Linguistische Emanzipation Rückkehr des Mohawk

Idle No More: Demonstration in Montreal, 11. Januar 2013
Idle No More: Demonstration in Montreal, 11. Januar 2013 | Foto (Detail): Ryan Remiorz / The Canadian Press © picture alliance / AP Images

Wenn man die Mohawks in der Reservation Kahnawake in ihrer Herkunftssprache anspricht – und wenn es nur zur Begrüßung oder zum Abschied ist – tritt sofort ein Lächeln in ihre Gesichter.

Von Caroline Montpetit

Allerdings sprechen nur wenige Mohawks in Québec ihre Herkunftssprache noch fließend. Wie der Großteil der indigenen Bevölkerung in Québec litten die Bewohner*innen dieses Reservats einige Kilometer von Montreal entfernt unter dem Einfluss der kanadischen Internatsschulen, und mindestens einer Generation der Mohawks wurde in der Schule verboten, Mohawk zu sprechen.
  • Mohawks aus Kahnawake feiern in Montreal den Nationaltag der Aborigines, 2016 Ryan Remiorz © picture alliance / AP Images
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  • Mohawk-Indianer dienten im Ersten Weltkrieg an der Westfront mit dem kanadischen Korps © picture alliance / Everett Collection
    Mohawk-Indianer dienten im Ersten Weltkrieg an der Westfront mit dem kanadischen Korps
  • Erste landesweite indianische Protestbewegung Idle No More (Nicht mehr tatenlos zusehen) in Kanada: Demonstration in der Innenstadt von Montreal, 11. Januar 2013. Mit Trommeltänzen und Gesang kämpft die friedliche Basisbewegung um die Wahrnehmung der verfassungsrechtlich garantierten indianischen Rechte: Mitsprache beider Nutzung traditioneller indianischer Gebiete, Bildung, Gesundheit und verbesserte Lebensbedingungen in den Gemeinden der Ureinwohner*innen. Ryan Remiorz / The Canadian Press © picture alliance / AP Images
    Erste landesweite indianische Protestbewegung Idle No More (Nicht mehr tatenlos zusehen) in Kanada: Demonstration in der Innenstadt von Montreal, 11. Januar 2013. Mit Trommeltänzen und Gesang kämpft die friedliche Basisbewegung um die Wahrnehmung der verfassungsrechtlich garantierten indianischen Rechte: Mitsprache beider Nutzung traditioneller indianischer Gebiete, Bildung, Gesundheit und verbesserte Lebensbedingungen in den Gemeinden der Ureinwohner*innen.
  • Idle No More: Demonstration in Montreal, 11. Januar 2013 Ryan Remiorz / The Canadian Press © picture alliance / AP Images
    Idle No More: Demonstration in Montreal, 11. Januar 2013
  • „Dienstboten aus Nain“ (Originaltext), Labrador, Kanada - undatiert, vermutlich um 1910 Haeckel Archiv © picture alliance / ullstein bild
    „Dienstboten aus Nain“ (Originaltext), Labrador, Kanada - undatiert, vermutlich um 1910
  • Kanada (Neufrankreich). 17. Jahrhundert. Friedenskongress zwischen einigen indianischen Nationen Kanadas unter dem Vorsitz eines französischen Gouverneurs und eines Irokesen, Vertreter einer Konföderation von sechs amerikanischen Indianerstämmen, die den Norden New Yorks und Kanadas bewohnen. Während der Konferenz geben die Indianer einen französischen Gefangenen zurück. Gravur, 1807. Prismaarchivo © picture alliance
    Kanada (Neufrankreich). 17. Jahrhundert. Friedenskongress zwischen einigen indianischen Nationen Kanadas unter dem Vorsitz eines französischen Gouverneurs und eines Irokesen, Vertreter einer Konföderation von sechs amerikanischen Indianerstämmen, die den Norden New Yorks und Kanadas bewohnen. Während der Konferenz geben die Indianer einen französischen Gefangenen zurück. Gravur, 1807.
  • Der Anführer der First Nations Perry Bellegarde bei einer Rede 2017. Die Versammlung der First Nations ist eine Organisation de Indianervölker in Kanada, deren Ziel es ist, die Rechte und Forderungen der mehr als 600 First Nations durchzusetzen. Dazu zählen alle indigenen Völker in Kanada mit Ausnahme der Métis und der Inuits. Richard Lautens © picture alliance/ZUMA Press
    Der Anführer der First Nations Perry Bellegarde bei einer Rede 2017. Die Versammlung der First Nations ist eine Organisation de Indianervölker in Kanada, deren Ziel es ist, die Rechte und Forderungen der mehr als 600 First Nations durchzusetzen. Dazu zählen alle indigenen Völker in Kanada mit Ausnahme der Métis und der Inuits.
  • Jean de Brebeuf, französischer Jesuiten-Missionar, mit einem kanadischen Indianerstamm - Stich um 1640 © picture alliance / ullstein bild
    Jean de Brebeuf, französischer Jesuiten-Missionar, mit einem kanadischen Indianerstamm - Stich um 1640
  • geschnitzte Indianerfigur schaut auf das bunte Treiben der geschäftigen Yonge Street in Toronto, Kanada McPHOTO © picture alliance / blickwinkel
    geschnitzte Indianerfigur schaut auf das bunte Treiben der geschäftigen Yonge Street in Toronto, Kanada
  • Handel mit den kanadischen Ureinwohnern in Kanada (Gauthier & Fadens Karte Kanadas, vertreten in Green's History of England) Mary Evans Picture Library © picture alliance
    Handel mit den kanadischen Ureinwohnern in Kanada (Gauthier & Fadens Karte Kanadas, vertreten in Green's History of England)
Doch die Gemeinschaft hat ihre Probleme seither in Angriff genommen und so gibt es immer mehr Programme für das Erlernen des Mohawk. Im Unterricht an der Grundschule Karihwanoron, deren Name übersetzt „Kostbarkeiten“ bedeutet, lernen die Kinder die Namen verschiedener Tiere auf Mohawk, zum Beispiel die Bezeichnungen für Wolf, Bär oder Biber. Ein Schaubild präsentiert außerdem die verschiedenen Vögel in ihrer Umgebung: den Blauhäher, den Kardinal oder den Stieglitz.

Der gesamte Unterricht – von der Vorschule bis zum sechsten Jahr der Grundschule – findet an dieser Schule auf Mohawk statt. Mathematik und Naturwissenschaften werden auf Mohawk unterrichtet und den Kindern kulturelles Wissen vermittelt: Gebete, Tänze, Lieder, Landwirtschaft. In der Klasse werden die Schüler*innen von zwei Lehrkräften, einem Mann und einer Frau, unterrichtet.

„Das dient der Nachempfindung des familiären Umfelds, in dem die Kinder beide Elternteile um sich haben“, sagt Joely Van Dommelen, die momentane Leiterin der Schule. Karihwanoron ist die einzige Schule im Reservat Kahnawake, die ihren Schüler*innen bis zur sechsten Klasse den Unterricht ausschließlich auf Mohawk bietet. Die Schule wurde von Joelys Mutter vor 29 Jahren zusammen mit zehn weiteren Elternteilen gegründet. Sie selbst sprach kein Mohawk mehr, wohingegen ihre eigene Mutter, Francis Dione, Joely Van Dommelens Großmutter, diese Sprache fließend sprach. Doch Francis Dione wurde in ihrer Kindheit in der Schule verboten, Mohawk zu sprechen.

„Als ich jung war, haben wir mit meiner Großmutter in den Vereinigten Staaten gelebt“, erzählt Joely. „Ich war damals schon zu alt und interessierte mich nicht wirklich dafür, mit ihr zusammen Mohawk zu lernen. Aber meine Schwester war noch jünger und blieb immer mit meiner Großmutter zu Hause. Heute spricht sie fließend Mohawk und spricht es auch mit ihren Kindern.“

Nur eine*r der sieben Lehrer*innen an der Schule hat Mohawk als Muttersprache. Die anderen haben ihre Herkunftssprache in verschiedenen Kursen erlernt. „In den Anfängen waren etwa sechs Kinder in der Schule angemeldet, mittlerweile sind es rund 40“, fährt Joely fort. Die vier Kinder von Frau Van Dommelen haben die Karihwanoron-Schule besucht, aber nur eines von ihnen spricht fließend Mohawk. „Solange meine älteste Tochter an der Schule angemeldet war, gab es noch keinen Unterricht bis zur sechsten Klasse“, sagt sie. Die Schule erhält allerdings keine staatliche Förderung, da sie nicht das Bildungsprogramm bietet, das vom Bildungsministerium in Québec vorgeschrieben wird. Die Kinder besuchen keinen einzigen Französisch- oder Englischkurs und haben auch kein Fach, in dem die Geschichte Kanadas vermittelt wird.

„Im Reservat ist alles auf Englisch, also lernen die Schüler*innen es auch. Mit Französisch haben sie mehr Schwierigkeiten“, führt Frau Van Dommelen aus. Bei den indigenen Sprachen handelt es sich traditionell um Sprechsprachen, und so wird in der Karihwanoron-Schule auch Wissen mündlich vermittelt. „Es wurden Wörterbücher erstellt, aber wir benutzen sie nicht oft. Bücher werden bevorzugt für Fächer wie Mathematik verwendet“, erzählt Joely Van Dommelen.

Auf der weiterführenden Schule weisen die Schüler*innen dann einen gewissen Rückstand auf, den sie laut Joely später aber aufholen können. „Es sollte ein vollständiges Immersionsprogramm in der Sekundarschule und an der Universität angeboten werden“, sagt Watenhentiiostha, eine Lehrerin an der Karihwanoron-Schule. Die Schule bekommt etwas Geld aus dem Fonds für den Kindergarten, da sie auch von Kindern im Vorschulalter, ab 18 Monaten, besucht wird, und außerdem noch etwas Geld von der Nachbarschule The Indian Way, die bis zum vierten Jahr der Grundschule Unterricht auf Mohawk anbietet. Außerdem muss die Schule ständig Gelder bei der Gemeinde und außerhalb des Reservats sammeln, und die Gehälter der Angestellten bezahlen zu können. Auch aktuell ist die Schule aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten von der Schließung bedroht.

Laut einer Umfrage aus dem Jahre 2014, die vom Centre linguistique et culturel (Sprach- und Kulturzentrum) Kahnawake unter 376 Einwohner*innen durchgeführt wurde, sprach nur ein*e einzige*r unter 18 Jahren fließend Mohawk, verglichen mit zwei jungen Leuten zwischen 18 und 30 Jahren, vier Einwohner*innen zwischen 31 und 49 Jahren, 13 zwischen 50 und 69 Jahren und 27 im Alter von mehr als 69. Wenn Joely von der Zeit erzählt, in der es den Mohawks verboten war, in der Schule ihre Sprache zu sprechen, hat sie Tränen in den Augen. Sie selbst ging außerhalb des Reservats zur Schule, in der Nachbargemeinde Châteauguay.

Auf ihrem Sterbebett äußerte ihre Großmutter als letzten Wunsch, dass ihre Kinder und Enkel so oft wie möglich ihre Sprache sprechen und sich nicht unterkriegen lassen sollen, egal was komme. Sie selbst sprach ihre Sprache ständig, auch wenn ihre Schule ihr dies verboten hatte. „Für uns geht es in dieser Schule etwas familiär zu“, fährt Joely fort. In der ersten Zeit am Morgen zelebrieren die Kinder eine Art Danksagung gemäß der Tradition der Mohawk. Sie danken der Erde und schwören, sie nie ihrer Macht zu berauben. Im Laufe des Tages lernen die Schüler*innen unter anderem kochen und handwerken, gärtnern und tanzen. Im Moment hat die Schule keine Sporthalle, aber die Kinder können draußen spielen und die der Schule gespendeten Schaukeln nutzen.

„Manchmal gehen wir in die Sporthalle in Kahnawake“, erzählt Joely, die gern mehr Geld hätte, um die Schule zu vergrößern. Für die Eltern der Kinder, die die Karihwanoron-Schule besuchen, ist das Erlernen der Sprache essentiell. Sie organisieren Spendenaktionen, um Mittel für die Schule zu sammeln.

Für die Kultur der Mohawk geht es schlicht und ergreifend ums Überleben. Aber für den Moment reicht es schon sich mit einem o :nen zu verabschieden oder sich mit einem nia : wen zu bedanken, um sie mit Stolz zu erfüllen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.goethe.de/Montreal.