Das ehemalige Kolonialmuseum in Rom Von Vergangenheit und Zukunft

Dekolonisierung: In den Archiven des Museo delle Civiltà liegt das ehemalige Kolonialmuseum Roms, das nach vierzig Jahren neu eröffnet wird
In den Archiven des Museo delle Civiltà liegt das ehemalige Kolonialmuseum Roms, das nach vierzig Jahren neu eröffnet wird | Foto: Maik Reichert © Goethe-Institut Italien

Das ethnografische Museum Luigi Pigorini ist Teil des Museumskomplexes Museo delle Civilità (Museum der römischen Zivilisation) im römischen EUR-Viertel, das im Auftrag Mussolinis für die Weltausstellung 1942 mit Paradestraßen und Monumentalbauten errichtet wurde. Es beherbergt eine Afrika-Abteilung und in seinen Archiven liegt das ehemalige Kolonialmuseum Roms, das nach vierzig Jahren in Kisten neu eröffnet werden soll. Zuständig dafür sind zwei junge Afrika- und Museumsexpertinnen: Gaia Delpino und Rosa Di Lella. Eine Multimedia-Reportage aus der italienischen Hauptstadt.
 

Von Sarah Wollberg (Texte, Interviews) und Maik Reichert (Fotos/Kamera, Interviews)

Unser Rundgang beginnt in der Afrika-Abteilung. Gaia Delpino zeigt uns auf der Landkarte, wie die Europäer Anfang des 14. Jahrhunderts Richtung Afrika segelten und an den Küsten des Kontinents wirtschaftliche und politische Bündnisse knüpften. „Das, was ich heute besonders hervorheben möchte, ist die damalige Gleichheit zwischen den afrikanischen und europäischen Königreichen.“ Diese spiegelt sich auch in der Sprache vieler Schriftstücke aus dieser Zeit wider. Es gab noch keine von kolonialen Denkstrukturen geprägte Ausdrucksweise. „Der Andere“, so die Wissenschaftlerin, „wurde als gleichwertiger Handelspartner und Mensch betrachtet.“ Auch die in der Abteilung ausgestellten Objekte wurden eigens nach dem europäischen Geschmack der Handelspartner angefertigt und gelten noch heute als „Botschafter“ zwischen den Kontinenten.

Die Verdrängung des Kolonialismus

Von der Afrika-Abteilung gehen wir in die weiträumigen Archive des Museumsbaus, wo das ehemalige Kolonialmuseum hinter noch verschlossenen Türen liegt. Nach vierzig Jahren in Depots sollen seine Objekte dem Publikum den Teil der italienischen Geschichte nahe bringen, der bisher einer starken Verdrängung zum Opfer gefallen ist. „Mit der langjährigen Schließung des Museums ging auch eine physische Verneinung des Kolonialismus und seiner Objekte einher“, bestätigt uns Rosa Di Lella. Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist in all unseren Ländern längst überfällig und befindet sich sowohl in Italien als auch in Deutschland erst im Anfangsstadium. Die meisten Objekte, die wir im Archiv zu sehen bekommen, stammen aus der Musterausstellung und sind für Propagandazwecke nach Italien gekommen. Es braucht Mut, sich im Dickicht von Wissenschaft und Politikum damit auseinanderzusetzen und einen Weg zu finden, der niemanden mehr außen vor lässt.

Die Zukunftsvision des Museums

„Wir möchten versuchen, die Geschichte des Museums und des Kolonialismus in den größeren Kontext der Beziehungen zwischen Italien, Europa und Afrika zu stellen. Dabei sollen mehrere Stimmen der Interpretation zu Wort kommen. Wir Europäer*innen haben einen Blick, der von anderen Blicken ergänzt werden muss“, so Rosa Di Lella. Es ist unabdingbar, dass wir im Jahr 2020 den Standpunkt der Kolonialisierten mit einbeziehen und uns mit ihnen konfrontieren. Die beiden jungen Expertinnen haben dazu eine klare Vision: „Wir möchten zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen in den Archiven ein Zentrum zum italienischen Kolonialismus aufbauen, in dem neue Debatten geführt werden.“ Das Museum soll zum zentralen Bezugspunkt für diese Sammlung werden, sodass sie endlich lebendig und offen ist.

Ein Dialog mit Afrika

Es soll einen ständigen Austausch mit den Menschen der Diaspora in Italien sowie eine enge Zusammenarbeit und Partnerschaften mit Museen und Universitäten der ehemaligen Kolonien in Äthiopien, Eritrea, Libyen und Somalia geben. „Das neue Museumskonzept wird zusammen mit Architekt*innen und Kommunikationsexpert*innen entworfen. Schon in dieser Anfangsphase ist es uns ganz wichtig, die Kolleginnen und Kollegen aus den afrikanischen Ländern mit einzubeziehen“, erklärt uns Rosa Di Lella. Auf der anderen Seite stehen sie schon jetzt mit italienischen Zeitzeug*innen im Gespräch, die eine eigene koloniale Geschichte haben. „Auch mit ihnen sprechen wir über Erinnerungen, um nach und nach eine Kolonialgeschichte zu rekonstruieren, die die ganze Komplexität der Sache wiedergibt.“
  • Dekolonisation: Das ethnografische Museum Luigi Pigorini ist Teil des Museumskomplexes Museo delle Civilità (Museum der römischen Zivilisation) im römischen EUR-Viertel, das im Auftrag Mussolinis für die Weltausstellung 1942 mit Paradestraßen und Monumentalbauten errichtet wurde. © Maik Reichert
    Das ethnografische Museum Luigi Pigorini ist Teil des Museumskomplexes Museo delle Civilità (Museum der römischen Zivilisation) im römischen EUR-Viertel, das im Auftrag Mussolinis für die Weltausstellung 1942 mit Paradestraßen und Monumentalbauten errichtet wurde.
  • Dekolonisation: Die weiträumigen Archive des Museumsbaus, wo das ehemalige Kolonialmuseum hinter noch verschlossenen Türen liegt © Maik Reichert
    Die weiträumigen Archive des Museumsbaus, wo das ehemalige Kolonialmuseum hinter noch verschlossenen Türen liegt
  • Dekolonisation: Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom © Maik Reichert
    Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom
  • Dekolonisation: Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom © Maik Reichert
    Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom
  • Dekolonisation: Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom © Maik Reichert
    Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom
  • Dekolonisation: Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom © Maik Reichert
    Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom
  • Dekolonisation: Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom © Maik Reichert
    Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum in Rom
Gaia Delpino ist der Meinung, dass es außerdem an der Zeit sei, von Afrika und Europa nicht mehr in der Einzahl zu sprechen, sondern in der Mehrzahl: Afrikas und Europas. „Ich bin im Laufe meiner Erfahrungen in Afrika auf mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede gestoßen. Aber auch die Unterschiede sind sehr wichtig, man darf sie nur nicht werten.“
 
Und so hoffen wir, dass auch das neue Kolonialmuseum frei von der Angst vor Wertung sein wird und wir uns in ganz Europa der Aufgabe stellen, den Kolonialismus endlich aus den Kisten unserer Köpfe hervorzuholen, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen.