Kooperation, Digitalisierung und Soziomuseologie Museales Neuland erkunden

Historischer Traktor vor dem Phutha-dikobo-Museum in Mochudi (Botswana), November 2000
Historischer Traktor vor dem Phutha-dikobo-Museum in Mochudi (Botswana), November 2000 | Foto (Detail): Juergen Sorges © picture alliance / akg

Die Debatte über Museumskonzepte rückt weltweit immer mehr in den Mittelpunkt. Dabei steht die Institution Museum vor dem Dilemma, dass immer weniger Finanzmittel zur Verfügung stehen, während gleichzeitig der Beitrag von Museen zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit kritisch hinterfragt wird. Museen müssen sich daher schnellstmöglich für den Einsatz neuer Technologien öffnen und Strategien für eine nachhaltige Zusammenarbeit entwickeln.

Von Winani Thebele

In der Museumslandschaft werden sowohl regionale als auch internationale Partnerschaften und Kooperationen angestrebt, die auf geteilte Zuständigkeiten bei der Verwaltung, Förderung und Entwicklung des kulturellen Erbes setzen. Ein solches Szenario ist auch in Afrika zu beobachten, wo bestehende und neue Formen der Zusammenarbeit neben anderen Zielsetzungen auch darauf ausgerichtet sind, geeignete Lösungen für den Umgang mit kulturellen Beständen aus der Kolonialzeit zu finden, die derzeit in europäischen Museen lagern. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die Frage der Restitution nicht nur in Nord-Süd-Richtung stellt. Auch auf dem afrikanischen Kontinent gibt es Museen aus der Kolonialzeit, die Sammlungen anderer afrikanischer Staaten verwahren. Es muss daher auch auf dem afrikanischen Kontinent gemeinsame Bemühungen um einen Aufbau von Museumspartnerschaften geben.

„Es gibt bereits Gespräche mit Nachbarländern über Zusammenarbeit, damit wir die Verantwortung für die Erhaltung unseres Erbes teilen, auch, was die UNESCO-Konventionen betrifft, die wir ratifiziert haben: Wir sprechen vom illegalen Handel mit kulturellem Eigentum. Wenn man daher nicht mit seinen Nachbarn spricht und sagt: ‚Wenn Ihr unsere Sachen auf Euren Märkten seht, benachrichtigt uns bitte‘, dann meint man es nicht ernst.“

Winani Thebele im Interview

Botswana ist ein gutes Beispiel, da es sein Nationalmuseum nach der Unabhängigkeit im Jahre 1968 eröffnete. In der Zeit vor der Museumsgründung wurden Objekte mit historischem, archäologischem, kulturellem und ästhetischem Wert in Kolonialmuseen in Nachbarstaaten verbracht, darunter das Livingstone Museum in Sambia, das Bulawayo Museum of Natural History in Simbabwe und das South African Museum in Kapstadt. Einige dieser frühen Museen stammen sogar noch aus dem 19. Jahrhundert.

Gemeinsame Wissensproduktion

Die in diesem Zusammenhang ins Leben gerufenen Partnerschaften konzentrieren sich auf eine Rückführung von verbrachten Kulturgütern in ihre Herkunftsländer, sobald deren Spuren gemeinsam nachgezeichnet und vorhandene Narrative auf ihre Authentizität überprüft wurden.

„Mit Objekten, die noch in Europa sind, ist es kompliziert. In manchen Fällen sind die besten Werke unserer Kultur nicht einmal hier, von manchen wissen wir nicht einmal. Und die Fertigkeiten für ihre Herstellung gibt es nicht mehr.“

Winani Thebele im Interview

Einen weiteren Schwerpunkt bildet das gemeinsame Kuratieren von Ausstellungen, die sich an einen größeren Kreis von Gemeinschaften und Zielgruppen richten sollen. Darüber hinaus beinhalten die Partnerschaften den Austausch von Ausstellungen, die gemeinsame Nutzung von Forschungsergebnissen und Veröffentlichungen, die gemeinsame Finanzierung von Dokumentationen, den Aufbau von Kapazitäten im Rahmen von Workshops und Seminaren, den Austausch von Datenbanken und die Organisation gegenseitiger Besuchsreisen. Bei diesen Maßnahmen wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass sich die gegenwärtige Debatte insbesondere auf den Ursprung von Kulturgütern und die Einbindung von Herkunftsgemeinschaften richtet.

