eine ganze Reihe sozialer Klassen üppigere Frauen. Aber je stärker sie in die kapitalistische Welt integriert sind, desto mehr sind Leute von neuen Produkten besessen, um weißer und dünner zu werden. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass die Diskussion noch nicht so laut ist.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Es ist noch nicht in jedem Kontext so bedeutend, aber dünner sein ist definitiv auch ein Symbol für soziale Mobilität. Es ist also kompliziert.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    In Indonesien drehen sich Schönheitsideale nach wie vor um zwei Dinge: Hautfarbe: helle Haut. Und Gewicht: schlank. Wenn ich in Indonesien bin, spüre ich einen größeren Druck, diesen Normen zu entsprechen, als auf Hawaii. Man wird nicht mit Werbung für aufhellende Hautcremes oder mit Fernsehshows und Gesprächen darüber bombardiert, seine Haut aufzuhellen. Auch die Perspektive auf das Gewicht ist definitiv anders. Wir gehen an den Strand und sehen unterschiedliche Körpergrößen und -formen. Obwohl es den Druck gibt, einen Bikinikörper zu haben, ist klar, dass diese Körper nicht dem Durchschnitt entsprechen. An beiden Orten sind die Schönheitsstandards trotzdem immer noch problematisch.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    In der Oberschicht gibt es jetzt eine größere Bewegung, seine lockigen Haare zu akzeptieren – Gruppen auf social media ermutigen ebenfalls dazu. Aber neoliberale Unternehmen haben selbst diese Bewegung sehr schnell an sich gerissen: Schaut Euch die entsprechenden Versuche an, Mädchen mit lockigen Haaren, die richtigen natürlichen Produkte zu verkaufen! Von daher werde ich wohl langweilig sein und sagen, dass es nicht nur darum geht, uns/sie zu entkolonialisieren, sondern auch darum, dass der Kolonialismus (und der Widerstand gegen ihn) in unseren Ländern auch klassenpolitisch ist.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Wenn es einen Einfluss von Schönheitsidealen auf die Jugend hier gibt, dann kommt der eher aus der afroamerikanischen Popkultur und vom afrikanischen Kontinent als sonst irgendwoher. Aber das ist auch absolut eine Frage der sozialen Klasse.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Aus meiner Perspektive als Diasporakind, das den Iran nur in den Ferien sieht, habe ich das Gefühl, dass die Überwachung des Körpers dort viel mehr nervt als in Deutschland – in Bezug auf Genderkonformität (ich bin nichtbinär trans) und Körperform (ich bin dick) und damit auch im Hinblick auf Diäten. Aber dann wiederum bewege ich mich im Iran auch hauptsächlich unter meinen Verwandten (sehr normativ, hetero, nicht feministisch). In Berlin bin ich hauptsächlich mit meinen queer-feministischen Freund*innen unterwegs – von daher ist es schwer zu vergleichen. Aber Kleidung in Übergrößen ist im Iran viel schwerer zu finden als hier (auch wenn die meisten Shops mit Übergrößen ohnehin nur online existieren). Im Iran sind Schönheitsoperationen viel normaler – zum Beispiel sich die „Nase machen zu lassen“.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Oh, und vergesst den Kapitalismus nicht! 

