Ein sehr bizarrer Dialog „Wie, glauben Sie, haben Ihre Vorfahren diese Gegenstände bekommen?“

Restitution – 4. Juli 2020: Ein Mann ruht auf dem Sarg eines der 24 Algerier im Kulturpalast Moufdi-Zakaria in Algier. Nach Jahrzehnten in einem französischen Museum wurden die Schädel von 24 Algeriern, die wegen Widerstandes gegen die französischen Kolonialkräfte enthauptet worden waren, in einer aufwendigen Zeremonie formell nach Algerien zurückgeführt.
4. Juli 2020: Ein Mann ruht auf dem Sarg eines der 24 Algerier im Kulturpalast Moufdi-Zakaria in Algier. Nach Jahrzehnten in einem französischen Museum wurden die Schädel von 24 Algeriern, die wegen Widerstandes gegen die französischen Kolonialkräfte enthauptet worden waren, in einer aufwendigen Zeremonie formell nach Algerien zurückgeführt. | Foto (Detail): Fateh Guidoum © picture alliance / AP Photo

Die Forderungen nach der Rückgabe illegal erworbener Objekte aus kolonialen Kontexten an die Herkunftsgesellschaften werden immer lauter. George Gachara schlägt Alternativen zu den scheinbar endlosen Verhandlungen vor.

Von George Gachara

In dem fiktionalen Kinohit Black Panther stellt die Figur Killmonger in einem prägnanten Gespräch über die Herkunft eines vibraniumhaltigen Objekts aus seinem Heimatland Wakanda und wie es in einen Schaukasten in einem westlichen Museum gelangte, einer Museumskuratorin die Fragen: „Wie, glauben Sie, haben Ihre Vorfahren diese Gegenstände bekommen? Haben sie einen fairen Preis bezahlt? Oder haben sie es einfach genommen, wie alles andere auch?“
 
Diese Fragen, auch wenn sie in einem fiktionalen Film über ein afrikanisches Utopia gestellt werden, spiegeln unsere Realität zutreffend wider. Abgesehen von ihrer Relevanz können diese Fragen, wenn sie in aller Ehrlichkeit angegangen werden, nur zur uneingeschränkten und vorbehaltlosen Restitution aller gestohlenen, geplünderten oder auf zweifelhaftem Wege erworbenen Kulturobjekte führen, die sich im Besitz von Individuen und Institutionen im Westen befinden.
 
Auffällig ist für mich allerdings, dass auch jede einzelne Generation vor dieser ihre Stimme erhoben hat – über formelle und informelle Petitionen an westliche Museen und Regierungen, mithilfe wissenschaftlicher und sogar juristischer Argumente, aber die meisten verhallten ungehört oder wurden arrogant abgetan. Noch aufschlussreicher ist, dass frühere Appelle ebenso respektvoll wie aufrichtig waren, da der einzig gangbare Weg der des Dialogs war, ungeachtet seiner Absurditäten.
 
In ganz Afrika war und bleibt das Hauptargument für die Rückführung von im Ausland befindlichen Kulturobjekten, dass diese Objekte keine bedeutungslosen Kriegstrophäen sind, sondern ein „elementarer Bestandteil des Grundgefüges der Herkunftsländer und ihrer Menschen.”
 
Werfen wir ein Schlaglicht auf einige Beispiele:
 
Äthiopien 
 
In den geheimen Lagerräumen des Britischen Museums liegt eine Sammlung von elf Holz‑ und Steintafeln, die niemand sehen darf. Es handelt sich um christliche Tafeln, die die Bundeslade darstellen und der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche gehören, die glaubt, dass nur ihre Priester sie zu Gesicht bekommen dürfen. Für viele Äthiopier*innen sind die in Maqdala erbeuteten Gegenstände von zentraler Bedeutung – „elementarer Bestandteil des Grundgefüges Äthiopiens und seiner Menschen“. Für Brit*innen haben diese äthiopischen Objekte relativ wenig Bedeutung und werden, so ein Artikel über Äthiopiens heilige Schätze im Magazin The Atlantic, hauptsächlich als Trophäen aus einer Ära imperialistischer Expansion betrachtet. Im März 2020 entsandte Äthiopien seinen Kultusminister nach Großbritannien, um ihre Rückgabe zu fordern.

