Geschichte und Gedächtnis des Landes zurückgewinnen Gegenarchive im Kampf gegen das Vergessen

Kolonialgeschichte: Didi Cheeka im Interview
Didi Cheeka im Interview | © Goethe-Institut

Didi Cheeka hat das ehemals verlassene nationale Filmarchiv Nigerias gerettet und daraus eine Art Gegenarchiv entwickelt. Ein Gespräch über den Umgang mit kolonialem Filmmaterial und die Suche nach der vergessenen Geschichte eines Landes.

Von Teresa Althen

Didi Cheeka ist Filmemacher und Filmkritiker aus Nigeria und selbsternannter accidental archivist. Als er in Lagos Überreste des nationalen und kolonialen Filmarchives fand, initiierte er das Projekt „Reclaiming History, Unveiling Memory“, das es sich zum Ziel setzt, wiederentdeckte nigerianische Filme zu bewahren, zu digitalisieren und zu kuratieren. Er gründete außerdem die Lagos Film Society und das erste Berlin-Lagos Archive Film Festival.

Der Filmemacher betont, wie wichtig es für Nigeria sei, dieses Archiv und mit ihm Geschichte und Gedächtnis seines Landes zurückzugewinnen. Er fordert die Rückgabe der Bilder und Filme, die in der Kolonialzeit in Nigeria ohne Einverständnis der Gefilmten aufgenommen wurden, um auf dieser Grundlage eine gesellschaftliche Diskussion über die Geschichte des Landes zu führen: „Wir möchten ein Archiv, das nicht mehr als etwas gilt, das staubig ist und in dem nur alte weiße Männer mit Bärten arbeiten.”

Cheeka wendet sich gegen den Begriff des Postkolonialismus. Für ihn ist Kolonialismus keine historische Kategorie, vielmehr hätten die kolonialen Strukturen nie aufgehört zu existieren. Die Bezeichnungen Post-, De- und Anti-Kolonialismus reduzierten afrikanische und andere ehemals kolonisierte Länder auf den Kolonialismus. Er appelliert für offenere Diskussionen, auch im Hinblick auf die Kategorisierungen in den Archiven, denn diese seien grundlegend für eine Veränderung gegenwärtiger Machtstrukturen. Die koloniale Referenz an sich sei bereits ein kolonialer Übergriff. Er ist davon überzeugt, dass es anders gehen kann, und hat sich dies zur Hauptaufgabe gemacht.
 
(DE-)KOLONIALE FILMARCHIVE

Filmmaterial, das in kolonialen Kontexten entstanden ist, wird größtenteils in europäischen Archiven verwahrt. Nur ein Bruchteil dieses Materials entstand aus der Perspektive der Kolonisierten selbst. Wem gehört dieses Material? Wie und wem sollte es zugänglich gemacht werden? Warum werden einige dieser Archive dem Verfall überlassen und was kann man dagegen tun? Erfahrungsberichte und Visionen von Expert*innen.