Decolonise Your Food „Fusion Food“ - Austausch oder Aneignung?

Fusion Food: Austausch oder Aneignung?
Foto (Detail): Paolo Bendandi/Unsplash

Wer chattet?

Anna Felicity Friedman (Kulturhistorikerin), Ozoz Sokoh (Foodbloggerin) und Li Zhang (Soziologin) chatten mit Euch darüber, welche (post-)kolonialen Strukturen und Formen kultureller Aneignung in unserem Essen stecken – und was wir für die Zukunft mitnehmen können.  

Konzept und weitere Autor*innen: Regine Hader, Dr. Elisa Jochum
 
Auf WhatsApp und Telegram endet #DecoloniseYourLife am 7.12.2019. Hier könnt Ihr weiterhin alle Chats verfolgen und mitdiskutieren.
  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Ich bin leidenschaftliche Köchin und liebe es, interessante und ungewöhnliche Zutaten aus aller Welt zusammenzubringen und miteinander zu kombinieren. Vor einigen Tagen habe ich beim Aldi um die Ecke beispielsweise zentralamerikanische Guaven und Barsch aus dem Mittleren Westen der USA entdeckt und mich zu einer Kreation aus gegrilltem Fisch mit einer asiatisch gewürzten Guaven-Sauce (mit Sojasauce, Ingwer, Mirin) inspirieren lassen, den ich mit Vollkorn-Basmatireis angerichtet habe. Wenn ich so koche, stelle ich mir immer folgende Frage: Wie können wir vermeinen in die Exotizismus-Falle zu tappen, wenn wir Zutaten kombinieren, die ohne die Globalisierung niemals auf einem Teller gelandet wären? Wie können wir dann vermeiden, in die Fallen des Exotismus, der kulturellen Aneignung oder kolonialer Denkmuster zu geraten?

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Anna, dein Gericht klingt ungewöhnlich – und köstlich. In Nigeria gibt es auch Guaven, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie so zu kombinieren. Was mich am Kochen fasziniert, ist die Möglichkeit, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen, neue Gerichte zu kreieren und neue Aromen und Texturen zu erkunden. Bestimmte Nahrungsmittel werden wegen unserem eigenen kulturellen Hintergrund und unseren Identitäten immer etwas Anziehendes und „Exotisches“ für uns haben.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Du fragst, wie wir die Fallen des Exotismus, der Aneignung und kulturellen Denkmustern umgehen können? Meine Antwort lautet: Respekt. Indem wir die Zutaten würdigen, durch die Namen, die wir Gerichten geben, und die Ansprüche, die wir an sie stellen. Respekt, Respekt, Respekt – für die Geschichte, das Erbe und die Herkunft des Essens.

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Menschen brauchen Essen, um zu überleben, also wurde in der Geschichte der Menschheit vor allem das gegessen, was verfügbar war. Sicherlich hat jeder Kulturkreis eigene Pflanzen und Tierarten, eine eigene Küche und besondere Zubereitungsarten entwickelt. Doch die „Globalisierung“ ist kein neues Phänomen. Seit Jahrhunderten gibt es einen weltweiten Austausch von Saatgut und Lebensmitteln. Könnt ihr euch „italienisches Essen“ ohne Tomaten aus Amerika vorstellen? Das gleiche gilt für China. Die Sichuan-Küche könnte ihre Schärfe nicht ohne scharfe Chilischoten aus Amerika erhalten. Außerdem gibt es bei uns viele traditionelle Gerichte mit Mais, Kartoffeln und anderen Zutaten, die ihren Ursprung nicht in China haben. Durch den Import dieser Sorten vor vielen Jahrhunderten konnten wir den Hunger in China, aber auch in Europa und andernorts bekämpfen. Ein Großteil dieses Austauschs war auf den Kolonialismus zurückzuführen. Doch für die Menschen ging es im Zusammenhang mit Essen um das pure Überleben. Was nicht bedeutet, dass Annas Bedenken nicht gerechtfertigt wären.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Was wäre, wenn wir die Geschichte nicht kennen würden? Was, wenn die Lebensmittel ihre Reise in die Supermarktregale für „Internationale Lebensmittel“ antreten, und ich als Touristin wahllos Lebensmittel kaufe, die an ihrem Herkunftsort über eine tiefere kulturelle Bedeutung verfügen? Ich gebe bereitwillig zu, dass ich aus diesem Regal allein deshalb Zutaten auswähle, weil ich sie noch nie zuvor gesehen habe. 

