Kunst als Medium urbaner Transformationsprozesse Auf zu neuen Ufern

Latitude – bemalte Mauern in Havanna
Aneignung des urbanen Raums: Wahrzeichen von „Muraleando“ sind die bemalten Mauern des Viertels. | Foto (Detail): © Natalie Göltenboth

Spätestens seit Raul Castros Reformkurs von 2011 sucht die kubanische Gesellschaft nach einem Weg zwischen sozialistischen Idealen und freier Marktwirtschaft. Welche Potenziale hierbei die Kunst und der kollektive Zusammenhalt in einem Stadtviertel freisetzen können, zeigt Natalie Göltenboth am Beispiel der Community‑Projekte „Muraleando“ und „ArteCorte“ in Havanna.

Von Natalie Göltenboth

Wollte man Kubas gegenwärtige Situation in einer Metapher ausdrücken, so böte sich das Flussüberquerungsrätsel an: Ein Bauer will mit Ziege, Kohlkopf und Wolf im Schlepptau den Fluss in einem Boot überqueren, das jedoch jeweils nur einen weiteren Passagier außer ihm selbst fassen kann. Der Bauer muss genau planen, welche Kombinationen möglich sind, damit nicht ein Passagier den anderen auffrisst. Das Rätsel ist im afrikanischen Raum mit Gepard, Huhn und Reis bekannt, in Kuba liest es sich in etwa so: Wenn vor dem Mauerfall  und dem darauf folgenden Zusammenbruch des sozialistischen Blocks zu Beginn der 1990er‑Jahre die Lage im „Boot“ so klar und eindeutig war wie das „Fahrwasser“ des Castro-Regimes, so ist die Überfahrt des schaukelnden Boots zu neuen Ufern einer transformierten kubanischen Wirtschaft und Gesellschaft nun deutlich komplexer. Welche Kombinationen zwischen sozialistischen Idealen und freier Marktwirtschaft lassen sich in diesem Übergang finden und wie können die zentralen Konstanten Ökonomie, Kultur und soziales Miteinander in diesem Boot wohlbehalten ans andere Ufer befördert werden, ohne dass ein Element dem anderen zum Opfer fällt? An der Entwicklung geeigneter Lösungsstrategien für die kubanische Flussüberquerungsaufgabe arbeiten sich kubanische Politiker*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen spätestens seit dem Reformkurs Raul Castros 2011 ab. Aus der Perspektive westlicher Gesellschaften wird dieses Ringen gerne in einen magisch anmutenden Begriff gebannt: Öffnung – und daran gekoppelt die Vorstellung von einem besseren Leben auf Kuba, für alle Kubaner*innen. Dass sich damit auch eine Schere innerhalb der ehemals relativ homogenen Gesellschaft Kubas öffnet, wird im westlichen Öffnungsdiskurs oft schlicht vergessen.

Die Stunde des Individuums und des kollektiven Handelns

In einem spannungsvollen Szenario stolzer Kleinunternehmer*innen – Taxifahrer*innen, Nagelstudiobesitzer*innen und Kunsthandwerkende – mit Zugang zu Devisen, von fleißigen Arbeiter*innen und Professor*innen mit staatlichen Hungerlöhnen, in ihren Schaukelstühlen Fliegen verscheuchenden Resignierten und kaufkräftigen Tourist*innen betritt nun eine neue Figur die kubanische Bühne: der Visionär oder die Visionärin. Der oder die Visionär*in stellt sich in den Mittelpunkt des Karussells kreisender Zukunftsfragen und entrollt einen Plan, in dem Bauer, Ziege, Kohlkopf und Wolf sicher ans andere Ufer kommen. Seine oder ihre Mittel: die Kunst, der Gemeinschaftssinn, der Unternehmer*innengeist. Es ist dies die Stunde des Individuums, seiner Motivation und seiner Handlungsmacht und die Stunde des kollektiven Handelns anstelle endlosen Wartens. Das magische Wort heißt nun: „empoderamiento – Empowerment“ (Selbstermächtigung).

