Essen und kulturelle Identität „Koloniale Strategien können mich nicht stoppen“

Rassismus – Moderner als es der Westen sehen möchte? – Nigeria heute: Kundschaft kauft Eiscreme in Lagos. Jahre eines soliden Wirtschaftswachstums, allmähliche Wirtschaftsreformen und Energiefunde haben Afrika in einen der attraktivsten Märkte der Welt verwandelt.
Moderner als es der Westen sehen möchte? – Nigeria heute: Kundschaft kauft Eiscreme in Lagos. Jahre eines soliden Wirtschaftswachstums, allmähliche Wirtschaftsreformen und Energiefunde haben Afrika in einen der attraktivsten Märkte der Welt verwandelt. | Foto (Detail): Sunday Alamba © picture alliance / AP Photo

Essen und Kochen spielen eine wichtige Rolle für meine Identität als Nigerianerin. Mein Leben ist bestimmt von den vielen Geschmackserlebnissen, die Süßes, Saures, Bitteres, Umami und Scharfes auf meinem Gaumen hinterlassen. Und von meiner Liebe für unraffiniertes rotes Palmöl, für das Meeresfrüchte- und Fermentationsaroma getrockneter Garnelen oder auch für die wohltuende Brühe der scharfen „Pfeffersuppe“ – all diese Köstlichkeiten haben meine kulinarische und kulturelle Identität geprägt.

Von Ozoz Sokoh

Als ich im Jahre 2009 das brasilianische Gericht Acarajé kennenlernte, das eine Abwandlung des nigerianischen Akara ist, war ich zunächst überrascht. Meine Entdeckung veranlasste mich dazu, meine geistige Identität um den Aspekt Schwarz und Schwarzsein zu erweitern. Das Wissen darüber, dass Menschen in der Sklaverei über Jahrhunderte an Gerichten aus ihrer Heimat festgehalten hatten, inspirierte mich dazu, die nigerianische Küche, ihre typischen Zutaten und Gerichte und ihren weltweiten Einfluss zu dokumentieren.

Eine der Zutaten, in die ich mich verliebt habe, ist Maniok in seinen zahlreichen Zubereitungsformen. Ein Nahrungsmittel aus der Neuen Welt, das sich schnell in Nigeria etablierte und verbreitete. Heute gehört er zu den drei wichtigsten Grundnahrungsmitteln des Landes. Die Portugiesen brachten die Pflanze um das 16. Jahrhundert nach Westafrika. Ihren tatsächlichen Siegeszug sollte sie dort jedoch erst ab etwa 1888 antreten, als der Sklavenhandel in Brasilien (als letztem Land) abgeschafft wurde und nigerianische Sklav*innen in ihre Heimat zurückkehrten. Sie brachten auch das nötige Wissen über die Zubereitung von Maniok mit sich, denn einige Sorten sind giftig, wenn sie nicht richtig verarbeitet werden, und trugen damit zu seiner weiteren Verbreitung bei. Zudem wurde der Anbau durch die Kolonialmächte gefördert, weil Maniok eine sehr robuste Kulturpflanze ist: Er ist widerstandsfähig gegenüber Heuschreckenplagen und wächst auch unter Dürrebedingungen.

Ich denke oft darüber nach, was all dies bedeutet und was kulturelle Aneignung in ihrem Wesen ausmacht. Wenn man über den „Kolumbus-Effekt“ liest, könnte man ins Schwärmen geraten über die Wunder von Mais und Maniok, Tomaten und andere „gespendete“ Nahrungspflanzen. Bis man erkennt, dass sie auf den Routen der Sklaverei über das Meer gebracht wurden.

„Mit dem Magen voller Maniok könnte man versucht sein, die mittlere Passage und die damit verbundenen Traumata zu vergessen. Traumata, die in den Seelen der Nachkommen der Versklavten und im weiteren Sinne in den Seelen zahlreicher Schwarzer Menschen bis heute weiterleben.“


Die schwerwiegendste Folge des Kolonialismus für die kulturelle Identität ist die Auslöschung, die in einer kontinuierlichen Erosion von Werten, Sprache, Geschichte und Wirtschaft der kolonisierten Menschen zum Ausdruck kommt.

Als Food- und Content-Autorin verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit meiner Arbeit zum Thema Essen. Alles was meine Zeit oder meine Möglichkeiten, dies zu tun, einschränkt, ist für mich mit wirtschaftlichen Folgen verbunden. Bei meinen Reisen durch die Welt habe ich unterschiedliche Erfahrungen damit gemacht, Geschichten über Essgewohnheiten zu erzählen, um die nigerianische Esskultur zu bewahren.

Eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt

Was es bedeutet, Nigerianerin zu sein, weiß ich nur zu gut. Ich bin in Nigeria geboren und aufgewachsen, und mein Leben wurde von diesem Land geprägt. Dies ist eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt.
 
Im Jahre 2017 bat man mich, im Auftrag eines bekannten deutschen Fernsehsenders, der Deutschen Welle (DW), eine Mini-Doku zu drehen. Der Produzent sprach zunächst alle Einzelheiten mit mir durch, bevor wir einen Drehtag festlegten. Nach Abschluss der Dreharbeiten wartete ich auf den Sendetermin. Mehrere Monate später teilte der Produzent mir mit, dass die Deutsche Welle entschieden habe, den Beitrag nicht zu senden. Auf meine Bitte um eine Erklärung erhielt ich vom Sender folgende Antwort:

„Sie hatten uns eine Dame versprochen, die mit typisch nigerianischen Nahrungsmitteln und Gerichten arbeitet (1) und daraus eine Art Haute Cuisine nach neuer nigerianischer Art zubereitet (2). Was wir stattdessen von Ihnen bekamen, war eine Dame, die Gemüse in einem Laden kaufte, der überall in Europa hätte sein können (3). Daraus bereitete sie anschließend einen Salat zu (4). Die Filmaufnahmen hatten keinen typisch nigerianischen Charakter und wurden daher vom Sender nicht ins Programm genommen.“ (5)

Mein erster Gedanke war: „Was gibt einem Menschen, der nicht aus Nigeria stammt, das Recht, mir zu sagen, was nigerianische Küche ist? Und meine kulinarische Herkunft und Identität in Frage zu stellen?“ Als ich mich länger und ausführlicher mit der Frage beschäftigte, konnte ich lediglich eine ausgeprägt kolonialistische Sichtweise und Haltung gegenüber Nigeria ausmachen, die ein spezifisches, auf Armut ausgerichtetes Narrativ und eine Auslöschung meines Wissens befördern sollte. Besonders schmerzte mich die damit verbundene Zeitverschwendung.
  • Rassismus – Auf diesem Foto, aufgenommen am Mittwoch, 23. Januar 2013, bereiten Beschäftigte im Restaurant Johnny Rockets in Lagos, Nigeria, Hamburger zu. Da Nigerias Mittelschicht zusammen mit dem Appetit auf ausländische Marken in der bevölkerungsreichsten Nation Afrikas wächst, drängen immer mehr ausländische Restaurants und Lifestyle-Unternehmen ins Land. Sunday Alamba © picture alliance / AP Photo
    Auf diesem Foto, aufgenommen am Mittwoch, 23. Januar 2013, bereiten Beschäftigte im Restaurant Johnny Rockets in Lagos, Nigeria, Hamburger zu. Da Nigerias Mittelschicht zusammen mit dem Appetit auf ausländische Marken in der bevölkerungsreichsten Nation Afrikas wächst, drängen immer mehr ausländische Restaurants und Lifestyle-Unternehmen ins Land.
  • Rassismus – Auf diesem Foto, das am Freitag, dem 17. April 2020 aufgenommen wurde, kaufen Menschen Tomaten von einem Gemüsemarkt in der Handelshauptstadt Lagos, Nigeria. Sperren in Afrika, die die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränken, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, drohen die Versorgung mit dem, was der Kontinent am meisten braucht –  Nahrung – zu ersticken. Sunday Alamba © picture alliance / AP Photo
    Auf diesem Foto, das am Freitag, dem 17. April 2020 aufgenommen wurde, kaufen Menschen Tomaten von einem Gemüsemarkt in der Handelshauptstadt Lagos, Nigeria. Sperren in Afrika, die die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränken, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, drohen die Versorgung mit dem, was der Kontinent am meisten braucht – Nahrung – zu ersticken.
  • Rassismus – Maniok-Handel auf dem Markt in Lagos, Nigeria Sunday Alamba © picture alliance / AP Photo
    Maniok-Handel auf dem Markt in Lagos, Nigeria
Ich möchte versuchen, diesen Gedankenaustausch zu dekolonisieren:

(1) „Typisch nigerianische Nahrungsmittel und Gerichte“: Es könnte kaum etwas geben, das typischer für die nigerianische Küche ist als Maniok und Kokosnuss. Sie sind in verschiedenen Zubereitungsformen zu finden, von Street Food über Nachspeisen bis hin zu vielen weiteren Gerichten.

(2) „[…] daraus eine Art Haute Cuisine nach neuer nigerianischer Art zubereitet“: Muss ich mich für das rechtfertigen, was ich gemacht habe? Woher weiß ich, ob der Sender die nötigen Nachforschungen und inhaltlichen Recherchen unternommen hat, um diesen Salat zu verstehen? Und warum wird meine Meinung darüber – als Expertin zu diesem Thema –, was gehobene Küche ist, nicht angenommen und respektiert?