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    ...oder Abonnements für die Zusendung kulinarischer Essensboxen wie „Try the World“ nutzen. Geht es dabei um Exotismus/Ausbeutung oder um die Möglichkeit eines fruchtbaren kulturellen Austauschs?

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Dies ist eine Möglichkeit, die Welt „ohne Grenzen“ zu erkunden. So habe ich beispielsweise indische und nordafrikanische Delikatessen probieren dürfen. Für mich lässt sich auf diese Weise ein differenziertes Bewusstsein für die Küchen dieser Welt schaffen. Je mehr wir wissen, desto besser verhalten wir uns. @Anna Du hast recht, möglicherweise kennt nicht jede*r die Geschichten oder Ideen, die hinter bestimmten Zutaten stecken. Doch wenn wir ein Gericht zubereiten, sollten wir uns zuerst über diese Aspekte informieren. Beispielsweise indem wir das Rezept lesen oder uns mit andere Menschen darüber austauschen. Ich finde es wichtig, eine gewissen „Demut“ zu empfinden. Könnt ihr euch an #Jollofgate erinnern, einen Vorfall aus dem Jahre 2014, bei dem Jamie Oliver Jollof-Reis mit Zitronen, ganzen Tomaten und anderen Zutaten zubereitete, die traditionell nicht in das Gericht gehören, und das Ganze Jollof nannte? Einen derartigen Aufschrei hatte es auf Social Media in Westafrika noch nie gegeben. Ihm wurde vorgeworfen, Gerichte kolonisieren zu wollen. Hätte er das Gericht als seine eigene Idee, seine eigene Variation beschrieben, hätten die Westafrikaner*innen ihm möglicherweise vergeben, doch diese selbstverständliche Bezeichnung löste eine Welle der Empörung aus.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Essen und kulturelle Identität sind miteinander verknüpft. Wie meint ihr, könnte ein vernünftiger Umgang mit Kochen und Fusionsküche bei „Tourist*innen“ aussehen?

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Ich denke, wir sollten, soweit es geht, als Reisende und nicht als Tourist*innen unterwegs sein. Wenn ich aus dem touristischen Impuls heraus eine Zutat kaufe, informiere ich mich später zu Hause (was mit dem Internet mittlerweile deutlich leichter geworden ist, obwohl die Kochbuchabteilungen in Büchereien auch eine großartige Quelle sind und ich selbst eine Sammlung mit über 100 Kochbüchern aus aller Welt besitze).

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Matzoh Foto (Detail): Godong © www.relivision.com

    Ich glaube, dass ich noch nie eine Zutat mit einer besonderen heiligen Bedeutung verarbeitet habe. Allerdings frage ich mich, was ich tun würde, wenn ich jemals in eine solche Situation geraten würde, in der ein Lebensmittellieferant ein Produkt verkauft, obwohl es gar nicht für die Verwendung durch Außenstehende bestimmt ist. Gibt es so etwas überhaupt in der Welt der Lebensmittel? @Leser*innen: Kennt ihr Zutaten, denen von Natur aus eine heilige Bedeutung zugeschrieben wird? Ich bin zur Hälfte Jüdin. Ich frage mich, ob es in Ordnung ist, wenn Menschen beispielsweise Matzen als Knabberzeug kaufen? Gleichzeitig verwende ich, ohne weiter darüber nachzudenken, Matzemehl anstelle von Semmelbröseln, weil es Panaden eine zusätzliche Note verleiht. Darf ich das, weil ich zur Hälfte Jüdin bin, oder kann dies jede*r ohne Weiteres tun, ohne die Geschichte von Matzen zu kennen?

