Ästhetik und gesellschaftlicher Auftrag Kunst kann eine Regierung nicht stürzen, aber …

Dekolonisierung: Kunstwerke des südafrikanischen Künstlers William Kentridge werden in Kapstadt, Südafrika, Freitag, 23. August 2019, ausgestellt. Videos, grafische Wandteppiche, Kohlezeichnungen, Holzschnitte, Skulpturen und Klanginstallationen vereinen sich in seiner größten Einzelausstellung, in der er sich mit Themen wie der Apartheidsgeschichte des Landes und der Teilnahme von Afrikanern am Weltkrieg auseinandersetzt.
Kunstwerke des südafrikanischen Künstlers William Kentridge werden in Kapstadt, Südafrika, Freitag, 23. August 2019, ausgestellt. Videos, grafische Wandteppiche, Kohlezeichnungen, Holzschnitte, Skulpturen und Klanginstallationen vereinen sich in seiner größten Einzelausstellung, in der er sich mit Themen wie der Apartheidsgeschichte des Landes und der Teilnahme von Afrikanern am Weltkrieg auseinandersetzt. | Foto (Detail): Trevor Samson © picture alliance / AP Photo

Von Molemo Moiloa

­­­Es gibt diesen Mythos, dass Künstler*innen aus der Isolation ihres Studios und aus einem inneren Antrieb und Genius heraus kreativ sind. Doch dies ist selten der Fall. Künstlerisches Schaffen ist eine zutiefst soziale Praxis. Die meisten Künstler*innen widmen sich in ihren Werken ihren aktuellen Lebensumständen. Nichtsdestotrotz haftet Künstler*innen bis heute das Klischee der in abstrakte Welten entrückten Intellektuellen an. Dies lässt sich zum Teil auf ein in der westlichen Welt verbreitetes modernistisches Paradigma der künstlerischen Praxis zurückführen, das viel zu oft nur deshalb kritiklos übernommen wird, weil man den eigenen Platz innerhalb der sich erneuernden internationalen Kunstszene bestimmen will. Schon immer gab es Künstler*innen, die eine andere Strategie verfolgten, was ihnen die Arbeit keinesfalls erleichterte.

Der südafrikanische Künstler Thami Mnyele (1948–1985), der im Kampf gegen das Apartheid-Regime, im Afrikanischen Nationalkongress und im Black Consciousness Movement aktiv war, klagte in den 1980er-Jahren: „Der Arbeit eines sozial engagierten Künstlers wird in der Regel mit Herablassung begegnet. Hier beschränkt sich die große Kunst der Kritik auf die Feststellung, dass der Künstler kein wirklicher Künstler und seine Arbeit vollkommen klischeebehaftet sei. Was in solchen Kommentaren mitschwingt, ist eine bewusste Missachtung für das Kunstwerk als solches, für seine tatsächliche Bedeutung und Intention, für sein Verhältnis zu den Umständen, die es hervorbrachten … für den Fluss des Lebens. […] Niemals werden wir als bewusste und engagierte Männer und Frauen wahrgenommen, die die Verantwortung und das Schicksal unserer Heimat in ihren eigenen Händen halten.” (Mnyele, Thami: „Observations on the state of the contemporary visual arts“ in South Africa, herausgegeben von Clive Kellner und Sergio-Albio Gonzalez, Retrospektive Thami Mnyele + Medu Art Ensemble, Johannesburg: Jacana, 2009)
 
Dieser Kampf ist nicht neu für viele Künstler*innen auf dem afrikanischen Kontinent, die sich auf die Suche nach einer eigenen „authentischen“ künstlerischen Ausdrucksform machten, gleichzeitig aber auch den Wunsch verspürten, ihr kreatives Talent gegen Kolonial-, Rassisten- und Apartheid-Regimes einzusetzen. Vielfach wird die Auffassung vertreten, dass ein soziales Engagement den eigentlichen künstlerischen Wert der Arbeit schmälert und diese zu „gemeinnütziger Arbeit“ oder „Propaganda“ herabstuft. Andere wiederum betrachten ein soziales Engagement nicht nur als notwendig, sondern auch als unvermeidlich.

Politisierung der Kunst

Doch in der afrikanischen Kunstszene vollzieht sich ein Wandel. Ein soziales Bewusstsein und eine Politisierung der Künstler*innen und ihrer Werke gewinnen zunehmend an Bedeutung. Womit wiederum andere Schwierigkeiten verbunden sind, wie die Tatsache, dass politische Positionen durch ihre Einbindung in eben die Strukturen, die nach wie vor das Problem verkörpern, übernommen und vereinnahmt werden. Andererseits erhalten Künstler*innen auf diese Weise auch mehr Raum und Mittel, um sich mit wichtigen Zeitfragen zu beschäftigen und gemeinsam mit den Menschen in ihrer Nachbarschaft und in ihrem Lebensumfeld für soziale Veränderungen einzutreten.

„In der heutigen Zeit finden wir Künstler*innen, die auf die historische Kolonialzeit und auf das reagieren, was wir über die Ereignisse der Kolonialzeit erfahren. (…) Sie richten den Blick zudem auf eine Art Neo-Kolonialisierung, die auf dem gesamten Kontinent anhält sowohl durch europäische Vorläufer*innen als auch durch andere.“

Molemo Moiloa im Interview

Um weiterhin relevant zu sein und sich aktiv an politischen Diskursen zu beteiligen, schlagen Künstler*innen neue Wege ein und erkunden Strategien zur Schaffung neuer Bildwelten. Viele von ihnen machen dabei die Erfahrung, dass die Grenze zwischen organisatorischer Arbeit und künstlerischem Schaffen immer mehr verwischt und ihr Blick für weitere Möglichkeiten der Kunstproduktion geöffnet wird. Für andere Künstler*innen wiederum hat diese Entwicklung eine Zusammenarbeit mit etablierten – und häufig noch aus der Kolonialzeit stammenden – Institutionen und eine Auseinandersetzung mit öffentlichen Einrichtungen der Erinnerung und Kontrolle zur Folge. Viele Künstler*innen, Museen, Staatstheater, Bildungseinrichtungen, Archive und Medienanbieter in Afrika stellen inzwischen Experimentier- und Organisationsplattformen zur Verfügung und widersetzen sich auf diese Weise sowohl den historischen als auch den gegenwärtigen Ungerechtigkeiten.
 
So zum Beispiel das Kaleni Kollective in Windhoek, Namibia. Die in diesem Kollektiv versammelten kreativen Köpfe organisieren das Owela Festival mit Künstler*innen aus ganz Südafrika, die an der Schnittstelle zwischen Kunst und sozialer Gerechtigkeit arbeiten. Oder die Bildungsplattform Inkanyiso für die Auseinandersetzung mit den Narrativen der LGBTQ+, die von Zanele Muholi in Südafrika ins Leben gerufen wurde. Ein weiteres Beispiel ist das nahe Harare in Simbabwe gelegene Dorf Dzimbanhete, wo sich Künstler*innen dem Ausbau der indigenen Wissenssysteme widmen, indem sie eine Verbindung zwischen Kunst und Gesundheitsversorgung, Architektur, Spiritualität und Ortsverbundenheit herstellen. Und das sind nur einige von vielen weiteren Beispielen.

Ästhetik öffnet sich der sozialen Gerechtigkeit

Viele dieser Künstler*innen nehmen die Beziehung zwischen ihrer künstlerischen Stimme und ihrem sozialen Engagement, die sich so gut wie immer im Fluss befindet, als ausgesprochen komplex wahr. Allerdings steht immer mehr Raum zur Verfügung, um diese Komplexitäten zu erkunden, und die Welt der Ästhetik öffnet sich zunehmend auch für Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

„Wir sind heute an einem Punkt angekommen, an dem wir begriffen haben, dass ein Kunstwerk einen inhärenten ästhetischen Wert haben, aber auch etwas Politisches und Wichtiges zu sagen haben und auf zeitgenössische koloniale Themen reagieren kann.“

Molemo Moiloa im Interview

Die aktuelle Generation von Künstler*innen ist in die Fußstapfen ihrer Vorgänger*innen getreten. Um mit den Worten von Thami Mnyele zu sprechen: „Aufgabe von Künstlern ist das Lernen; Aufgabe von Künstlern ist das Lehren; Aufgabe von Künstlern ist die unablässige Suche nach Wegen und Möglichkeiten, Frieden zu schaffen. Kunst kann eine Regierung nicht umstürzen, aber sie kann Veränderungen herbeiführen. Im Medu Art Ensemble erkunden wir die Möglichkeiten unseres Kunstschaffens im Kontext der Zeit, in der wir leben, der Orte, an denen wir leben und der Ereignisse, die wir erleben […] Wir lernen erneut, wie ein Zusammenleben funktionieren kann. Die Entwicklung dieser Kultur wollen wir mit unserer Kunst unterstützen.”
 
Wie (post-)koloniale Machtverhältnisse den künstlerischen Schaffensprozess beeinflussen sowie über die Rolle der Künstler*innen beim Abbau des (Neo-)Kolonialismus und zum Schutz des kulturellen Erbes – ein Interview des Goethe-Instituts mit Molemo Moiloa im Rahmen der Konferenz „Beyond Collecting: New Ethics for Museums in Transition“ (Neue Konzepte für Museen im globalen Süden) in Daressalam, Tansania, März 2020:

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