(3) „[…] in einem Laden […], der überall in Europa sein könnte“: Diese Reaktion hat mich aus mehreren Gründen wohl am meisten schockiert, weil ich zu einem Straßenstand bei mir in der Nähe gegangen bin. Und sie legt die Frage nahe: Hätten sie lieber gesehen, wie ich auf einem „schmutzigen Markt“ einkaufe? Nigerianer*innen gehen genau wie Europäer*innen auf vielen verschiedenen Märkten einkaufen. Warum soll ich in ein bestimmtes Narrativ passen?

(4) „Daraus bereitete sie anschließend einen Salat zu!“: In der nigerianischen Küche gibt es eine Handvoll Salatrezepte, und ich persönlich finde meine Interpretation, die von einem Street-Food-Snack inspiriert wurde, großartig. Warum ist das nicht ausreichend?

(5) „Die Filmaufnahmen hatten keinen typisch nigerianischen Charakter und wurden daher vom Sender nicht ins Programm genommen!“: Dieser abschließende Satz war der Gipfel. Alles an diesen Aufnahmen war nigerianisch. Welche Macht, Autorität und Berechtigung hat jemand, der nicht aus Nigeria stammt, das Essen auf meinem Teller in Frage zu stellen? Dürfte ich dies andersherum auch tun? Könnte ich die Urteilskraft eines*r Deutschen in Frage stellen, wenn er oder sie mir ein Kartoffelgericht vorsetzt, das ich nicht kenne? Würde ich es beurteilen wollen, wo sie einkaufen oder was sie zu ihrem Gericht inspiriert hat?

„Die schwerwiegendste Folge des Kolonialismus für die kulturelle Identität ist die Auslöschung, die in einer kontinuierlichen Erosion von Werten, Sprache, Geschichte und Wirtschaft der kolonisierten Menschen zum Ausdruck kommt.“


Der Austausch setzte sich wie folgt fort: „Versuchen Sie einfach, nicht so sehr das Bild einer wohlhabenden Frau zu vermitteln. Zuschauer*innen aus anderen Ländern in Afrika sollten sich mit der Geschichte identifizieren können. Solange sie keinen elitären Eindruck hinterlässt. Verwenden Sie Zutaten, die für alle erhältlich und erschwinglich sind, denn dies ist die Grundidee hinter dem Konzept unserer Sendung. Ein kurzer Einkauf und ein paar Informationen über lokale Essgewohnheiten (genau das habe ich getan!). Dann bereiten Sie ein gutes, optisch ansprechendes Gericht mit diesen Zutaten zu und filmen die Protagonistin, wie sie es gemeinsam mit einem Gast isst, der etwas zum Essen sagt.“

Diese überholten Darstellungsformen von Armut und einfachen Genüssen, ein mangelndes Wissen und kulturelles Verständnis und Kontextgefühl, der Wunsch, ein bestimmtes Bild von Afrika zu zeichnen, sind nicht nur Hinterlassenschaften aus der Kolonialzeit, sondern Ausdruck eines lebendigen, blühenden, aktiven Kolonialismus. Und die Machtverhältnisse liegen auf der Hand, und sie greifen, indem sie uns Definitionen darüber aufzwingen, wen Menschen darstellen und wie sie sich ausdrücken sollten. Dies hat rein gar nichts mit der Geschichte, den Zusammenhängen, dem Vermächtnis zu tun, die uns ausmachen.

„Die Machtverhältnisse [...] greifen, indem sie uns Definitionen darüber aufzwingen, wen Menschen darstellen und wie sie sich ausdrücken sollten.“

Menschen, Kulturen, Küchen entwickeln sich weiter – und auch die nigerianische, die afrikanische Küche kann dies tun. Wir können uns und das, was wir tun, neu erfinden. Es gibt nicht eine einzige Version davon, wer wir sind und wo wir herkommen. Wir entscheiden darüber, es liegt in unserer Hand, wir bestimmen, wer, was, wann und wie. Aus diesem Grund müssen die Food-Medien neue Wege beschreiten. Wir brauchen Food-Autor*innen, Geschichtenerzähler*innen, Filmemacher*innen, Stylist*innen, Fotograf*innen, Menschen, die das Essen essen und mehr. Deshalb investiere ich meine ganze Energie, mein Herz und meine Seele in die neue nigerianische Küche (New Nigerian Kitchen). Und das nicht nur, um das Essen in meiner Heimat, sondern auch meine Identität als Frau, als Nigerianerin, als Schwarze, als „Food-Explorer“ und wer auch immer ich noch sein möchte zu etablieren.

Koloniale Strategien können mich nicht stoppen.