Der Erste Weltkrieg in den Kolonien Auch Afrika hat eine Vergangenheit

Askaritreue in Deutsch-Ostafrika. (Deutsche Schutztruppen mit eingeborenen Mannschaften bei der Abwehr eines Angriffes). Bildpostkarte nach Aquarell, 1918, von Fritz Grotemeyer
Askaritreue in Deutsch-Ostafrika. (Deutsche Schutztruppen mit eingeborenen Mannschaften bei der Abwehr eines Angriffes). Bildpostkarte nach Aquarell, 1918, von Fritz Grotemeyer | Foto (Detail): akg-images © picture alliance

1914 begann für Europa jene Epoche, die Eric Hobsbawm als „kurzes 20. Jahrhundert“ und „Zeitalter der Extreme“ beschrieb. Dass der Erste Weltkrieg auch in den Ländern Afrikas erheblichen Schaden anrichtete, wissen die wenigsten. Die tansanische Künstlerin Kathleen Bomani hat in vergangenen Jahren mit ihrem „World War I in Africa Project“ die ostafrikanische Perspektive jenes Krieges beleuchtet. Mit „Latitude“ spricht sie darüber, warum in Deutschland wie Tansania wenig über die Kriegshandlungen auf dem Kontinent bekannt ist. Und wie die Verdrängung Unterdrückungsmechanismen fortschreibt.

Von Elisabeth Wellershaus

Ich selbst wusste bis vor einigen Jahren nur wenig über das tatsächliche Ausmaß des Krieges. Dann kam der französische Geograf Jacques Enaudeau auf mich zu und fragte, ob ich ein Projekt über WWI [World War I] in Afrika mit ihm machen wolle. Es war genau zu der Zeit im Jahr, in der Frankreich zum kollektiven Trauern um die gefallenen Soldaten ansetzt, und Jacques fragte mich: ‚Hast du eine Ahnung, welche Auswirkungen der Krieg in Afrika hatte?’ Ich hatte keine.
 
Also begannen wir, die Archive in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA zu durchforsten. Von Propagandapostern bis zu Tonbandaufnahmen sammelten wir alles, was uns relevant erschien. Aus unseren Funden bastelten wir einen Zeitstrahl, den wir auf Twitter stellten, um möglichst viele junge Menschen zu erreichen. Schon die Bilder mit afrikanischen Soldaten in historischem Kontext waren ein Bruch mit gewohnten Narrativen. In der Regel wird über Bürgerkriege oder Coups auf dem Kontinent berichtet, selten dagegen über afrikanische Militärgeschichte.
 

Wir wollten aber die Brutalität und die Auswirkungen genau dieses Krieges vermitteln. Eines Krieges, der theoretisch gar nicht in den Kolonien hatte stattfinden sollen. Erst durch das Handeln Paul von Lettows, der 1914 Kommandeur der „Schutztruppe“ für Deutsch-Ostafrika geworden war, fanden dort bald darauf die blutigsten Kämpfe um koloniales Terrain im Ersten Weltkrieg statt. Und doch stellen sie letztlich nur eine Facette deutscher Gewaltherrschaft dar. Die erste Revolte gegenüber der Kolonialmacht hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden. Seither hatte es stets Widerstandskämpfe in den verschiedenen Kolonien gegeben, bis sich 1905 im Maji-Maji-Krieg schließlich unterschiedliche Ethnien im heutigen Tansania gegen die Deutschen zusammenschlossen. Als die Kämpfe des Ersten Weltkriegs sich dann Jahre später auf ostafrikanischen Boden verlagerten, war das schlicht eine Fortsetzung bereits erlebter Gewalt. Aus den Zeugnissen vieler Menschen aus der Region geht hervor, dass sie im Ersten Weltkrieg schlicht eine weitere europäische Katastrophe vor der eigenen Haustür sahen.
 
In ihrer Ausstellung „WHAT HAPPENED HERE“ unterlegen Sie Videobilder vom Victoriasee und von Felsformationen aus dem tansanischen Mwanza mit 100 Jahre alten Arbeiter*innenliedern aus dem Volk der Sukuma. Wie geben diese Aufschluss über den Krieg?
 
