Camera Memory for Human Forgetfulness

Camera Memory for Human Forgetfulness
© EL BOUM

​Ein Filmprogramm in Zusammenarbeit mit Arsenal – Institut für Film und Videokunst vom 29.05.-12.06.2020, kuratiert von Karina Griffith

Der Streamingbereich des arsenal 3 öffnet seine Plattform für das digitale Festival Latitude. Alle Informationen zum Ansehen der Filme finden Sie auf der Website

Das Filmprogramm reagiert auf den dekolonialistischen Ruf von Latitude mit einer affektiven Antwort aus dem Bauch heraus, bei der Erinnerungserfahrungen im Fokus stehen. Die antiphonischen, visuellen und klanglichen Melodien dieser Filme stimmen nicht mit den eindeutigen Kategorien von Rassismus, Wirtschaft und Wiedergutmachung überein, und zeigen auf, wie diese Themen sich verschränken und an den Nähten unserer Sehnsucht ziehen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Jeder Film rezitiert einen Refrain des Kreislaufes und der Wiedergutmachung. Sie alle handeln von der Mobilität, von grenzüberschreitender Erfahrung und Bewegung und – in der einen oder anderen kreativen Weise – von der Notwendigkeit, eine nicht nur institutionelle oder wirtschaftliche, sondern auch emotionale Reform durchzuführen.

Der Programmtitel, Camera Memory for Human Forgetfulness (Kamera-Gedächtnis für menschliche Vergesslichkeit) entstammt dem Film Forgetting Vietnam von Trinh T Minh-ha. Ihre meditative Ergründung der Wiedergutmachung durch das poetische Schildern der Geschichte bindet die Filme dieser Serie, eine Sammlung subversiver Werke der Künstler*innen Lemohang Jeremiah Mosese, Ng’endo Mukii, Christa Joo Hyun D'Angelo, Wendelien van Oldenborgh, Jessica Lauren Elizabeth Taylor und Thirza Cuthand. Jedes Werk zeigt ein Interesse an einer affektiven Darstellung der ungleichen Machtstrukturen an der Mühe, diese Machtstrukturen umzudenken.
 
Forgetting Vietnam ist eine meditative Erkundung von Geschichte im Prozess der Wiedergutmachung. Durch visuelle Interpretationen des Nationalgedichts Vietnams entsteht ein affektives Bild von Nation. Zum 40. Jubiläum des Endes des Vietnamkriegs nutzt Minh-ha in ihren Verweisen auf verschiedene Legenden der Wasserwege die Motive ‚Wasser‘ und ‚Boot‘. Der Film fragt mutig: „Kann man einen Krieg einfach ins Museum stellen?“ und „Können die Überlebenden eines Kriegstraumas vergessen?“ Zwei Fragen, die in Deutschland und dessen Hauptstadt Berlin besondere Bedeutung annehmen. Wortfragmente fallen wie Regen auf die Bilder, langsame Zooms führen aus Interaktionen mit dem Meer heraus und in Ereignisse in der Metropole hinein. Der pastellfarbene Text bewegt sich, gleitet, verblasst, und läuft über die Leinwand. Er besteht aus Zitaten, Notizen zur genutzten Aufnahmetechnik (Hi8-Video im Jahr 1995 und HD im Jahr 2012) und rhetorischen Fragen. Er ist eine omnipräsente Stimme, selbstbewusst, doch nicht über Selbstkritik erhaben. „Kamera-Gedächtnis für menschliche Vergesslichkeit… oder ist es umgekehrt?“ Minh-has Montage ist aktiv und präsent: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Konstruktion des filmischen Texts. Videoeffekte wie Bild-im-Bild, weiche Blenden sowie Wisch-, Schiebe-, Iris- und Kastenblenden sind die verbindenden Elemente des Bewegtbild-Tagebuchs. Umkehrungen und Wiederholungen warnen davor, Zeit in diesem Video-Essay über Fortgang und Rückkehr als chronologisch zu verstehen.
 
