Okwiri Oduor Sunflower

Kenia: Digo-Mädchen mit Mango. Die ethnische und linguistische Bevölkerungsgruppe der Digos lebt in der Nähe des Indischen Ozeans und ist im Kwale County im Süden Kenias und in Tanga in Nordtansania beheimatet.
Kenia: Digo-Mädchen mit Mango. Die ethnische und linguistische Bevölkerungsgruppe der Digos lebt in der Nähe des Indischen Ozeans und ist im Kwale County im Süden Kenias und in Tanga in Nordtansania beheimatet. | Foto (Detail): W. Dolder © picture alliance / blickwinkel

Von Okwiri Oduor

Die Kurzgeschichte als Audio abspielen:                                      gelesen von Koku Musebeni
Audio wird geladen

Theresa‑June Lovegate wurde an einem Donnerstag zurückgegeben, in einem Kleid, so gelb wie ein Sahnekaramellbonbon, mit einem Pillbox‑Hut auf dem Kopf und einer Baguette‑Handtasche über der Schulter. Sie war genau zwanzig Jahre alt und alles andere als putzmunter.
 
Sie saß auf dem Rücksitz der Mercedeslimousine und starrte aus dem Fenster auf die nebelverhangenen Hügel. Ihre Handschuhe klebten und deren Spitzen kratzten schrecklich an ihren Ellbogen. Sie streifte die Handschuhe ab und stopfte sie in die Baguette‑Handtasche, von Neuem verärgert über Mrs Lovegates Beharren auf dieser Aufmachung. „Weihnachten steht vor der Tür“, hatte Mrs Lovegate erklärt. „Du solltest aussehen wie ein prachtvolles Geschenk, wenn du zu den Deinen zurückkehrst.”
 
Theresa‑June Lovegate wischte sich das Rouge von den Wangen und schmierte es sich dabei auf ihre Handgelenke. Sie drehte sich um, um sich im Rückspiegel zu begutachten, und stellte fest, dass Mr Lovegate sie beobachtete. Seine Augen hatten die Farbe einer trüben Pfütze und lagen in faltigen Krähenfüßen vergraben. Er hatte ein gütiges Gesicht, weich und freundlich, ein Aussehen, das Theresa‑June für irreführend hielt. Mr Lovegate war der am wenigsten weichherzige Mensch, den sie kannte.
 
Er war ihr Adoptivvater, oder war das bis zu diesem Morgen jedenfalls gewesen. Er war seine Rolle soeben leid geworden und brachte sie zu nun ihrem Papa zurück. Er warf ihr im Rückspiegel ein welkes Lächeln zu. „Nichts für ungut“, sagte er, was heißen sollte, sie solle es nicht persönlich nehmen, dass sie sie nicht mehr behalten wollten.
 
Sie dachte daran, wie er, wenn sie essen gegangen waren, oft Crème brulée oder Zitronen‑Meringue bestellte, einen Löffel davon nahm und dann das Gesicht verzog, weil es ihm zu sehr nach Ei schmeckte. Dann winkte er der Bedienung und ließ das Anstoß erregende Förmchen abtragen. Dabei warf er der Bedienung genau dasselbe welke Lächeln zu.
 
„Nichts für ungut“, pflegte er zu ihr zu sagen. Er sagte es auch zum Mechaniker, als er einen Satz Autoreifen zurückgab, die er eine Woche lang gefahren hatte. Er sagte es zum Schreiner, als er die Bücherwand aus Teakholz ablehnte. Er sagte es zum Maurer, als er ihn bat, die Mauer abzureißen, die dieser gerade eben erst errichtet hatte. Nichts für ungut. Immer mit diesen freundlich wirkenden, niederträchtigen Augen. Immer mit diesen ironisch verzogenen Lippen, schimmernd und nichtssagend, wie Rauschgold.
 
 
 
An dem Abend, an dem ihr Papa bis auf die Knochen durchnässt nach Hause wankte, seine Augen feucht vor Sehnsucht, seine Hände knorrig vor Leere, war Sunflower zehn Jahre alt. Er war im Inneren des Flusses gewesen – seit ihre Mama ertrunken war, ging er jeden Tag dorthin und suchte nach ihrer Leiche. Das war jetzt sechs Monate her, und immer noch nichts.
 