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Anna, ich bin der Überzeugung, dass wir als Vertreter*innen unserer jeweiligen Esskulturen keinen exklusiven Anspruch auf Zutaten haben. Daher sage ich: Ja, jede*r kann Matzen kaufen und auf beliebige Weise verwenden, ohne ihre Geschichte zu kennen. Doch wenn diese Menschen dann tiefer in die Materie eintauchen, um beispielsweise Matzeknödel-Suppe zu kochen, hoffe ich, dass sie sich mit den Ursprüngen vertraut machen und, wenn sie neue Wege beschreiten, zumindest auf das traditionelle Rezept verweisen. Dies ist natürlich der Idealfall, der nicht immer zutrifft.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    @Ozoz: Die Vorstellung, dass Lebensmittelzutaten im Grunde Rohstoffe sind, auf die niemand einen „Anspruch“ hat, finde ich sehr interessant. Dann sind es die Rezepte – die Art, wie die Zutaten miteinander kombiniert und als Gericht benannt werden –, bei denen es zu Schwierigkeiten kommen kann. Wäre es in diesem Sinne möglicherweise problematisch, wenn ich meine Guaven-Sauce mit Sojasauce und Ingwer als „asiatisch gewürzt“ bezeichne? Vielleicht wäre es besser, einen Namen zu finden, der lediglich auf die Zutaten verweist.

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass keine Gruppe einen alleinigen Anspruch auf Lebensmittel oder Zutaten hat. Außerdem müssen wir für den Schutz unserer Lebensmittel kämpfen.

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Entscheidend sind nicht so sehr unsere kulturelle Identitäten oder unsere respektvollen oder respektlosen Verhaltensweisen, sondern die damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Wir müssen uns ausführlicher damit beschäftigen, für wen ausgefallene Lebensmittel aus aller Welt überhaupt erschwinglich sind und wer sich nur die günstigsten Dinge leisten kann, die für ihn oder sie übrig bleiben.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Ja, das ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Punkt: Exotismus im Zusammenhang mit Lebensmitteln ist nicht nur eine Frage des interkulturellen Austauschs (oder der Aneignung), sondern auch der sozialen Klasse/Wirtschaftskraft.

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Wer kann lokale Lebensmittel und Esskulturen bewahren, und wessen Lebensmittel und Esskulturen wurden von den Äckern und Märkten verdrängt? Das Absurde daran ist, dass sich wohlhabende, weltoffene Menschen in Los Angeles und Berlin gesunde, biologische, „bäuerliche“ (und damit ursprüngliche) Lebensmittel aus allen Himmelsrichtungen gönnen können. Währenddessen haben die armen Bäuer*innen, die diese Lebensmittel produzieren, nur Zugang zu billigen, verarbeiteten Lebensmitteln, bei denen es sich zumeist um gedumpte Einfuhren aus dem globalen Norden handelt.

    Der Dokumentarfilm Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen (Seed: The Untold Story) zeigt dies sehr gut! www.seedthemovie.com

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Gibt es Unterschiede, wenn man den Austausch von Lebensmitteln unter extremen kapitalistischen Bedingungen mit dem historischen Austausch von Lebensmitteln nach alten Bedingungen des Handels/der Vereinheitlichung der Produkte vergleicht? Oder passt die heutige Ausprägung ebenfalls in dieses Spektrum?