Für die Geflüchtete Lillian, die zur Aktivistin wurde, erscheint Wiedergutmachung in Christa Joo D‘Angelos empathischem Porträt Protest And Desire in Form einer europäischen medizinischen Behandlung. Geduldig zerstreut Lillian Annahmen über das Leben als HIV-positive Migrantin in Deutschland und formuliert die Erfahrung von „Europa als Therapie.“ D‘Angelo schafft mit Pastelltönen eine harmonische und ruhige Atmosphäre, während Lillians mutige und selbstsichere Statements einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen, der stark genug ist, Vorurteile in sich zusammenfallen zu lassen. Eine bewegende Geschichte darüber, wie Migration Leben rettet und wie couragierte Migrant*innen jeden Tag daran arbeiten, neokoloniale Denkmuster zu verändern.
 
Muster spielen eine andere Rolle in den Animationsfilmen Portrait of Marielle Franco und Homage To Wangari Maathai. Diese eklektischen, handgemalten transatlantischen Porträts entstanden kollektiv und kollaborativ im Rahmen von Workshops in Nairobi und Salvador de Bahia. Eines ist eine farbenfrohe und erfrischende Feier der verstorbenen kenianischen Aktivistin Wangarī Maathai, einer Umweltschützerin, die in den späten1960er-Jahren an der Universität Gießen und der Universität München Recherchen für ihre Doktorarbeit betrieb, nach ihrer Rückkehr nach Nairobi 1977 das Green Belt Movement gründete und später ins Parlament gewählt wurde. Der Film feiert ihre Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis.
 
Der zweite Film ist eine ebenso handgezeichnete Hommage an die brasilianische Aktivistin Marielle Franco, eine Politikerin und Aktivistin, die 2018 ermordet wurde. Franco kämpfte als Abgeordnete im Stadtrat Rio de Janeiros für Reproduktionsrechte und für ein Ende geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Regisseurin Ng’endo Mukii verbindet Bilder von Menschen, die gegen die Ermordung der Politikerin protestieren mit Aufnahmen der durch die Favelas laufenden Franco – eine Kombination, die die Zeit aushebelt und eine lebendige Erinnerung in Bewegung setzt. Die zwei kurzen Animationen feiern Frauen aus dem Globalen Süden und machen die Energien spürbar, die durch das Teilen von Geschichten über Schwarze Frauen und Widerstand in Zirkulation geraten.
 
Geduldig porträtiert La Javanaise die Zirkulation von Waren und die affektive Beziehung von Mode und Nationalität. Der niederländische Tuchhersteller Vlisco stellt seit den 1830er-Jahren Stoffe für den westafrikanischen Markt her. Die umgangssprachlich als Java Holland Wax bekannten Muster und deren Herstellungsprozess entstanden aus Versuchen, indonesische Batik nachzuahmen, die schließlich in Westafrika Abnehmer*innen fanden. Auf einem gemächlichen Spaziergang durch das ehemalige Kolonialmuseum in Amsterdam setzen sich das Fashion-Model Sonja Wanda und der Künstler Charl Landvreugd (der früher ebenfalls als Model arbeitete) mit dem Raum in Beziehung und tauschen sich über ihre Erfahrungen mit der Arbeit für die niederländische Firma aus, die afrikanische Stoffe herstellt. Während ihres Streifzugs durch das Museum betreten die beiden die nicht-öffentlichen Räume der Institution und enthüllen die Fetische des Archivs. Die Stimme des Theoretikers David Dibosa unterfüttert die Unterhaltung mit einer Kontextualisierung der Beziehung zu javanischer Batik, während Landvreugd und Wanda Geschichten über Stoffmuster als subversive Botschaften und die Übermittlung von Zeichen durch bestimmte Arten, einen Stoff zu tragen, erzählen.
 