Er sah Sunflower auf der Veranda stehen. Er fasste sich grüßend an seine Ballonmütze und sagte: „Komm, hilf mir, Kind.“ Sie standen eine Weile im Hof und pflückten Blusen und Geschirrtücher von der Wäscheleine. Er fragte: „Weißt du noch, als in der Sonntagsschule das Theaterstück aufgeführt wurde?“
 
Sunflower erstarrte. Im vergangenen Juni hatte sie die Rolle von Potifars Frau gespielt, die Josef fälschlicherweise eines großen Frevels bezichtigte. Die Worte, die sie in ihrem Mund getragen hatte, waren feucht und faulig gewesen, wie schimmliges Brot.
 
„Du warst so bestürzt über dein eigenes Verhalten – du hattest nicht verstanden, dass es nur Schauspielerei war. Du bist nach Hause gekommen und hast dich angezündet. Erinnerst du dich? Hier drüben.“ Ihr Papa deutete auf eine Stelle neben dem Komposthaufen. Er sagte: „Deine Mama hat dich in eine Decke eingerollt und du hast ihr Gesicht mit deinen Fingernägeln zerkratzt und gesagt: Ich habe etwas Schreckliches getan, lass mich brennen.“
 
Sunflower dachte daran, wie wohltuend die eiskalten Finger ihrer Mama an jenem Tag an ihren erhitzten Schläfen gewesen waren. Sie dachte an die Ader, die auf der Stirn ihrer Mama gepocht hatte, wie ein Regenwurm, der dicht unter der Oberfläche wühlte. Sie dachte an die Wangen ihrer Mama, so schrumplig und feucht. Wie ihre Mama gewimmert hatte, wie ein verletztes Tier. „Bas! Bas!“, hatte Sunflower zu ihrer Mama gesagt. „Ich werde nie wieder in Flammen aufgehen.“
 
Sunflower und ihr Papa ließen die sonnensteife Wäsche in einen Eimer fallen. Ihr Papa lehnte sich an einen hölzernen Pfosten. Er sah sie an, suchte in ihren Augen nach etwas, das jenseits von ihr verborgen lag. Er sagte: „In jener Nacht konnte deine Mama nicht schlafen. Sie sagte zur mir: Wir hätten sie nicht nach etwas so Unbeständigem nennen sollen.“
 
Er hob einen Stein auf und drehte ihn in der Hand um. Dann ließ er den Stein fallen, und auch sein Kopf fiel herab und er starrte lange auf seine Stiefel hinunter. Er fragte: „Wo ist sie, deine Mama?“ Sunflower hob die Hand und deutete auf das dichte Gebüsch, das ihr Land vom Fluss trennte. Es war aber nicht wirklich ihr Land – ihrer Mama war es wichtig gewesen, ihr das beizubringen. Sie sagte, sie seien Wandervögel. Dass sie die Holzhütte nur gefunden hätten. Dass sie nicht wüssten, wem sie wirklich gehörte. Zehn Jahre waren vergangen, seit ihre Mama und ihr Papa sich dort ungefragt niedergelassen hatten, aber sie weigerten sich, ihre Taschen auszupacken. Ihre Mama warnte sie immer davor, es sich zu bequem zu machen. Sie sagte immer: „Schlaf mit einem offenen Auge, wie ein Hase.“
 
Ihr Papa schaute in die Richtung, in die Sunflower deutete. Durch die Kampferbäume sah er das Wasser glitzern. Er sagte: „Sie hat ihn hierher mitgebracht. Wusstest du das?“ Natürlich wusste sie das, aber dennoch staunte sie beim Gedanken daran – dass der Fluss etwas war, das ihrer Mama gehört hatte. Etwas, das ihre Mama womöglich einst zusammengeknüllt und in ihre Reisetasche gestopft hatte, zusammen mit den Zinnbechern und den kupfernen Schöpfkellen, den hölzernen Kämmen und den abgetragenen BHs. „Der Fluss ist auch ein Vagabund. Er wandert von Ort zu Ort. Eines Tages wirst du es sehen.“
 
Ihr Papa wandte sich zu Sunflower um. Er starrte sie lange an, verschob Dinge mit seinem Blick. Arrangierte sie neu. Er versetzte die Nase ein bisschen nach da, die struppigen Augenbrauen ein Stück nach dort. Er entfernte ihre Kinnspalte, sodass zwischen ihren Gesichtshälften keine Kluft mehr war.
 
