Brandbekämpfung nach indigenem Vorbild Wissen der Aborigines für Versöhnung nutzen

Buschfeuer in Australien, Juli 2019
Buschfeuer in Australien, Juli 2019 | Foto (Detail): Sian Hromek © Firesticks Alliance

Die jüngsten Buschfeuer in ganz Australien richteten verheerende Verwüstungen an und stürzten das Land in eine Phase tiefer Selbstreflexion. Jetzt werfen Behörden und Landbesitzer*innen einen genaueren Blick auf die kulturellen Abbrennmethoden der Aborigines als mögliche Alternative im Umgang mit der steigenden Bedrohung durch Brände im ganzen Land. Oliver Costello ist Geschäftsführer der Firesticks Alliance, einem indigenen Unternehmen, das diese Praktiken lehrt und das Wissen über sie verbreitet. Mit „Latitude“ sprach er über seine Arbeit.

Von Oliver Costello

Würden Sie sagen, dass Australien dabei ist, indigene Feuermanagement-Methoden wiederzuentdecken?

Da unsere Landschaften und unsere Völker von der Kolonisierung so schwer betroffen waren, würde ich sagen, dass sich viele der heutigen Feuermanagement-Methoden tatsächlich vom Feuermanagement der Aboriginekulturen herleiten. Aber durch die Kolonisierung haben sie in gewisser Weise ihre Protokolle und ihren Wert verloren. Das ist einer der Aspekte, über die wir beim kulturellen Feuermanagement sprechen. Ein Großteil von dem, was wir tun, dreht sich um die Steuerung von Verwandtschaftsbeziehungen in der Natur, also der jeweiligen Pflanzen und Tiere und Menschen, die unterschiedlich zueinander in Relation stehen.

Unsere Ältesten haben sich in diese Landschaften hinein entwickelt und können so als Lehrer*innen und Fachleute für die traditionellen Gesetze des Abbrennens agieren, unddabei helfen, diese natürliche Umgebung zu regulieren. Sie haben gelernt, sich mit der Landschaft zu entwickeln und mit ihr zu koexistieren, sodass sie für ihren Lebensunterhalt, aber gleichzeitig auch für die Umwelt sorgen können.

Kulturelles Abbrennen ist ein Ausdruck, den – vor allem international – nicht alle auf Anhieb verstehen. Wie würden Sie den Begriff erklären?

Im Grunde geht es darum, auf eine Art abzubrennen, die Habitat und Vegetation steuert. Dabei gibt es eine Reihe technischer Kompetenzen und kultureller Protokolle, die sehr wichtig sind. Nur Menschen, die die Befugnis zum Abbrennen haben, sollten diese Befugnis ausüben. Das bedeutet nicht, dass sie immer diejenigen sind, die das Abbrennen auch durchführen. Es können sich zum Beispiel an einem Ort Menschen aufhalten, die von weiter weg kommen. Sie kommen in eine fremde Region, in der sie ein paar Wochen oder Monate oder sogar länger an einem Lagerplatz bleiben, und haben dort unter Umständen auch Abbrennverpflichtungen. Aber sie brennen unter der Verantwortung der Einheimischen ab – sie brennen nicht einfach nieder, was immer sie wollen. Da gibt es also ein kulturelles Protokoll. Aber technisch gesehen geht es darum, die Vegetation zu steuern. Es geht darum, zu verstehen, dass unterschiedliche Pflanzen ein unterschiedliches Verhältnis zum Feuer haben und deshalb auf Feuer unterschiedlich reagieren. Manche von ihnen, wie zum Beispiel manche Regenwaldarten, sind sehr feuerempfindlich.  

Wenn wir also kulturelles Abbrennen durchführen, setzen wir das ein, was wir das richtige Feuer für die jeweilige Region nennen. Letztlich führt das zu vielfältigeren, gesünderen Landschaften für Pflanzen, Tiere und Menschen. Damit sind sie sicherere Umgebungen, weil das Brennmaterial reduziert wird. Allerdings konzentrieren wir uns nicht auf die Reduzierung des Brennmaterials, der Fokus liegt vielmehr auf jenen Werten, die mit dem Schutz und der Stärkung der Identität einer Region zu tun haben. Generell brennen wir letztlich mit wesentlich weniger Intensität ab als viele der konventionellen Feuer zur Risikominderung und als die Buschfeuer, die man sieht.

Firesticks scheint in Australien in Bezug auf kulturelles Abbrennen momentan eine Führungsrolle einzunehmen. Was ist der Hintergrund Ihrer Organisation?

