Gemeinsame Erinnerungskultur Kolonialgeschichte in Schulbüchern

Französischer Nationalfriedhof für die gefallenen Soldaten am Hartmannswillerkopf, einem Hauptschauplatz des deutsch-französischen Gebirgskriegs im Ersten Weltkrieg, an dem auch Soldaten aus den Kolonien Deutschlands und Frankreichs kämpfen und ihr Leben lassen mussten. Allein die Franzosen schickten 450.000 Afrikaner an die Front gegen Deutschland.
Wie erklärt man Jugendlichen heute die Kolonialzeit? | Foto (Detail): Uta Poss © picture alliance / Presse-Bild-Poss

Guillaume Le Quintrec unterrichtet im Rahmen von Vorbereitungsklassen für Grandes Écoles und leitet seit zwanzig Jahren eine Geschichtsbuchreihe für die gymnasiale Oberstufe beim französischen Schulbuchverlag Nathan. Seine Arbeiten liefern Bausteine zu einer gemeinsamen Kultur der Dekolonialisierung und des Erinnerns, die sich an den schulischen Lehrplänen, den sozialen Entwicklungen und den jüngsten Erkenntnissen der universitären Forschung ausrichtet. Von 2003 bis 2011 betätigte er sich als Mitherausgeber eines deutsch-französischen Geschichtsbuches, das sich diesen Fragen widmete.

Von Aurélie Le Floch

In welcher Form werden die Kolonialisierung und die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien in den Geschichtsbüchern der französischen Gymnasiast*innen behandelt?

Je nach Lehrplan werden diese Fächer entweder im elften Schuljahr (Première) oder im zwölften Schuljahr (Terminale) behandelt. Aufgrund ihrer Lehrtätigkeit sind die Autor*innen meines Teams mit den Schüler*innen und ihren Bedürfnissen gut vertraut. Sie schreiben objektiv und ohne Tabu über diese Themen. Aufgabe ist es, tatsachenorientiert zu berichten und die unterschiedlichen Lesarten der Ereignisse zu analysieren, ohne Partei zu ergreifen. Wir bemühen uns darum, die Gesamtheit der Sichtweisen darzustellen, insbesondere durch die Auswahl des Quellen- und Bildmaterials, die einen wichtigen Teil unserer redaktionellen Tätigkeit ausmacht.

Die 2017 aufgelegte Version unseres Oberstufenlehrbuches enthält beispielsweise ein Kapitel mit dem Titel „Der Historiker und die Erinnerungen an den Algerienkrieg“. Dort wird der Konflikt sowohl aus Sicht der Algerier als auch aus Sicht der Franzosen angesprochen, wobei auch auf eine Reihe spezifischerer Themen eingegangen wird: das Schicksal der Harkis, die Anwendung von Folter, Fragen hinsichtlich des Kriegsgedenkens und der Versöhnung beider Länder. Wie alle unsere Lehrbücher berücksichtigt der Inhalt dieses Kapitels die neuesten Erkenntnisse aus der universitären Forschung. Unsere Autor*innen behalten die aktuellen Erkenntnisse der Geschichtsschreibung stets im Auge, besonders solche mit Bezug auf die Dimension des Erinnerns. Auch die Beiträge der postkolonialen Studien und andere Arbeiten zur Konstruktion des postkolonialen Bewusstseins, die sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten beträchtlich vermehrt haben, finden in ihren Arbeiten Berücksichtigung.

All dies sind noch immer äußerst kontroverse Themen in Frankreich ...

Keine Frage. Allerdings verstehen wir unseren Ansatz als eine Geschichte der Erinnerungen, nicht als eigenständigen Träger der Erinnerung. Es handelt sich um ein Aggregat aus vielen Stimmen, das allen Schüler*innen einen gemeinsamen Verständniszugang zu diesen Themen ermöglicht. Es geht darum, sich eine gemeinsame Kultur zu erarbeiten, die über die womöglich im Klassenzimmer schwelende Konkurrenz der Erinnerungen hinausweist. Aus Lehrer*innenperspektive ist es wichtig, mit einem solchen Abstand über Kolonialisierung, Unabhängigkeit und das Entstehen der Dritten Welt sprechen zu können, insbesondere mit Schüler*innen aus den ehemaligen Kolonien, in deren Familien verschiedene Erinnerungen an diese Ereignisse weiterleben. Derselbe Ansatz greift, wenn es um den Sklavenhandel geht: Einige junge Menschen aus Afrika oder den Antillen tragen einschlägige Familienerinnerungen mit sich herum.

Denken Sie, dass diese neue kritische Herangehensweise an die Kolonialisierung, die besonders von den Autor*innen Ihrer Lehrbücher verfochten wird, einem Generationenwechsel geschuldet ist?

Es ist nicht zu leugnen, dass die Analyse der kolonialen Ideologie in den vergangenen Jahrzehnten gerade durch junge Historiker*innen vorangetrieben wurde. Diese kritische Arbeit ist unerlässlich, da sie zur Integration von Minderheiten beiträgt, die unter der Kolonialisierung gelitten haben: Die Aufnahme der Geschichte eines Teils der Franzosen in die Lehrbücher bringt auch eine gemeinsame Geschichte zum Vorschein. Dasselbe Prinzip gilt auch in Bezug auf die Geschlechtergeschichte. Frauen, die eine historische Rolle gespielt haben, sind in unseren Lehrbüchern kapitelübergreifend vertreten – wenn man für geschlechtsspezifische Ungleichheiten sensibilisieren will, erscheint mir dies zweckdienlicher als ein gesondertes Kapitel zu dem Thema.

Sie haben das deutsch-französische Geschichtsbuch für das Gymnasium mitherausgegeben, das zwischen 2003 und 2011 gemeinsam von Nathan und dem Ernst Klett Verlag (Stuttgart) verlegt wurde. Wie wurden in diesem binationalen Werk die Kolonisierung und die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien angegangen?

Guillaume Le Quintrec © Guillaume Le Quintrec Dieses Schulbuch wurde anlässlich des vierzigsten Jubiläums des
deutsch-französischen Freundschaftsvertrags von 1963 veröffentlicht. Es hat hohen Symbolwert und verdankt seine Entstehung einer zivilgesellschaftlichen Initiative. Die drei für die Oberschule bestimmten Bücher waren identisch für Frankreich und Deutschland und wurden in der jeweiligen Landessprache herausgebracht.

Im Rahmen der Entwicklung des Handbuchs war der Blickwechsel zwischen Frankreich und Deutschland zur Kolonialisierung und Entkolonialisierung besonders interessant. Vor fünfzehn Jahren hatten die Deutschen bereits eine beachtliche Arbeit in Bezug auf das Erinnern in der Vermittlung ihrer eigenen Geschichte geleistet, was den französischen Autor*innen in hohem Maße zugutekam. Darüber hinaus haben die deutschen Lehrkräfte gelernt, diesen Aspekt der französischen Geschichte besser zu verstehen. Die beiden Länder haben schließlich gänzlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Die deutsche Kolonialherrschaft, vor allem in bestimmten Regionen Afrikas, war von kürzerer Dauer und liegt zeitlich weiter zurück in der Vergangenheit, da sie ja nach dem Ersten Weltkrieg ein Ende fand.

Das Interview führte Aurélie Le Floch.