Dann setzte er sie in den Korbstuhl auf der Veranda, platzierte sie so, wie ihre Mama jeden Abend in der Dämmerung dazusitzen pflegte – ihren Rücken in die steifen Fasern des Stuhls gedrückt, ein Schilftablett auf dem Schoß, mit den Fingern einen Wels umklammernd. Er stand vor ihr, beobachtete sie, während das Sumpfwasser weiter durch die Nähte seiner Kleidung tropfte und in seine Stiefel mit den Flügelkappen sickerte. Er sagte: „Zeig mir deine Mama, Sunflower.“
 
Und so legte sie ihren Kopf zur Seite und summte, wie ihre Mama immer gesummt hatte. Wape Wape Vidonge Vyao. Während der zunehmende Mond in ihre Augen schien. Und ihr Herz wurde so schwer wie ein Mühlstein, voller Erinnerungen, die nicht für sie bestimmt waren: Jasminblüten, die im Morgentau glitzerten. Duftende Windstöße. Katzen, die von Hausdächern in den türkisfarbenen Himmel sprangen. In den Saum von Kleidungsstücken eingenähte Nelken. Wundgelaufene Geister, die in den Hohlräumen von Baobabs weinten.
 
Sie nahm den Fisch aus, wie es ihre Mama immer getan hatte – schlitzte ihn auf bis zur Afterflosse, sammelte die Gedärme zusammen, hielt sie in ihrer Faust wie Gebetsperlen. Sagte: „Alhamdulillah, was für ein Segen.“ Sagte: „Meine Mutter, der Fluss, sie sehnt sich nach mir.“ Sie saß still, den Fisch auf ihrem Schoß, seine Barteln in der Brise zitternd. Und die Augen ihres Papas spießten sie auf wie eine Harpune.
 
Er beobachtete sie, den Mund halb geöffnet, den Oberkörper verdreht. Er beobachtete sie, voller Angst, als sei sie eine Viper, als sei sie kurz davor, ihn an der Ferse zu treffen. „Stopp“, flehte ihr Papa sie an. „Ich ertrage es nicht.“ Sunflower ließ den Fisch zwischen ihre Knöchel fallen.
 
Ihr Papa erlöste sie. Er setzte ihr Gesicht wieder so zusammen, wie es gehörte. Die Nase. Die Augenbrauen. Jene Kinnspalte, so tief, als hätte ein Holzfäller sie mit seiner Axt geschlagen. Dann zog er sie zu sich her, in sein nach Moschus riechendes Hemd, und sie saßen lange Zeit so da, hörten dem Geheul der fernen Schakale zu, hörten dem Fauchen des Windes zu, der ihnen ins Gesicht peitschte. Ihr Papa sagte: „Morgen kommen sie dich abholen.“
 
 
 
Nach zwei Stunden Fahrt legte Mr Lovegate eine Pause ein. Er parkte unter einer Gruppe von Jacarandabäumen. Dann stieg er aus, griff nach seinem Gehstock aus Elfenbein und ging zu einer nahe gelegenen schmiedeeisernen Bank hinüber. Er trug einen Nadelstreifenanzug mit einem gepunkteten Seidentuch in der Brusttasche. Mr Lovegate pfiff vor sich hin. Er war bester Laune, denn er hatte Karten für das Sinfonieorchester im Konservatorium. Er würde Mrs Lovegate im Country‑Club abholen, wo diese sich mit ihrer Schwester, Emily Willard, beim Brunch traf. Aber das war erst in drei Stunden. Jetzt setzte er sich erst einmal auf die Bank und las die Tageszeitung. Oder genauer gesagt, er überflog die Artikel und las nur seine eigene Kolumne, wobei er energisch nickte, wann immer er sich selbst zustimmte. „Gewiss, gewiss“, sagte er. „Da haben Sie recht, mein Herr!“
 