In einem alten Buick fahre ich die Avenida 10 de Octubre entlang, eine sich endlos hinziehende Straße, die das Zentrum Havannas mit dem außerhalb gelegenen Viertel Lawton‑Luyanó verbindet. Rechts und links das alte Havanna: der Staub der Wagen, in den Himmel aufragende Fassaden neoklassizistischer Prachtbauten, die jetzt aber oft ohne Dach unter der Sonne bleichen. Auf den zerfallenden Balkonen und unter den Säulen wird Wäsche getrocknet und Domino gespielt, vor allem aber improvisiert: „no es fácil“ – „Man hat‘s nicht leicht“ ist ein oft gehörtes Mantra – wiederholt von all denjenigen, die sich von den neuen Entwicklungen überfordert fühlen.  
An der Kreuzung zur Calle Aguilera verkündet ein Schild: „Bienvenido al Proyecto Comunitario Muraleando“ – Willkommen im Community‑Projekt Muraleando!
Farbe ist das Erste, was ins Auge fällt: Mit bunten Figuren und neuer Tünche wurden die  kleinen Wohnhäuser herausgeputzt. Aus dem Schrott der Straßen gefertigte Collagen markieren die Kreuzungen des Viertels. Das Wahrzeichen von Muraleando aber sind seine bemalten Mauern, die das ganze Viertel rund um einen alten restaurierten Wassertank dominieren – das Zentrum des Projekts. 2011 hatte sich Muraleando erstmalig eigene Räumlichkeiten erkämpft. Mit vereinten Kräften wurde der großen Tank von Schlamm geleert und daraus einen Galerieraum gemacht, in dem heute die Künstler*innen von Muraleando ihre Werke verkaufen. Rund um „El Tanque“ ist eine patchworkartige Architektur neuer Räume entstanden, in denen Workshops für Kinder, Jugendliche und Senior*innen stattfinden. Es gibt einen Keramikbrennofen, Malstudios, Unterricht in Theater, Percussion und Tanz, eine Videowerkstatt und eine Nähstube.
  • Latitude – Ernesto unterrichtet junge Schüler © Natalie Göltenboth
    Ernesto, Meister der Percussion von „Muraleando“, unterrichtet junge Schüler, deren größter Wunsch oftmals der Besitz eines eigenen Instruments ist.
  • Latitude – Kunstworkshops in „Muraleando“ © Natalie Göltenboth
    Kunstworkshops in „Muraleando“ sind gratis und werden mit großer Begeisterung besucht.
  • Latitude – Kunst am Bau in „Muraleando“ © Natalie Göltenboth
    Kunst am Bau in „Muraleando“ – unverkennbar ist der Stil des Künstlers Victor Mora, hier beim Bemalen eines Schiffs, das später auf dem Dach befestigt werden wird.
  • Latitude – Künstler*innen und Bewohner*innen des Viertels betrachten ihr „Werk“ – das seit 2011 gemeinsam errichtete Community-Projekt „Muraleando“ . © Natalie Göltenboth
    Künstler*innen und Bewohner*innen des Viertels betrachten ihr „Werk“ – das seit 2011 gemeinsam errichtete Community-Projekt „Muraleando“ .
  • Latitude – Papitos Friseursalon ist auch ein Kunstmuseum: Unter dem Motto „Das letzte Haar“ zieren Werke bekannter kubanischer Künstler*innen die Wände. © Natalie Göltenboth
    Papitos Friseursalon ist auch ein Kunstmuseum: Unter dem Motto „Das letzte Haar“ zieren Werke bekannter kubanischer Künstler*innen die Wände.
  • Latitude – Die Autorin unter einer 1950er Jahre Trockenhaube in Papitos Friseursalon „Museo de la Barbería“, Calle Aguiar, Habana Vieja. © Natalie Göltenboth
    Die Autorin unter einer 1950er Jahre Trockenhaube in Papitos Friseursalon „Museo de la Barbería“, Calle Aguiar, Habana Vieja.
Manuel Baldrich Diaz, Initiator des Projekts, ist ein aus der Not geborener Visionär, wie er selbst sagt. Die um sich greifende Perspektivlosigkeit in seinem Viertel wollte er nicht einfach so hinnehmen. 2003 startete das Projekt mit Kunstworkshops für Kinder, die zunächst auf der Straße stattfanden. Manuel aktivierte seine Kontakte zu Künstler*innen aus Europa und Kanada, die willig waren, das Projekt zu unterstützten, das 2016 mit dem staatlichen Preis für Community‑Projekte ausgezeichnet wurde. Manolos Erfolgsrezept: eine Form von Sozialunternehmertum mit den Mitteln der Kunst.

