Erinnerungsarbeit in Ton und Bild „Ich nehme die Herausforderung an“

Kolonialgeschichte – Dies ist ein Screenshotausschnitt einer Zeichnung von Frederico Luís Colombo, der in die Kamera blickt. Zwischen ihm und der Kamera befinden sich die Arme zweier Personen, die der Kamera den Rücken zugewandt haben.
Foto (Detail): Fradique © Associação Tchiweka de Documentação

Filmemacher Fradiques Dokumentarfilm „Independência“ (2015) erzählt Angolas langen Kampf um Freiheit aus der Wir-Perspektive. Der Film fördert eindringliches historisches Material von Freiheitskämpfer*innen zutage und schafft einen Raum für mündliche Zeitzeugnisse. Er manifestiert nie aufgenommene Ereignisse in animierten Zeichnungen und liefert eine überwältigende Demontage der abscheulichen kolonialen Anmaßung, Angola gehöre nicht den Angolaner*innen. Erinnerungsarbeit in Ton und Bild – hier verdeutlicht Fradique seine Methode anhand von vier Filmbildern.

Von Fradique


Kolonialgeschichte – Der Screenshot stammt aus dem Film „Independência“ und zeigt Angolaner, die in die Kamera schauen. Die Untertitel lauten „Angola gehört uns! Angola gehört uns!“ Foto (Detail): Fradique © Associação Tchiweka de Documentação Als im März 1961 in Angola der Krieg begann, sandte die portugiesische Regierung Tausende von Soldaten. Gleichzeitig veröffentlichte sie die Hymne Angola ist unser, ein Propagandalied, das zum Anfang und Ende jeder Radiosendung gespielt wurde und das die Kinder in Schulen im ganzen Land singen mussten.

Angola ist unser tauchte in zahlreichen Propagandafilmen jener Zeit auf, in denen die portugiesische Regierung ihre mächtige Armee zur Schau stellte und suggerierte, dass die Menschen in Angola unter portugiesischer Herrschaft glücklich waren. Ich erstellte eine Montage, in der ich das Lied mit den üblichen propagandistischen Darstellungen verband, jedoch Bilder der bitteren Wirklichkeit unter der Oberfläche dieses vorgespiegelten Wohlergehens hinzufügte: Zwangsarbeit, räumliche Segregation der Angolaner*innen im eigenen Land sowie der Rassismus, den sie vonseiten der Portugies*innen erlitten.

Die Montage endet mit Archivaufnahmen von zahlreichen direkt in die Kamera blickenden Angolaner*innen, zusammen mit den Freiheitskämpfer*innen – die wir in der Gegenwart interviewten –, die ebenfalls starr in die Kamera blicken, während Angola ist unser spielt. Das Lied bleibt vielen Angolaner*innen verhasst, die der portugiesischen Ausbeutung, Besatzung und Unterdrückung ausgesetzt waren.

Kolonialgeschichte – Dies ist ein Screenshot einer Zeichnung von Frederico Luís Colombo, der in die Kamera blickt. Zwischen ihm und der Kamera befinden sich die Arme zweier Personen, die der Kamera den Rücken zugewandt haben. Die Untertitel lauten: “Versuchen Sie, die Wahrheit zu leugnen?” Foto (Detail): Fradique © Associação Tchiweka de Documentação Ein Polizeiverhör oder ein Hinterhalt – um Momente wie diese darzustellen, zu denen kein Archivmaterial existiert, setzt mein Film Animationen ein, zusammen mit Zeugenaussagen aus erster Hand von angolanischen Freiheitskämpfer*innen.

Der Film ist aus dem Blickwinkel der Generation gemacht, die am Kampf um die Unabhängigkeit beteiligt war; sie sind diejenigen, die ihre Erinnerungen teilen. Der Blickwinkel der Animation folgt derselben Logik. Ich wollte ein Verhör aus der Perspektive und auf der Augenhöhe eines politischen Gefangenen zeigen.