Mr Lovegate war vierzig Jahre lang Rektor einer höheren Schule gewesen. Jetzt war er im Ruhestand und verbrachte seine Zeit damit, für die Zeitung zu schreiben. Er hatte eine wöchentliche Kolumne mit dem Titel Mwalimu Lovegate, in der er die sinkenden Bildungsstandards im Land anprangerte. Seine Überschriften lauteten: Das System überholen – das Kind mit dem Bade ausschütten. Oder: Inkompetente Clowns fahren den Unterricht gegen die Wand. Oder: Spare die Rute und du verdirbst das Kind – zur Verteidigung der körperlichen Züchtigung in Schulen.
 
Mr Lovegate benutzte sie in seinen Kolumnen oft als Beispiel. Er schrieb: „Meine Tochter – Theresa‑June Lovegate – konnte Shakespeares Hamlet bereits an ihrem zwölften Geburtstag auswendig. Sie sehen, Mittelmäßigkeit ist keine Eigenschaft, die ich hinzunehmen bereit bin.“
 
Er schrieb: „Meine Tochter – Theresa‑June Lovegate – kennt jedes Tier mit seinem wissenschaftlichen Namen, nicht nur seine gebräuchliche Bezeichnung. Ein Hund ist nur für Nichtsnutze ein Hund, die an Straßenecken herumhängen und nichts als Müll im Mund haben. In unserem Haus heißt er Canis Lupus Familiaris, wir haben nämlich Standards.”
 
Jetzt faltete Mr Lovegate die Zeitung zusammen und steckte sie sich unter den Arm. Er zog seine Pfeife hervor und zündete sie an. „Theresa‑June Lovegate“, sagte er, „was mich betrifft, warst du uns eine bemerkenswerte Tochter. Du hast unsere Erwartungen übertroffen.“
 
Sie saß noch immer auf dem Rücksitz der Mercedeslimousine und war damit beschäftigt, den Saum ihres Kleids um ihren Zeigefinger zu wickeln. Sie schaute den Südlichen Grünmeerkatzen zu, die in den Zweigen des Jacarandabaums herumhüpften. Chlorocebus pygerythrus – so ihr wissenschaftlicher Name. „Mrs Lovegate sieht das anders“, antwortete sie. „Für sie hatte ich nichts Bemerkenswertes an mir.“
 
„Es ist wahr, dass dein Minz‑Chutney unzulänglich und der von dir genähte Tischläufer unterdurchschnittlich waren und du den Lammbraten immer hast anbrennen lassen.“ Mr Lovegate hielt inne, um einen Zug aus seiner Pfeife zu nehmen und eine Rauchwolke auszustoßen. Er verlagerte die Zeitung auf seinen Schoß, wo die sanfte Brise in den Seiten blätterte. Einen langen Moment lang rauchte er schweigend.
 
Dann sagte er: „Du warst bemerkenswert bei dem, worauf es ankam. Du hast Anna Karenina in einer Woche durchgelesen. Achthundertvierundsechzig Seiten ... Meine liebe Theresa‑June, wie stolz du mich an jenem Tag gemacht hast. Ich schrieb sogar in der Zeitung darüber. Aber weißt du noch, wie fuchtig deine Mutter war? Sie hat mir immer noch nicht verziehen, dass ich dir dieses elende Buch gegeben habe. Apropos …“
 
Der Tabak in seiner Pfeife war niedergebrannt. Mr Lovegate fügte aus einem Lederbeutel in seiner aufgesetzten Tasche noch etwas hinzu, hielt sich das Zippo‑Feuerzeug aus Messing nahe vors Gesicht und entzündete die Pfeife wieder. Er fragte: „Bist du sicher, dass du nicht die ganzen Kisten mit Büchern und Kleidern und Buchstabier‑Pokalen möchtest? Alle Tolstois und Dostojewskis, die deine Mutter so schwer erzürnt haben? Uns nutzen sie ja nun eigentlich wirklich nichts.“
 
