Postkoloniale Weltordnung Die Welt muss sich gemeinsam entwickeln

Viele Herausforderungen wie Klimawandel oder Finanzstabilität stellen sich heute auf internationaler Ebene. Nationalstaaten allein können ihnen nicht gerecht werden.
Viele Herausforderungen wie Klimawandel oder Finanzstabilität stellen sich heute auf internationaler Ebene. Nationalstaaten allein können ihnen nicht gerecht werden. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance /ZUMAPRESS.com/Guillaume Payen

Mit Ende des letzten Jahrtausends gilt auch die Kolonialzeit als beendet, die über mehrere Jahrhunderte die Welt geprägt hat. Viele ehemalige Kolonien gehören heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Dies allein auf den Kolonialismus zurückzuführen, greift jedoch zu kurz.

Von Hans Dembowski

In den 1990er Jahren wurden die letzten wichtigen Kolonien unabhängig: Damit gilt die Kolonialzeit als beendet. Da aber viele ehemalige Kolonien heute zu den ärmsten Ländern der Welt gehören, mag es so aussehen, als bestünden die alten Herrschaftsstrukturen fort. Oberflächlich betrachtet gibt es dafür auch Belege – etwa, dass viele der betroffenen Länder weiterhin vor allem Rohstoffe exportieren. Auch hängen viele von Entwicklungshilfe (Official Development Assistance, ODA) ab, ohne die einige geringst-entwickelte Länder wie Niger oder Haiti nicht überlebensfähig wären.

Nicht alle Länder entwickeln sich gleich

Und dennoch: Der Eindruck täuscht. So wurden zum Beispiel auch Nordamerika und China von Kolonialmächten ausgebeutet, die USA und die Volksrepublik sind aber heute ökonomisch wie politisch die wichtigsten Länder. Auch Südkorea ist in den vergangenen Jahrzehnten von einem bettelarmen Entwicklungsland zu einer hochentwickelten Nation aufgestiegen. Mittlerweile leistet es selbst Entwicklungshilfe und gehört dem Dachverband der reichen Nationen an – der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development). Argentinien hingegen, das Anfang des 20. Jahrhunderts zu den reichen Ländern zählte, ist weit zurückgefallen. In der früheren britischen Kolonie Kenia entwickeln sich heute vielversprechende Innovations- und Startup-Szenen. Das Nachbarland Äthiopien, das nicht kolonialisiert wurde, sondern nur wenige Jahre von Italien besetzt war, hinkt dagegen deutlich hinterher.
Der Human Development Index gibt anhand von mehreren Faktoren eine Einschätzung über den Stand der Entwicklung der Länder weltweit. Der Human Development Index gibt anhand von mehreren Faktoren eine Einschätzung über den Stand der Entwicklung der Länder weltweit. | Foto: © picture-alliance/dpa-infografik (113334244) Sicherlich wirkt die Kolonialzeit nach, aber die Ausprägung ist von Land zu Land verschieden. Im Gangesdelta, das heute zu Indien und Bangladesch gehört, unterdrückten die britischen Kolonisatoren einst die Textilindustrie. Heute floriert sie in Bangladesch. Aber die Fabriken zahlen schlecht und beachten nur selten grundlegende Arbeitnehmerrechte. Deshalb gilt die dortige Textilindustrie vielen Europäern und Europäerinnen heute nicht als eine Emanzipation von kolonialen Strukturen, sondern vielmehr als eine Fortsetzung derselben. Im Land selbst wird das anders beurteilt, denn ohne ihre Jobs in der Kleidungsfertigung ginge es den Arbeiterinnen und Arbeitern noch schlechter.
 
Klar ist, dass extreme Ungleichheit die Weltgesellschaft prägt. Länder entwickeln sich unterschiedlich. Die große Frage ist, was die Grundlagen für Erfolg sind.

Keine Blaupause für Entwicklung

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist das Niveau der Arbeitsteilung wichtig. Dafür kommt es darauf an, dass genügend relevante Parteien und Akteure Verantwortung übernehmen. Es geht nicht nur um die Regierung. Der entscheidende Punkt ist, dass die gesellschaftliche Differenzierung um so größer wird, je weiter Entwicklung vorankommt. 
 
Hochentwickelte Gesellschaften haben viele verschiedene Wirtschaftsbranchen, brauchen eine gute Infrastruktur und garantieren Eigentumsrechte. Sie benötigen für ein breites Spektrum unterschiedlicher Berufe ein spezialisiertes Bildungssystem inklusive forschungsstarker Hochschulen. Erforderlich sind zudem eine unabhängige Justiz, liquide Finanzmärkte und ein zuverlässiger öffentlicher Sektor.
 
Die Koordination all dieser Komponenten lässt sich weder von oben per Befehl anordnen, noch entsteht sie aus dem freien Spiel der Märkte. Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft und andere soziale Systeme müssen sich dynamisch entfalten, sich aber zugleich sinnvoll ergänzen. Jede reiche Nation hat für dieses Wechselspiel ein eigenes Modell herausgebildet. Es gibt keine Blaupause, die sich einfach kopieren ließe. Jede neu aufsteigende Nation geht ihren eigenen Weg.
 
Oft scheitert Entwicklung schon in frühen Stadien – wenn beispielsweise mächtige Interessengruppen wie Landbesitzer alles blockieren, was ihre Macht beeinträchtigen könnte. Staatliche Macht wird destruktiv, wenn sie individuelle Interessen bedient. Besonders schädlich ist Identitätspolitik, die Minderheiten dämonisiert. Wo sich Frustration und Enttäuschung in Bürgerkriegen entlädt, ist keine positive Entwicklung möglich. Beispiele sind Länder wie Jemen oder der Südsudan, wo Konflikte jede positive Entwicklung verhindern.

Internationale Zusammenarbeit als Ziel

Viele Herausforderungen – wie etwa Klimawandel, Terrorismus, Finanzstabilität – stellen sich heute auf internationaler Ebene. Nationalstaaten allein können ihnen nicht gerecht werden. Die „America First“-Slogans von US-Präsident Donald Trump sind unsinnig: Waldbrände im Amazonasbecken beschleunigen den Klimawandel, der alle Nationen bedroht und überall Kosten verursacht. Wenn Armut und Kriege Menschen aus ihren Ländern vertreiben, müssen reiche Länder mit Migrations- und Fluchtbewegungen klarkommen.
 
Die Abhängigkeiten sind mehr denn je wechselseitig. Deshalb beschlossen die UN-Mitgliedsstaaten 2015, gemeinsame Ziele für Entwicklung zu setzen: Es ging ihnen nicht mehr nur darum, dass reiche Industrieländer ärmeren Entwicklungsländern helfen sollten, sondern darum, gemeinsame Lösungen zu finden. Heute sind daher alle Länder aufgerufen, die UN Agenda 2030 mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustainable Development Goals) umzusetzen. Die globalen Entwicklungsziele richten sich an alle Staaten – ganz unabhängig davon, ob sie Entwicklungs- und Industrieland sind, oder ob sie einmal Kolonialmächte oder Kolonien waren.