An dieser Stelle des Films erzählt der Angolaner Frederico Luís Colombo, ein politischer Gefangener, den die portugiesische Geheimpolizei PIDE von 1961 bis 1969 gefangen hielt, im Detail, wie die Geheimpolizisten ihn verhörten. Wir lauschen nur Colombos Version des Verhörs. Die PIDE hat keine Handlungsmacht mehr, keine eigene Stimme. Selbst während des Verhörs hören wir nur Colombo ihre Fragen wiederholen, seine Stimme und seine Erinnerung an das, was in diesem Raum geschah.

Colonial history – Der Screenshot zeigt Fotos von bewaffneten Kämpfern und ein „Bande Magnétique“ Tonband. Die Untertitel lauten: „Der Guerillakämpfer ist jemand, der es versteht, sich seiner Umgebung anzupassen“. Photo (detail): Fradique © Associação Tchiweka de Documentação Erzählung und Ästhetik des Films basieren in hohem Maße auf meinen Erfahrungen während meiner jahrelangen Recherchen im Archiv des Tchiweka-Dokumentationszentrums (Associação Tchiweka de Documentação) in Luanda. Nachdem ich inmitten der Archivmaterialien und der Erinnerungen derer gelebt hatte, die Zeugnis ablegten, beschloss ich, jedes nur mögliche Archivformat zu kombinieren, um dem Publikum unsere im Dunkeln liegende Geschichte näherzubringen.

Das Bild stammt aus einer Sequenz, in der die Stimme von Ernesto „Che“ Guevara zu hören ist. Sie wurde am 2. Januar 1965 in Brazzaville aufgenommen, als er sich mit angolanischen Freiheitskämpfer*innen traf. Diese Aufnahme ist eine einzigartige historische Quelle, die wir digitalisiert, restauriert und in Independência zum ersten Mal einem breiteren Publikum öffentlich zugänglich gemacht haben.

Mit den Fotos dokumentierten Freiheitskämpfer*innen im Osten Angolas die härtesten Zeiten des Krieges, als Nahrung, Kleider und Waffen knapp waren. Aber selbst in dieser Situation passten sich die jungen Männer und Frauen an die Umstände an und kämpften weiter.

Kolonialgeschichte – Der Screenshot zeigt eine Collage aus drei Fotos: von verschiedenen Männern und einer Frau. Die Untertitel lauten: „und zum ersten Mal seit fast acht Jahren betrat ich wieder angolanischen Boden.“ Foto (Detail): Fradique © Associação Tchiweka de Documentação Deolinda Rodrigues‘ Zeugnis ist in meinem Film das einzige, das während der Zeit des Freiheitskampfes selbst geschrieben wurde. Sie war eine Freiheitskämpferin der MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola), erlebte die Unabhängigkeit Angolas jedoch nicht mehr. Sie hinterließ aber ihre sehr persönlichen, brutal ehrlichen Tagebücher und Briefe. 

„Ich mag Schwierigkeiten, ohne Momente wie diesen wird das Leben schal und wir hören auf zu denken. Das Leben ist ein Kampf. Entweder akzeptiert man die Herausforderung und macht weiter oder man bemitleidet sich sein ganzes Leben lang selbst und tut nichts. Ich nehme die Herausforderung an.“

Deolinda, auch Langidila genannt (Kimbundu für „Sei wachsam“)

Wir engagierten eine junge angolanische Spoken-Word-Künstlerin, um sie zu lesen und Deolindas Figur so Leben einzuhauchen. Gleichzeitig setzten wir Animationen, Fernsehaufzeichnungen und zahlreiche Fotos ein, um Zugang zu den Erfahrungen dieser jungen Frau zu ermöglichen, die für ihr Land kämpfte.

Dies sind die letzten bekannten Fotos von Deolinda, bevor sie von einer rivalisierenden Gruppe ermordet wurde. Die Fotos wurden aufgenommen, als sie nach Angola zurückkehrte, um sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen, nachdem sie als Revolutionsführerin vom benachbarten Kongo aus gekämpft und sich eingesetzt hatte. Die Filmrolle war schwer beschädigt, als wir sie fanden, und, wie viele andere Archivmaterialien in dem Film, restaurierten und digitalisierten wir sie zum ersten Mal.