Konstruktiver Dialog auf Augenhöhe Wer bewahrt das immaterielle Kulturerbe?

Gnawa-Weltmusikfestival in Essaouira, Marokko, am 13. Juni 2014: Gnawa wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Erbes aufgenommen. Es handelt sich um eine Musiktradition der Gnawa-Sufibruderschaft aus Zeiten des Sklavenhandels, die sich aus verschiedenen sekulär-religiösen Elementen zusammensetzt: Musikveranstaltungen, Performances, Praktiken der Sufi-Bruderschaft und Heilungsrituale.
Gnawa-Weltmusikfestival in Essaouira, Marokko, am 13. Juni 2014: Gnawa wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Erbes aufgenommen. Es handelt sich um eine Musiktradition der Gnawa-Sufibruderschaft aus Zeiten des Sklavenhandels, die sich aus verschiedenen sekulär-religiösen Elementen zusammensetzt: Musikveranstaltungen, Performances, Praktiken der Sufi-Bruderschaft und Heilungsrituale. | Foto (Detail): Jalal Morchidi © picture alliance / Anadolu Agency

Der Musikethnologe und Direktor des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena, Professor Tiago de Oliveira Pinto, ist einer der bekanntesten Forscher im Bereich der transkulturellen Musikwissenschaft. In einem Interview mit „Latitude“ spricht er über die Notwendigkeit der Bewahrung des immateriellen Kulturerbes und die Möglichkeiten, mündlich überliefertes Wissen in Zeiten globaler Migrationsströme und klimatischer Umwälzungen für größere Kreise zu sichern.

