Teilhabe und soziale Inklusion Nachhaltiger Kulturerbe-Tourismus

Kolonialgeschichte – Massai, Tansania
Massai, Tansania | Foto (Detail): Rossi © picture alliance / Bildagentur-online

Tourismus kann einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt des Kulturerbes leisten. Noel Lwoga, Generaldirektor des Nationalmuseums von Tansania, unterstreicht die Bedeutung der engen Partnerschaft zwischen dem Museum und den lokalen Gemeinschaften.

Von Noel Biseko Lwoga

Der Kulturerbe-Tourismus kann Impulse für den Erhalt des kulturellen Erbes in den lokalen Gemeinschaften Tansanias setzen. Zum einen schafft er in diesen Gemeinschaften Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten und damit Anreize für die dort lebenden Menschen, sich aktiv an der Entwicklung und Durchführung von Programmen zum Erhalt ihres Kulturerbes zu beteiligen. Zum anderen bieten Eintrittsgelder für Kulturerbestätten und Tourismussteuern wichtige Einnahmequellen für die Landesregierung, die sich im Zusammenschluss mit den Gemeinschaften um Maßnahmen zur Bestandserhaltung bemüht. Einen Teil der Einnahmen nutzt die Regierung auch dafür, Infrastrukturen und soziale Einrichtungen wie Schulen, Straßen, Wasserleitungen und Krankenhäuser zu errichten, die den lokalen Gemeinschaften zugutekommen. Dies ist eine Symbiose, die sich auszahlt.
 
Lwoga weist allerdings auch darauf hin, dass ein unkontrollierter Tourismus die lokalen Gemeinschaften grundsätzlich davon abhalten kann, die Maßnahmen von Museen zum Erhalt des kulturellen Erbes zu unterstützen. Es kann nicht sein, dass die Gemeinschaften nur von den Tourismuseinnahmen profitieren; sie müssen auch aktiv in die Entwicklung und Durchführung von Programmen zum Schutz des kulturellen Erbes und der Umwelt in ihren Regionen eingebunden werden. Mithilfe der Museen muss die Regierung einer Vermarktung der indigenen Kulturen entgegenwirken, die sie ihrer Authentizität und ihres Wesensgehalts berauben könnte. Ein unkontrollierter Tourismus, der lediglich auf wirtschaftlichen Profit gerichtet ist, kann unerwünschte Folgen haben, wie beispielsweise die Plünderung von Kulturerbestätten, den illegalen Handel mit Kulturgütern und die Zerstörung der Umwelt.
 
Grundsätzlich werden Maßnahmen im Tourismus und im Kulturerbeschutz in Tansania eng aufeinander abgestimmt, um sicherzustellen, dass sich der Tourismussektor nachhaltig entwickelt und keine negativen Folgen für die Umwelt und das Kulturerbe der lokalen Gemeinschaften mit sich bringt. Die Akteure in der Kultur- und Tourismusbranche sehen sich selbst als Schutzbeauftragte und haben kein Interesse daran, das kulturelle Erbe zu zerstören.

Die Gemeinschaft als gleichberechtigter Partner

Die lokalen Gemeinschaften in Tansania setzen sich im Zusammenschluss mit bereits etablierten Museen und Kulturerbestätten für einen Ausbau des Kulturerbetourismus ein. Sie sind in mehr als fünfzig lokalen Kulturtourismusunternehmen engagiert und auf allen Entscheidungsebenen als gleichberechtigte Partner vertreten. Expert*innen aus den Museen und Kulturerbestätten beraten sich regelmäßig mit diesen Gemeinschaften, um ihre Bedürfnisse und Interessen nicht außer Acht zu lassen.

„In Songea gibt es Gemeinschaften, die im Maji-Maji-Krieg von 1905 bis 1907 gegen die Deutschen gekämpft haben. Einige Älteste, die Chiefs, die noch da sind, erzählen beim Maji-Maji-Festival davon. Wir beteiligen auch Grund- und Sekundarschüler*innen an solchen Veranstaltungen, bei denen sie diese Geschichten über die Maji Maji hören, was während der Kolonialzeit passiert ist.“

Noel Lwoga im Interview

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Partnerschaft zwischen Museen und lokalen Gemeinschaften ist das Maji Maji Memorial Museum. Es wurde von den lokalen Gemeinschaften gegründet und später an das Nationalmuseum von Tansania übertragen. Das Maji Maji Festival und das Songea Tourism Festival, die das Museum gemeinsam mit den lokalen Gemeinschaften organisiert, locken jedes Jahr Besucher*innen aus allen Landesteilen und dem Ausland an. Mit dem Maji Maji Festival soll an den Krieg gegen die deutschen Kolonisatoren erinnert werden. Gleichzeitig bietet es jungen Menschen und Erwachsenen eine Plattform für Diskussionen und Debatten über den Kolonialismus und das postkoloniale Tansania. Im Verlauf des Festivals gibt es Gesänge und traditionelle Tänze der lokalen Gemeinschaften. Rund um das Museum und an den Kulturerbestätten wird zudem traditionelle Handwerkskunst an Tourist*innen verkauft.

Die Regierung in der Vermittlerrolle

Im Sinne eines nachhaltigen Kulturerbe-Tourismus unterstützt die tansanische Regierung die lokalen Gemeinschaften mit Finanz- und Strukturmitteln für Projekte, die sie selbst entwickelt haben und mit den Museen koordinieren. Ein Teil des Geldes fließt in die Schulung und Fortbildung von Bürgerinnen und Bürgern, die sich aktiv in den lokalen Gemeinschaften engagieren oder Kulturdörfer leiten. Im Mittelpunkt dieser Schulungsprogramme steht neben dem Schutz der Umwelt auch der Ausbau der indigenen Wissenssysteme, die in die moderne Informationsgesellschaft integriert werden sollen. Dank dieser Regierungsmaßnahmen haben lokale Gemeinschaften die Möglichkeit, in ihren Regionen Kulturzentren und Museen für die Gemeinschaft zu errichten. In den Kulturzentren finden regelmäßig Veranstaltungen und Festivals für die jungen Mitglieder dieser Gemeinschaften statt. Zudem sind Besuche in Museen und Kulturzentren fester Bestandteil der schulischen Lehrpläne. Die Kulturzentren investieren außerdem in moderne Technologien, um ihre Sammlungen zu digitalisieren und ihre Programme auch online zur Verfügung stellen zu können. Lwoga geht davon aus, dass die Zukunft der Museen von einer engen Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften und von Technologieinvestitonen bestimmt wird. Die Regierung spielt in diesem Zusammenhang eine Vermittlerrolle, indem sie die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellt und ein günstiges Umfeld für lokale und internationale Partnerschaften schafft.

Wie die weltweite Wertschätzung für ihre Kultur den Stolz der tansanischen Bevölkerung auf ihre Traditionen und deren Erhalt stärkt – ein Interview des Goethe-Instituts mit Dr. Noel Lwoga im Rahmen der Konferenz „Beyond Collecting: New Ethics for Museums in Transition“ (Neue Konzepte für Museen im globalen Süden) in Daressalam, Tansania, März 2020:

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