Das Land trägt die Zeichen von Heimat im queeren indigenen Roadmovie Homelands. Thirza Cuthand nimmt uns mit an die Orte, die ihre Großeltern, deren Vorfahren Iren und Cree waren, ihr zu Hause nannten. Die Regisseurin begleitet die Geschichten ihrer Vorfahren mit zärtlicher Do-it-Yourself-Aufmerksamkeit für Videodokumentation und Archivmaterial, gepaart mit ironischem Witz. Cuthands Urgroßvater wurde während der Nordwest-Rebellion von 1885 im Kampf gegen die kanadische Regierung gemeinsam mit anderen First Nations Cree und Assiniboine aus dem Distrikt Saskatchewan verwundet. Ihre Urgroßmutter kam 1916, während des Ersten Weltkriegs, in einem Geleitzug per Schiff von Schottland nach Kanada. Der Film verwebt Geschichten vom Überleben mit Home Videos und Interviews und porträtiert die Beständigkeit von Familie und Erinnerung.
 
Erinnerung ist greifbar in Jessica Lauren Elizabeth Taylors zartem Film Muttererde. Die Erde als Mutter und die oberste, fruchtbare Schicht des Erdreichs, die den Pflanzen Leben schenkt: Der Film spielt mit der Doppeldeutigkeit seines Titels und verknüpft die Geschichten von transnationalen Schwarzen Femmes und ihren Müttern. Er ist ein fruchtbarer Saferer Space für feministische Erzählungen von Geschichten des Widerstands und eine Hommage an Gärten von Frauen*. Über Erfahrungen aus fünf Ländern hinweg zeichnen die Frauen* das matriarchale Wissen ihrer Familien nach, weisen auf die durch Trauma und neokoloniale Strukturen bedingten Unterbrechungen in dessen kultureller Archivierung hin und feiern die Frauen*, die sie groß gemacht haben.
 
Die Idee der Mutter als „Heimat“ setzt sich in Mother, I Am Suffocating. This Is My Last Film About You fort. Schwarz-weiß, nachdenklich und leidenschaftlich in seiner Artikulation von Leid, ist der Essayfilm von Lemohang Jeremiah Mosese ein intimer, akribisch verfasster, aber nie abgeschickter Abschiedsbrief. Wie kann man seinem Heimatland Lebewohl sagen? Eine fahrige Stimme teilt, europäische Filme und deren Kino-Abschiede zitierend, Bruchstücke intimer Erinnerungen gepaart mit popkulturellen Referenzen. Das wiederhallende und knisternden Lamento des vorgetragenen Briefes fühlt sich dreifach entfremdet an – eine akustische Repräsentation von im Exil vergegenwärtigten Erinnerungen. Schweißgetränkt, ein Holzkreuz hinter sich herziehend, durchquert Moseses barfüßige*r Protagonist*in das heutige Lesotho. Bisweilen erwidern sie unseren Blick und den der unbeeindruckten Zuschauer*innen in den Straßen. Sie werden von einer weiteren Figur begleitet, einer wunderschönen Fee mit durchscheinenden Flügeln, die tanzt und in die Kamera lächelt. Diese beiden Charaktere, einer schwer beladen, ein anderer federleicht, führen uns durch die Stadt. Der Film spricht in Bildern leerer Märkte, karger Landschaften und intimer Blicke; Porträts, die in der Gegenüberstellung mit dem elegischen Voice-Over in Schwingung geraten. Die Kamera zeichnet ihre Erinnerungen auf: in schwelgenden, langen Einstellung, vereinzelten aus der Hand gedrehten Sequenzen, lebendigen Standbildern und gezielten extremen Nahaufnahmen. Moseses Lesotho ist modern, pittoresk und komplex.
 
Die menschliche Vergesslichkeit, die von dieser Auswahl filmischer Aufzeichnungen in Erinnerung gerufen wird, zeigt sich in je eigenen Syntaxen des diaristischen, collagierten Erzählens. Die persönlichen und zärtlichen Herangehensweisen der Filme gehen unter die Haut und greifen nach Erinnerungen, die mit unseren Sinnen verschaltet sind. Sie sind sanft und sensibel in ihrer Übermittlung von Erfahrungsberichten. Die Filme gehen über die Diskussion politischer, sozialer und ökonomischer Ungleichheiten hinaus und fragen, wie das bewegte Bild die affektive Tiefe vergangener und gegenwärtiger Gräuel festhalten kann.
(von Karina Griffith)