„Nein“, antwortete sie und runzelte die Stirn. Kein noch so ausgiebiges Markieren von Gegenständen mit den Worten ‚Theresa‑June Lovegate‘ hatte diese je dazu gebracht, sich ihr preiszugeben. Es war, als wüsste etwas Grundlegendes in den Objekten selbst, wer sie wirklich war, und sie schreckten vor ihr zurück. Selbst die Auszeichnungen, die sie über die Jahre hin angesammelt hatte – die Einsen in Latein und Französisch und Mathematik, das ganz Außergewöhnlich in Ballett und Schwimmen, das Lobenswert im Debattierklub, sie alle hatten sich ihr verweigert. Sie gehörten jemandem, der nicht sie war, der nicht da war. Mr Lovegate ließ seine Pfeife sinken. „Warum willst du sie nicht haben?“ – „Im Haus meines Papas ist kein Platz“, antwortete sie.
 
 
 
„Das Haus deines Papas“, pflegte ihre Mama zu sagen und dann über die Ironie des Ganzen zu lachen. Sie lachte, weil das Haus nicht das ihres Papas war, sondern das eines Fremden. Sie lachte außerdem, weil das Haus gar kein Haus war, sondern eine Umfriedung. Die Holzhütte wuchs aus dem Boden, wie eine Eiche. Manchmal konnte Sunflower nicht sagen, wo der Wald endete und das Haus begann. Gelegentlich wachte sie in einem Bett aus wilden Orchideen auf, während Bienen an ihren Mundwinkeln summten und die Sonne und der Himmel ihr in die Augen liefen. Die Wände waren mit Perlenschnüren and verschiedenen Efeuarten überwuchert. Passionsfruchtranken krochen über die Zimmerdecken. Einmal kam ein Teufelswind und blies die Fensterscheiben weg, und an ihrer Stelle wuchsen aus den breiten, pockennarbigen Blättern einer Fensterblätter‑Pflanze, die sich an der Seite des Hauses in die Höhe wand, neue.
 
Ihre Mama sagte immer, sie hätten kein recht, diese Pflanzen zu schneiden. Sie seien Leute von draußen, und so ließen sie die Türen offenstehen, damit das Draußen hineintaumeln konnte. Sie waren Leute von draußen, und deshalb lebten sie so. Sie öffneten den Mund und tranken den Regen. Sie bewahrten Tomatensamen in Stofffetzen auf. Sie warfen Häppchen für die wilden Hunde vor die Tür. Sie wussten, welche Pilze sie in ihren Tüchern sammeln konnten und welche man nur mit einem Zweig berührten durfte. Sie wussten, welche Lieder man einer Baumschlange vorsingen musste, damit sie davonschlitterte. Sie wussten, wie man mit nichts als einer Schnur ein Kaninchen fing und ihm mit einer Rasierklinge das Fell abzog. Sie bohrten ihre Zehen in den lehmigen Boden und seine Feuchtigkeit sagte ihnen, dass der Fluss in der Nähe war, Wache hielt, unangenehme Gedanken über sie dachte.
 
„Das Haus deiner Mama“, pflegte ihr Papa zu sagen, ganz feierlich, seine Augen voller Schrecken und Staunen. Das war in den Monaten, nachdem ihre Mama ertrunken war, als ihr Papa jeden Abend von ihrer Mama sprach. Über den Fluss und die Fische und die Vögel, die sie mitgebracht hatte.
 
Er war ein einsamer Vagabund gewesen, und eines Tages hatte er ihre Mama gefunden, wie man einen Hibiskus auf einer verlassenen Straße findet. Sie sagte: „Was hast du so lange gebraucht?“ Als ob sie ihn im Innersten kannte, als ob sie eine Verabredung hätten. Er folgte ihr, einer Fremden, in die Tiefen des Waldes. Und sie brachte alles mit.
 