Das ist eine lange Geschichte, für mich ist es eine persönliche Entwicklung. Ich bin väterlicherseits Aborigine, nämlich Bundjalung. Meine Mutter heiratete einen älteren Mann aus Arnhemland (an der Nordküste Australiens), der dann in die Blue Mountains (westlich von Sydney) zog. Er brachte mir dies und das bei und sagte, um das Land hier kümmere sich keiner. Es gab damals eine ganze Reihe von Abbrennprojekten für die Savanne, an denen er beteiligt war. Er war einer der Erfahrungsträger, der das Brandbekämpfungsprogramm im westlichen Arnhemland miteingerichtet hatte. Ich dachte, das ist fantastisch, warum machen wir das hier unten nicht? Dann landete ich irgendwann in einem Leadership-Programm und traf Victor Steffensen und initiierte das erste Firesticks-Projekt. 
  • Oliver Costello, Geschäftsführer Firesticks Alliance Indigenous Corporation, und Victor Steffensen beim Nationalen Indigenen Feuer-Workshop 2016, Wujal Wujal Cape York veranstaltet vom indigenen Volk der Kuku Yalanji © Vera Hong
    National Oliver Costello, Geschäftsführer Firesticks Alliance Indigenous Corporation, und Victor Steffensen beim Nationalen Indigenen Feuer-Workshop 2016, Wujal Wujal Cape York veranstaltet vom indigenen Volk der Kuku Yalanji
  • Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta Vera Hong © Firesticks Alliance
    Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta
  • Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta Vera Hong © Firesticks Alliance
    Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta
  • Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta, im Bild: Vanessa Cavanagh mit ihren Kindern Tyson & Emma Vera Hong © Firesticks Alliance
    Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta, im Bild: Vanessa Cavanagh mit ihren Kindern Tyson & Emma
  • Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta, im Bild: Deborah Swan Vera Hong © Firesticks Alliance
    Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta, im Bild: Deborah Swan
  • Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta Vera Hong © Firesticks Alliance
    Nationaler Indigener Feuer-Workshop in Dhungala 2019, veranstaltet vom indigenen Volk der Yorta Yorta

Mittlerweile haben wir es geschafft, kulturelles Abbrennen in vielen Gegenden wiederzubeleben, in denen es seit Jahrhunderten nicht mehr durchgeführt wurde. Wir sind in der Lage, eine Methodik zu demonstrieren, um kulturelles Abbrennen wiederaufleben zu lassen und ein landesweites Netzwerk aufzubauen. Und das alles haben wir auf der Basis von Freiwilligen und geringen Zuschüssen geschafft. Wir haben es fertiggebracht, etwas – für dessen Entwicklung man leicht Hunderte von Millionen Dollar ausgeben könnte – mit minimalen Ressourcen und Energie auf die Beine zu stellen. Aber jetzt ist die Zeit für Investitionen gekommen: Schauen Sie sich nur an, was mit der Landschaft passiert ist, schauen Sie sich die Leute an, die diese Arbeit machen möchten. Firesticks versucht im Prinzip, diesen sozialen und praktischen Wandel zu schaffen.

Wie wichtig ist kulturelles Abbrennen Ihrer Meinung nach als Teil des breiteren Konzepts von Versöhnung?

Ich denke, es ist ein ganz großer Teil des Prozesses. Es kann Grundbesitzer*innen und Landbewirtschafter*innen und die traditionellen Hüter*innen des Landes verbinden, die dann über eine dynamischere und respektvollere Beziehung nachdenken können. Es erlaubt uns, Wissen auf eine Art zu teilen, die indigene Gemeinschaften befähigt, bei ihren Wissenssystemen eine Führungsrolle einzunehmen, ihre Methoden zu demonstrieren und Vorurteile abzubauen. Es gibt sehr viele negative Klischees über die Kultur der Aborigines, die sich hartnäckig halten, aber mit der Kultur der Aborigines absolut gar nichts zu tun haben. Sie haben mit einer kolonisierten Kultur zu tun. Sie sind das, was passiert, wenn Menschen unterdrückt und enteignet werden. Sie sagen nichts darüber aus, wie diese Menschen waren, wie wir waren.

Was wir tun, bietet den Leuten einen positiven Weg hin zur Versöhnung, indem wir die eigentliche Identität des jeweils anderen besser verstehen. Es ist fantastisch, die positiven Reaktionen sehr unterschiedlicher Interessensgruppen auf unsere Arbeit zu sehen – von Farmer*innen über Umweltschützer*innen bis hin zu Grundbesitzer*innen. Das fördert den Versöhnungsprozess, weil wir die Menschen dazu bringen, sich gegenseitig zu verstehen und zu unterstützen.
 
Das Interview führte André Leslie, Online-Redakteur am Goethe-Institut Sydney.