Forgetting Vietnam (2015)
Regie: Trinh T Minh-ha, 90 Minuten

 
In ferner Vergangenheit trug Vietnam den Namen đất nứớc vạn xuân – Land der zehntausend Quellen. Einer der Schöpfungsmythen Vietnams erzählt von einem Kampf zwischen zwei Drachen, deren miteinander verwobene Körper ins Südchinesische Meer fielen und dort Vietnams geschwungene, S-förmige Küstenlinie entstehen ließen. Einer weiteren Legende zufolge gingen die Ahnen der Vietnames*innen aus der Vereinigung des Drachenkönigs Lạc Long Quân und der Fee Âu Cơ hervor.  Âu Cơ war ein mystischer Vogel. Sie verschluckte eine Handvoll Erdreich und verlor so die Kraft, in den 36ten Himmel zurückzukehren. Aus ihren Tränen entstanden Vietnams unzählige Flüsse und die wiederkehrenden Überschwemmungen, die das Land regelmäßig heimsuchen, dienen als Erinnerung an sie. Angesichts der geo-politische Situation des Landes gedeiht Vietnam in einem fragilen Gleichgewicht zwischen Land- und Wasserbewirtschaftung. Wasser – die lebenserhaltende Kraft – ist in der Kultur allgegenwärtig.
Forgetting Vietnam wurde 1995 auf Video-Hi-8 und 2012 auf SD- und HD-Video gedreht. Seine Bilder entfalten sich räumlich, als Dialog zwischen zwei Elementen – dem Land und dem Wasser – die der Formation des Begriffs „Land“ (đất nứớc) zu Grunde liegen. Diese Bilder, die sowohl die Geschichte der visuellen Technologie, als auch jene der politischen Realität Vietnams in sich tragen, sollen darüber hinaus auch die Begegnung des Alten, auf den festen Boden bezogenen, mit dem Neuen, in Beziehung zu den fließenden Veränderungen in einer Zeit rapider Globalisierung stehenden, aufzeigen. Im Austausch mit diesen beiden Teilen steht ein dritter Raum historischer und kultureller Erinnerung, bzw. dessen, was lokale Bewohner*innen, Immigrant*innen und Veteran*innen von gestrigen Geschichten erinnern und auf heutige Ereignisse übertragen. Durch die Einblicke dieser Zeug*innen eines der umstrittensten Kriege Amerikas bleibt das Gespenst Vietnams und dessen Beitrag zur Weltgeschichte präsent und ist doch viel zu leicht vergessen. Forgetting Vietnam, entstanden im Gedenken an das 40jährige Jubiläum des Kriegsendes und der Überlebenden, rührt an ein Trauma von internationalen Ausmaßen.

http://trinhminh-ha.com/films/

Homelands
(2010), Regie: Thirza Cuthand, 53 Minuten
 

„Mütterlicherseits stamme ich aus zwei Ländern, die der Atlantik trennt, so viele Faden tief.
Die Länder meiner Oma und meines Opas. Die Heimat meines Großvaters hatte ich durchquert, ich lebe dort heute noch. Die nun gezähmten Prärien, abgezäunt in geometrischen Mustern, in denen die Bisonherden fehlen. Meine Oma stammt aus einem Land, das auf ähnliche Weise kolonisiert ist: Schottland. Beherrscht vom Britischen Commonwealth, die eigene Sprache verboten…
Ich war nie in Schottland gewesen. Und ich wollte das traditionelle Territorium meines Opas sehen. Dies ist die Geschichte unserer Familie, wo wir anfingen und wo wir herkamen.“ Eine Lovestory über die Geschichte der Ahnen einer multi-ethnischen Familie und über die Länder aus denen sie emigrierten und in die sie immigrierten. Auch eine persönliche Geschichte darüber, unterschiedliche Herkünfte zu haben.
Gedreht in den USA, Kanada und Schottland, mit Ruth, Thirza, Chris und Stan Cuthand. Copyright 2010. Gefördert von Canada Council for the Arts.

