Die vergessene Geschichte Angolas Bringt Eure Label in Ordnung!

dekolonial – Kinder im zerstörten Haus des früheren Rebellenführers Jonas Savimbi, ehemals Führer der Nationalen Union für die vollständige Unabhängigkeit (UNITA), Provinzhauptstadt Huambo in Angola, 20. Juli 2005
Kinder im zerstörten Haus des früheren Rebellenführers Jonas Savimbi, ehemals Führer der Nationalen Union für die vollständige Unabhängigkeit (UNITA), Provinzhauptstadt Huambo in Angola, 20. Juli 2005 | Foto (Detail): Wolfgang Langenstrassen © picture alliance / dpa

Welchen Hürden begegnet man auf der Suche nach Filmmaterial über seine Vorfahren? Wie kann man hegemonialen Archivstrukturen entgegenwirken und Verantwortung für kollektive Erinnerung übernehmen? Fragen an den angolanischen Filmemacher Fradique.

Von Teresa Althen

Fradique arbeitet seit zehn Jahren als Filmemacher mit Archiven und musste dafür stets nach Europa reisen, da Filmmaterial aus Angola nur in europäischen Archiven zu finden ist. Deren koloniale Vergangenheit ist strukturell und inhaltlich weiterhin zu spüren. Die Archive der ehemaligen Kolonialländer verwahren und konservieren einen Großteil des kolonialen Filmmaterials, das zumeist in propagandistischer Absicht oder im Kontext ethnologischer Forschungen produziert wurde. Sie bestimmen, wer wie Zugang zu diesem Material erhält, und entscheiden über die Kategorisierung, etwa die Schlagworte, unter denen Recherchierende Filme finden können. In anderen Worten, sie vergeben das Label und die Bedeutung, die sie den Materialien beimessen. So suchte Fradique in portugiesischen Archiven vergeblich unter dem Schlagwort „angolanische Befreiungskämpfer*innen“. Stattdessen fand er das entsprechende Filmmaterial unter dem Suchbegriff „angolanische Terrorist*innen“.

Um ein neues, nicht propagandistisches Archiv zu entwickeln, hat Fradique über sechs Jahre lang gemeinsam mit weiteren Filmemacher*innen 700 Interviews in ganz Angola geführt. In diesen Interviews kommen Menschen zu Wort, die für Angolas Unabhängigkeit gekämpft oder den Kampf darum erlebt haben, zu dem es kein nationales Filmmaterial gibt. Diese Initiative entwickelte sich zu einem wichtigen Archiv des Befreiungskampfes. Es geht insbesondere darum, die Erinnerung an die vergessene Geschichte Angolas zurückzugewinnen und ein eigenes Narrativ zu schaffen. Aufgrund mangelnder Fördermittel und einem fehlenden Bewusstsein für die Dringlichkeit solcher Initiativen ist die Zukunft dieses und vieler anderer Archivprojekte derzeit offen.
 
 
(DE-)KOLONIALE FILMARCHIVE

Filmmaterial, das in kolonialen Kontexten entstanden ist, wird größtenteils in europäischen Archiven verwahrt. Nur ein Bruchteil dieses Materials entstand aus der Perspektive der Kolonisierten selbst. Wem gehört dieses Material? Wie und wem sollte es zugänglich gemacht werden? Warum werden einige dieser Archive dem Verfall überlassen und was kann man dagegen tun? Erfahrungsberichte und Visionen von Expert*innen.