Algerien 

Nach 170 Jahren wurden endlich 24 von den Franzosen als Kriegstrophäen erbeutete Schädel führender antikolonialer Widerstands- und Freiheitskämpfer*innen aus Algerien zurückgegeben, um dort eine gebührende Bestattung zu finden, die ihr Andenken ehrt. Im Gespräch mit Al Jazeera klagte der algerische Armeechef Said Chengiha: „Die heldenhaften Widerstandskämpfer, die die Kolonialisierung ihres Landes durch das französische Kolonialreich verweigerten, wurden gegen alle guten Sitten über Jahrzehnte hinweg wie gewöhnliche Objekte der Antike ausgestellt, ohne jeden Respekt für ihre Würde, ihr Andenken. Das ist das monströse Gesicht der Kolonialisierung.“

Algerische Historiker*innen begrüßten die Rückgabe, merken jedoch an, dass diese 24 menschlichen Überreste nur ein kleiner Teil der algerischen Geschichte sind, die sich nach wie vor in französischer Hand befindet: „Wir haben einen Teil unserer Erinnerung wiedererlangt … der Kampf muss weitergehen bis zur vollständigen Rückerstattung der Archive unserer Revolution sowie aller menschlichen Überreste der Widerstandskämpfer*innen, deren Zahl in die Hunderte geht.“

In ihrer Antwort offenbarte die französische Kultusministerin Roselyne Bachelot unwillkürlich die offizielle französische Position, indem sie erklärte, dass die Rückgabe der Benin‑Bronzen (und damit auch der algerischen Schädel) „… in keinster Weise das Prinzip der Unveräußerlichkeit infrage stellt“, und, wie Agence France‑Presse berichtete, hinzufügte, dass es sich dabei „nicht um einen Akt der Reue, sondern einen Akt der Freundschaft und des Vertrauens“ handle. 

Kenia
 
Was mein Heimatland Kenia betrifft, so hat die Gemeinschaft der Nandi über ihre Lokalverwaltung die britische Regierung zur Rückgabe der menschlichen Überreste (des abgeschlagenen Kopfs) von Koitalel arap Samoei aufgefordert, Nandis bedeutendstem spirituellen und antikolonialen Widerstandsführer.
 
Koitalel arap Samoei war ein Orkoiyot; er leitete nicht nur den militärischen Widerstand gegen die Kolonialist*innen, sondern war auch ein hochrangiger Chief und geistlicher Führer des Volkes der Nandi. Die Ermordung und Enthauptung von Koitalel arap Samoei war seine Bestrafung dafür, dass er elf Jahre lang den Widerstand angeführt hatte, um das angestammte Land seines Volkes vor der britischen Enteignung für den Bau der Uganda‑Bahn zu bewahren. Bei einem Hinterhalt zur „Verhandlung eines Waffenstillstands“ wurde er zusammen mit seinen Familienmitgliedern von dem britischen Colonel Richard Meinertzhagen erschossen und sein abgeschlagener Kopf nach London verbracht.
 
