Kolonialistische Habgier Zehn Dinge, die der Norden immer vom Süden begehrte

Die industrialisierte Welt ist seit Jahrhunderten von der Ausbeutung der Länder des globalen Südens abhängig. Die Liste der Produkte aus dem Süden, die die erste Welt bereichert haben, ist lang. Eine kurze Geschichte kolonialistischer Habgier.

Von Alejandro Gómez Dugand

Die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts und der europäische Imperialismus waren zwei voneinander abhängige Prozesse: Europa befand sich endlich im Besitz der Technologie, die ihm die Herrschaft über seine Kolonien sicherte. Und von ebendort kamen die notwendigen Rohstoffe und Arbeitskräfte, um die Mechanismen der Industrialisierung am Laufen zu halten.

Der Kolonialismus weitete nicht nur die internationalen Handelsbeziehungen aus, sondern veränderte außerdem grundlegend den südlichen Teil der Landkarte unseres Planeten. Asien, Afrika und Amerika wurden weitgehend durch die Habgier der Europäer neu erfunden. Europa, heimgesucht von Kriegen und Epidemien, stieß in den „neuen Welten“, die es jahrzehntelang unterwarf, auf schmackhafte Lebensmittelvorräte, die scheinbar niemals aufgebraucht werden würden. Diese Abhängigkeit rechtfertigte – und rechtfertigt bis heute – die ökologische und menschliche Ausbeutung ausgedehnter Gebiete im globalen Süden. Im Folgenden werden einige jener Dinge vorgestellt, die aus dem Süden stammen und auf die der Norden immer gierig war.

