Nigerias Museumslandschaft Publikumsmagnet auch ohne Kunstschätze

Traditionell gekleidete Ekasa-Tänzer während einer Performance am Palast von Benin-Stadt, 2016
Traditionell gekleidete Ekasa-Tänzer während einer Performance am Palast von Benin-Stadt, 2016 | Foto (Detail): K. J Eweka

Die Zeugnisse der hochentwickelten höfischen Kunst, die im alten Königreich von Benin ihre Blütezeit erlebte, befinden sich seit der britischen Kolonialzeit in europäischen und nordamerikanischen Museen und privaten Sammlungen. Dieser Fakt zwingt nigerianische Museen bis heute dazu, das kulturelle Gedächtnis seiner indigenen Völker auf andere Weise zu erhalten.

Von Kennedy Jude Eweka

Vor 1900 gab es in der Tradition Benins keine konventionelle Museumskultur. Ein solches Konzept wurde von den Briten eingeführt, die diesen heute als Nigeria bekannten Teil des westafrikanischen Kontinents kolonialisierten. Die „Entdeckung“ der afrikanischen Kunst lässt sich auf die britische Strafexpedition des Jahres 1897 zurückführen. Mit der darauffolgenden Kolonialherrschaft vollzog sich in Nigeria ein gesellschaftlicher Wandel. Die in afrikanischen Kunstformen dargestellten traditionellen Lebensweisen waren plötzlich von Verwestlichung bedroht, und das Museum entwickelte sich zu einem „sicheren Hafen“ für historische Kunstwerke.

Im vorkolonialen Königreich Benin war allein der Königspalast für die Vergabe von Auftragsarbeiten, für Schirmherrschaften sowie für den Erhalt und das Eigentum von Kunstwerken zuständig. Dem hoch entwickelten System der höfischen Kunst, das im alten Königreich von Benin seine Blütezeit erlebte, setzte das von britischen Soldaten im Jahre 1897 verübte Massaker ein Ende. Bis heute schmücken die meisten der auf diesem Weg erbeuteten Objekte Museen, Galerien und private Sammlungen in ganz Europa und Nordamerika. Die wenigen im Land verbliebenen Objekte werden inzwischen von lokalen Museen in Nigeria verwahrt. Auch diese kulturellen Relikte wurden vorher von den britischen Kolonialherren verwaltet und sind die letzten Zeugnisse des Kulturerbes der indigenen Stämme auf ihrem Territorium.

Innovative Wege zum Erhalt des kollektiven Gedächtnisses

Das Nationalmuseum von Benin‑Stadt befindet sich in prominenter Lage mitten im Zentrum einer etablierten ehrwürdigen Institution des kulturellen und traditionellen Lebens, die durch den Oba-Palast symbolisiert wird, in dem der Oba als gottgleicher König residiert. Benin-Stadt gilt seit den Zeiten der Ogiso- und der Oranmiyan-Eweka-Dynastien mit ihren 71 nach dem Recht des Erstgeborenen ernannten Herrschern als kultureller Mittelpunkt Nigerias. In Benin‑Stadt bemühen sich die Gemeinschaft und das Museum gemeinsam darum, alte Traditionen und kulturelle Zeremonien des Volkes der Edo im Rahmen von Veranstaltungen wiederzubeleben. Tausende von lokalen und ausländischen Besucher*innen strömen nach Benin‑Stadt, um diese traditionellen Zeremonien zu erleben. Sie fühlen sich von diesen einzigartigen Festivals angezogen, bei denen Gottheiten angebetet und Initiationsriten und Übergangszeremonien für den verstorbenen König Ewimnokhua sowie Krönungszeremonien für den Thronfolger abgehalten werden.

Lebendige Kunstwerke

Im Nationalmuseum von Benin‑Stadt organisieren traditionelle und zeitgenössische Künstler*innen gemeinsame Ausstellungen zur indigenen Kultur. Die damit verbundenen Aktionen, die kulturelle Tänze, Symposien zu historischen Themen und die Auseinandersetzung mit kulturellen Artefakten aus den Museumsmagazinen umfassen, tragen zu einer engen Bindung zwischen der Gemeinschaft und dem Museum bei. Das Nationalmuseum von Benin‑Stadt liegt zudem strategisch günstig im kulturellen und traditionellen Epizentrum Benins. Nur einen Steinwurf vom Museum entfernt befindet sich die Innung der Bronzegießer an der Igun Street, wo die alte Handwerkskunst des Bronzegusses noch immer praktiziert wird. Eine wichtige Gegebenheit, die den Besucher*innen des Museums nicht verborgen bleibt, weil damit auch die Bedeutung der Objekte in den Museumsbeständen als lebendige Kunstwerke gestärkt wird.

Lokale Kunst für ein internationales Publikum

Das Museum erteilt Genehmigungen für den Export von Artefakten, kunsthandwerklichen Objekten und zeitgenössischer Kunst. Auf diese Weise soll kontrolliert werden, welche afrikanischen Kunstwerke den Kontinent verlassen. Darüber hinaus werden grundlegende Informationen zum Kunstwerk erfasst, darunter Angaben zum oder zur Künstler*in, zum Zielland und dazu, ob das Werk auf einer Liste von für den Export zugelassenen Gegenständen steht. Mit diesem Verfahren soll das kollektive kulturellen Erbe für künftige Generationen gesichert werden.