In einem Gespräch mit der Zeitung Nation am 2. Februar 2016 erklärte Dr. Kipnyango Seroney im Namen des Talai­‑Clans: „Diese Objekte sind für den Talai‑Clan ebenso wie für die Kalenjin und die kenianische Nation von großer historischer Bedeutung … Wir haben uns schriftlich an das Britische Museum gewandt und werden an das Parlament appellieren, den Rest seiner Besitztümer freizugeben, die im Britischen Museum aufbewahrt werden ...“
  • Restitution – 13. Februar 2020: Besucher*innen betrachten eine altägyptische Mumie im British Museum in London, England. David Cliff © picture alliance / NurPhoto
    13. Februar 2020: Besucher*innen betrachten eine altägyptische Mumie im British Museum in London, England.
  • Restitution – Deutschland, Freiburg - 23. November 2016: Etwa 1000 Schädel und Knochen aus Ostafrika befinden sich noch in den Universitäten Berlin und Freiburg. Die Gebeine wurden während der Kolonialzeit zur "Rassenforschung" nach Deutschland gebracht. © picture alliance / Vacca/Emblema/ROPI
    Deutschland, Freiburg - 23. November 2016: Etwa 1.000 Schädel und Knochen aus Ostafrika befinden sich noch in den Universitäten Berlin und Freiburg. Die Gebeine wurden während der Kolonialzeit zur „Rassenforschung“ nach Deutschland gebracht.
  • Restitution – Juli 1868: Déjatch Alámayou, Sohn von König Theodore. Der junge verwaiste Prinz hält eine kleine weiße Puppe in den Händen und starrt traurig in den Raum. Déjatch Alámayou wurde nach dem britischen Sieg gegen die Äthiopier in der Schlacht von Magdala und dem Selbstmord seines Vaters, Tewodros (Theodore) II, Kaiser von Äthiopien, im April 1868 nach England gebracht. Julia Margaret Cameron © picture alliance / Heritage Art/Heritage Images
    Juli 1868: Déjatch Alámayou, Sohn von König Theodore. Der junge verwaiste Prinz hält eine kleine weiße Puppe in den Händen und starrt traurig in den Raum. Déjatch Alámayou wurde nach dem britischen Sieg gegen die Äthiopier in der Schlacht von Magdala und dem Selbstmord seines Vaters, Tewodros (Theodore) II, Kaiser von Äthiopien, im April 1868 nach England gebracht.
  • Restitution – Hl. Antonius (gewachstes Holz), signiert mit RJMV, Kenia, Museum Forum der Völker, Völkerkundemuseum der Franziskaner, Werl Uta Poss © picture alliance
    Hl. Antonius (gewachstes Holz), signiert mit RJMV, Kenia, Museum Forum der Völker, Völkerkundemuseum der Franziskaner, Werl
  • Restitution – Kiefer des Australopithecus anamensis. Pliozän. Standort: Kanapoi, Kenia. Naturhistorisches Museum. London. Vereinigtes Königreich. Prismaarchivo​ © picture alliance / Prisma Archivo
    Kiefer des Australopithecus anamensis. Pliozän. Standort: Kanapoi, Kenia. Naturhistorisches Museum. London. Vereinigtes Königreich.
  • Restitution – Hölzerne Gedenkstatue, die als Grabmarkierung verwendet wurde. Herkunftsland: Äthiopien. Kultur: Konso. Materialgröße: Holz, h=112 cm. Britisches Museum, London. Werner Forman Archive / Heritage Images © picture alliance
    Hölzerne Gedenkstatue, die als Grabmarkierung verwendet wurde. Herkunftsland: Äthiopien. Kultur: Konso. Materialgröße: Holz, h=112 cm. Britisches Museum, London.
In diesem Dialog haben sich die westlichen Museen dafür entschieden, nur das absolute Minimum zu tun oder Anträge gleich ganz abzuweisen, während sie mit Feuereifer den Status quo bewahren. Sie sprechen nicht nur von „unveräußerlichem öffentlichen Erbe“, was jede Verantwortung von sich weist und alle gestohlenen, geplünderten Objekte auf der Basis imperialer Hoheit schützt, sondern behaupten auch eine „Unveräußerlichkeit aus wissenschaftlichen Gründen“ und versuchen so, die Zerstörung und Plünderung unterworfener Völker mit der Gewinnung von Wissen zu rechtfertigen. Manche argumentieren zudem für die enthusiastische Bewahrung der Geschichte des Weltreichs, einschließlich seiner Verbrechen, und behaupten: „Entkolonialisierung bedeutet Dekontextualisierung“.
 