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Die Wurzel allen Übels.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Ich habe ein paar Jahre in Kanada gelebt, und wisst Ihr was?! Ich erlebe hier in Kenia viel mehr Freude und Freiheit in Bezug auf meinen Körper als jemals im Westen. Es fühlt sich an, als seien wir dem Westen meilenweit voraus, wenn es darum geht, verschiedene Formen von Schönheit zu würdigen und zu schätzen.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Kapitalismus und Klassismus sind sehr wichtige Aspekte, wenn wir über Schönheitsideale sprechen. Sie legen als Parameter fest, wie viel Autonomie, soziale Mobilität und Freiheit möglich sind – da die kapitalistische Welt inhärent und ständig nach Hierarchisierungen verlangt.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Egal, wo Du bist, Schönheitsideale unterdrücken. Dazu sind sie da. Das ist ihre Funktion. Zudem spielen sie Frauen gegeneinander aus. Und eine Kultur stiehlt von der nächsten. Die nächste Kultur stiehlt von der übernächsten. Dasselbe passiert in Bezug auf Klassen. Reiche Frauen stehlen die Schönheitspraktiken und -ausdrucksformen ärmerer Frauen. Es passiert auch in Bezug auf Ethnizität. Und so weiter.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Absolut, @Ayu. Die Idee von Schönheit an sich bedeutet, dass Menschen einem Merkmal einen höheren Wert zuweisen als einem anderen. Schönheit inhäriert immer Machtstruktur. Sie unterdrückt immer.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Ich bin ein großer Fan des westlichen Versuchs, Body-Positivity-Bewegungen aufzubauen. Arbeiten von Menschen wie Roxanne Gay oder Sonya Renee Taylor haben mich grundlegend geprägt. Sie haben mir geholfen, eine Sprache zu finden, in der ich meinen Körper akzeptieren kann. Dennoch mache ich mir manchmal Sorgen, dass wir die Bewegungen und Sprache exakt kopieren (inklusive derer nichtweißer Menschen im Westen). Vielleicht gibt es einen Weg, zu erkunden, wie spezifische Bewegungen/Sprachen des Widerstands in den Kontext passen, in dem wir operieren. Wie etwa können wir Body Positivity mit dem Zugang zu medizinischer Versorgung oder mit den Essgewohnheiten der Menschen in Verbindung bringen, die unter schrecklichen Bedingungen arbeiten? Ich möchte hier nicht zu intellektuell werden, ich mache mir nur als Anthropologin manchmal Sorgen, dass wir sogar in unserem Widerstand den Westen blind nachahmen könnten.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Was die Nachahmung des Westens angeht: Diese Gegenüberstellung zwischen denen (dem Westen) und uns ist problematisch. Schließlich artikulieren wir alles durch den jeweils anderen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Um meinen vorherigen Gedanken weiterzuführen: Dann gibt es also keinen Weg, seine Schönheit zu entkolonialisieren. Denn solange Du Schönheitsideale praktizierst, unterstützt Du damit die Machtstruktur.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Dem stimme ich komplett zu.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Kapitalistische, heterosexistische Vorstellungen formen unsere Vorstellung eines gesunden Körpers genauso wie der medizinische Blick.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Die Gesundheitssysteme zahlreicher Länder verweigern Dicken/People of Size gleichberechtigten Zugang.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Der dicke Körper an sich ist immer schon rassifiziert.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Viele weiße Aktivist*innen ignorieren die Verbindung zwischen Rassismus/Kolonialismus und Fat-Shaming. Was es für antirassistische und dekoloniale Aktivist*innen noch wichtiger macht, diese Verbindung herzustellen und auch Fat-Shaming anzuprangern, wenn sie westliche Schönheitsideale kritisieren.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Ich bin schlicht nicht daran interessiert, den Westen in den Mittelpunkt zu stellen. Grundsätzlich marginalisiert und dezentriert mich jeder Diskurs, der dem entspringt. Das ist kein Schritt in Richtung Freiheit.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Aber wenn der Kolonialismus die Schönheitsideale nichtwestlicher Länder geprägt hat, wie viel Freiheit, den Westen zu ignorieren, haben wir dann?