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Das ist eine gute, wenn auch schwierige Frage, Anna. Meines Erachtens gibt es erhebliche Unterschiede. Zunächst vollzog sich der Prozess des Austauschs von verschiedenen Lebensmitteln und Sorten in der Vergangenheit relativ langsam, und neue Lebensmittel wurden schrittweise in lokale Herstellungsverfahren und Kochgewohnheiten übernommen. Sie wurden Teil der Esskultur und je nach dem Wert, den sie für ihre jeweiligen Produzent*innen hatten, vor Ort angebaut. Heute dagegen vollzieht sich der internationale Handel mit Lebensmitteln deutlich schneller, und die Lebensmittel werden nicht mehr in die Herstellungsverfahren vor Ort integriert. Sie werden in aller Welt angebaut, häufig von Menschen, die sie selbst nicht konsumieren, sondern nur für den globalen Markt produzieren.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Ich wünsche mir, dass Menschen, die sich in bestimmten Positionen befinden, ein Verständnis dafür entwickeln, dass Essen neben seiner rein funktionalen über zahlreiche weitere Dimensionen verfügt. Ich möchte, dass sie dieses Wissen nutzen, um Traditionen zu wahren und zu verteidigen und die Probleme innerhalb des komplexen Netzwerks der Ernährungssysteme zu lösen. Auf unseren Tellern finden sich alle Aspekte des Lebens wieder –Reisen durch die Geschichte, Wirtschaft, Politik, Kultur, Identität und vieles mehr werden miteinander kombiniert und bedingen einander.

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Ich möchte Ozoz außerdem fragen: Wie sieht deiner Meinung nach der Respekt, von dem du sprichst, in unserer heutigen Welt aus? Produktion und Konsum sind mittlerweile derart stark voneinander getrennt. Zunächst einmal haben viele Menschen jeglichen Kontakt dazu verloren, wie Nahrungsmittel angebaut und Tiere aufgezogen werden. Wie sollen die Menschen einen solchen Respekt kultivieren, wenn sie nichts über die Geschichte, das Erbe und die Herkunft unserer Nahrungsmittel wissen? Oder darüber, welche Anstrengungen ihre Erzeuger*innen oder diejenigen unternehmen müssen, die sie einst aßen, inzwischen aber nicht mehr über die Ackerflächen und Mittel verfügen, um ihre eigenen Lebensmittel erzeugen und verzehren zu können?

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Li Zhang, ich stimme zu, dass es diesen Austausch, den wir heute als Globalisierung bezeichnen, schon seit langer Zeit gibt. Essen war vor allem auch immer eine Frage des Überlebens, und wenn wir ehrlich sind, wird dies für den Großteil der Menschheit auch lange Zeit noch so sein. Kulturelle Identität und Respekt können eine solide Grundlage für eine Lobby schaffe. Wenn wir verstehen, woher und aus welchen Zusammenhängen – insbesondere mit Blick auf die Wertschöpfungskette und ihre unzureichenden Verbindungen – Lebensmittel stammen, können wir Maßnahmen entwickeln, politische Entscheidungen beeinflussen und wirtschaftliche Bedingungen verändern.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Als ich 2009 in den Niederlanden lebte und arbeitete, wurde Essen für mich mehr als nur Nahrungsaufnahme. Zwischen Heimweh und Selbstfindung gab mir das Essen Halt. In den vergangenen Jahren hat mich dieses starke Gefühl der kulturellen Identität dazu bewegt, die nigerianische Kochkultur zu dokumentieren, zu bewahren und zu fördern.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Was ist dabei herausgekommen?

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Ganz unterschiedliche Dinge. Im Juli dieses Jahres habe ich mit Freund*innen – Köch*innen, Schriftsteller*innen, Landwirt*innen, Designer*innen, Kommunikationsexpert*innen – das Abori Collective ins Leben gerufen und eine Konferenz zum „Food Design“ in Nigeria veranstaltet. Ziel war es, die Ernährungssysteme in Nigeria auf nachhaltige Lösungsansätze zu überprüfen. Doch was war unsere Absicht? Ein Gefühl der Identität, und des Verständnisses für die aktuelle Situation der nigerianischen Food-Blogger*innen und der Wunsch nach Veränderung auf verschiedenen Ebenen. Zugegebenermaßen haben lokale Esskulturen in Nigeria trotz des internationalen Handels in vielen Bereichen nach wie vor einen ausgesprochen hohen Stellenwert.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Respekt bedeutet, lokale und saisonale Lebensmittel zu konsumieren, Produzent*innen und Landwirt*innen zu unterstützen, für bessere Anbindungen und Regelungen einzutreten, unsere Traditionen zu wahren – all die Dinge also, die einmal selbstverständlich waren. Respekt heißt auch, dafür zu sorgen, dass Ernährungswissenschaft und Lebensmittelkunde ab der Grundschule Teil des Lehrplans sind.

