Decolonise Your Concepts Leben wir wirklich im Zeitalter des Postkolonialismus?

Leben wir wirklich im Zeitalter des Postkolonialismus?
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Wer Chattet?

Tiago Sant’Ana (bildender Künstler), Vitjitua Ndjiharine (bildende Künstlerin) und José Mendonça (Schriftsteller) chatten mit Euch darüber, was die Begriffe „postkolonial“ und „dekolonial“ bedeuten, inwiefern man sie auf unsere Gegenwart anwenden kann und was geschehen müsste, damit sie tatsächlich zutreffen.

Konzept und weitere Autor*innen: Regine Hader, Dr. Elisa Jochum
 
Auf WhatsApp und Telegram endet #DecoloniseYourLife am 7.12.2019. Hier könnt Ihr weiterhin alle Chats verfolgen und mitdiskutieren.
  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    _ LizChezca, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

    In dieser Woche hat einer meiner Facebook-Freunde folgenden Satz gepostet: „Postkolonial ist eine Unmöglichkeit, dekolonial eine Mode und antikolonial ein Kampf. Ich nehme den Kampf.“ Dieser Satz stammt von der bolivianischen Historikerin Silvia Rivera Cusicanqui. Was haltet Ihr von dem Zitat? Und in welchem Zusammenhang steht diese Äußerung zu den Gesprächen in eurer Realität vor Ort? Schließlich stammen wir alle drei aus dem so genannten globalen Süden.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Ich finde diesen Satz sehr interessant. Für mich basiert er auf der Idee, dass die Begriffe „postkolonial“, „dekolonial“ und „antikolonial“ tatsächlich unterschiedliche Bedeutungen haben.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Das stimmt. Ich glaube, dass Worte nicht unschuldig sind.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Zunächst einmal kann ich mich erinnern, dass ich persönlich in der Vergangenheit alles abgelehnt habe, was im Zusammenhang mit Kolonialismus stand. Ich denke lieber in _AFROTROPISMEN_, also der Notwendigkeit, einen inneren Antrieb zur Befreiung der Afrikaner*innen zu verspüren.
    Doch das ist nur ein Standpunkt.
    Was das Zitat von Silvia Rivera Cusicanqui betrifft, nehme ich den Kampf. Ich bin antikolonial eingestellt und gegen diese neue Form des Ethnokolonialismus. Ethnokolonialismus ist ein Begriff, der bereits von angesehenen afrikanischen Philosoph*innen und Politolog*innen verwendet wird, um die Entwicklungen nach dem Ende des europäischen Kolonialismus zu beschrieben. Neu Staaten entstanden als multiethnische Mosaike innerhalb künstlich gesetzter Grenzen. Die neuen Regierungen erschufen patrimoniale Staaten und regieren diese auf diktatorische Weise basierend auf _Nepotismus_ und der Zugehörigkeit zur gleichen Partie oder ethnischen Gruppen.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Historisch betrachtet war der Kolonialismus in Afrika in gewisser Weise nie vorüber. Wir haben nur die „Kapitäne“ gewechselt.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Ich hatte schon immer große Probleme mit dem Begriff „postkolonial“. Weil er impliziert, dass es ein „post“ gibt, also eine Zeit nach dem Kolonialismus, oder dass das Koloniale möglicherweise der Vergangenheit angehört. Dieser Begriff kann die Kommunikation verzerren. Wir wissen, dass es das Postkoloniale nicht gibt, weil wir immer noch unter Bedingungen leben, die das koloniale Systeme fortschreiben und updaten.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    @Tiago: Deiner Anmerkung zur Störung der Kommunikation stimme ich zu. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass es das Postkoloniale nicht gibt – zumindest noch nicht. Doch weil du Afrotropismus erwähnt hast: Vielleicht will das Postkoloniale genau das sein.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Den Begriff „dekolonial“ habe ich zum ersten Mal vor etwa sechs Jahren gehört. Obwohl es bereits eine systematische Kritik gegen die Fesseln des Kolonialismus gegeben hat, zum Beispiel durch den Black Activism seit den 1970er Jahren.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Der letzte Teil von Rivera Cusicanquis Satz: „Ich nehme den Kampf“ sagt für mich alles. Nämlich, dass wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, unabhängig davon, welchen Begriffe wir verwenden.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    @José: den Ausdruck „Afrotropismus“ habe ich noch nie gelesen. Kannst du ihn erklären und etwas mehr dazu sagen?

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Für mich bringt Afrotropismus die Situation in Afrika zum Ausdruck. Wir werden von einer politischen Mauer aus mächtigen Armeen belagert, die den Menschen nicht erlauben daran zu arbeiten und aktiv zu werden. Einige Länder, die von der Sowjetunion im antikolonialen Kampf unterstützt wurden, entstanden steinerne, zentralistische Staaten, unterstützt von einer mächtigen Armee und Nachrichtendienste. Diese Nachrichtendienste betätigen sich als Spione ihres eigenen Volkes. In allen öffentlichen und zivilen Institutionen. Die Mission der Armee ist es, jeglichen Versuch des sogenannten Arabischen Fehlings zu verhindern. Dann fühlen sich arme Menschen und unabhängige Intellektuelle dazu verpflichtet, im Sinne der Entwicklung des Landes zu handeln.
    Unsere Arbeitslosenquote ist sehr hoch. Afrika benötigt also einen Impuls, sich in Richtung des Sonnenlichts, der menschlichen Verwirklichung zu entwickeln. Der wichtigste Impuls sollte eine erstklassige Bildung sein.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Ich denke, das ist ein Schlüsselaspekt: Ich mache mir immer wieder Gedanken darüber, wie dieser Diskurs zur kolonialen Dimension Menschen nähergebracht werden kann, die nicht auf dieses Thema spezialisiert sind. Habt ihr persönlich praktische Erfahrungen damit gemacht oder verfolgt, wie es andere probiert haben? Welche Strategien könnten wir nutzen, um die Beteiligung an dieser Debatte zu erleichtern?

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Wenn ich die drei Begriffe postkolonial, antikolonial und dekolonial aus dem einleitenden Zitat höre, kommen mir mehrere Dinge in den Sinn; unter anderem, dass die Transformationsprozesse mehrere Stadien haben. Es fühlt sich unmöglich an, in eine postkoloniale Welt zu gelangen, vielleicht gerade wegen der anderen beiden Konzepte (dem Antikolonialen und dem Dekolonialen).

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Wir dürfen meines Erachtens auf keinen Fall davon ausgehen, dass diese Debatte in Afrika nicht bereits geführt wird! Vielleicht werden sie nicht explizit „dekolonial“ genannt, aber jedes Gespräch über die aktuelle wirtschaftliche Lage – und sogar Gespräche, die wir am Küchentisch über Rassismus führen – sind heute Teil dieses Diskurses.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Die Debatte zu diesem Thema ist relativ neu in Afrika. Oppositionsparteien, Hochschulexpert*innen und Schriftsteller*innen können schon länger darüber sprechen und schreiben, doch der Raum dieser Debatte war eben nicht für jede*n frei zugänglich. In Angola ist es uns erst seit 2017 erlaubt, öffentlich über diese Fragen zu sprechen.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Ich lebe in Namibia, einem Land, das zweimal kolonialisiert wurde – zuerst von Deutschland (1885-1915) und dann unter Südafrika Mandat (1915-1990).

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Im Verlauf der beiden Unabhängigkeitskämpfe wurden diese Gespräche über die Dekolonialisierung hier in Namibia in verschiedenen Formen sowohl in politischen Organisationen als auch in lokalen Gemeinschaften geführt.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Ich bin nicht der Meinung, dass die Diskussion zu diesem Thema neu ist. Ich stimme dir zu, dass der Begriff „dekolonial“ präsenter wird. Doch ich glaube, seit es den Kolonialismus gibt, haben sich Afrikaner*innen verschiedenste Formen des Widerstands entwickelt.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Ich denke, diese Diskussionen werden bereits seit einiger Zeit geführt – nur die Begriffe haben sich verändert. Womit ich mich näher beschäftigen möchte, ist die Frage: Wie können wir daraus eine alltägliche Diskussion machen?

