Immaterielles Erbe Ladet die Ältesten in die Schulen ein!

Der Prince of Wales schaut sich während eines Commonwealth-Treffens in der ugandischen Hauptstadt Kampala einen traditionellen Tanz an
Der Prince of Wales schaut sich während eines Commonwealth-Treffens in der ugandischen Hauptstadt Kampala einen traditionellen Tanz an | Foto (Detail): Lewis Whyld © dpa

Die mündliche Überlieferung von Traditionen war und ist ein zentraler Bestandteil des afrikanischen Kulturerbes. Über die Herausforderungen und Chancen, die Wissensproduktion und ‑transfer in oral geprägten Kulturen mit sich bringen und wie die Integration oraler Gesellschaften in die globale Wissensgesellschaft gelingen kann: ein Interview mit Abiti Nelson, Kurator für Ethnografie und Geschichte am Uganda Museum.

Afrikanische Kulturen basierten und basieren weitgehend auf mündlich überlieferten Traditionen. Inwieweit lässt sich das afrikanische Kulturerbe dadurch schwieriger erhalten?

Oralität ist ein Teil des afrikanischen Kulturerbes und hat immer eine wichtige Rolle bei der Erhaltung afrikanischer Kulturen gespielt, insbesondere das Wissen und die Praktiken der Heilkunst, Eheschließung, Bestattungsriten, (Wieder-)Beisetzungen, Wissen über das Universum sowie die Erhaltung von Land und Natur. Diese wurden durch Geschichtenerzählen, Gesprächstreffen, Tänze, Poesie und Rätsel weitergegeben. Das afrikanische Kulturerbe steht jedoch vor einigen Herausforderungen, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Räume, über die diese traditionellen Praktiken vermittelt wurden, ausgelöscht werden. Manche wichtigen kulturellen Stätten werden beispielsweise im Namen der Entwicklung zerstört.


Die Idee, dass Modernität allein durch die westliche Linse der Entwicklung gesehen wird, hat manchmal den falschen Eindruck erweckt, afrikanische Kulturen seien minderwertig. Die zahlreichen Konflikte und Gewalttaten, die soziale wie familiäre Strukturen sprengen, machen es den Ältesten häufig unmöglich, das mündlich basierte Erbe an die jüngere Generation weiterzugeben. Manche Artefakte und Objekte, die zur mündlichen Verbreitung und Erhaltung des Kulturerbes eingesetzt wurden, wie etwa Musikinstrumente und Spiele, werden nicht mehr hergestellt. Das liegt auch am Klimawandel und der Umweltzerstörung, die zu einem massiven Mangel an Rohstoffen geführt haben.

Diese Probleme stellen grundlegende Herausforderungen für die Erhaltung des mündlich überlieferten Erbes in afrikanischen Gesellschaften dar. Der Großteil des mündlich überlieferten Erbes ist nicht schriftlich dokumentiert, und wenn wir die Ältesten verlieren, gehen auch das Wissen und die Fertigkeiten des Kulturerbes verloren. Es ist, wie wenn eine Bibliothek abbrennt: Das in den Büchern aufbewahrte Wissen geht verloren.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, das mündliche Erbe und damit das kulturelle Wissen Afrikas für die Menschheit zu bewahren und zu verbreiten?

Die mündliche Weitergabe von kulturellem Erbe ist für Gesellschaften ein Weg, Zusammenhalt zu schaffen und eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.


Die wichtigste Voraussetzung ist, sicherzustellen, dass wir Räume haben, in denen Aufführungen stattfinden. In Uganda ermutigen wir beispielsweise die traditionellen Königreiche, ihre kulturellen Zeremonien zu praktizieren und Älteste, Jugendliche, Frauen, Kinder und alle Besucher*innen einzuladen, den Krönungszeremonien der Könige beizuwohnen. Hier hören die Menschen Tänzen, Liedern und alten Geschichten zu, die erzählt werden. Die Leute essen und feiern. Die Menschen fühlen sich von ihren Anführern wertgeschätzt, und wir wissen, dass es eine Zukunft gibt. Die traditionellen Königspaläste sind wichtige Orte, das immaterielle Erbe zu erhalten und das mündlich überlieferte Erbe in den jeweiligen Gemeinschaften sichtbar zu machen und zu fördern. Aber in dem Moment, in dem die moderne Gesellschaft versucht, die traditionelle Gesellschaft abzuschaffen, verlieren wir das Wissen und die Fertigkeiten der Ältesten und die Weitergabe des Wissens hört auf.