Parallel zu den aktuellen Diskursen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes sollen traditionelle kulturelle Ausdrucksformen und Praktiken zielgerichtet am Leben erhalten werden, so Pinto. Sie sollen nicht nur erhalten und bewahrt werden, sondern auch neuen Interpretationen unterworfen werden, wie es in einer zunehmend globalisierten Welt zu erwarten ist. Er betont, dass immaterielles Kulturerbe nur dann nachhaltig erhalten werden könne, wenn es aktiv praktiziert werde, seien es musikalische Traditionen, Tänze oder Rituale. Er sieht die Hauptverantwortung für den Erhalt des immateriellen Kulturerbes bei den Menschen selbst, die die Traditionen pflegen und weitergeben. Dabei sei ein konstruktiver Dialog auf Augenhöhe vonnöten zwischen den Kulturerbe-Expert*innen und den Gesellschaften, die die Traditionen praktizieren.
  • Bildteppiche mit Kreuzen und dem armenischen Alphabet. Die armenische Schreibkunst und ihre kulturellen Ausdrucksformen wurden 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die armenische Schreibkunst basiert auf dem armenischen Alphabet, das bereits vor mehr als 1.600 Jahren entwickelt wurde. Reich verzierte Buchstaben finden sich sowohl in aufwendigen Schriften wie auch auf Teppichen, Holzskulpturen und anderen kunsthandwerklichen Erzeugnissen. Die Schreibkunst spielt eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der armenischen Sprache und Kultur. Yvan Travert © picture alliance / akg-images
    Bildteppiche mit Kreuzen und dem armenischen Alphabet. Die armenische Schreibkunst und ihre kulturellen Ausdrucksformen wurden 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die armenische Schreibkunst basiert auf dem armenischen Alphabet, das bereits vor mehr als 1.600 Jahren entwickelt wurde. Reich verzierte Buchstaben finden sich sowohl in aufwendigen Schriften wie auch auf Teppichen, Holzskulpturen und anderen kunsthandwerklichen Erzeugnissen. Die Schreibkunst spielt eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der armenischen Sprache und Kultur.
  • Silat, die traditionelle Kampfkunst aus Malaysia, wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ursprünglich eine reine Selbstverteidungskunst, umfasst Silat heute auch traditionelle Kleidung, Musikinstrumente und Bräuche und entwickelte sich zur darstellenden Kunst und sportlichen Bewegungspraxis. Luca Tettoni © picture alliance / robertharding
    Silat, die traditionelle Kampfkunst aus Malaysia, wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ursprünglich eine reine Selbstverteidungskunst, umfasst Silat heute auch traditionelle Kleidung, Musikinstrumente und Bräuche und entwickelte sich zur darstellenden Kunst und sportlichen Bewegungspraxis.
  • Musiker auf der Insel Fogo, Kap Verde. Morna, der traditionelle Musikstil auf den Kapverdischen Inseln, wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Zur Begründung heißt es: „Die Tradition umfasst Musik, Gesang, Lyrik und Tanz. Die Texte handeln unter anderem von Liebe, Abschied und Trennung, aber auch von der Heimat und dem Ozean. Typische Instrumente für den Musikstil sind Gitarre und Geige.“ Matthias Graben © picture alliance / imageBROKER
    Musiker auf der Insel Fogo, Kap Verde. Morna, der traditionelle Musikstil auf den Kapverdischen Inseln, wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Zur Begründung heißt es: „Die Tradition umfasst Musik, Gesang, Lyrik und Tanz. Die Texte handeln unter anderem von Liebe, Abschied und Trennung, aber auch von der Heimat und dem Ozean. Typische Instrumente für den Musikstil sind Gitarre und Geige.“
  • Die Kultur des Bumba-meu-boi wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Es handelt sich um eine ritualisierte Praxis aus Brasilien mit Musik und Tänzen, die bei Volksfesten aufgeführt wird. BeJo Schmitz © picture alliance/chromorange
    Die Kultur des Bumba-meu-boi wurde 2019 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Es handelt sich um eine ritualisierte Praxis aus Brasilien mit Musik und Tänzen, die bei Volksfesten aufgeführt wird.
  • Das Keramikhandwerk in Puebla und Tlaxcala (Mexiko) sowie in Talavera de la Reina und El Puente del Arzobispo (Spanien) gehört seit 2019 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. In der Begründung heißt es: „Der handwerkliche Herstellungsprozess von Keramikwaren in den vier Gemeinden ist seit dem 16. Jahrhundert weitgehend unverändert. Zum Wissen und Können gehören die Herstellung des Tons und der Töpferwaren sowie die Dekoration und weitere anspruchsvolle Veredelungsschritte. Jede Werkstatt pflegt ihre eigene Identität, die sich in Details der Formen, Dekorationen, Farben und Glasuren der Produkte ausdrückt. Die Herstellung von Keramik ist zudem ein grundlegendes identitätsstiftendes Symbol in beiden Staaten.“ Bildagentur-online/Mahaux-AGF © picture alliance
    Das Keramikhandwerk in Puebla und Tlaxcala (Mexiko) sowie in Talavera de la Reina und El Puente del Arzobispo (Spanien) gehört seit 2019 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. In der Begründung heißt es: „Der handwerkliche Herstellungsprozess von Keramikwaren in den vier Gemeinden ist seit dem 16. Jahrhundert weitgehend unverändert. Zum Wissen und Können gehören die Herstellung des Tons und der Töpferwaren sowie die Dekoration und weitere anspruchsvolle Veredelungsschritte. Jede Werkstatt pflegt ihre eigene Identität, die sich in Details der Formen, Dekorationen, Farben und Glasuren der Produkte ausdrückt. Die Herstellung von Keramik ist zudem ein grundlegendes identitätsstiftendes Symbol in beiden Staaten.“

Tiago de Oliveira Pinto ist davon überzeugt, dass die Globalisierung keine Gefahr darstellt, sondern den verschiedenen Akteur*innen viele Möglichkeiten bietet, Synergien zu erzielen, die für den Erhalt des immateriellen Kulturerbes unentbehrlich sind. Schließlich haben kulturelle Praktiken, Aktivitäten und indigenes Wissen immer im Austausch mit der Umwelt existiert: „Traditionen sind lebendig und dynamisch – sie gehen auf ihr Umfeld ein und reagieren auf Veränderungen der Umwelt.“
 
Mehr über den Erhalt des immateriellen Kulturerbes können Sie in diesem Interview mit Tiago de Oliveira Pinto erfahren:
 

Das Interview führte Eliphas Nyamogo, Online-Redakteur am Goethe-Institut in München.