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Von Frauen zu verlangen, Schönheitsideale nicht zu praktizieren, wenn man das wahre Übel – Kapitalismus, Klassismus, Sexismus, Rassismus, Ableismus – nicht angreift, ist einfach zu naiv.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    @Ayu, zu Deinem Kommentar dazu, den Westen zu kopieren: Ja, wir sollten sensibel dafür sein und verstehen, wie wir in unserem Widerstand von Menschen lernen können, die überall unterdrückt werden, darunter auch nichtweiße Frauen im Westen. Aber wir sollten auch bedenken, wie wir den Kampf an unterschiedlichen Orten angehen. Dadurch können wir Widerstandsformen entwickeln, die den jeweiligen Ort und seine Komplexitäten berücksichtigen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    In meinem Buch Seeing Beauty, Sensing Race in Transnational Indonesia („Schönheit sehen, Rasse spüren – Das transnationale Indonesien“) erörtere ich, dass der Wunsch nach einer weißen Hautfarbe in Indonesien tatsächlich älter ist als der Kolonialismus. Ich untersuchte Java im späten neunten und frühen zehnten Jahrhundert vor der europäischen Kolonisation.  Die alte javanesische Adaption des Gedichtepos Ramayana hat mich besonders interessiert. Bereits diese Adaption beschreibt Frauen mit heller Haut als schön – und dass sie ihre Haut aufhellen müssen, um sich attraktiver zu machen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Die Metaphern, die dort zur Beschreibung der Hautfarbe von Frauen verwendet werden, sprechen von hellem, leuchtend weißem Licht wie zum Beispiel dem zunehmenden Mond oder weißem Marmor. Die Vorstellung, dass der Wunsch, weiß zu sein, immer mit dem Kolonialismus zu tun hat, ist also problematisch. „Colourism“ existiert in diesem speziellen Fall außerhalb der weißen Rassenideologie.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Das hört sich spannend an! Das würde ich sehr gerne lesen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Vergesst außerdem nicht, dass Rassismus als Ideologie, wie wir ihn heute kennen, eine moderne Erfindung ist. Im 18. Jahrhundert wurde die Wissenschaft dazu missbraucht, „Rasse“ zu konstruieren und Rassismus zu rechtfertigen. Denn so lange Schönheitsideale dazu da sind, zu unterdrücken, finden die Menschen auch außerhalb des Kontexts von Weißsein oder Kolonialismus Modi der Dominanz, um bestimmte Gruppen im Namen der Schönheit zu diskriminieren und zu marginalisieren.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    In Ägypten hatte ich als Teenager mit Fat-Shaming zu kämpfen. Ich denke, einfach nur in der Lage zu sein, diese Erfahrung mit Rassismus/Kolonialismus/Kapitalismus zu verknüpfen, hilft mir sehr dabei, anders darüber nachzudenken. Ich kann es dadurch zumindest mit Macht im weiteren Sinne in Zusammenhang bringen. Dennoch habe ich immer noch Probleme, Wege zu finden, mich in meinem Körper gesund zu fühlen und zu leben. Hier in Ägypten gibt es nicht wirklich viele Arbeiten zum Thema Fat-Shaming. Daher würde ich gerne von anderen Feminist*innen lernen, wie sie ihre Wege in ähnlichen Kontexten gefunden haben. Das ist sehr persönlich und damit auch sehr politisch. :)

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Ich will über Fat-Shaming/Body Positivity im Hinblick auf Arbeit und Zugang zu gesundem und nahrhaftem Essen nachdenken – im Hinblick auf größere Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    @Aju: Ich möchte unterstreichen, was Du oben über Naivität gesagt hast!

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Rassismus und Kolonialismus erfordern, dass Frauen an diese Schönheitsideale glauben und sie praktizieren. Ihre tatsächliche Art zu leben wird dann zu einer Verkörperung dieses Rassismus und Kolonialismus. Blackfishing und „slim thick“ drücken aus, wie weiße Frauen Rassismus internalisieren und zwar in Form der Fetischisierung des Anderen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    So eine Inszenierung des weißen, weiblichen Körpers manifestiert das verinnerlichte Begehren des weißen männlichen Blicks. Dieser weiße, weibliche Körper bemüht sich darum, das Objekt des rassistischen (!) weißen männlichen Blicks zu sein.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    @Ayu: Das ist eine wirklich faszinierende Art, es zu beschreiben.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Was würde passieren (und ich weiß darauf ganz ehrlich keine Antwort), wenn wir der Mittelpunkt wären? Wenn unsere Vorstellungen und Ausdrucksformen des Selbst nicht als Reaktion auf Weißsein oder Kolonialismus existierten?

