Anita Ekman und Amilcar Packer Wombs of the Atlantic Rainforest

Performance-Ritual „Ocre –Pele e Pedra“ (Ochre – Skin and Rock) von Anita Ekman mit Sandra Nanayna Tariano, Toca do Salitre (São Raimundo Nonato, Piauí, Brasil), 2019
Performance-Ritual „Ocre –Pele e Pedra“ (Ochre – Skin and Rock) von Anita Ekman mit Sandra Nanayna Tariano, Toca do Salitre (São Raimundo Nonato, Piauí, Brasil), 2019 | Foto (Detail): © Anita Ekman

„Der Atlantische Regenwald ist für uns nicht der Atlantische Regenwald. Dieser Wald wurde nur Atlantischer Regenwald genannt, weil dies der Name des Meeres ist, das die Jurua (nicht‑indigene Menschen) geschaffen haben. Für uns ist das Meer einfach das Meer; das Meer ist salzig, es ist ein und dasselbe, egal wo es sich befindet, es handelt sich dabei um ein Gewässer. Pazifik und Atlantik gibt es nicht, für uns existieren sie nicht. In der Weltanschauung der Guaraní ist es also ein bisschen so ... für uns ist der Atlantische Regenwald ‚Nhe’ery‘, so nannten ihn meine Großeltern, der Ort, an dem die Seelen baden gehen.“
– Carlos Papá Mirim in Conversa Selvagem von Cristine Takuá, Carlos Papá, Ailton Krenak
 

Vor dem Entwurf des Atlantischen Regenwaldes

„Die Erde ist ein lebendiger Körper,
Sie ist Nhandecy eté, unsere Mutter.
Wenn wir auf der Erde wandeln,
so laufen wir über den Körper einer Frau.“
– Sandra Benites, Guaraní Nhandeva

Bei der Entwicklung dieses experimentellen gemeinschaftlichen Forschungsprojekts mit dem Titel Wombs of the Atlantic Rainforest (Im Schoß des Atlantischen Regenwaldes) ging es uns um die Möglichkeit, „vor“ dem Atlantik zu denken – womit wir sowohl die zeitliche als auch die räumliche Dimension meinen – und dabei verschiedene Weltanschauungen, Geschichten und Narrative durchqueren. Das Projekt manifestiert sich auf einer Onlineplattform sowie durch die Präsentation in Ausstellungen, öffentlichen Programmen und den damit verbundenen Materialien, mit denen wir zu einer kritischen, poetischen und ethischen Auseinandersetzung mit der Zentralität von kolonialen Narrativen beitragen wollen. Die Bedeutung dieser Bewegung besteht darin, sich mit der dominanten erkenntnistheoretischen Sichtweise des Weltgeschehens sowie mit historischen Strukturen, Ereignissen systemischer Gewalt und Prozessen der Rassifizierung und der Konstruktion von Menschen und sozialen Beziehungen zu befassen, die die Erde und das Leben zu Ressourcen machen, die ausgebeutet und in Profit umgewandelt werden können. Es handelt sich hierbei um eine Bewegung, die Territorien, künstlerische Praktiken und Erzählungen jenseits der atlantischen Verklärung ent- und neu kartografiert, un- und dekodiert, ent- und neu einrahmt sowie un- und neu skaliert.
 
Das Projekt präsentiert implizite Visionen von Land und Menschen und versucht, epistemologische Herangehensweisen zu entwickeln, die nicht von hegemonialen Vorstellungen geprägt sind, sondern die fundamentale historische Widerstandsfähigkeit der Menschen, insbesondere der Guaraní‑Gemeinschaften, hervorheben. Letztere erleben das Territorium, das in der Moderne als Atlantischer Regenwald inszeniert wurde, als ein vielschichtiges, spannungsgeladenes Kraftfeld, das seit dem frühen 16. Jahrhundert zu einem der wesentlichen Orte für die Erfindung kolonialer und kapitalistischer Produktions- und Wirtschaftsbeziehungen im Rahmen der transatlantischen Ausbeutung wurde. Die Ausdehnung des Atlantischen Regenwaldes hat sich im Laufe der Zeit drastisch reduziert, sodass in Brasilien heute im Vergleich zur vorkolonialen Epoche nur noch etwa acht Prozent seiner ursprünglichen Fläche vorhanden sind. Es ist durch wissenschaftliche Studien bestätigt, dass Klimawandel und Artensterben mit der kolonialen Zerstörung des Atlantischen Regenwaldes ihren Anfang nahmen. Die Extraktion natürlicher Ressourcen aus dem Atlantischen Regenwald ist darüber hinaus untrennbar mit der fortwährenden Unterwerfung indigener Menschen und der Ausbeutung ihres Landes verbunden.
 
Der hier präsentierte Trailer vereint prähistorische Höhlenmalereien aus dem Nationalpark Serra da Capivara in Piauí, Brasilien – eine der ältesten archäologischen Stätten auf dem südamerikanischen Kontinent – und den nach dem Atlantik benannten Küstenwald mit Arbeiten von Cristine Takuá, Carlos Papa Mirim, Sandra Ara Reté Benites, Timóteo Verá Tupã Popyguá, Freg J. Stokes, Amilcar Packer und Anita Ekman, an deren Projekt Ocker unter anderem Sandra Nanayna Tariano, Niède Guidon, Gisele Daltrini Felice, Lídia Pankararu und Marcelo Noronha mitgewirkt haben. Es geht dabei um historische Migrationsbewegungen, die fundamentale Rolle von Frauen im Laufe der Zeit und in der Kunst, die Weltanschauung der Guaraní, sowie das Wirken von Künstler*innen, Intellektuellen und Heiler*innen unter Berücksichtigung der Verflechtungen des Atlantischen Regenwaldes innerhalb kolonial‑kapitalistischer Architekturen und Produktionssysteme.

 

Zu den Ursprüngen der Bilder

Das Projekt ist als dynamisches Kaleidoskop angelegt und nähert sich dem Konzept des „Ursprungs“ durch vielfältige Narrative: von Ore ypy rã (dem Ursprungsbegriff der Guarani), über das Projekt Ochre (Ocker), das Leitmotive in der prähistorischen Kunst in Südamerika identifiziert, bis hin zur fundamentalen Rolle der Frau in prähistorischen und zeitgenössischen Anschauungen.  

Der Hummingbird‑Atlas verbindet die Früchte der Guaraní‑Forschungen mit Erkenntnissen aus Umweltgeschichte, Geschichte der Arbeit, Anthropologie und kritischer Kartografie. Dazu wurde eine Reihe von Karten angefertigt, die die Geschichte der Guaraní nach der Invasion und Aneignung der indigenen Gebiete zeigt. Die Karten beinhalten Archivforschungen aus Südamerika und Europa sowie Reflektionen von Mbyá‑Guaraní‑Autor*innen und Künstler*innen.

Die Forschungsplattform besteht aus Gedichten, Texten, Zeichnungen, Fotografien und Videos, die in Bildwelten verwurzelt sind, die sich klassischen hegemonialen Narrativen entziehen und die die Beziehungen zwischen Körper und Land, Zugehörigkeit und Leben beleuchten.
  • Timóteo Verá Tupã Popyguá. Aldeia Takuary, Eldorado. SP. Foto: Edu Simões. Serie: Kaa ‘guy Porã, 2015.
    Timóteo Verá Tupã Popyguá. Aldeia Takuary, Eldorado. SP.
  • Karte „Südamerika 1750–1763“ von Freg J. Stokes  The Hummingbird Atlas, 2021. Karte „Südamerika 1750–1763“ von Freg J. Stokes The Hummingbird Atlas, 2021.
    Karte „Südamerika 1750–1763“ von Freg J. Stokes The Hummingbird Atlas, 2021.
  • Anita Ekman, Performance-Ritual „Ocre – Aborto da Vênus“ Foto: Edu Simões
    Anita Ekman, Performance-Ritual „Ocre – Aborto da Vênus“ (Ochre – The Abortion of Venus), Toca do Inferno, Parque Nacional da Serra da Capivara, Piauí, Brazil. May 2019.
  • Videostandbild aus dem Trailer „Wombs_of_the_Atlantic“ von Amilcar Packer und Anita Ekman Videostandbild aus dem Trailer „Wombs_of_the_Atlantic“ von Amilcar Packer und Anita Ekman
    Videostandbild aus dem Trailer „Wombs_of_the_Atlantic“ von Amilcar Packer und Anita Ekman

Worte zu Nhé Ery

Zeichnung von Anita Ekman, 2019 Zeichnung von Anita Ekman, 2019 | Zeichnung: © Anita Ekman Gedichte von Cristine Takuá

KA’A
Na força da sagrada Ka’a
Em meio a noite estrelada
Me senti esverdear
Amanhecendo sentindo
Seu suave aroma
E sua energia
Que nos preenche
Nos fortalece
E alegra o coração.
Porã ete Aguyjevete
 
 
KA’A
In der Kraft der heiligen Ka’a
Inmitten der sternenklaren Nacht
Fühlte ich mich ergrünen
Dämmerungsgefühl
Ihr sanftes Aroma
Und ihre Energie
Die uns erfüllen
Uns stärken
Und das Herz erfreuen.
Porã ete Aguyjevete
 
Hinweis zur Übersetzung: Auf Guaraní bezeichnet KA’A die Mate‑Pflanze.
 
 
MUDAR DE HÁBITOS, JÁ!
A floresta queima
O agronegócio
A fissura humana
Pela ordem e progresso
Segue dilacerando
Os seres numa
Velocidade alucinante
Mas a floresta segue
Pulsando, resistindo
E se transformando
Os espíritos todos
Donos dos seres
Yãmîy, yuxibu, ija kuery
Estão bravos
Furiosos com essa estúpida mania
Humana de superioridade
De razão
De falta de bom senso
Acordai vos humanos,
Ditos pensantes!
Donde habita vossa “humanidade”?
Onde está a Ética nessa
Demasiada razão
Que julgam possuir????
Mudar de hábitos já!
Por amor a vida dos seres todos!
 

ENDLICH DIE GEWOHNHEITEN ÄNDERN!
Der Wald brennt
Agrarindustrie
Der menschliche Spalt
Für Ordnung und Fortschritt
Reißt die Lebewesen
Weiter auf, mit einer
Unglaublichen Geschwindigkeit
Aber der Wald besteht weiter
Pulsierend, widerstehend
Und sich verwandelnd
All die Geister
Eigentümer der Wesen
Yãmîy, yuxibu, ija kuery
Sind wütend
Wütend über diese dumme Manie
Der menschlichen Überlegenheit
Der Vernunft
Des Mangels an gesundem Menschenverstand
Wacht auf ihr Menschen
Sogenannte Denker!
Wo lebt eure „Menschlichkeit“?
Wo bleibt die Ethik in diesem
Übermaß der Vernunft
Dass ihr zu besitzen glaubt????
Ändert endlich eure Gewohnheiten!
Aus Liebe zum Leben aller Wesen!
 
Hinweis zur Übersetzung: Die Wörter Yãmîy (Maxacali), yuxibu (Huni Kuin/Kashinawá), ija kuery (Guaraní) werden ähnlich gebraucht und bezeichnen Geisterwesen im Wald, die Schutz- und Leitfunktionen übernehmen, etwa ein Flussgeist oder Gesteinsgeist.

 
A CHEGADA DO ARA PYAU
Em meio a noite escura
Mergulhados no silêncio
das palavras não ditas
Os seres ditos racionais
Se perderam em meio a humanidade
que sonharam e planejaram Ser.
Todos se viram reféns do capital
Que movia seus anseios
E forçadamente foram obrigados
A reaprender a caminhar!
Uns sentem que o mundo
esta por acabar
Outros sentem o céu desabar
Em suas cabeças
Mas na verdade tudo está
refletindo a ânsia de Ter!
Consumo, poluição, egoísmo!
Ser humano falhou em sua humanidade!
Ara Yma nos mostrou
Muitas coisas em seu
silêncio e resguardo
E com a chegada do Ara Pyau
Buscamos nos fortalecer
E reaprender a sensibilidade
De aquietar os pensamentos
E sentir mais
Para tentar voltar
a Ser verdadeiramente
Uma pequena partícula
Dessa grande Teia
Que rege a vida.
Aguyjevete
 

DIE ANKUNFT VON ARA PYAU
Mitten in der dunklen Nacht
In die Stille
der unausgesprochenen Worte versunken
Die sogenannten Vernunftwesen
Verloren inmitten der Menschheit
die sie erträumt und zu sein geplant hatten.
Alle wurden zu Geiseln des Kapitals
Welches ihre Sehnsüchte bewegte
Und waren gezwungen
Neu zu lernen, wie man läuft!
Manche haben das Gefühl, dass die Welt
kurz vor dem Ende steht
Andere spüren, wie der Himmel
Über ihren Köpfen zusammenbricht
Aber in Wahrheit widerspiegelt
alles die Lust am Haben!
Konsum, Umweltverschmutzung, Egoismus!
Der Mensch hat in seiner Menschlichkeit versagt!
in seiner Ruhe und Schutz
Hat uns Ara Yma
Viele Dinge gezeigt
Und mit der Ankunft von Ara Pyau
Wollen wir uns selbst stärken
Und die Sensibilität neu erlernen
Um unsere Gedanken zu beruhigen
Und mehr zu fühlen
Um zu versuchen, zurückzukehren
um wirklich
Ein winziges Teilchen
Von diesem großartigen Gewebe zu sein,
Dass das Leben ist.
Aguyjevete.
 
Hinweis zur Übersetzung: Die Guaraní‑Wörter Ara Pyau und Ara Yma bezeichnen unterschiedliche Temporalitäten. Ara Pyau steht für den Anbruch einer neuen Zeit, Wärme und den Moment der Aussaat, Wachstum und Ernte. Ara Yma steht für die vergangene Zeit, Kälte und Stille.