Sie brachte auch das Haus, hatte es aus den Schatten heraufbeschworen. Ein Haus der Spinnweben. Ein Haus des Raunens. Sie war mit ihrem Rattanbesen durch das Haus gegangen, hatte gegen die muffige Luft geschlagen und gesagt: „Ihr seid Geister, die sich auf dem Nachhauseweg verirrt haben, und ich befehle euch, zu weichen.“ Und die Geister wichen und die Fremde und der Vagabund blieben und sie hatten ein Baby und nannten es Sunflower.
 
Sie verbrachte ihre Kindheit damit, im Wald Mangos zu pflücken und sie im umgedrehten Saum ihrer Kutte heimzutragen. Manchmal berührte sie aus Versehen eine haarige rotköpfige Raupe und die Haut an ihrem Arm kribbelte. Dann tupfte ihre Mama etwas Rosenwasser darauf und schimpfte: „Was habe ich dir darüber gesagt, wütenden Dingen in die Quere zu kommen?“ Später schlitzte ihre Mama die Mangos auf und gab Salz und Chilischoten dazu und sie aßen die ledrige Schale, aßen das bittere Fruchtfleisch, das ihnen die Tränen in die Augen trieb, und schabten den Mangokern anschließend mit ihren Zähnen ab, bis er so glatt war wie eine Murmel. Und ihre Mama pflegte zu sagen: „Mein kleiner Fink, sing mir das sanfte Lied.“
 
Sie verbrachte ihre Kindheit auf dem Schoß ihres Papas, wo sie beim Zählen von Kidneybohnen rechnen lernte, und auf seinem Rücken, wenn er durch das schlammige Ufer watete und die Welshöhlen überprüfte, die er aus Baumrinde konstruiert hatte. Am Abend nahm ihre Mama den Fisch aus und ihr Papa entzündete die Blechlampe und schlug Rahm, um Butter zu machen. Ihre Mama und ihr Papa redeten über alle Gegenden, die sie je durchwandert hatten – die Hügel und die Täler, die Ebenen und die Steilhänge, sogar die große Stadt, wo die Sonne ganz lauwarm und grau schien. Und sie sahen sie, Sunflower, an, und sie sagten: „Jamani! Wir haben ein Mädchen, ein ganzes Mädchen, nicht nur ein halbes. Was machen wir nur mit ihr?”
 
 
 
Sie waren wieder unterwegs. Theresa‑June Lovegate rutschte auf ihrem Sitz herum. Die Chiffonärmel ihres Kleides gruben sich an ihren Armen ins Fleisch, spitz wie Stahlnägel. Mr Lovegate deutete auf etwas zu ihrer Linken. Er sagte: „Meine Güte! Schau dir nur an, wie groß diese Herde Bos Taurus ist.“
 
„Kühe“, sagte sie, während sie mit zusammengekniffenen Augen zu den weidenden Rindern mit dem gesprenkelten Fell und den schlagenden Schweifen hinüberblickte. Auf manchen ihrer Höcker saßen Reiher, die nach Grashüpfern schnappten. Mr Lovegate runzelte die Stirn, als habe sie gerade einen Fluch losgelassen. Er sagte: „Theresa‑June Lovegate, leg jetzt bloß nicht deine guten Umgangsformen ab, nur weil du zu den Deinen zurückkehrst.“
 
Sie sagte nichts mehr, kurbelte das Fenster hinunter und starrte die Anlagen und Maschinen an, an denen sie vorbeifuhren. Ein Pestizidbad für Rinder. Eine Posho‑Mühle. Ein Mähdrescher bei der Weizenernte. Sie war vor Jahren genau dieselbe Straße in die andere Richtung hinuntergefahren, als Mr Lovegate sie abholen gekommen war. Sie hatte diese gespenstischen Maschinen beim Worfeln und Dreschen beobachtet. Sie hatte die schwangeren Frauen beobachtet, die Schubkarren mit getrocknetem Mais zum Mahlen schoben. Sie hatte die Ziegen beobachtet, die durch diese Medizinalbäder tauchten und dabei zum Himmel schrien wie Trauernde, die gerade jemanden verloren haben. Es fühlte sich gleichzeitig unheimlich und wunderbar an, genau dasselbe Tableau von Eindrücken zu sehen. Wohl weil es irgendwie hieß, dass sich die Dinge änderten und doch blieben, wie sie waren. Ziegen, die sich ein Jahrzehnt lang heisergeklagt hatten. Frauen mit ungeborenen Kindern, die sich in ihren Bäuchen drehten und wanden. Mr Lovegate sah sie im Rückspiegel an. Er sagte: „Theresa‑June Lovegate?“ Und sie zuckte zusammen und sagte: „Ich heiße Sunflower Aswani.“
 