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    In Brasilien fand im vergangenen Jahr die erste Präsidentschaftswahl statt, bei der das Internet für die Kampagne der Ultrakonservativen eine zentrale Rolle gespielt hat. Sie haben die Sprache des Internets, die sozialen Medien und Messenger-Dienste genutzt, um die Menschen zu erreichen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass womöglich die fortschrittlichsten Parteien diese Sprache in gewisser Weise vernachlässigt haben. Habt ihr Euch jemals gefragt, was es bedeuten könnte, wenn diese Debatten zur Kolonialisierung in Form von Memes massenhaft im Internet verbreitet werden würde?

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Offenbar würden damit nicht 100 % aller Probleme gelöst. Aber bietet es zum Beispiel die Möglichkeit, sich an anzunähern, die sich nicht unbedingt mit kolonialen Themen auskennen?

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    @Tiago: Ja, auf Facebook wird eine ausgesprochen leidenschaftliche Debatte zu diesem Thema geführt.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Deshalb mag ich den Begriff „Kolonialismus“ nicht. Kolonialismus ist vorüber. Niemand kann irgendeine Form von Wiedergutmachung fordern. Er gehört also der Vergangenheit an. Das Hauptproblem der heutigen Zeit ist, dass korrupte Gewaltherrscher über unsere Völker regieren und sie unterdrücken.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Wenn wir in einer globalisierten Welt leben, warum verbünden sich die Supermächte dann mit faschistischen afrikanischen Herrschern? Haben wir Diktatoren verdient? Wenn ja, warum haben wir dann gegen die Kolonialreiche gekämpft?

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    @José: In welchem Maß ist der Begriff „Kolonialismus“ deiner Meinung nach wichtig, um an die Ausbeutungen der Vergangenheit und (ihre Folgen bzw.) die Ausbeutungen, die sich aufgrund dieser Vergangenheit weiter fortsetzen, zu erinnern? Siehst du mit anderen Worten die Gefahr, dass ohne eine Verwendung dieses Begriffs das Risiko bestehen könnte, die Verbrechen/Ausbeutung herunterzuspielen oder sogar zu vergessen?

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Das glaube ich nicht. Wir haben ein Sklaverei-Museum und Geschichtsbücher zu diesem langen Zeitraum.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Hier in Namibia zum Beispiel gibt es eine Sammlung von Aufzeichnungen, ein Radical Archive, in dem die Zeitzeugenberichte von Herreros aus den 1940er Jahren versammeln. Sie erzählen von ihren Schwierigkeiten und Kämpfen erzählen.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Historiker Dag Henrichsen hat über das Archiv, das ich bereits erwähnte habe, geschrieben. Dieses Archiv nennt sich das „Windhoeker Prophetenbuch“.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Das sieht sehr interessant aus.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Das „Windhoeker Prophetenbuch“ wurde zuerst von Theo Sundermeier veröffentlicht, dem es in den 1940er Jahren von namibischen Bürger*innen überreicht worden war. Es ist im Archiv der Basler Afrika Bibliographien: https://baslerafrika.ch/wp-content/uploads/2017/06/PA.73_Sundermeier.pdf erhältlich.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Dieses Archiv enthält auch Beiträge von Frauen, die über ihren Kampf berichten, und Vorschläge dazu machen, wie sie von Männern behandelt werden wollen – womit ein weiterer Kampf erwähnt wird, der mit der Kolonialzeit in Verbindung steht: der Kampf der Frauenbewegung.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Hier haben wir es mit schwarzen Männern und Frauen zu tun, die nicht nur über ihren Kampf berichten, sondern auch Vorschläge zu der Art von Gesellschaft machen, in der sie leben möchten. Und zwar zu einer Zeit, zu der Namibia ein Polizeistaat unter dem Apartheid-Regime war.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Und vor allem war dies vermutlich die erste Erfassung von post-genozidalen Erfahrungsberichten der Herero, die in den Jahren 1904 und 1905 einem Völkermord durch das deutsche Kolonialregime ausgesetzt waren. Für mich ist dies ein Beispiel für eine Debatte zur Dekolonialisierung, die nicht ausdrücklich als solche bezeichnet wurde.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Ich beobachte allerdings, dass die Menschen heute schlechter behandelt werden als damals durch die weißen Invasoren. Beispielsweise ist es in der Zeit der Unabhängigkeit bei Vergeltungsmaßnahmen gegen politischer Gegner eher zu Massentötungen und Folter als zu Gerichtsverfahren gekommen. Ich möchte diese Form von neuer Sklaverei veranschaulichen, die durch die Unabhängigkeit entstand. Was bedeutet, dass die Essenz des Staates entlang dieser Geschichte die gleiche bleibt (zum Beispiel die Dynamik der Boer- und der Bantu-Apartheit in Subsahara-Afrika).

