Indisches Englisch Hinglish – Singh is King

English of India
English of India | Foto (Detail): © knowledge must 2010

Eine einfallsreiche Mischung aus Englisch und Hindi hat sich auf dem indischen Subkontinent und in der großen indischen Diaspora zu einer beliebten Kommunikationsform des Alltags entwickelt.

Von Faizal Khan

Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts gab es in Indien eine populäre Fernsehwerbung: Eine Gruppe von Kindern hockt in einem abgelegenen Dorf auf einem Steinhaufen. Über ein Mobiltelefon verfolgen sie den Geschichtsunterricht ihres Lehrers in der weit entfernten Stadt. Am Ende des Werbefilms kommt ein Bollywood-Star ins Bild und sagt: „What an idea, Sir Ji!“ 
 
Mit dieser Kampagne warb das damals noch junge Telekommunikationsunternehmen Idea mit einer Mischung aus Englisch und Hindi für seine Dienste. Sie konnte das Interesse der Zuschauer*innen wecken, weil sie wichtige Themen wie Bildung für alle oder Umweltschutz behandelte und sich dabei auch noch über Sprachgrenzen hinwegsetzte. Alle Werbefilme der Kampagne hatten ein anderes Motto und endeten immer mit einer Kombination aus der höflichen englischen Anrede Sir mit dem Wort Ji, einem Ausdruck von Respekt auf Hindi.
 
Wenn es darum geht, das Bewusstsein für Umweltschutz oder Kinderfürsorge zu schärfen, ein Produkt zu verkaufen oder einen Film zu machen, ist ein Schuss Hinglish die beste Zutat, um in Indien die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zu erlangen. Selbst wenn es womöglich keine gute Idee ist, Wörter mit ähnlicher Bedeutung aus verschiedenen Sprachen miteinander zu mischen. Das Oxford English Dictionary definiert das Substantiv Hinglish als Bezeichnung für eine Mischsprache aus Englisch und Hindi und insbesondere für eine Form der englischen Sprache, die viele Wörter auf Hindi enthält. In Indien, das für seine sprachliche und kulturelle Vielfalt bekannt ist, trifft man in vielen Bereichen des täglichen Lebens auf Hinglish.

Die Ursprünge von Hinglish

Von Bollywood-Filmen über Fernsehwerbung bis hin zu Mainstream-Theaterproduktionen – Hinglish ist aus dem indischen Alltag als fester Bestandteil der Kommunikationskultur nicht mehr wegzudenken. Einige der größten Kassenschlager des indischen Kinos im 21. Jahrhundert haben Titel wie die romantische Komödie Jab We Met (Als wir uns trafen) aus dem Jahre 2007. Hier wird das englische „when“ (als) durch ein Hindi-Wort mit derselben Bedeutung ersetzt. Ein Bollywood-Streifen aus dem Jahre 2011 heißt Kucch Luv Jaisaa, was so viel bedeutet wie Something Like Love (So was wie Liebe). Und der Titel des ebenfalls 2011 veröffentlichten Films Always Kabhi bedeutet Always Sometimes (Immer manchmal).
 
„Bei indischen Sprachen ist ausgesprochen häufig ein Code-Switching und Code-Mixing zu beobachten. Dabei beginnt ein Sprecher in einer Sprache und wechselt unvermittelt in eine andere oder mischt beim Sprechen Wörter aus zwei Sprachen“, so Salivendra Jayaraju, Professor für Englische Sprache an der English and Foreign Languages University in Hyderabad. „Code-Switching und Code-Mixing sind weltweit anerkannt. In der Kommunikation geht es vor allem um Funktionalität und weniger um Sprachreinheit“, fügt Professor Jayaraju hinzu, der Phonetik und englische Konversation unterrichtet.
 