Erhalt von Kulturerbestätten und Denkmälern

Gemeinsam mit den lokalen Gemeinschaften setzen sich die Museen für den Erhalt von ausgewiesenen historischen Stätten und Denkmälern ein. In Benin‑Stadt gibt es mehrere Kulturerbestätten, wie beispielsweise den Oba‑Palast, die Mauern von Benin‑Stadt, die Statue von Emotan und die königliche Palme in Uselu, einer zehn Kilometer von Benin entfernten Stadt, um nur einige wenige zu nennen. Durch die Partnerschaft zwischen dem Museum und der lokalen Gemeinschaft konnte das Engagement für die Restaurierung und den Erhalt dieser historischen Sehenswürdigkeiten gesteigert werden.

Entwicklung der Königspaläste

Die alten Königspaläste sind heute lebhafte Zentren des traditionellen und kulturellen Lebens der lokalen Gemeinschaften. Der mehr als 2.000 Jahre alte Ogiso‑Palast, in dem zu Zeiten der ersten Dynastie des Königreichs Benin etwa 31 Ogisos (gottgleiche Himmelskönige) residierten, befindet sich im Ugbekun‑Viertel des ehemaligen Königreichs Benin. Die Palastgebäude haben heute den Status traditioneller Stätten. Der zweite Palast ist der Uzama‑Palast im Uzama‑Viertel von Benin‑Stadt. Dort residierten in den Jahren 1.200 bis 1.280 vor Christus vier Monarchen. Bis heute ist das ehemalige Palastgelände ein wichtiger Ort für Krönungszeremonien.

Der heutige Oba‑Palast, in dem in früheren Zeiten Staatsangelegenheiten koordiniert wurden, durchlief im Laufe der Geschichte verschiedene Phasen: von der Kolonialherrschaft über die Selbstbestimmung bis hin zur Anpassung an verschiedene militärische und demokratische politische Regime. Heute hat der Palast eine zentrale Bedeutung für die kulturelle und historische Existenz der Menschen von Benin und ist der Ort, an dem Fragen der Tradition sowie politische, wirtschaftliche und kulturelle Sachverhalte erörtert werden.
  • Der Kurator umringt von ausländischen und lokalen Besucher*innen vor dem Nationalmuseum von Benin-Stadt am 3. April 2018 © Joshua Eweka
    Der Kurator umringt von ausländischen und lokalen Besucher*innen vor dem Nationalmuseum von Benin-Stadt am 3. April 2018
  • Ein Bronze-Geschäft an der Igun Street mit ausländischen Besucher*innen beim Kauf von Bronze Objekten, 2018. © Kennedy Eweka
    Ein Bronze-Geschäft an der Igun Street mit ausländischen Besucher*innen beim Kauf von Bronze Objekten, 2018.
  • Eine Vorführung der Handwerkskunst des Bronzegießens in der Igun Street, 2018. © Kennedy Eweka
    Eine Vorführung der Handwerkskunst des Bronzegießens in der Igun Street, 2018.
  • Die Werkstatt eines Bronzegießers in der Igun Street im Stadtteil Erhumwonse, Benin-Stadt, mit noch nicht fertiggestellten Bronzen, 2018. © Kennedy Eweka
    Die Werkstatt eines Bronzegießers in der Igun Street im Stadtteil Erhumwonse, Benin-Stadt, mit noch nicht fertiggestellten Bronzen, 2018.
  • Ein Teil des alten Oba-Palastes im Jahr 2015 © K. J Eweka
    Ein Teil des alten Oba-Palastes im Jahr 2015
  • Ein Teil der renovierten Palastgebäude im Jahr 2016 © K. J Eweka
    Ein Teil der renovierten Palastgebäude im Jahr 2016
  • Der Oba von Benin, Oba Ewuare II., auf seinem Thron in Aro Ozolua im modernisierten Palast, 2019 © K. J Eweka
    Der Oba von Benin, Oba Ewuare II., auf seinem Thron in Aro Ozolua im modernisierten Palast, 2019
  • Eine Delegation von Stammesführern aus Benin erweist dem Monarchen im Palast ihre Ehrerbietung, 2016 © K. J Eweka
    Eine Delegation von Stammesführern aus Benin erweist dem Monarchen im Palast ihre Ehrerbietung, 2016
  • Eine Delegation von Stammesführern aus Benin erweist dem Monarchen im Palast ihre Ehrerbietung, 2016 © K. J Eweka
    Eine Delegation von Stammesführern aus Benin erweist dem Monarchen im Palast ihre Ehrerbietung, 2016
  • Die traditionelle Stätte Edaiken im Uselu-Palast in Benin-Stadt während der Krönungszeremonien 2016 © K. J. Eweka
    Die traditionelle Stätte Edaiken im Uselu-Palast in Benin-Stadt während der Krönungszeremonien 2016
Der Palast gilt als Mittelpunkt des täglichen kulturellen und traditionellen Lebens. In seinen zahlreichen Räumen werden auch andere bedeutende Kulturgüter und Ahnenaltäre ausgestellt. Zurzeit wird die ursprüngliche Struktur unter Achtung ihrer traditionellen und kulturellen Bedeutung nach modernen Architekturstandards renoviert.