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Es gibt eine weitere Strategie: Archive und Museen. Die Dokumentation der Wunden aus der Kolonialzeit in öffentlichen Denkmälern oder Archiven, an denen die Menschen tagtäglich vorübergehen und dabei die Gebäude betrachten, sind dafür geschaffen, sie zum Nachdenken über die Folgen der Kolonialisierung anzuregen.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Eine Möglichkeit, die ich persönlich als wirksames Mittel erlebt habe, ist die Bildung (oder „Wiederbildung“) mit den Mitteln der Künste.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Im vergangenen Jahr habe ich an einem Kunst- und Geschichtsprojekt gearbeitet, in dessen Rahmen drei Ausstellungen in Hamburg (Deutschland) und Windhoek (Namibia) entstanden.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Bildung erfordert umfangreiche Investitionen. Wir investieren immer noch mehr in die Streitkräfte, um die Menschen zu bekämpfen.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Bildung, die sich mit Geschichte, Erinnerung und Kunst auseinandersetzt, ist ein erfolgversprechendes Instrument, weil sie sich nicht nur mit den Fakten, sondern auch mit der Vorstellungskraft beschäftigt. Ich denke, die Kolonialisierung hat uns niemals der Fähigkeit berauben können, uns Dinge vorzustellen und Neues zu erschaffen!

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Für mich ist Bildung durch Kunst unbedeutend. Wir müssen in funktionsfähige Technologiestandorte und Branchenunternehmen investieren.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Die Ingenieure, in die sie investieren, können koloniale Denkmuster reproduzieren, weil es den Geisteswissenschaften, die diese Denkweisen vielfach betrachten und hinterfragen, an Mitteln fehlt. Das ist ein Problem.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Es ist keine Lösung, nur in einen Sektor der Gesellschaft zu investieren.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Um das soziale Gefüge zu verändern, muss die Dekolonialität auf allen Ebenen der Gesellschaft Einzug halten.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Da stimme ich dir voll zu.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Ich bin der Meinung, dass umfassend in Bildung investiert werden muss. Meines Erachtens sind Maßnahmen an der Basis von unschätzbarem Wert: die Durchführung von lokalen Projekten, die Veranstaltung von Diskussionen zum Wesen der Dekolonialität usw.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    So zum Beispiel das Kunstprojekt, das ich bereits erwähnt habe. An dieser Gruppenarbeit waren Künstler*innen, Historiker*innen, Kurator*inn*en und Wissenschaftler*innen in Deutschland und Namibia beteiligt, die einen länderübergreifenden Dialog über Archive und Geschichte und über die Art geführt haben, wie Geschichte erzählt wird und wie dadurch in einigen Fällen koloniales Wissen und Gewalt reproduziert werden.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    @José: Denkst du nicht, dass wir uns dadurch unserer Fähigkeit berauben würden, eine andere Welt zu erschaffen? Findest du nicht, dass Bildung ohne Kunst die Wirklichkeit lediglich auf mechanische Weise wiedergeben kann?

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Zu Kolonialzeiten waren unsere Traditionen und Sprachen überwiegend in Musik, Tanz und Literatur vertreten als in der heutigen Zeit. Die Platten der besten angolanischen Sänger werden in Paris verkauft. Heute singen Sänger nur selten in Regionalsprachen. Wir haben R & B und amerikanische Stilrichtungen frei übernommen.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Im vergangenen Jahr gab es hier in Brasilien eine große Ausstellung zum Thema „Afro-Atlantische Geschichten“: https://glamurama.uol.com.br/galeria/exposicao-coletiva-historias-afro-atlanticas-ganhou-estreia-concorrida-no-masp/#6. Bei dieser Ausstellung standen die Vorstellungen vom Trauma der Kolonialisierung im Mittelpunkt der Gespräche. In Brasilien war es eine der erfolgreichsten Ausstellungen der vergangenen Jahre. Und es wurden Künstler*innen gezeigt, die sich kritische Gedanken zu den Kolonialisierungsbewegungen auf dem afrikanischen und auf dem amerikanischen Kontinent gemacht haben. Im heutigen Brasilien gehen viele davon aus, dass die Bereiche Kunst und Bildung die Vorstellungen der Bevölkerung verändern können. Ich glaube, dass Kunst und Bildung im mikropolitischen Bereich wirksam sind, weil sie Subjektivitäten verändern.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Für mich impliziert AFROTROPISMUS den Abbau der Militärausgaben und die Förderung politischer Alternativen, um den Staat daran zu hindern, im großen Maße für Unsicherheit zu sorgen.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Welche Maßnahmen sind deiner Ansicht nach nötig, um diese Fesseln des Kolonialismus abzustreifen? Ist solch eine „dekoloniale“ Welt innerhalb des, den Globus beherrschenden, kapitalistischen Systems möglich?