http://www.thirzacuthand.com/videos/

Homage to Wangari Maathai
Regie: Ng’endo Mukii

 
Diese filmische Feier Wangarī Maathais entstand aus einer Zusammenarbeit Ng’endo Mukiis mit jungen baianischen Künstler*innen im Rahmen eines vom Goethe-Institut Bahia geförderten Workshops. Wangarī träumte von einem nachhaltigen Kenia, mit zufriedenen und freien Bürger*innen, die keine politische Verfolgung fürchten müssen, dessen Frauen von archaischen Ideologien befreit sind und dessen Kinder hoffnungsvoll in eine bessere Zukunft blicken.

https://www.ngendo.com/homage-to-wangari-maathai

Portrait von Marielle Franco
Regie: Ng’endo Mukii

 
Während eines Animations-Workshops in Nairobi entstand der Film Einzelbild für Einzelbild, durch Übermalen der Aufnahmen von Marielle, die die Straßen einer Favela in Rio entlang geht. Die Workshopteilnehmer*innen malten ihre Gesten auf und um Marielles lächelndes Gesicht und mit jeder Markierung kamen sie ihrer Geschichte und den Afro-Brasilianer*innen näher und näher. 

https://www.ngendo.com/portrait-of-marielle

Muttererde
(2018), Regie: Jessica Lauren Elizabeth Taylor, in Zusammenarbeit mit der Filmemacherin Astrid Gleichmann, 52 Minuten

 
Muttererde verlangt nach einer femmen Form von Ahnengeschichte, angesichts des oftmals unterbrochenen historischen Wissens der afrikanischen Diaspora in Europa und anderswo. Welche Rituale, Lehren und Fähigkeiten wurden von unseren Matriarchinnen weitergegeben? Wie dienen uns diese geerbten Fähigkeiten heute, wie schränken sie uns ein? Ein reichhaltiges und kraftvolles Archiv entsteht aus Gesprächen mit fünf Schwarzen Femmes. Sie sprechen über das Wissen und Nicht-Wissen ihrer Mütter, Großmütter, Urgroßmütter – so weit zurück, wie das Wissen sie trägt.
Sie erforschen die Themen Mutterschaft, Migration, kulturelle Unterschiede, Schönheitsideale, Queerness, Verwandtschaft, Tod und Wiedergeburt. Ihre Geschichten, obwohl aus fünf unterschiedlichen Ländern, verweben sich zu einer weiblichen Geschichte, die sich durch die afrikanische Diaspora zieht. Durch ihre Erzählungen entdeckt das Publikum, dass Ritual, Erinnerung und Oral History den Status Quo in Zweifel ziehen können. Mit den Geschichten von Camalo Gaskin, Tobi Ayedadjou, Niv Acosta, Natalie Anguezomo Mba Bikoro und Fannie Sosa.

http://thejessicastudy.com/muttererde

Protest and Desire
(2019), Regie: Christa Joo Hyun D'Angelo, 20 Minuten

 
Die Videokunstarbeit Protest and Desire hinterfragt den populären Diskurs um sexuell übertragbare Krankheiten und HIV durch den Fokus auf den Umgang von Women of Color mit Intimität, Sex und Alter im Kontext des weißen Europas.
Die Arbeit konzentriert sich auf ein über den Zeitraum von zwei Jahren entstandenes, warmherziges Porträt von „Lillian“, einer 49-jährigen Frau aus Uganda, die aufgrund ihres HIV-Status seit den frühen 2000er-Jahren in Deutschland lebt. Ihre Aussagen entwirren überkommene Vorstellungen vom Verhältnis von Women of Color zu Sexualität, Beziehungen zu weißen Menschen und Zugehörigkeit ebenso wie ihre vielschichtigen persönlichen Verhältnisse zu HIV und Geschlechtskrankheiten.
Vorsichtig enthüllt das Video die Vorurteile, die mit Women of Color verknüpft sind und zeigt ihren Kampf um Anerkennung sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer eigenen Communities. Mit Hilfe von Traumsequenzen und eigenwilligen Bildern imaginiert Protest and Desire neue Wege der Definition von Normalität. Indem der Film sich den Geistern der Vergangenheit und den Ängsten, die unsere gegenwärtige Realität heimsuchen, stellt, gibt er „Krankheit“, Begehren und Beziehungen neue Bedeutung.
Mit freundlicher Unterstützung von: Delight Rental Service, Berliner Senat, Bezirkskulturfonds Friedrichshain-Kreuzberg, Galerie im Turm. Der Schnitt fand statt bei Mentoring Artists for Women‘s Art, Winnipeg, Kanada.