Süd-Süd-Zusammenarbeit

Darüber hinaus gibt es auch Kooperationen zwischen afrikanischen Museen, die sich vor allem auf Gemeinsamkeiten der beteiligten Länder in den Bereichen Kultur, Gemeinschaften, Geschichte und Landschaften konzentrieren. Im Mittelpunkt dieser alternativen Partnerschaften steht die Entwicklung einschlägiger Rechtsvorschriften, die den Restitutionsprozess unterstützen sollen. Zusätzlich dazu werden weitere regionale und internationale Kooperationen geschmiedet, um Strategien für die Digitalisierung von Sammlungen, die Konzeption von Ausstellungen und die Verwaltung von Sammlungen zu entwickeln und durchzuführen. Beispielsweise haben sich die Nationalmuseen von Kenia und Tansania bei der Digitalisierung ihrer Sammlungen zusammengeschlossen.

„In den meisten Museen in Afrika sind wir uns heute dieser ganzen Technologie sehr bewusst und wir wissen, wie wichtig sie für uns und für die Zugänglichkeit unserer Sammlungen und Informationen für die internationale Gemeinschaft ist, denn das ist es, was wir predigen: unser Erbe zu teilen. Aber es geht langsam voran, wegen der Finanzierung.“

Winani Thebele im Interview

Die Staaten der SADC-Region bemühen sich ebenfalls im Rahmen ihres Kulturerbe-Verbands um den gemeinsamen Aufbau von Kapazitäten für junge Museumsexpert*innen in Bereichen wie Ausstellungsdesign, Digitalisierung und Entwicklung interaktiver Formate. Auch Nigeria kooperiert bei der Rückführung der Bronzekunst aus Benin mit mehreren europäischen Ländern. Erste sichtbare Ergebnisse dieser verschiedenen Formen der Zusammenarbeit waren Wanderausstellungen, gemeinsame Workshops, der Austausch von Mitarbeiter*innen sowie Studienreisen nach Europa und Amerika. Außerdem wurde mit der Benin Dialogue Group eine Referenzgruppe ins Leben gerufen, die den Austausch zwischen Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden sowie Partnern aus Nigeria und Vertretern des Königshauses von Benin fördern soll. Im Mittelpunkt dieser verschiedenen Kooperationsformen steht der Einsatz von Technologien und Investitionen in digitale Innovationen, die den Ausbau des regionalen, kontinentalen und internationalen Wissensaustauschs grundlegend voranbringen können.

Eine neue Vision

Das Museumskonzept, das wir heute anstreben, setzt auf Museen als Räume der Interaktion und des Lernens, in denen Kultur zelebriert und Talent präsentiert wird. In einem modernen Museum müssen alle Themen behandelt werden, die eine Gesellschaft berühren, darunter auch Genozid, Fremdenfeindlichkeit und geschlechtsspezifische Gewalt. Auf diese Weise wird das Museum zu einem Brennpunkt für die lokale und globale Gemeinschaft. Es öffnet seine Türen für alle Altersgruppen und ermöglicht ein Ko-Kuratieren und eine aktive Mitwirkung an der Sicherung des Kulturerbes der jeweiligen Gemeinschaften. Durch eine solche Interaktion zwischen den Generationen wird ein dauerhafter Transfer von Wissen und Fähigkeiten sichergestellt. Dabei steht das Konzept der „Soziomuseologie“ im Mittelpunkt.

Über Museen, die Technologie zur Förderung des Wissensaustauschs einsetzen – ein Interview des Goethe-Instituts mit Winani Thebele im Rahmen der Konferenz „Beyond Collecting: New Ethics for Museums in Transition“ (Neue Konzepte für Museen im globalen Süden) in Daressalam, Tansania, März 2020:

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