Kollaborative Museumsarbeit Neue Wege beschreiten

Aztekischer Kopf des Xipe Totec (Unser Herr, der Geschundene), altmexikanischer Frühlingsgott, bekleidet mit einer abgezogenen Menschenhaut. Stein. Hamburg, Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK).
Aztekischer Kopf des Xipe Totec (Unser Herr, der Geschundene), altmexikanischer Frühlingsgott, bekleidet mit einer abgezogenen Menschenhaut. Stein. Hamburg, Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK). | Foto (Detail): Werner Forman © picture alliance/akg-images

​Kooperationen zwischen Museen des globalen Nordens und denen des globalen Südens werden sich in Zukunft wohl neu gestalten und zunehmend durch letztere gesteuert oder initiiert sein.

Von Barbara Plankensteiner

Bislang waren Museumskooperationen hauptsächlich von Capacity Building geprägt, bei dem Museen des Nordens Schulungen in der Museumspraxis für ihre Kolleg*innen durchführten, während umgekehrt diese eingeladen wurden, um in ethnographischen Museen zur Interpretation der Sammlungen beizutragen, um mit diesen Perspektiven auf das historische Sammlungsgut Stimmenvielfalt in den Ausstellungen zu gewährleisten. Seltener gab es gemeinsame Ausstellungsproduktionen, die an beiden Standorten gezeigt werden konnten. Diese waren zumeist von Ungleichheit in der finanziellen Ausstattung und Ressourcen geprägt und somit von einer Dominanz der nördlichen Partner*innen.

Ein Silberstreifen am Horizont

Nun zeichnen sich, gerade in Anbetracht der Diskussionen um die neu vorgeschlagene ICOM-Museumsdefinition, neue Modelle der Zusammenarbeit ab, die ein umgekehrtes oder ein sich gegenseitig befruchtendes Capacity-Building befördern könnten, indem Museen des Nordens im Gespräch mit ihren Kolleg*innen im Süden zusammenwirken, um überlieferte museale Praktiken zu hinterfragen, ihre Häuser zu öffnen und Deutungshoheit abzugeben. Die Intensivierung der Provenienzforschung in gemeinschaftlichem Austausch und Initiativen zur Transparenzmachung der Sammlungen werden dazu beitragen eine neue Kultur der Zusammenarbeit zu entwickeln. Auch wird den Museumspartner*innen im globalen Süden eine wichtige Rolle im Kontext von Restitutionsverfahren zukommen, unter anderem als Schnittstellen zu lokalen Urhebergesellschaften. Restitutionen wichtiger historischer Werke oder in der Kolonialzeit unrechtmäßig entwendeter Bestände werden neue Formen der Partnerschaft und des Austausches befördern.

„Wir beginnen eben gerade erst mit Provenienzforschung. Ganz entscheidend ist, dass es bei Restitution nicht um einen einmaligen, abgeschlossenen Vorgang geht, sondern dass es eben einen Prozess darstellt, der längere Zeit andauert. Wir sind eigentlich noch nicht wirklich bereit dafür, also wir müssen noch viel leisten, um das zu ermöglichen auf unserer Seite, auf der Seite der deutschen Museen.“

Barbara Plankensteiner im Interview

Die Chancen dieser sich verändernden Verhältnisse und einer Dekolonisierung im Sinne der von Sarr und Savoy sognannten neuen relationalen Ethik liegen auf der Hand. Doch gibt es vor allem in Hinsicht der dafür erforderlichen personellen und finanziellen Ressourcen die größten Herausforderungen, da die Museen auf beiden Seiten nicht genügend darauf vorbereitet und dafür ausgestattet sind.

Künstler*innen und Museen

Doch nicht nur Kooperationen zwischen Museen, auch solche mit Kulturschaffenden und zeitgenössischen Künstler*innen können auf beiden Seiten neue reflexive Prozesse initiieren. Im Rahmen der Neupositionierung von ethnographischen Museen nimmt die Einbindung zeitgenössischer Kunst und die Zusammenarbeit mit Künstler*innen eine wichtige Rolle ein. Aus der Beschäftigung vieler Künstler*innen mit Fragen der Alterität, der Repräsentationskritik, ihrer Einbindung oder Solidarisierung mit Selbstbestimmungs- und Entkolonialisierungsbewegungen ergeben sich produktive Schnittstellen. Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Kunstschaffenden ist Teil der transdisziplinären Öffnung ethnographischer Museen. Zeitgenössische künstlerische Positionen können Anregungen liefern, komplexe theoretische Denkprozesse visualisieren oder Emotionen Ausdruck geben.
 
Ein Beispiel eines solchen Kooperationsprojekts des MARKK (Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, Hamburg) war die Ausstellung Ovizire ∙ Somgu: Von woher sprechen wir, die den Abschluss eines einjährigen Kunst- und Forschungsprojektes markierte. In einer Kooperation mit der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe der Universität Hamburg beschäftigten sich die Künstler*innen Vitjitua Ndjiharine, Nashilongweshipwe Mushaandja, Nicola Brandt und die Historikerin Ulrike Peters mit einem Fotobestand des Museums, der während der deutschen Kolonialzeit in Namibia (1884–1915) entstanden war.

„Das war wirklich erhellend, wie schwierig und auch wie schmerzvoll die Auseinandersetzung mit bestimmten Beständen sein kann für Nachfahren. Weil die Werke natürlich diese emotionalen und diese schwierigen Geschichten transportiert haben in ihrer Aussage.“

Barbara Plankensteiner im Interview

Das Projekt beförderte einen Austausch über die geteilte deutsch-namibische Geschichte, das (post-)koloniale Erbe und die uneinheitliche Erinnerung an den Genozid von 1904 bis 1908. Die Ausstellung präsentierte auf Basis der Forschungsergebnisse entstandene Performances, (Video-)Installationen, Klangräume, Fotografien und Fotocollagen. Die Ojtiherero- und Khoekhoegowab-Begriffe Ovizire und Somgu im Ausstellungstitel lassen sich beide mit „Schatten“ übersetzen und verwiesen auf den Anspruch, eine kritische Lesart des Fotobestandes anzuregen.
 
Die künstlerische Auseinandersetzung beim Projekt visualisierte das Unbehagen mit dem kolonialen Erbe und dem in den Fotografien inhärenten rassistischen Blick. Sie zeigte zudem, dass mit diesen Quellen auch alternative Beziehungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entworfen und neue Erinnerungskulturen geschaffen werden können. Die Ausstellung wurde im Anschluss in der National Art Gallery of Namibia in Windhoek gezeigt und wird derzeit auf Eigeninitiative der Künstler*innen in Namibia fortgesetzt. Sie nutzen ihre Kenntnisse und den Zugriff auf den Fotobestand, um in verschiedenen Städten Kunst- und Geschichtsworkshops zur Fotografie und zur Kolonialgeschichte zu entwickeln und mit Interessierten die im Museum begonnenen Gespräche fortzusetzen.

Über Museumskooperationen und nachhaltigen Umgang mit Restitutionsfragen – ein Interview des Goethe-Instituts mit Barbara Plankensteiner im Rahmen der Konferenz „Beyond Collecting: New Ethics for Museums in Transition“ (Neue Konzepte für Museen im globalen Süden) in Daressalam, Tansania, März 2020:
 

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