„Die mündliche Weitergabe von kulturellem Erbe ist für Gesellschaften ein Weg, Zusammenhalt zu schaffen und eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.“

Mithilfe moderner Technologie ist es möglich, einen Teil des mündlichen Wissens in digitaler Form zu erhalten und an ein breiteres Publikum weiterzutragen. Die Nutzung mobiler Geräte hat jeden Winkel der afrikanischen Gesellschaft durchdrungen. Die junge Bevölkerung nutzt soziale Medien sehr stark. Mündlich überliefertes Erbe in technologische Plattformen zu integrieren, würde die Jugend aktiv an der Erhaltung ihres Erbes beteiligen. Dabei ist es nicht minder wichtig, Patentrechte zu schützen, wenn Wissen und Fertigkeiten auf neuen Plattformen geteilt werden.


Schulen sollten mündlich basiertes Lernen ebenfalls fördern, indem sie Älteste einladen, die den Schüler*innen die alten Geschichten vermitteln. Traditionelle afrikanische Gesellschaften verfügten über Wege, Konflikte mithilfe praktischer Gesetze zu lösen, die nicht schriftlich dokumentiert waren. Forschende sollten diese Methoden studieren und herausfinden, was davon neben modernen Rechtssystemen funktionieren könnte.

Gibt es alternative Formen, das Kulturerbe in Afrika zu erhalten, die nachhaltig wären – außerhalb des modernen Museums?

Ja, es ist möglich, die neuen Medien zu nutzen, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren oder einige Elemente des Kulturerbes herauszustellen, die für die Gesellschaft wichtig sind. So hat beispielsweise die zeremonielle und rituelle Praxis in Nord-Uganda, durch den rituellen Mato-Oput-Prozess Versöhnung und Frieden in der Gemeinschaft zu initiieren, dazu beigetragen, Straftäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren und einzugliedern. Die Medien verbreiteten dieses wichtige Kulturerbe im Fernsehen, im Radio und gedruckt, das nun in die Mechanismen der Übergangsjustiz des Acholi-Volkes einbezogen wurde.

Ringkampf beim Abènè Festival, Senegal Ringkampf beim Abènè Festival, Senegal | Foto (Detail): K. Hennig © picture alliance / blickwinkel Lokale Gemeinschaften werden ebenfalls ermutigt, ihre traditionellen Praktiken zu dokumentieren und wiederzubeleben. So wurde die traditionelle Methode, Textiltuch aus der Rinde von Ficus-natalensis-Bäumen herzustellen, jetzt in den Lehrplan für ugandische Schulen aufgenommen. Diese alternativen Methoden, Wissen und Fertigkeiten zu dokumentieren, helfen den Gemeinschaften dabei, ihr kulturelles Erbe zu erhalten. Noch wichtiger ist, dass die Gemeinschaften dieses Wissen, diese Praktiken und Aufführungen in ihren eigenen, lokalen Sprachen dokumentieren. Eine weitere Möglichkeit, Kulturerbe zu erhalten, besteht darin, die Kreativbranchen zu fördern. Bildende Künstler*innen sollten ermutigt werden, Artefakte und kulturelle Objekte herzustellen, traditionelle Tänzer**innen sollten Raum zur Vermarktung erhalten und von ihren Aufführungen leben können.


Das Interview führte Eliphas Nyamogo, Online-Redakteur am Goethe-Institut in München.

Interview mit Abiti Nelson im Rahmen der „Museumsgespräche“ 2019 in Namibia: