Buchprojekt: De-colonize 1896 Von „silenced stories“ in der deutschen Kolonialgeschichte

Rassismus – Deutsch-Ostafrika: Indigene lesen die „Berliner Illustrierte Zeitung“
Deutsch-Ostafrika: Indigene lesen die „Berliner Illustrierte Zeitung“ (BIZ) – undatierte Aufnahme, vermutlich entstanden 1914 | © picture alliance / ullstein bild | Haeckel Archiv

Das Buchprojekt „De‑colonize 1896“ setzt mit einer Kombination aus Roman und Sachbuch neue Impulse in der Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte. Es erzählt von Begegnungen, Widerstand und weiblichen Perspektiven. Die Publikation ist für Herbst 2021 geplant.

Von Ruth Härlin und AnneMaria Fröhlich Zapata

Zwei Schwestern aus der Küstenstadt Aneho (Togo) werden von Mai bis Oktober 1896 in Berlin angestarrt. Jeden Tag. Sie bewohnen kleine Häuser im Treptower Park. Sie kochen, tanzen, nähen und essen unter den Augen der weißen Besucher*innen. Immer wieder taucht ein Ethnologe auf, der ihre Körper vermessen und jedes noch so kleine Detail ihres Äußeren dokumentieren will. Die Schwestern verweigern sich den rassistischen Untersuchungen, indem sie immer ausgerechnet dann sehr beschäftigt, erkrankt oder zu müde sind, wenn der Ethnologe zugegen ist.

Die Schwestern heißen Dassi und Ohui Creppy. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem togoischen Unternehmer Nayo Bruce, sind sie in Berlin, zusammen mit 103 weiteren Menschen aus deutschen Kolonien. Das hatte Nayo organisiert. Seine Familie reist nach Deutschland und ist gegen Bezahlung für die deutsche Kolonialausstellung engagiert. Als lebende Exponate leisten sie hier ihre Arbeit – und sie leisten Widerstand.

  • Dekolonisierung – Die Familie aus Aneho erreichte Berlin 1896 über den Hamburger Hafen mit einem Dampfer der Woermann-Linie. © Fotograf*in unbekannt, Public Domain
    Die Familie aus Aneho erreichte Berlin 1896 über den Hamburger Hafen mit einem Dampfer der Woermann-Linie, eine der Firmen, die von dem Kolonialsystem profitierten. Während des Herero-Nama Krieges 1904–1908 transportierte das gleiche Schiff deutsche Soldaten ins heutige Namibia. Dort begingen sie einen Genozid.
  • Rassismus – Stadtkarte von Aneho um 1900 © Sebald-Trotha-Nachlass, Leibniz-Zentrum Moderner Orient Berlin
    Stadtkarte von Aneho um 1900, in der die Wohnorte der ansässigen Familien eingezeichnet sind.
  • Rassismus – Einband des deutschen Kolonialberichts 1896 © Rudolph Hellgrewe – gemeinfreies Bild
    Einband des deutschen Kolonialberichts 1896, in dem detailliert aus weißer Perspektive die Ausstellung beschrieben und die deutsche Kolonialpolitik propagiert wird.
  • Rassismus – „Völkerschau“: Hamburg Stellingen, Carl Hagenbeck Tierpark © picture alliance / arkivi
    „Völkerschau“: Hamburg Stellingen, Carl Hagenbeck Tierpark, Aufnahme vermutlich von 1934
  • Dekolonisierung – Felix von Luschan © Fotograf*in unbekannt, Zeitschriftschrift „Berliner Leben“ Heft 02 (1907), Public Domain
    Felix von Luschan war als Ethnologe am stärksten in die „wissenschaftlichen Untersuchungen“ während der Ausstellung involviert. Er betrachtete die angereisten Darsteller*innen als willkommene Objekte für seine physisch-anthropologische „Rassenforschung“.
  • Rassismus – Archivarbeit mit Mikrofilmen im Staatsarchiv Bremen © RHAZ
    Archivarbeit mit Mikrofilmen im Staatsarchiv Bremen

Im Anschluss touren Dassi und Nayo ungefähr 20 Jahre lang durch Europa und Asien. Mit ihren eigenen Shows, wie „Afrika in Nürnberg“, „die Togo-Truppe“ oder „die Togo-Mandingo-Karawane“ stellen sie sich selbst aus. Sie finanzieren sich und ihren Mitarbeitenden auf diese Weise das Leben. Die andere Schwester, Ohui, kehrt nach der Kolonialausstellung nach Aneho zurück.

Kolonialausstellungen sind ein Teil der deutschen Kolonialgeschichte, der im Mainstream nur selten besprochen wird. Welche Geschichten erzählenswert sind und welche Perspektiven dabei Gültigkeit haben, ist rassistisch strukturiert.

„Werden nicht-weiße Menschen überhaupt erwähnt, dann vor allem als Objekte und Opfer der Kolonialgewalt. Nicht erzählt wird von handelnden Subjekten wie Dassi, Ohui und Nayo, die innerhalb der kolonialen und gewaltvollen Umstände Wege fanden, ihre Entscheidungen so selbstbestimmt wie möglich zu treffen. Nicht erzählt wird von der Komplexität dieser Zeit.“

Dieses Schweigen ist Ausdruck kolonialer Machtverhältnisse, die sich bis heute in die Geschichte(n) einschreiben: Es gibt Lücken und Verzerrungen in den Archiven. Oder die Geschichten schaffen es nicht vom Archiv in die Geschichtsschreibung – geschweige denn bis ins kollektive Geschichtsbewusstsein. Die Geschichtswissenschaft hat bestimmte Standards entwickelt. Beispielsweise wird written vor oral history bevorzugt. Damit sind vor allem westlich-weiße Perspektiven sicht- und nachvollziehbar. Insbesondere die Stimmen von weiblichen BIPoC bleiben ungehört. Ihre Geschichten werden, wie die der Creppy‑Schwestern, verschwiegen. Um das Schweigen zu brechen, erzählen wir im Buchprojekt die silenced stories und nutzen dafür Fiktion. So entstehen Subjekte – Menschen mit Herz und Fehlbarkeiten, Widersprüchen und Wünschen und einem Bewusstsein, mit dem sich die Lesenden identifizieren können.

Archivmaterial mit Fiktion verbinden

Das Buchprojekt besteht aus einem Roman über die Creppy‑Schwestern. Angehängt ist ein Handbuch. Darin finden sich Fakten zur deutschen Kolonialgeschichte, die sich am Plot des Romans entlanghangeln. Für die Leser*innen wird deutlich, was Fiktion und was realer Kontext ist.
 
Der Romanteil beschreibt das persönliche Erleben der beiden Schwestern in den Jahren 1880 bis 1917: Vom gemeinsamen Aufwachsen der beiden in ihrem Elternhaus in Aneho, über das Kennenlernen und die Beziehung zu Nayo hin zu den Erlebnissen während der Kolonialausstellung im rassistischen Berlin. Gezeigt werden Dassis Reisen und ihr Alltag in Europa. Sie ist Unternehmerin. Sie friert mit ihrer Tochter am Hamburger Hafen, erträgt lüsterne Blicke und verspürt Heimweh. Sie erfreut sich an der Sonne in Turin, findet Freundschaften und schließt Frieden mit ihrer Schwester und der geteilten Vergangenheit.
 
Indes beobachtet ihre Schwester in Togo, wie sich das Ausmaß der kolonialen Gewalt verschärft: Menschen werden zur Zwangsarbeit verpflichtet und bei Verweigerung geschlagen, ins Gefängnis gesteckt oder getötet. Die junge Frau entscheidet zu handeln und riskiert dabei, all das zu verlieren, was ihr am kostbarsten ist. Sie schließt sich dem aktiven Widerstand gegen die Deutschen an.

Wer ist barbarisch und wer zivilisiert?

Die historisch belegten Formen des Widerstandes waren vielfältig: Neben den hidden transcripts wie dem Verändern und dem Verheimlichen von relevanten Informationen, dem Fernbleiben von Untersuchungen in Berlin oder von der (Zwangs-)Arbeit in Togo gab es auch aktiven Widerstand in Form von offener Arbeitsverweigerung und schriftlichen Beschwerden an die Regierung. Einige Aktivist*innen gründeten Zeitungen und wandten sich damit an die internationale Öffentlichkeit. So wurde unter dem Pseudonym „Native of Aneho“ Folgendes veröffentlicht:

„The German Government has the poor idea that 25 brutal lashes will make the black man industrious, serviceable and a good citizen. […] Chief Mensa breathed his last 3 days after receiving this savage treatment from enlightened and progressive Germany.“

In diesem Zeitungsartikel von 1913 stellt der*die Verfasser*in die Selbst- und Fremdzuschreibungen der Kolonialmacht auf den Kopf. Wer barbarisch und wer zivilisiert ist, wird mit der ironischen Kritik an der kolonialen Gewaltpraktik infrage gestellt.
 
Das Buchprojekt ist von ebendiesen Widerstandsformen inspiriert. Es sucht in den Archivbeständen nach einer mehrstimmigen Vergangenheit und erkundet die de-kolonialen Potenziale der Fantasie. Historisch reale Figuren, wie die Familie Bruce oder die*der Native of Aneho, und koloniale Kontexte sind der Rahmen der Handlung. Der Roman erzählt von Familie und Frauensolidarität, von Zugehörigkeit und Ausschluss, von Angst und Hoffnungen.

Wie blicken wir von der Gegenwart auf diese Zeit zurück? Welche Verantwortung tragen wir dafür, dass Geschichten in ihrer Mehrstimmigkeit und Komplexität erzählt werden? Kann und darf Fiktion die kolonialen Lücken füllen? Was hat die Erzählung der Vergangenheit mit dem Rassismus von heute zu tun?
 

Literaturhinweise

  • Native of Aneho (1913): „The Germans in Togoland“. In: Gold Coast Leader. Aus: Sebald-Trotha-Nachlass, Ordner Zeitungsartikel, Leibniz-Zentrum Moderner Orient Berlin.
  • Kokou Azamede (2010): Transkulturationen? Ewe-Christen zwischen Deutschland und Westafrika, 1884–1939, Missionsgeschichtliches Archiv (14). Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
  • Rea Brändle (2007): Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa. Zürich: Chronos.
  • Sandra E. Greene (2002): Sacred sites and the colonial encounter: A history of meaning and memory in Ghana. Bloomington: Indiana University Press.
  • Rebekka Habermas (2016): Skandal in Togo. Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft. Frankfurt am Main: S. Fischer.
  • Constant Kpao Sarè (2015): „Das postkoloniale Potential der Literarisierung von Völkerschauen in der deutschsprachigen Literatur“. In: Recherches germaniques (45), S. 143–154.
  • James C. Scott (2009): Domination and the Arts of Resistance: Hidden Transcripts. New Haven: Yale University Press.
  • Michel-Rolph Trouillot (2015): Silencing the past: Power and the production of history (2. Auflage). Boston: Beacon Press.