Contemporary And América Latina Hunger auf kritische Inhalte

Latitude – Screenshot der Website „C& América Latina“
Screenshot der Website „C& América Latina“ | Screenshot © Goethe-Institut

Seit 2013 bietet die von Julia Grosse und Yvette Mutumba gegründete Plattform „Contemporary And“ (C&) Einblicke in zeitgenössische Kunst- und Kulturszenen aus Afrika und der globalen Diaspora. 2018 kam das vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem Goethe-Institut gemeinsam herausgegebene Magazin „Contemporary And América Latina“ (C& AL) hinzu. Ein Gespräch von „Goethe aktuell“ mit den beiden Gründerinnen.

Von Melanie Zumbansen

Hat sich die Wahrnehmung zeitgenössischer Kunstproduktion aus Afrika und der Diaspora verändert, seit Sie „Contemporary And“ (C&) 2013 gegründet haben – als eine Plattform, die Künstler*innen und Kunstszenen aus Afrika und der globalen Diaspora vernetzt und umfassend eine Kunstwelt informiert, die bis dahin wenig über zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven wusste. 

Wir haben C& in einer Zeit gegründet, in der man durchaus von einem Hype um künstlerische Positionen aus Afrika und der globalen Diaspora in der Kunstwelt sprechen konnte. So etwas kommt ja in der Regel in Wellen, mit den von Okwui Enwezor kuratierten Ausstellungen The Short Century (2001) und documenta 11 (2002) vollzog sich zum Beispiel ebenfalls eine Art „global turn“. Viele Institutionen zogen damals nach und zeigten Projekte mit Arbeiten von Künstler*innen aus Afrika und der Diaspora. Mit C& haben wir jedoch immer nachhaltige Pläne gehabt. „Hypes“ waren nie Teil unserer Vision.

Spätestens mit den diesjährigen weltweiten Eruptionen durch die Black-Lives-Matter-Bewegung, die ja auch einen merklichen Einfluss auf die Kunst und Kunstinstitutionen hatte, ist der Druck nochmals gestiegen, ein globaleres, diverseres Programm anzubieten. Es ist jedoch noch ein langer Weg bis zu wirklich nachhaltigen, tiefgreifenden institutionellen Veränderungen – von langfristigen Programmänderungen über Sammlungsankäufe bis dahin, dass Diversität nicht beim Reinigungs- und Wachpersonal enden darf.

Was wir auf der Produzent*innenseite bei jungen Künstler*innen aus afrikanischen Städten beobachten, ist, dass der Traum vom Arbeiten und Ausstellen in London, Paris oder Berlin zweitrangig geworden ist. Vielmehr gehen viele von ihnen bewusst zurück nach Accra, Kairo oder Lagos mit dem Wunsch, an der Gestaltung lokaler kultureller Infrastrukturen mitzuwirken. Solche Tendenzen finden wir großartig.

An welche Öffentlichkeit wendet sich „C&“?
 
An eine große und unheimlich diverse! Ein Mantra unserer Arbeit ist das sehr passende englische Wort accessibility, „Zugänglichkeit“, und das auf diversen Ebenen: Wir haben C& ganz bewusst von Anfang an als Onlineplattform gegründet, um theoretisch jede*n mit Internetzugang erreichen zu können. Zudem sind alle unsere Inhalte kostenfrei zugänglich, dank der Förderung durch das ifa, das Auswärtige Amt und – im Falle von C& AL – das Goethe-Institut. Auch unsere zwei- bis dreimal im Jahr produzierten Printausgaben verteilen wir stets kostenfrei an eine lokale Community, normalerweise im Rahmen größerer Kunstevents.

Ein weiterer, wichtiger Aspekt von Zugänglichkeit spielt sich bei uns auch in den Interviews, Features oder Essays ab. Ganz bewusst haben wir uns auf C& gegen akademische Texte entschieden. Das Briefing, das unsere lokalen Schreiber*innen erhalten, besagt, komplexe Diskurse so verständlich wie möglich wiederzugeben, um viele Leser*innen aus ganz diversen Kontexten in unser Netzwerk zu holen. Und diese Strategie scheint aufzugehen: C& und C& América Latina werden in mehr als 150 Ländern gelesen, interessanterweise angeführt von Ländern wie den USA und Deutschland, Brasilien, Südafrika, Frankreich, Nigeria oder England, mit insgesamt fast einer Million Klicks pro Jahr und mehr als 300.000 Besucher*innen, die meisten von ihnen im Alter von 18 bis 25 Jahren.
 
2018 gründeten Sie „C& América Latina“, das „C&“ um den südamerikanischen und karibischen Raum erweitert. Welche Motivation gab und gibt es für „C& América Latina“?
 
Seit der Gründung von C& haben wir immer auch Themen besprochen, welche die Verbindungen zwischen Lateinamerika, der Karibik und Afrika betreffen. Das stieß von Beginn an auf sehr großes Interesse, was 2016 dazu führte, dass wir mit dem befreundeten Kunst-Magazin O MENELICK 2º ATO in São Paulo eine gemeinsame C&-Printausgabe produzierten. Diese verteilten wir anlässlich der São Paulo Biennale vor Ort. Zur Launchparty im Zentrum São Paulos feierten mit uns rund 400 Leute der afrobrasilianischen Kunst- und Kulturszene. Im Anschluss kamen viele auf uns zu, um zu sagen, wie selten es sei, dass ein Kunstevent mit und für Afrobrasilianer*innen eben nicht in der Peripherie stattfindet, sondern voll im Kontext des restlichen Kunstgeschehens rund um die Biennale. Spätestens da war für uns klar, dass wir dem Thema mehr Raum geben wollten.
 
Welche Ziele haben Sie für „C&“ und „C& América Latina“?

Beide Magazine und die Marke C& im Allgemeinen definieren sich über die Idee eines globalen Netzwerks. Wir sind extrem glücklich über dieses langsam und stetig wachsende Netzwerk an lokalen Schreiber*innen und Produzent*innen, die mit ihrem tiefen kulturellen Wissen die Stimme von C& sind.
Im Falle von C& América Latina empfinden wir einen regelrechten Hunger der Leser*innen auf kritische Inhalte, die eine existierende und diverse indigene und afro-lateinamerikanische Kunstszene besprechen und sichtbar machen. Und genau das möchten wir noch viel mehr ausbauen.
 
Wie ist das Feedback der Künstler*innen und Kunstszenen auf beiden Kontinenten und in der Diaspora auf „C&“?

So gut, dass wir uns darüber immer noch freuen wie am ersten Tag vor sieben Jahren! Umso mehr, wenn wir von Menschen aus Houston, Nairobi, Bamako, München oder Paris hören, dass C& ihre tägliche Informations- und Netzwerkplattform ist, auf der sie zu Diskursen rund um zeitgenössische Kunst informiert werden, die eben nicht nur in New York oder Berlin stattfindet, sondern auch in Dakar oder Daressalam.