 
 
Sunflower und Mr Lovegate waren am Waldrand angelangt und lehnten an der Limousine. Es war dieselbe Stelle, an der Mr Lovegate sie ihrem Papa weggenommen hatte und ihr einen Plüsch‑Otter und ein Exemplar von Die Wichtelmänner überreicht hatte. Sunflower hatte zugesehen, wie sich ihr Papa abgewandt hatte. Er war mit seinen Gummistiefeln platschend in die brackige Lagune gestapft, froh, sie los zu sein, damit er sich darauf konzentrieren konnte, ihre ertrunkene Mama zu finden. Sie war damals erst zehn, aber sie hatte seine Trauer verstanden und sie ihm verziehen. Ihr Papa war verschwunden. Sie hatte das Geschichtenbuch geöffnet und die gewundene Handschrift in der rechten oberen Ecke der Seite berührt. Dort standen die Worte: Theresa‑June Lovegate. „Das ist dein neuer Name“, hatte Mr Lovegate gesagt.
 
Sie, Sunflower, war in das Leben eines toten Mädchens eingetreten. Sie übernahm ihren Namen. Sie übernahm ihr Pult in der Schule. Sie übernahm ihren Platz im Wasserpolo‑Team. Sie übernahm ihre Cousine, Poppy Willard. Sie übernahm ihre Pastellmalereien und ihre Tennisschläger und alle Lieder, die sie so gern auf dem Klavier gespielt hatte.
 
Es war genau wie in Der Prinz von Bel‑Air, als die alte Tante Viv verschwand und eine neue ihren Platz einnahm und das niemand zu bemerken schien. So war es auch bei ihr. Die alte Theresa‑June verschwand und wurde durch sie – die neue – ersetzt. Die alte Theresa‑June Lovegate war blond und blauäugig und rotwangig gewesen. Die neue Theresa‑June Lovegate war ein, nun ja, blau‑schwarzes Mädchen. „Schwarz wie Melasse und doppelt so süß“, hatte ihre Mama immer gesagt. Auch dies schien niemand zu bemerken.
 
Cousine Poppy sagte oft zu ihr: „Weißt du noch, damals, als wir acht waren und auf dem Meer segeln waren und dein Papa den Speerfisch gefangen hat, der so groß war, dass unser Boot beinahe gekentert wäre?“ Und obwohl das die alte Theresa‑June gewesen war und nicht sie, lachte Sunflower dann auf und sagte: „Du lieber Himmel! Wir wären beinahe ertrunken.“
 
Cousine Poppy sagte oft zu ihr: „Weißt du noch, als uns auf dem Markt eine Verrückte kidnappen wollte? Sie hatte ein Baby auf den Rücken gebunden und das Baby war tot‑tot. Weißt du noch? Du hast das tote Baby mit einer Karotte angestupst.“ Und Sunflower antwortete dann: „Es war matschig. Tote Babys sind matschig.“
 
Mrs Lovegate sagte oft zu ihr: „Stell das Glas Erdnussbutter wieder hin, Theresa‑June. Weißt du nicht, dass du eine lebensgefährliche Nussallergie hast?“ Und Sunflower musste dann den Toast auf ihren Porzellanteller fallen lassen und sagen: „Hatte ich vergessen, Mutter, verzeih!“
 
„Erzähl mir von ihr“, sagte sie. „Wem?“, fragte Mr Lovegate. „Ihr.“ Mr Lovegate zündete seine Pfeife an und rauchte schweigend, während er mit von der Trostlosigkeit des Windes glänzenden Augen auf die Kampferbäume in der Ferne sah. Er räusperte sich, als setze er zum Sprechen an, aber dann sagte er lange Zeit nichts und Sunflower verlor die Geduld und schnappte sich ihre Baguette‑Handtasche vom Rücksitz. Sie stolperte auf ihren Pumps über den schmuddeligen Boden und wischte sich dabei den goldenen Glitzer von den Augenlidern und die purpurrote Farbe von den Lippen.
 