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Um die Macht der Mächtigen zu beenden, müssen wir im Alltag zusammenarbeiten. Aber das hat natürlich seinen Preis – deshalb tun es nur wenige. Die Mächtigen zurückzuweisen bedeutet, ausgehungert zu werden. Heute möchten einfach nicht sehr viele Leute hungern (metaphorisch wie wortwörtlich). Mich selbst eingeschlossen: Mein Instagram ist voller Essensfotos. Haha.

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Das ist ein langes Projekt – vielleicht auch ein einsames. Es erfordert, eine ganze Reihe von internalisierten Erzählungen zu hinterfragen. Wie immer brauchen wir dazu aber auch Gemeinschaft und die Bereitschaft, selbst die Spielverderber*innen zu sein.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Diejenigen, die ohnehin schon unterdrückt sind, werden aufgerufen, noch mehr Mühe hineinzustecken!

  • Dr. Makram-Ebeid Dina Makram-Ebeid

    Absolut!

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Amen.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Liebe Leser*innen, was denkt Ihr? Wie können wir Schönheitsideale dekolonisieren?

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Ich verstehe, was gemeint ist, aber dennoch finde ich es schwierig von Appropriation oder Kulturdiebstahl zu reden, denn wie soll definiert werden, wem welche Kultur gehört? Kulturen sind seit jeher Kulturmischungen und, wenn man so will, Diebstahl ausgesetzt – das definiert ja gerade Transkulturalität! Wie also könnte ich mir anmaßen, Besitzansprüche auf eine Kultur zu haben, wenn diese selbst nur durch Synkretismus, sprich Vermischung entstanden ist?

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Es ist richtig, dass keine Kultur behaupten kann, nicht von anderen Kulturen beeinflusst worden zu sein. Aber bei der Entstehung des Nationalismus beispielsweise sucht sich eine Nation aus, von welchen kulturellen Bedeutungsträgern sie repräsentiert werden möchte. Anschließend behauptet die Nation, dass diese Errungenschaften und kulturellen Praktiken die ihren sind. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, wie Nationen und Gruppen zu Behauptungen kommen, wessen Kultur wem gehört und was ihre „authentische“ Kultur ist. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass es eine konstruierte Hierarchie gibt, in der sich eine Kultur anderen gegenüber für überlegen hält. Wir sollten darüber reflektieren, wo in diesem Machtgefüge wir uns befinden.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Kultur ist definitiv dynamisch, im Fluss und entwickelt sich. Das ist richtig. Aber es ist auch richtig, dass es charakteristische Bräuche, Praktiken, Ideen und Ausdrucksformen gibt, die verschiedene Kulturen für sich beanspruchen und verwenden. Wenn die dominante Kultur diese einfach nimmt und sich aneignet – häufig als Requisiten, bar aller Bedeutung und ohne jeden Kontext –, dann wird es problematisch. Um so mehr, wenn das Praktizieren ihrer kulturellen Bräuche etc. für Menschen der einen Kultur negative Folgen hat, während diejenigen, die sich diese Praktiken angeeignet haben, keinerlei solchen Konsequenzen ausgesetzt sind.
    In Kenia beispielsweise bekommt eine schwarze Frau mit Braids häufig zu hören, dass sie im Beruf nicht ernstgenommen werden wird und ihre Haare glätten muss. Braids können sie buchstäblich ihren Job kosten. Gleichzeitig kann eine weiße Frau, die aus dem Strandurlaub zurückkommt, im Büro Braids tragen und die Leute finden das hübsch oder exotisch. Sie erleidet keinerlei derartige berufliche oder finanzielle Konsequenzen.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Ein weißer Star aus den USA kann zum Beispiel nicht einfach kulturelle Bedeutungsträger aus Japan in seinen oder ihren Musikvideos einsetzen, ohne anzuerkennen, dass es sich dabei um eine Form kultureller Aneignung handelt. Dasselbe gilt für Kulturen der Schönheit. Es gibt Bedeutungsträger dafür, welche Schönheitspraxis oder welches Schönheitsideal zu welcher Kultur gehört – und wer diese praktiziert und in welchem Verhältnis zu jener Machthierarchie der Schönheitspraktiken diese Menschen stehen.