Ich bin auf ungewöhnlichen Wegen zu diesen Liedern gekommen. Ursprünglich hatte ich ein Projekt über meinen Großvater machen wollen, der zum Volk der Sukuma in Nord-Tansania gehört. Deshalb hatte ich einen Musikologen kontaktiert, der sich mit deren Kultur beschäftigte. Vor allem die Arbeiter*innen-Lieder der Sukuma interessierten mich. Mein Großvater hatte in den 1940er- und -50er-Jahren einen Zusammenschluss der Bauern in der Region initiiert – gegen die ausbeuterische britische Kolonialregierung. Während der Recherchen erfuhr ich dann aber noch mehr: dass die Sukuma nämlich bereits vor 100 Jahren in ihren Liedern über den Ersten Weltkrieg gesungen hatten. Als ich mir die Lieder anhörte, war ich gerade in Tansania, um mir alte Schützengräben aus der Zeit des Kriegs anzusehen. Und als ich hörte, wie eines der Lieder Bezug auf meine Heimat Mwanza nahm, fuhr ich sofort nach Hause. Die Sukuma singen in diesem Lied über die unverrückbaren Felsen in der nordtansanischen Landschaft, über riesige Brocken, die sie mit den Briten und den Deutschen vergleichen. Man hört aus diesen Zeilen deutlich, wie klar sie sich über ihre unterlegene Position sind. Aber genauso hört man auch ihren Widerstand heraus. In einem anderen Lied singen sie, dass sie lieber im Kugelhagel sterben würden als in Zwangsarbeit ein koloniales System zu unterstützen, das ihre Landsleute tötet.
 
Afrikaner*innen werden in historischen wie in zeitgenössischen Kontexten häufig als passiv beschrieben. In den Liedern der Sukuma wird dagegen ein absolut selbstermächtigendes Verhalten deutlich. „Alles nur wegen des Rinds“, heißt es in einem Lied, das vordergründig von Vieh als ultimativem Symbol für Reichtum erzählt. Eigentlich aber wird darin die Motivation des Krieges gedeutet: Besitz und Expansion. Unter anderem war der Erste Weltkrieg eine Möglichkeit, das fortzuführen, was mit dem „Scramble for Africa“ in Gang gesetzt wurde. Und die europäische Ausbeutung sollte noch lange andauern.
 
Sie haben einmal gesagt, Europa sei geradezu exzessiv an der Vergangenheit interessiert, während Afrika ausschließlich mit Zukunft assoziiert würde. Was bedeutet das im Hinblick auf die gegenwärtige Migration von Afrika nach Europa, von der Sie behaupten, sie sei unmittelbar verknüpft mit früheren Migrationsbewegungen?
 
Es ist tatsächlich interessant, dass in Europa verdrängt wird, wie viele Menschen schon im Ersten Weltkrieg aus Afrika und den Kolonien anderer Kontinente hergeholt wurden, um einen fremden Krieg zu kämpfen. Wie dagegen aber heute etliche Menschen vor den Küsten Europas ertrinken, die mittlerweile dort nach Schutz suchen, wo der „Migrationstrend“ einst ausgelöst wurde. Die Verbindung zwischen kolonialem Trauma, dem unausgewogenen Kräfteverhältnis zwischen globalem Norden und Süden und den gegenwärtig instabilen Strukturen in vielen afrikanischen Ländern gilt hierzulande noch immer vielen als weit hergeholt. Aber ich glaube, dass auch der Westen an der Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Länder nicht mehr vorbeikommt. Als wir 2014 mit unserem Projekt „World War I in Africa“ anfingen, sprachen in Europa alle immer nur vom aufstrebenden Afrika, von der rosigen Zukunft des Kontinents. Die Rede war von einer wachsenden Mittelschicht, von steigendem Bruttoinlandsprodukt, davon, dass Afrika nun endlich in die Zukunft schauen könne. Sobald der Blick sich aber in die Vergangenheit richtete, wurde es ungemütlich. Wer eben noch von Afrika als Investitionsparadies gesprochen hatte, wurde schnell wieder distanziert, wenn plötzlich Themen wie Restitution im Raum standen. Ohne die kolonialen Verstrickungen aufzuarbeiten, wird der Blick in die Zukunft aber immer verstellt bleiben.