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Vielen Dank, dass du deine Gedanken und Beweggründe mit uns geteilt hast, Ozoz.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Kitchenbutterfly Foto (Detail): © Ozoz Sokoh

    Medien im Ernährungsbereich übernehmen eine wichtige Funktion. In diesem Zusammenhang kann ich beobachten, welchen Einfluss meine Arbeit – die Dokumentation der kulinarischen Geschichte und Esskultur Nigerias – hat. Ich sehe, welchen Einfluss die Arbeit meiner Kolleg*innen – von Fotograf*innen bis hin zu Dokumentarfilmer*innen, Künstler*innen, Köch*innen, Produktdesigner*innen – hat: Wir schärfen das Bewusstsein dafür, was unserer Esskultur ausmacht und warum wir sie bewahren sollten. Dies hat sich auch auf die Politik unserer Regierung ausgewirkt, auf das aktuelle Angebot in den Geschäften, auf das Wachstum kleiner, lokaler Lebensmittelunternehmen in den und über die sozialen Medien. Ich würde es als die Kraft der Soft Power bezeichnen. Was haltet ihr beide von der kulinarischen Diplomatie und der Gastrodiplomatie? Und wie können diese dazu beitragen, eine Verbindung zwischen dem gastronomischen Erbe, wirtschaftlichen Aspekten und dem komplexen Nahrungsmittelnetzwerk herzustellen?

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Kitchenbutterfly Foto (Detail): © Ozoz Sokoh

  • Dr. Zhang Li Zhang

    Ich denke, was viele sozialen Bewegungen als „Nahrungsmittelsouveränität“ bezeichnen, kann uns als Grundlage dienen, um über deine Frage der Diplomatie nachzudenken. Wir müssen sie dazu von der Ebene der Regierungen auf die Ebene der normalen Menschen übertragen. Mit Nahrungsmittelsouveränität ist gemeint, dass Menschen berechtigt und befugt sein sollten, Kontrolle über das zu haben, was sie essen, anbauen, kaufen und verkaufen. Damit ist nicht gemeint, dass es keinen Austausch von Lebensmitteln geben soll oder dass Menschen nur bestimmte Lebensmittel konsumieren sollten. Es bedeutet allerdings, dass Menschen über Ackerland verfügen müssen, um ihr eigenes Saatgut zu verwenden und ihre eigenen Esskulturen vor einer Kolonisation und Vereinheitlichung des Angebots zu schützen.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Auch an @Ozoz: Die Idee der Gastrodiplomatie klingt faszinierend. Ich denke, die Begegnung zwischen Völkern findet in vielen Fällen über Lebensmittel statt. Leckeres Essen kann dabei helfen, Grenzen zu überwinden, die anderen nicht mehr als andersartig wahrzunehmen. Es ist eine eigenartige Form des Konsums des Andersartigen – im buchstäblichen Sinne –, weil das Essen Teil des eigenen Körpers wird.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Wir stoßen beim Konsum von Lebensmitteln eines „Anderen“ auch auf die schmerzhafte Ironie, dass zum Beispiel viele Rassisten in Amerika mexikanisches Essen lieben... Liebe Leser*innen, was haltet Ihr von diesem Konflikt: Handelt es sich um eine Möglichkeit, sich über Essen zu verständigen, und damit letztendlich einen sozialen Wandel voranzutreiben, oder hinterlässt es einen bitteren Nachgeschmack? Was sind Eure Gedanken oder Fragen zum Thema Essen und seinem weltweiten Konsum?