Er rief ihr nach. „Theresa‑June!“ Sie beschleunigte ihre Schritte. „Sunflower! Sunflower Aswani!“ – „Auf Wiedersehen, Mr Lovegate“, sagte sie. „Ich saß am Steuer“, sagte er. Sie hielt inne und wandte sich langsam um. Er stand ein paar Schritte hinter ihr, seine Wangen, sein Mund und seine Zähne zitterten und ihm triefte Schleim aus der Nase. Sie hatte ihn noch nie so erlebt, so kraftlos, so erbärmlich. „Ich fuhr sie zu ihrem Klavierkonzert. Ich erwischte ein Schlagloch und sie wurde aus dem Fenster geschleudert.“
 
Sie blickte auf ihre Füße hinunter. „Wie war sie?“ – „Temperamentvoll. Sie hatte unglaublich viel Energie.“ Das wusste Sunflower bereits. Die alte Theresa‑June hatte Fragmente ihres Daseins hinterlassen. Sie hatte ihren Namen in die Nachttischschubladen und die hölzernen Latten des Betts eingraviert, in die Rückwand des Schranks und den vergoldeten Rahmen des Spiegels. Sie hatte dies beharrlich getan, ihre Handschrift rot und prall vor Zorn, als habe sie gewusst, dass man sie ersetzen würde.
 
Sunflower wusste es außerdem wegen des Dirt‑Bikes. Mr Lovegate pflegte Sunflower dazu zu zwingen, es jeden Tag nach der Schule aus dem Schuppen zu zerren. Das Dirt-Bike hatte der alten Theresa‑June gehört. Wann immer Sunflower es bestieg, bockte es wie ein wütender Stier. Sunflower schürfte sich die Knie auf und verstauchte sich die Knöchel. Ein paar Mal brach sie sich die Oberschenkel und die Rippen. Mr Lovegate erklärte, sie sei viel zu zart. Das zerbrechlichste Mädchen, das ihm je untergekommen war. Aber Sunflower wusste, dass das nicht stimmte. Es war die alte Theresa‑June, die diese Tobsuchtsanfälle bekam, die versuchte, Sunflower in Stücke zu reißen.
 
Sunflower war nie gerne im Lovegate‑Haus alleine gelassen worden. Die alte Theresa‑June beobachtete sie stets durch die Fensterscheiben, dessen war sie sicher. Wann immer die Lovegates in den Country‑Club fuhren, wanderte Sunflower auf den Feldern herum. Sie verbrachte viel Zeit allein da draußen, die Zunge von Baumtomaten gerötet, die Arme mit Wespenstichen übersät, ihr Taschentuch voller Beeren und Münzen und Kaugummi. Sie pflegte lesend unter den Afrikanischen Tulpenbäumen zu liegen und sich zu fragen, ob ihr Papa ihre Mama jemals gefunden hatte.
 
Sie wandte sich ab, zog die Pumps aus, warf die Baguette‑Handtasche und den Pillbox‑Hut zur Seite. „Auf Wiedersehen, Mr Lovegate“, sagte sie und watete in den Fluss, der ihrer Mama gehört hatte. In seinem Inneren war der Fluss kein Fluss, sondern ein mit Moos bedecktes Zimmer, in dem einsame Mädchen mit angezogenen Knien sitzen und beten konnten. Alhamdulillah, was für ein Segen. Später, als sie aus dem Wasser kam, sah sie einen alten Mann am steinigen Ufer sitzen, sein graues Haar verfilzt und lang, voller Seetang. Er war über einen Wels gebeugt, den er bis zur Afterflosse ausnahm. Er blickte zu ihr auf und winkte sie mit seinem blutigen Taschenmesser zu sich. Er sagte zu ihr: „Sie hat den Fluss mitgebracht, wusstest du das?“ – „Ja“, antwortete sie. „Ja, ich weiß.“