  • Opium Bild: Opiumsüchtige im kaiserlichen China, NN, PD
    Opium: Im 19. Jahrhundert belieferte China das Vereinigte Königreich mit Seide, Porzellan und Tee. Die Briten exportierten im Gegenzug Opium aus Indien nach China. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Konsum von Opium als Medizin und Halluzinogen gestiegen, was zu weit verbreiteten Gesundheitsproblemen führte. Der chinesische Kaiser verbot den Opiumkonsum, und den Briten ging eines ihrer einträglichsten Geschäfte verloren. Dies gab Anlass zu zwei Kriegen, die China Millionen von Menschenleben und den Verlust Hongkongs kosteten und das chinesische Kaiserreich 1911 vollends zu Fall brachten.
  • Kartoffeln Bild: Vincent van Gogh: „Die Kartoffelesser“, 1885, Van Gogh Museum, Amsterdam.
    Kartoffeln: Die Kartoffel ist heute eines der Grundnahrungsmittel der Europäer. Die südamerikanische Knolle, die im 16. Jahrhundert nach Europa gebracht wurde, ist auch mit einem schwierigen historischen Augenblick in der alten Welt verknüpft: Die „Große Hungersnot“ in Irland (1845-1849), die unter anderem durch eine Krankheit ausgelöst wurde, welche die Kartoffelfelder befiel, brachte Irland den millionenfachen Tod genauso wie die Auswanderung von Millionen von Iren, vor allem in die USA.
  • Schokolade Bild: Philippe S. Dufour, „Abhandlung über Kaffee, Tee und Schokolade“, 1685.
    Schokolade: Als dieses zeremonielle aztekische Getränk, dessen Name in der indigenen Sprache Nahuatl „bitteres Wasser“ bedeutet, in den Schiffen der Eroberer nach Europa kam, faszinierte es die Könige und Hofdamen. Die katholischen Autoritäten brachte es dagegen in Bedrängnis: Sie konnten sich nicht einigen, ob das Getränk womöglich sündhaft sein könnte. Die schwierige Kakaoproduktion, die harte Handarbeit erfordert, begünstigte den Sklavenhandel, um die europäischen Aussaaten in Amerika aufrecht zu erhalten.
  • Mais Bild: Sam Fentress, 2005 – CC BY-SA 2.0
    Mais: In Lateinamerika gibt es so viele Wörter für den Mais wie Rezepte, in denen er Verwendung findet. Darüber hinaus haben die Länder des globalen Nordens neue Verwendungsarten für diese Pflanze gefunden. Heute dient der Mais zur Herstellung von Plastik, Biokraft- und Süßstoffen. Als Grundnahrungsmittel der präkolumbischen Kulturen ist der Mais heute eines der meistproduzierten und rentabelsten Produkte in der „ersten Welt“. Die USA sind mit 350 Millionen Tonnen pro Jahr heute der größte Maisproduzent.
  • Kokain Bild: Drug Enforcement Agency U.S.A. – PD.
    Kokain: Der Kampf gegen den Handel mit dem aus der Kokapflanze gewonnenen Alkaloid hat in Ländern wie Kolumbien und Mexiko zu jahrzehntelangen Mafiakriegen geführt, er hat die Agenda der internationalen Politik geprägt und war der Zündstoff des „Kriegs gegen die Drogen“, eines der kostspieligsten und nutzlosesten Konflikte für die Nordhälfte des Globus. Für die produzierenden Länder Lateinamerikas war Kokain die Garantie für den Tod. Seine Legalisierung, für viele die einzige Lösung, ist heute ein strittiges Thema.
  • Diamanten Bild: Ungeschliffener Diamant, Südafrika. Foto: Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0.
    Diamanten: Diamanten haben zu spektakulären Raubüberfällen und charmanten Filmen inspiriert. Aber das härteste Material, das die Natur hervorgebracht hat, war außerdem der wirtschaftliche Motor für ewige Kriege afrikanischer Länder wie Angola, Kongo und Elfenbeinküste. Seit einem Film 2006, in dem Leonardo DiCaprio und Jennifer Connelly die Hauptrollen spielten, ist der Begriff „Blutdiamanten“ in aller Munde. Doch trotz der menschlichen und politischen Kosten wächst der weltweite legale und illegale Handel weiter.
  • Menschen Bild: Kindersklave in Sansibar, Afrika – Maritime Museum, London.
    Menschen: Der Handel mit Menschen existiert seit Anbeginn der Zeit, er hat Revolutionen und Kriege in allen Erdenwinkeln angefacht: vom alten Ägypten und den Sklavenschiffen der spanischen Eroberer über die Eunuchen aus dem Mittleren Osten, Zwerge und Menschen mit Missbildungen, die sich als exzentrische Geschenke den Königen in Europa auslieferten, bis hin zum Verkauf von Frauen als Sexarbeiterinnen. Es hat in der Geschichte kein „Produkt“ gegeben, das mehr ausgebeutet wurde, als der Mensch.
  • Kautschuk Bild: Karikatur gegen belgischen Kautschuk-Kolonialismus in Kongo, Punch-Magazin 1906
    Kautschuk: Als der Schotte John Dunlop 1887 die Herstellung von Reifen neu erfand, wurde Kautschuk, der mit dem Milchsaft eines süd- und mittelamerikanischen Baums hergestellt wird, zu einem begehrten Rohstoff. Seine maßlose Ausbeutung auf amerikanischem Gebiet brachte eine der gewalttätigsten Industrien für Mensch und Natur hervor. Der kolumbianische Roman La Vorágine (1924) von J. E. Rivera porträtiert die Auswirkungen des „Kautschukfiebers“; er erzählt von den Kolonisten, unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der Zerstörung des Amazonas-Regenwalds.
  • Agar Bild: Agarplatte mit Kultur des Bakteriums E. coli – PD.
    Agar: Diese gelatineartige Substanz, die aus Algen stammt, ist ein revolutionäres Produkt in der Mikrobiologie. Entdeckt wurde sie im 15. Jahrhundert, nachdem ein Japaner festgestellt hatte, dass sich seine Algensuppe vom Vortag in Gel verwandelt hatte. Agar wird seither als kulinarische Zutat und für die Herstellung von Plastilin verwendet. Der bedeutendere Nutzen fällt ihm jedoch bei der Produktion von Petrischalen zu, die zur Kultivierung von Bakterien eingesetzt werden.
  • Uranium Bild: Uranwürfel, Teil der Herstellung der ersten Atombombe 1942, US-Energieministerium - PD
    Uranium: Dieses radioaktive Metall, das in der Militärindustrie und als Energiequelle in Atomkraftwerken genutzt wird, ist in Afrika reichlich vorhanden. Niger verfügt über eines der größten Vorkommen dieses Metalls – und ist gleichzeitig eines der ärmsten Länder der Welt. Viele europäische Staaten, die Ländern wie dem Niger Hilfeleistungen bieten, tun dies zu einem hohen Preis: für die Erlaubnis, Uran abzubauen – womit sie diese Länder eines der Produkte berauben, die ihrem Schicksal den entscheidenden Umschwung bringen könnten.