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Wenn die Leute fragen, „Aber wo ist denn das große Problem an kultureller Aneignung?“, denke ich: Wo ist Deine Position in dieser Machtdynamik und was lässt Dich glauben, ein Recht auf die kulturellen Ausdrucksformen und Praktiken anderer zu haben?
    @Ayu: Danke. Du formulierst das unglaublich gut. Ich stimme zu, dass es um Macht geht und darum, die Macht zu haben, etwas zu beanspruchen, das einer*einem nicht gehört. War das nicht, kurz gesagt, der Kolonialismus?

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Danke, Aleya! Ich finde deine Punkte auch gut. Und ja, Kolonialismus in Aktion!

  • Reader Kommentar

    Ich hab den Zusammenhang von fat shaming und Kolonialismus nicht verstanden. Kann mir ihn jemand erklären?

  • Reader Kommentar

    Ich selbst kann jeweils für eine (ich nenne es jetzt mal) „freie, individuelle Schönheit“ einstehen: Mitmenschen darauf aufmerksam machen, selber nach diesem Prinzip der individuellen, von Normen losgelösten Schönheit leben. Große bzw. weitreichende Wirkung erziele ich damit vielleicht nicht, da es innerhalb meines Umfelds, das größtenteils gleichgesinnt ist, bleibt. Die Gedanken bleiben also in der Bubble.
    Ich selbst habe keine Erwartungen an andere bezüglich ihrer optischen Erscheinung und darauf, was sie für schön befinden, aber ich habe diese Erwartungen an mich selbst. Auch wenn sich die Schönheitsideale nach dem Westen richten, finde ich, dass das Bedürfnis, schön (nach eigenem, individuellem Geschmack) zu erscheinen, „menschlich“, sprich kein Effekt der Kolonialisierung oder Diskriminierung im Allgemeinen ist (lediglich, was unter schön verstanden wird).
    Ich will darauf hinaus, dass mensch das Verständnis von Schönheitsidealen öffnen/ändern kann. Wir können Schönheitsideale nicht komplett abschaffen, eventuell aber individualisieren, sodass ein Mensch von anderen Menschen nicht erwartet, „schön“ im Sinne der Schönheitsideale zu sein, sondern „schön“, so wie er*sie es will und ist.
    Dies bedeutet aber, dass das Streben nach Schönheitsidealen auf die eigene Person bezogen ist. Es kann also (so mensch es will) nicht dekolonisiert werden kann, weil es letztlich das Bedürfnis „in den eigenen Augen schön zu sein“ befriedigt – selbst, wenn das Schönheitsideal auf Einflüssen der Kolonialisierung / des Kapitalismus / des Rassismus / des Sexismus beruht.

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Ich denke, einige der wichtigen Fragen, die hierbei zustellen sind, wären: Warum ist für uns Schönheit und Schön-Aussehen so wichtig? Was löst Schön-Aussehen bei uns aus? Sobald wir herausgefunden haben, welche Vorteile wir durch Schönheit erfahren, können wir verstehen, warum es uns so wichtig ist, schön auszusehen. Es gibt in der Tat etwas, das von Wissenschaftler*innen als „Lookism“ bezeichnet wird, und als Diskriminierungssystem fungiert.

  • Yaghoobifarah Hengameh Yaghoobifarah

    Vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir können uns auf jeden Fall von unseren Schönheitsidealen emanzipieren und für uns selbst neue Definitionen und Bedeutungen für Schönheit finden. Verschiedene Communities, wie beispielsweise die queere Community, haben dies bereits getan. Dennoch sehe ich hier zwei Probleme: Erstens, die Gefahr vor neuen und anderen Schönheitsidealen, die wiederum erneut Körperbilder hierarchisieren und zweitens das Problem der „Außenwelt“. Damit meine ich, dass ich zwar glücklich mit meinem Aussehen, das wohlmöglich nicht dem Schönheitsstandard entspricht, sein kann, aber dass mich leider im Arbeitsleben, Wohnen, oder bezüglich des Ansehens, das ich im Alltag erfahre, vorherrschende Schönheitsnormen trotzdem beeinflussen können. Die ermordeten Transfrauen of Colour und transfemininen Menschen wurden getötet, weil sie trans und nicht Weiß waren (und einige, da sie auch als Sexarbeiterinnen gearbeitet haben) – nicht, weil sie sich nicht selbst liebten oder Schönheitsideale verinnerlicht hatten. Das bedeutet: Ja, eine individualisierte Herangehensweise an unser Selbstbild und unsere Vorstellung von Schönheit könnte uns ein besseres Gefühl uns selbst gegenüber geben. Sie lässt sich jedoch nicht in die materielle Realität des Lebens und Überlebens übersetzen.

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Hallo Aleya, ich habe den Chat sehr interessiert gelesen und stimme in vielen Aspekten zu. Schönheitsideale sehe ich auch sehr kritisch. Aber Du schreibst hier: „Schönheit inhäriert immer Machtstruktur. Sie unterdrückt immer.“ Schönheit an sich ist jedoch nichts kulturell Definiertes, sondern etwas subjektiv Wahrgenommenes (im Gegensatz zum Schönheitsideal).

    Ich sehe Schönheit als subjektives Erleben und als einen durch und durch positiven Wert. Dinge, Natur, seine Mitmenschen und sich selbst Schönheit zuzuschreiben inhäriert noch nicht, dass es ein kontrastierendes Hässliches daneben geben muss. Ich denke nicht, dass Schönheit Machtstrukturen inhäriert oder unterdrückt. Gesellschaftlich und kulturell festgelegte Schönheitsideale dagegen schon.

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Kommentar! Schönheit kann tatsächlich auch nicht menschlichen Dingen zugeschrieben werden. Dem stimme ich zu. Wie du erwähntest, ist Schönheit subjektiv. Das bedeutet, dass wir individuell entscheiden können, was wir als schön empfinden. Wenn ein Individuum jedoch Schönheit wahrnimmt (in dem WhatsApp-Chat hier spreche ich speziell über menschliche Schönheit), geschieht das immer durch einen Filter – eine Brille. Diese Brille ist das, was viele Diskurs nennen. Und Diskurs und Ideologie haben immer etwas mit Macht zu tun. Das heißt, wie wir Dinge wahrnehmen, ist immer durch die Brille der Macht gefiltert (wenn nicht durch die der Mächtigen). Natürlich gibt es auch einen entgegengesetzten Blick, der Macht infrage stellt – dieser ist selbst wiederum eine Art, Macht auszudrücken – doch dieser Blick muss gelernt werden. Der Blick der Mächtigen muss verlernt, und dafür der oppositionelle Blick erlernt werden…

  • Aleya Kassam Aleya Kassam

    Ayu und Hengameh haben schon unglaublich kraftvolle Einsichten formuliert. Vielen Dank dafür!!! Ich frage mich, was ich – außer eventuell eine Provokation – noch dazu sagen könnte. Welche Vorstellung von Schönheit haben uns die Kolonialmächte in Bezug auf unsere Umgebung vermittelt? Im Hinblick auf die Architektur, die Bäume, die Art, wie wir mit der Natur umgegangen sind… Ich denke darüber nach, wie uns die Räume, in denen wir miteinander leben, in unserer Selbstwahrnehmung beeinflussen. Ist es möglich, unsere persönliche Schönheit zu dekolonisieren ohne die Schönheit der Räume, in denen wir leben, zu dekolonisieren – von der Architektur über unsere Umwelt (Pflanzen, Tiere, Natur) bis hin zu gemeinschaftlichen Räumen. (Also bitte, an die Hotels und Firmen in Kenia: keine Pastellbilder mehr von englischen Landschaften mit weitflächigen, grünen Hügeln, weißen Flecken, die Schafe darstellen sollen, und grauem Himmel.)

  • Ayu L. Ayu Saraswati

    @Aleya Kassam: Ja! Das Koloniale ist in der Tat eine Art, auf die Welt zu blicken, ein kolonialer Blick: Wie wir sehen und was wir sehen, sehen wir durch eine koloniale Brille. 

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