http://christajdangelo.com/video/
 
La Javanaise
Regie: Wendelien van Oldenborgh, 25 Minuten

 
Wendelien van Oldenborghs La Javanaise ist eine filmische Arbeit, die im Kontext der zeitgenössischen globalisierten Welt die wechselseitigen Beziehungen zwischen einer niederländischen Textilfirma, den ehemaligen Kolonien in Ostindien, der Darstellung von Kolonialgeschichte sowie heutigen afrikanischen Märkten in den Blick nimmt. Als Beispiel dient die Textilfirma Vlisco, die einen speziellen Stoff entwickelte, der als ‚Dutch Wax‘ oder ‚Wax Hollandaise‘ bekannt ist und auf der traditionellen javanesischen Färbemethode, der Batik, beruht. Unter dem neuerdings herrschenden Konkurrenzdruck, der aus der Imitation dieser Methode von Seiten chinesischer Hersteller rührt, bezeichnet sich Vlisco neuerdings als das ‚wahrhaft originale‘ Dutch Wax und erfindet sich als Modelabel neu: Designs aus den Niederlanden werden – getragen von internationalen, afrikanischen Top-Models – einer afrikanischen Klientel vorgeführt.
Die Darsteller von La Javanaise sind das Fashion-Model Sonja Wanda, der Künstler, Schriftsteller Charl Landvreugd, der früher ebenfalls modelte, und der Schriftsteller und Theoretiker David Dibosa. Anhand improvisierter Dialoge, die in den Räumen des ehemaligen Kolonialinstituts in Amsterdam inszeniert wurden, zeigt die Arbeit die untrennbare Beziehung zwischen Einbildung und Authentizität sowie zwischen Kolonialismus und Globalisierung.

https://wendelienvanoldenborgh.info/La-Javanaise
 
Mother, I Am Suffocating. This Is My Last Film About You
(2019), Regie: Lemohang Jeremiah Mosese, 76 Minuten

 
Die Menschen auf den staubigen Straßen Lesothos starren neugierig auf die junge Frau, die – wie Jesus – ein Holzkreuz auf dem Rücken trägt. Sie schaut zurück, in Gesichter, auf mystisch-schöne Landschaften, eine Schafherde und ein Paar Hände, die unablässig stricken. Was sie sieht wird visuell durch Schwarzweiß präzisiert, durch Verlangsamungen abstrahiert und durch Erinnerungen gefiltert. Eine raue Off-Stimme, die sich bewusst ist, nicht von denen gehört zu werden, an die sie sich richtet, formt den Bilderfluss zu einem filmischen Klagelied. Lemohang Jeremiah Mosese gelingt es in diesem Essayfilm, die Chronik einer sich radikalisierenden Trauer nachzuerzählen, die sich vom persönlichen Abschied von der Mutter zur politisch bewussten Lossagung vom Mutterland steigert. Der schmerzhafte Prozess der Verschiebung von der Innen- zur Außenperspektive auf das kleine afrikanische Land wird zutiefst persönlich visualisiert und kommentiert – von heute aus, aus dem Berliner Exil. Ein hübscher Engel begleitet den Transit. Dieses ungewöhnliche Lamento zu einer afrikanischen Migrationsgeschichte erhellt schmerzlich und intensiv einen nicht nur im Kino tabuisierten Erfahrungsraum. (Dorothee Wenner)

Mit besonderem Dank an Stefanie Schulte Strathaus und Elena Agudio.