Diejenigen, die man als „entgegenkommend“ einstufen könnte, boten etwa an, Objekte, die zum Kulturerbe eines Landes gehören, als „Dauerleihgabe“ zurückzugeben, was die rechtliche Anerkennung des Eigentumsrechts der Plünder*innen der betreffenden Objekte impliziert. Oder sie boten an, „die Objekte nur so lange zu behalten, bis sie zurückgegeben werden können“, was die Verantwortung und den zeitlichen Rahmen dem Wohlwollen der Plünder*innen überlässt. Wieder andere zogen als Ergebnis pragmatischer politischer und diplomatischer Bemühungen in Erwägung, einige Objekte als „strikte Ausnahme, in Einzelfällen und auf eingeschränkter Basis“ zurückzugeben, mit dem Hinweis, dass dieser Schritt nicht „als Akt der Reue, sondern als Akt der Freundschaft und des Vertrauens“ interpretiert werden sollte.
 
Bei der Betrachtung dieser Haltungen scheint mir, dass die westlichen Kulturinstitutionen – Museen, Gemäldegalerien und Universitäten – sich eng als Beschützende dieser „vorherrschenden kulturellen Mythologie“ definiert und positioniert haben und damit, wie James Baldwin in seinem Gespräch mit Nikki Giovanni erklärte, an „ihrer systemischen Kaperung der Würde und ihrer Verschleierung der Wahrheit“ mitschuldig werden. Wie Daniel Trilling im Juli 2019 in einem Artikel im Magazin The Atlantic schrieb, dient ihre Flut an zusammenhanglosen Antworten lediglich dazu, „eine tiefsitzende Unsicherheit in Bezug auf die Realität zu offenbaren, dass Museen, Gemäldegalerien und Universitäten von Imperialismus und Rassismus geprägt wurden“.
 
Diese Fragen – Wie, glauben Sie, haben Ihre Vorfahren diese Gegenstände bekommen? Haben sie einen fairen Preis bezahlt? Oder haben sie es einfach genommen, wie alles andere auch? – haben durch das Zusammentreffen dreier paralleler Entwicklungen heute mehr denn je an Schlagkraft gewonnen: einem wachsenden politischen Bewusstsein und einer steigenden kulturellen Wertschätzung in den ehemaligen Kolonien, dem augenscheinlichen Niedergang der Weltreiche des 19. Jahrhunderts und dem dynamischen Aktivismus junger schwarzer Bevölkerungen auf dem Kontinent und in der Diaspora.
 
Diese Generation wird nicht aufhören, solche Fragen zu stellen und Rechenschaft zu fordern. Sie lässt sich nicht mit Schönfärberei oder Kooptierung abspeisen; sie will greifbare Veränderungen sehen, die die Dringlichkeit dieses kulturellen Moments widerspiegeln. Sie verlangt Rechenschaft, bedingungslose Rückführung, wirtschaftliche Reparationen und mehr. Keine Ausreden oder Untätigkeit mehr – in der Tat hat sie bereits die Symbole der Unterdrückung von den Straßen aus erfolgreich zu Fall gebracht.
 
Zu guter Letzt ist James Baldwin von der wachsenden Selbstachtung der Schwarzen und ihrem Kampf um Würde überzeugt: „… Ich denke, ohne, dass wir es so richtig gemerkt haben, und egal, wo unsere aktuellen Probleme liegen … und wie schrecklich die Situation ist, in der wir uns alle befinden – eines hat sich geändert, und das ist die Haltung der Schwarzen gegenüber sich selbst. Und innerhalb dieses Wandels ... – ich möchte das nicht durch die rosarote Brille sehen ... Aber es war unvermeidlich. Dieser Moment musste kommen.
 

Lektüreempfehlungen:

 
Should museums return their colonial artefacts? [Sollten Museen ihre kolonialen Artefakte zurückgeben?] The Guardian
 
Stolen Soul – Africa's Looted Art [Die gestohlene Seele – Afrikas geplünderte Kunst] Deutsche Welle, Fernsehdokumentarfilm
 
Britain is Hoarding a Treasure No One is Allowed to See [Großbritannien hortet einen Schatz, den niemand sehen darf] The Atlantic

Decolonizing the Art Museum: Next Wave [Die Entkolonialisierung des Kunstmuseums: Die nächste Welle] New York Times
 
International Inventories Programme
[Internationales Bestandsprogramm] Das International Inventories Programme ermittelt Bestände kenianischer Objekte im Ausland