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Wir sprechen viel über die finanzielle Logik – die Investitionslogik – doch ich halte es für wichtig, auch über die menschliche Seite zu sprechen.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Das Beispiel der Ausstellung „Afro-Atlantische Geschichten“ ist auch für meine bereits erwähnte Gruppenausstellung von Bedeutung. Hier ein Foto von unseren einer meiner künstlerischen Arbeiten zu dem Thema. Wir haben uns mit der deutschen und der namibischen Geschichte beschäftigt, die ebenfalls traumatisch und vom kolonialen Genozid geprägt ist, wie ich bereits erwähnt habe. Dieser Teil der Geschichte wird heutzutage weder in deutschen noch in namibischen Schulen unterrichtet. Zum einen, weil dieses Thema sehr politisch ist, und zum anderen, weil die Form seiner Präsentation (Archivierung, Gespräche, Schriften) ausgesprochen problematisch war. Sie ist sehr stark „aus der Sicht des Siegers“ geschrieben worden, also ausgesprochen deutschlandzentriert, patriarchalisch und stimmte gewissermaßen einen Lobgesang auf den weißen Mann an, der das Land eroberte.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Eines der Themen, das häufig zur Sprache kam, war die Frage, wie man die Geschichte neu erzählen kann, ohne die Opfer dieser Geschichte erneut zu traumatisieren. Wie kann die Geschichte genutzt werden kann, um künftige Generationen junger Namibier zu „empowern“? Wir alle wissen, dass es bei Geschichte gleichermaßen um die Vergangenheit wie um die Zukunft geht. Durch unser Kunstprojekt haben wir als namibische Künstler*innen die Gelegenheit erhalten, heikle Themen aus der Kolonialzeit zu behandeln und zu diskutieren.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    … und eine Plattform für kritische Pädagogik geschaffen!

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Ja, die menschliche Seite ist wichtig. Doch wie können wir sie unterstützen? Ruanda fördert seine Autoindustrie, aber es gibt keine Freiheit. Während des Kolonialismus wurden auch Industriezweige geschaffen. Im Jahre 1973 war Angola der weltweit größte Kaffeeexporteur. Meine Hauptfrage lautet: Was ist der Unterschied zwischen Kolonialismus und Unabhängigkeit?

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    @Vitjitua: Genau. Es kann keine Veränderungen geben, wenn wir nicht den offiziellen (in der Regel weißen und eurozentristischen) Blick auf die Geschichte der Kolonialisierung in Frage stellen. Ich bin nach wie vor der Überzeug, dass Veränderungen nur durch die neue politische Vorstellung der Wirklichkeit entstehen können.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    @José: Für mich setzt Unabhängigkeit keine Überwindung des Kolonialismus voraus.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Es ist zu bedenken, dass sich Namibia nicht so stark verändert hat wie Angola. In Namibia gibt es nach wie vor eine Form der kolonialen Wirtschaft, die dem Land einen gewissen Wohlstand beschert. Bin ich Kolonialist, wenn ich so etwas sage?