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    @alle — an dieser Stelle fände ich es sehr schön, wenn wir alle ein Rezept einfügen könnten, das zu unserem Gespräch passt! Hier kommt mein Rezept:

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Oh, eines meiner Lieblingsthemen. In meinem Land kann man die Auswirkungen der europäischen Esskultur auf die Erhaltung der einheimischen Esskultur wirklich sehen. Tatsächlich ist es schwer zu vermeiden. Es gibt eine Zunahme, wenn nicht gar eine Expansion, der sogenannten Supermarktketten unter unterschiedlichen Namen und Marken. In Tansania orientieren sich die meisten Supermärkte an Geschäftsmodellen aus Europa oder den USA. Die Zielgruppe sind die Mittel- und Oberschicht sowie Communities von Auswanderern. Produkte, insbesondere Lebensmittel, werden importiert – sie sind teuer, kurz vor ihrem Verfallsdatum und nichts an ihnen entspricht der tansanischen Esskultur.

  • Anna Felicity Friedman Anna Felicity Friedman

    Das ist eine interessante Verknüpfung von Fragen zu Klasse und Kolonialismus. Diese Corporate Supermarkt-Kultur und der Wunsch der Menschen, in solchen Geschäften einzukaufen, vernichtet die lokale Lebensmittelkultur, da diese Geschäfte nicht einmal traditionelle Lebensmittelprodukte führen. Sie sind auch der Grund dafür, dass Menschen mehr Geld für Essen ausgeben müssen, als wenn sie Zutaten auf traditionellen Märkten einkaufen würden.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Das ist ein häufiges Problem in vielen Teilen der Welt, wo die Ökonomie der lokalen Produktion im Vergleich zu Importen kurzfristig gesehen schlechter abschneidet, aber das langfristige Wachstumspotenzial der lokalen Industrie untergraben wird. In Nigeria gab es aufgrund einer Rezession, die es schwierig machte, sich Devisen für Importe zu leisten, ein gemeinsames Wachstum der lokalen Lebensmittel- und Getränkegeschäfte. Dies führte zu einem Zuwachs an lokalen Produkten, so dass viele Ladenregale heute mehr lokale Lebensmittel anbieten als je zuvor.

  • Ozoz Sokoh Ozoz Sokoh

    Ein weiteres Plus ist der Aufstieg lokaler Akteure, die sich für eine Rückkehr zu traditionellen Lebensmitteln, ein wachsendes Gefühl des Stolzes auf das lokale Erbe und den Wunsch nach Erhaltung dieses kulinarischen Erbes stark machen. Das bedeutet auch ein größeres Bewusstsein für die Gesundheitsbedingungen und ihr Verhältnis zu importierten Produkten sowie schließlich eine verbesserte Kommunikation über soziale Medien. So kann das Bewusstsein für verschiedene Lebensmittel aus dem ganzen Land geschärft und die Möglichkeiten, zu kaufen und liefern, vereinfacht werden. Die Dinge in Tansania können sich also ändern. Mir wäre es lieber, wenn es nicht auf dem harten Weg der Rezession wie in Nigeria wäre, auf dem die lokale Lebensmittelindustrie gefördert werden kann. Vielleicht ein nationales kulinarisches Diplomatieprogramm, das vom Land für das Land entwickelt wird.

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Ich bin der Ansicht, auch der Verzicht gehört zu bewusstem Konsum dazu. Beispielsweise, wenn sich die ursprünglichen Konsument*innen vor Ort das Produkt nicht mehr leisten können, weil das Lebensmittel so gehypt wird. Ich hatte bei Quinoa so etwas gelesen. Das ist kolonialistisches Konsumverhalten.

  • Reader Kommentar eines Lesers/einer Leserin

    Ich sehe hier einen generellen Unterschied, ob das Lernen eines Rezepts Teil eines kulturellen Austauschs ist, oder ob die Esskultur eines Landes aus kommerziellen Gründen ausgeschlachtet wird. Fusion-Food ist Ausdruck einer zunehmend globalisierten Welt – und kann Teil einer reichhaltigen Esskultur sein, wenn es die Küchen, aus denen es Inspiration zieht, als das präsentiert, was sie sind und sie nicht für einen westlichen Gaumen anpasst und verfälscht.