Linguist*innen haben die Ursprünge von Hinglish bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückverfolgt, als die Ostindien-Kompanie nach Indien kam und den Weg für die britische Herrschaft (Raj) bereitete. „Sprachen existieren nicht unabhängig von ihrer Außenwelt. Sie sind etwas Organisches, und wenn sie aufeinanderstoßen, beeinflussen sie sich immer gegenseitig“, schreibt Harish Trivedi, der Englisch an der Universität von Delhi unterrichtet, im Vorwort zu Chutnefying English: The Phenomenon of Hinglish, einem von Rita Kothari und Rupert Snell herausgegebenen Werk zum Hinglish-Phänomen. „Es ist in der Tat so, dass sich Sprachen auf nahezu kannibalische Weise voneinander ernähren. Täten sie dies nicht, würden sie aussterben“, fügt Professor Trivedi hinzu.

In der Popkultur

Als im Verlauf der Jahrhunderte immer mehr Inder*innen die Sprache ihrer Kolonialherren lernten, wurden englische Wörter nicht mehr nur von Muttersprachler*innen verwendet, sondern hielten in nahezu allen wichtigsten Sprachen des Landes Einzug. Durch Massenmedien wie Bollywood, dessen Einfluss von Kerala bis Kaschmir reicht, entwickelte sich Hinglish zu einem panindischen Phänomen, das sich nicht nur auf Nordindien beschränkt, wo Hindi die Hauptsprache ist.
 
Heute ist Hinglish in den städtischen Ballungsräumen in ganz Indien weit verbreitet. Es fällt daher manchmal schwer, wirklich zu beurteilen, ob jemand Hindi mit englischen Einsprengseln spricht oder ob das Gegenteil der Fall ist. So beispielweise im Klappentext zu Vibha Batras Roman Bathinda to Bangkok von 2019: „Mahi’s back in the pavilion, but, ji, her dreams got mixed with mud. Hopes got crushum-crushed. Heart became pieces-pieces. As if life isn’t tatti enough, one after another new-new siyapas are starting.“ So klingt Herzschmerz auf Hinglish.
 
Im Blockbuster Hum Saath Saath Hain (We Are Together/Wir sind zusammen) aus dem Jahre 1999 singt Bollywood-Star Salman Khan das gesamte englische Alphabet in einem beliebten Hindi-Song. Die weltweite Verbreitung von Hinglish wird durch die große indische Diaspora befördert. US-Rapper Snoop Dogg bewegte dies zu einem Kurzauftritt im Titelsong der Bollywood-Komödie Singh is Kinng, die 2008 mit 1.700 Kopien in Kinos in Indien, den USA, Großbritannien, Kanada und den Vereinigten Arabischen Emiraten startete.
 
Hinglish ist in der breiten Bevölkerung so beliebt, weil es bedenkenlos immer und überall verwendet werden kann, ohne in Stereotype zu verfallen. Indische Teenager erzählen einander gern, wer ihr „sabse best friend“ ist. Es ist ihnen egal, dass sie mit „sabse best“ (bester bester) zwei identische Superlative aneinanderreihen. Ein ähnlich überladener Titel eines Filmes in Englisch, Hindi und Tamil aus dem Jahre 2002 lautet Mitr – My Friend. Einem Erfolg an den Kinokassen und bei der Kritik tat dies jedoch keinen Abbruch, obwohl mitr auf Hindi Freund bedeutet.

Die Zukunft ist rosig

Ein typischer Satz in einem indischen Film könnte heutzutage zum Beispiel lauten: „Zindagi ka doosra naam problem hai.“ Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies: Problem ist der zweite Name von Leben. Wegen solcher Dialoge auf Hinglish beschlossen die Microsoft Research Labs in der indischen Softwarehauptstadt Bangalore, die Drehbücher indischer Filme etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Sie wollten herausfinden, wie sich Hindi und Englisch in Filmen miteinander vermischen. Amazons Sprachassistentin Alexa spricht in Indien mittlerweile Englisch, Hindi und Hinglish. Dies spiegelt die Wirklichkeit in indischen Städten wider, wo Menschen übergangslos von einer Sprache in die andere wechseln. Deshalb sind auch Siri und der Google Assistant mit auf den Zug aufgesprungen. „Wenn Sie arrey yaar (was grob übersetzt „hey mate“, hallo Kumpel, heißt) schreiben, erkennt das iPhone diese Wörter und führt keine Autokorrektur durch“, so Javed Anwer, technischer Redakteur bei der India Today Group.
 
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahm die Zahl der Einträge von Wörtern auf Hindi in englischen Wörterbüchern rasant zu – ein Beleg für den wachsenden internationalen Einfluss von Hinglish. Angrez (eine englische Person) ist nun, genauso wie Masala (Gewürz), Teil des englischen Wortschatzes. Stand-up-Comedians schwören heutzutage auf Hinglish als einfache und interessante Sprache, die dazu beigetragen hat, die Kommunikation zu demokratisieren. Überall – in der Kunst, im Kino, im Theater und in der Literatur – gibt es Anzeichen dafür, dass Sprachen in Zukunft immer stärker aufeinander Einfluss nehmen werden. Das indische Telekommunikationsunternehmen Idea, das seiner Fernsehwerbung mit einer Mischung aus Hindi und Englisch zu mehr Schwung verhalf, folgte vor zwei Jahren seinem eigenen Rezept und schloss sich mit Vodafone zu Vodafone Idea zusammen.
 

 

Der Einfluss indischer Sprachen auf die englische Sprache hat einige interessante Ergebnisse hervorgebracht. Hier sind einige Beispiele für indisches Englisch, das von Hindi geprägt wurde:
 
1. Where are you putting up? 
Die indische Art zu fragen, wo wohnen Sie/wohnst du?
 
2. I belong to Delhi.
 Nicht  „ich lebe/wohne in Delhi“ sondern „ich komme aus/bin von“. Also, in Delhi geboren.
 
3. Myself, Hemant.
 Hemant stellt sich vor.
 
4. What is your good name?
Freundlich nach dem Namen fragen. Hat nichts mit gutem oder schlechten Namen zu tun, sondern mit der wörtlichen Übersetzung aus dem Hindi. Da lautet die Frage: „Aap ka shubh naam kya hai“ (subh naam = guter Name)
 
5. It’s like that only.
Heißt in etwa: „Es ist halt so.“
 
6. This is my real brother.
Jeder ist ein Bruder in Indien! Um das zu unterscheiden, sagt man „real brother“, wenn es um den echten Bruder geht.
 
7. We are shifting.
Wir ziehen um.
 
8. She is foreign-returned.
Für eine Person, die aus dem Ausland zurückgekehrt ist.
 
9. Do one thing.
Es geht um eine spezifische Aufgabe. Auch bei diesem Ausdruck handelt es sich um eine direkte Übersetzung von Hindi: „Ek kaam kijiye hamara …“ Sie heißt übersetzt so viel wie: Tu eine Sache. Angewendet wird dieser Ausdruck in Ratschlägen oder Aufforderungen.
 
10. He is first-class first.
Eltern loben die akademische Würde ihres Sohnes.
 
11. Out of station
Ich bin unterwegs oder außerhalb der Stadt.
 
12. Cent per cent done. Ok Boss.
Hinglish meint damit hundertprozentig. Wer das also in einer E-Mail an den Vorgesetzten sagt, meint aus irgendeinem Grund, dass er seine Arbeit abgeschlossen hat.
 
13. He passed out of college in 1997.
Es geht nicht darum, das Bewusstsein zu verlieren, vielleicht durch Ohnmacht. Stattdessen bedeutet es den Abschluss einer Bildungseinrichtung.
 
14. Do the needful.
Archaische Sprache von ihrer besten Seite, dies ist eine der häufigsten Hinglish-Phrasen, um eine offizielle E-Mail zu beenden.
 
 
Dies sind weithin bekannte Sätze in indischem Englisch / Hinglisch aus dem täglichen Sprachgebrauch. Es gibt eigentlich keine einzige Quelle, der sie zuzuschreiben wären, da sie allgemein üblich und gängig sind.