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

     Photo (detail): Vitjitua Ndjiharine

    Genau: die Veränderungen haben sich dort nur langsam vollzogen. Und dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass man sich nie mit der kolonialen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Dieser Prozess kommt inzwischen (wenn auch nur langsam) in Gang; eine Möglichkeit dafür bieten die Künste. Auf der praktischen Ebene der wirklichen Welt ist namibische Kunst revolutionär und lehrreich.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Dies ist zum Beispiel eine Möglichkeit, die ich gewählt habe, um das Thema durch Kunst zu betrachten. Das Werk trägt den Titel „Gespiegelte Realität“. Es befasst sich mit Bildern, die während der Kolonialzeit in Namibia aufgenommen wurden. Dabei handelt es sich um vergrößerte Katalogkarten von Museen (so genannte „Ikono“-Karten), auf denen Fotografien in einem Kolonialarchiv (dieses Archiv befindet sich im Museum am Rothenbaum MARKK in Hamburg) erfasst wurden: http://www.akademie-solitude.de/en/events/membrane-exhibition-refracted-gazes~no3976/

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Um den kolonialen Blick zu erwidern, bestand meine Strategie darin, die Personen auf den Fotos zu entfernen und sie durch eine reflektierende Spiegelfolie zu ersetzen, sodass die Betrachter*innen sich selbst sehen können. Auf den Karten standen häufig Texte zur Beschreibung der fotografierten Menschen oder Situationen. Für mich war dies ein Beispiel dafür, wie Archive koloniales „Wissen“ reproduzieren. In einigen Fällen, wenn die Erläuterungen rassistisch oder sexistisch waren, habe ich die entsprechenden Worte mit pinken Streifen überdeckt – im Wesentlichen, um solche problematischen Formulierungen zu zensieren.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Dies war also eine der Strategien, mit deren Hilfe ich als Künstlerin über Gewalt in der Geschichte sprechen konnte, anstatt sie zu ignorieren. Außerdem verfüge ich damit über eine Strategie und Möglichkeit, mich mit dem kolonialen Blick auseinanderzusetzen, der offen gesagt auch heute noch bedeutend ist. Die Fotografie der Kolonialzeit hat eine zentrale Rolle bei der Legitimierung und Regularisierung des Kolonialismus gespielt. Bis zum heutigen Tage haben derartige Fotos einen Einfluss darauf, wie das moderne Afrika dargestellt wird. In Namibia hat man sich nie wirklich mit solchen Bildern beschäftigt; alles wurde irgendwie unter den Teppich gekehrt – wodurch mehr Spannung entsteht, die sich in unterschiedlichen Formen manifestieren.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    @Vitjitua Ich habe mich ebenfalls künstlerisch mit dem Thema beschäftigt – in meiner Arbeit als bildender Künstler befasse ich mich besonders stark mit der Erinnerung an koloniale Architektur in Brasilien. Meine Performances biete ich in einer alten Zuckermühlen in meiner Geburtsregion dar. Es ist sehr schmerzvoll zu sehen, dass die Geschichten der kolonialen Gewalt an diesen Orten nicht mehr erzählt werden.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Ja, das stimmt. Auch das haben wir meines Erachtens an dieser Stelle gemeinsam. Einige Orte, die Schauplätze von Gewalttaten waren, werden heute einfach ignoriert. Hier in Namibia gibt es unzählige Fälle, in denen Bahnlinien oder Gebäude auf den Massengräbern der Opfer des Kolonialismus errichtet werden.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Ich habe eine letzte Frage: Wie stellen wir uns eine Welt vor, die sich von unsereren Wirklichkeiten vor Ort unterscheidet, ohne dabei zu vergessen, dass wir die koloniale Logik überwinden müssen?

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Darf ich auf unsere Wirklichkeit zurückkommen? Die Bilder des kolonialen Missbrauchs wurden von den Regimes der heutigen Zeit ersetzt.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Als Schriftsteller habe ich Geschichten und Gedichte geschrieben, die sich mit der Vergangenheit und der Gegenwart auseinandersetzen, um ganz einfach zu zeigen, dass es einen Unterschied gibt: Es geht heute noch weniger um Humanismus und die kulturellen Wurzeln werden noch gründlicher ausgerottet...

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Als Künstlerin und Schriftstellerin bediene ich mich der Strategie, unsere Bilder zurückzufordern. Unsere eigenen Geschichten in unseren eigenen Worten zu schreiben. Auf diese Weise kann die Debatte in unseren Alltag Einzug erhalten.
    Um uns eine neue Wirklichkeit vorstellen zu können, müssen wir pädagogische Strategien entwickeln, die junge Menschen „empowern“, sie fördern.

  • Tiago Sant'Ana Tiago Sant'Ana

    Lieber Leser*innen, welche Begriffe würdet ihr in dieser Diskussion verwenden? Was denkt ihr über die Idee des Postkolonialen und des Dekolonialen? Mit welchen Strategien kann sich ein breiteres Publikum an der Diskussionen beteiligen?

  • Reader Frage eines Lesers/einer Leserin

    Wenn wir über (Post-)Kolonialismus diskutieren, ist es notwendig, die bestehenden Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen, nicht nur zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, sondern auch zwischen den Ländern des globalen Südens. Und genauso interessant: die Machtverhältnisse innerhalb bestimmter ehemaliger Kolonien, die auf dem Kolonialismus zurückgehen.

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Ich stimme zu, dass die Betrachtung der Machtverhältnisse zwischen ehemaligen Kolonien entscheidend für die Diskussion ist. Ich denke auch, dass Kulturschaffende und sogar politische Entscheidungsträger aus dem globalen Süden miteinander in Kontakt treten müssen – die Auswirkungen des Kolonialismus in den jeweiligen Ländern vergleichen und kontrastieren sollten. Der Kolonialismus nimmt nach wie vor viele Formen an (die heutigen Machtverhältnisse zwischen dem globalen Norden und dem Süden zum Beispiel sind eine andere Einschreibung des Kolonialismus). Es muss ein Zusammenkommen dieser betroffenen Nationen geben, um untereinander und mit den ehemaligen Kolonialmächten eine postkoloniale Zukunft zu verhandeln.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Die Beziehungen zwischen den Ländern des Südens werden durch den Impuls, einen Handelsüberschusses zu generieren, bestimmt. Darf ich auf unsere Beziehungen zu China hinweisen? Es ist ein offensichtlicher Fall. Unter den ehemaligen afrikanischen Kolonien gibt es weder einen bemerkenswerten wirtschaftlichen noch kulturellen Austausch, insbesondere mit Angola. Wir sind mit Brasilien, Portugal und anderen europäischen Ländern wie über eine Nabelschnur verbunden.

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Postkolonialist*innen würde nicht sagen, dass der Kolonialismus vorbei ist. Darüber hinaus würden sie  argumentieren, dass die kolonialen Diskurse nach wie vor bestehen.

  • José Luís Mendonça José Luís Mendonça

    Die oben beschriebene Situation rechtfertigt eine Fortsetzung des postkolonialen Diskurses. Aber diese Unterwürfigkeit ist unseren Regierungen zu verdanken.

  • Reader Frage eines Lesers/einer Leserin

    Meine konkrete Frage ist, ob nicht alle Religionen - die als groß oder klein bezeichneten Religionen oder Sinnvorstellungen für die Welt - weltweit und für alle Menschen gleichermaßen gelten können. Wieso werden für afrobrasilianische Religionen immer Begriffe wie „Kulturelle Aneignung“ verwendet, für das Christentum oder den Islam nicht?

  • Vitjitua Ndjiharine Vitjitua Ndjiharine

    Lasst mich vorausschicken, dass ich, um ehrlich zu sein, mehr Kontext bräuchte. Mein Wissen über afrobrasilianische Religionen und, wie sie wahrgenommen werden, ist begrenzt.
    Soweit ich weiß, ist Brasilien hauptsächlich christlich – insbesondere katholisch – und synkretistisch (d.h. kombiniert mit anderen Glaubensformen und Denkweisen). Ich halte das für das Ergebnis eines Schmelztiegels von Kulturen und nicht für eine Aneignung. Candomblé zum Beispiel, das einige Aspekte des Islam sowie Formen west- und zentralafrikanischer Religionen integriert.
    In diesem Zusammenhang konnten Sklaven, die nach Lateinamerika gebracht wurden, an ihren Herkunftskulturen festhalten und sich in ihrem neuen Umfeld an neue Glaubenspraktiken anpassen – das ist etwas komplizierter und nuancierter als kulturelle Aneignung.
    Wenn sich jetzt hingegen Beyoncé in einer Performance bei den Grammys wie Oshun kleidet, für Millionen von Zuschauern, in einem Moment der Pop-Kultur, der „cool“ und auch flüchtig ist: Das ist kulturelle Aneignung.