Alle am Projekt beteiligten Künstler*innen können den Galerieraum zum Verkauf ihrer Werke nutzen, solange ein gutes Drittel des Erlöses dem weiteren Aufbau des Projekts dient. Damit einher geht die Verpflichtung zum unentgeltlichen Kunstunterricht für die Bewohner*innen des Viertels. Die kubanische Tourismusagentur Havanatur versorgt Muraleando mit kulturinteressierten Tourist*innen und garantiert damit die Verkäufe im Galerieraum. Eine Erfolgsgeschichte, die sich in dem prosperierenden farbigen Stadtviertel und seinen aktiven Bewohner*innen spiegelt.

Neuer Glanz durch kulturelle Werte und ein soziales Miteinander

Mit ähnlichen Motivationen starteten auch die Community-Projekte ArteCorte – Schnittkunst und Akokan, ebenfalls gegründet von Visionär*innen, die sich angesichts der desolaten Zustände in ihren Stadtvierteln aufgemacht haben, die Bewohner*innen zu mobilisieren, Ressourcen und Kontakte zu nutzen und ein für Kuba neues Phänomen zu kreieren: florierende und zugleich auf sozialen Grundsätzen aufbauende Community‑Projekte, die sich den urbanen Raum aneignen und ihn verändern.

Ein neues Kuba zu schaffen, in dem wirtschaftliches Wachstum mit kulturellen Werten und sozialem Miteinander Hand in Hand gehen, das ist das erklärte Ziel von Gilberto Valladares alias „Papito“, dem es mit seinem künstlerischen Friseurprojekt gelungen ist, nicht nur einer der elendsten Straßen Havannas, Viejas, zu neuem Glanz zu verhelfen, sondern auch ihren Bewohner*innen, die hier im Callejón de los Peluqueros (der Friseurgasse) Boutiquen, kleine Läden und Restaurants betreiben. Ein Teil der Einkünfte fließt in Papitos Friseurschule, in der Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen eine kostenlose Ausbildung erhalten, mit der sie später ihr Auskommen haben werden. Papito selbst schneidet die Haare seiner Kund*innen in einem von ihm in jahrelanger Sammlertätigkeit zusammengetragenen Salon mit antiquarischen Friseurgerätschaften, dem „Museo de la Barbería“. Wer sich hier die Haare schneiden lässt, darf auf interessante Gespräche gefasst sein.

„Ein für Kuba neues Phänomen [...]: florierende und zugleich auf sozialen Grundsätzen aufbauende Community-Projekte, die sich den urbanen Raum aneignen und ihn verändern.“

Akokan, das jüngste der Projekte, wurde 2016 von dem Archäologen Michel Sanchez und seiner Frau gegründet, die einige Jahre zuvor in das marginale Stadtviertel Los Pocitos im Südwesten der Stadt gezogen waren und schnell erkannt hatten, welche Potenziale hier brach lagen. In Kooperation mit staatlichen Institutionen ist ein Community‑Projekt entstanden, das ebenfalls Kinder und Jugendliche durch Workshops fördert, darüber hinaus aber die Anwohner*innen für den ökologischen Anbau von Gemüse und Heilpflanzen gewinnen konnte und damit, wie auch Muraleando und ArteCorte, starke gemeinschaftsfördernde Kräfte entfaltet, die den urbanen Raum neu gestalten.  

Alles in allem gelungene und gewinnbringende Zukunftsmodelle für das noch immer zu bewältigende Rätsel der kubanischen Flussüberquerung. Bleibt noch anzumerken, dass es in Kuba gerade die Öffnung hin zur freien Marktwirtschaft ist und damit die Möglichkeit, Einnahmen zu generieren, die derartige Sozialprojekte erst möglich machen.
 

Literatur

Natalie Göltenboth. 2019. „Muraleando: Artists as Social Entrepreneurs in the Cuban Transformation Process”, In: The Popular Economy in Urban Latin America. Informality, Materiality and Gender in Commerce; (Hrsg.) Eveline Dürr, Juliane Müller. New York: Lexington Books.