Umstrittene Sammlungen Afrikanisches Erbe in Gefangenschaft

Restitution – Kopf eines Tyrannosaurus Rex, Museum für Naturkunde​ Berlin
Kopf eines Tyrannosaurus Rex, Museum für Naturkunde​ Berlin | Foto (Detail): Jordan Raza​ © picture alliance/dpa

Beharrliche Forderungen nach der Restitution von Kulturobjekten aus Afrika, die sich in europäischen Museen befinden, wurden seitens der Entwender*innen dieser Objekte mit imperialistischen Verlautbarungen beantwortet. Freda Nkirote vom British Institute in Eastern Africa wirft einen kritischen Blick auf das mühsame Hin und Her und fordert einen Paradigmenwechsel in der Debatte.

Mein Besuch im Berliner Museum für Naturkunde im Jahr 2019 warf bei mir eine Reihe unbeantworteter Fragen zu Restitution und Rückführung auf. Der Bericht von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy zur Restitution von afrikanischem Kulturerbe aus dem Jahr 2018 und die Debatten, die er seither in Bezug auf von den ehemaligen Kolonialmachten illegal erlangte Kulturobjekte ausgelöst hat, erhielten neuen Sinn und neue Bedeutung, als ich die 1909 aus Tansania gestohlenen Überreste des Dinosauriers Giraffatitan brancai sah. Er steht als größter Dinosaurier, der je montiert wurde, im Guinness-Buch der Rekorde; seine Schönheit ist unbestritten. Die Frage jedoch, die mir bei seiner Betrachtung nicht mehr aus dem Kopf ging, war, ob die Ostafrikaner*innen, die die wahren Eigentümer*innen dieses grandiosen Geschöpfs sind, jemals so wie ich das Glück haben werden, ihn zu sehen. 

Der Dinosaurier ist nur ein Beispiel für die zahlreichen wertvollen Sammlungen aus Kultur- und Naturgeschichte, die in Afrika vor ihrer Entwendung einen hohen Stellenwert einnahmen. Als Rechtfertigung für das Festhalten an diesen Objekten argumentieren europäische Museen, dass die Objekte in Europa besser geschützt seien und mehr Menschen sie sehen könnten. Sie behaupten, es sei eine detaillierte Provenienzforschung erforderlich, um zu klären, wo sie herkommen und wem sie gehören, oder dass afrikanische Museen nicht die nötigen Sicherheitsvorkehrungen und Umgebungsbedingungen aufwiesen, um die Sicherheit der Objekte zu garantieren.
  • Restitution – Das Museum für Naturkunde in Berlin beherbergt eine Vielzahl von zoologischen, paläontologischen und mineralogischen Exponaten. Das Museum brüstet sich damit, dass es den größten montierten Dinosaurier der Welt beherbergt. Sergi Reboredo © picture alliance
    Das Museum für Naturkunde in Berlin beherbergt eine Vielzahl von zoologischen, paläontologischen und mineralogischen Exponaten. Das Museum brüstet sich damit, dass es den größten montierten Dinosaurier der Welt beherbergt. „WOW“ ist das Wort, das den meisten Besucher*innen über die Lippen kommt, wenn sie diesen ersten Raum mit großen Dinosaurierskeletten und Fossilien sehen.
  • Restitution – Das Humboldt Forum im Berliner Schloss, 2020, mit Schlossbrücke und Fernsehturm im Hintergrund Fotoatelier Berlin © picture alliance / imageBROKER
    Das Humboldt Forum im Berliner Schloss, 2020, mit Schlossbrücke und Fernsehturm im Hintergrund
  • Restitution – Skulpturen stehen im Foyer des Humboldt Forums im Berliner Schloss. Bernd von Jutrczenka © picture alliance/dpa
    Skulpturen stehen im Foyer des Humboldt Forums im Berliner Schloss. Das 644 Millionen Euro teure Humboldt Forum soll ab Dezember 2020 bis Herbst 2021 in drei Schritten als Kultur- und Ausstellungszentrum vor allem für außereuropäische Exponate eröffnet werden. Es enthält rund 24.000 Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, die vom bisherigen Museumsstandort Berlin-Dahlem ins Humboldt Forum umgezogen sind.
  • Restitution – Eine Restauratorin untersucht im Ethnologischen Museum Berlin Masken aus Papua-Neuguinea aus dem 19. Jahrhundert. Wolfgang Kumm ©
    Eine Restauratorin untersucht im Ethnologischen Museum Berlin Masken aus Papua-Neuguinea aus dem 19. Jahrhundert.
  • Restitution – Kleidungsstück einer Frau aus Bornu, Nigeria, Ethnologisches Museum Berlin André Held © picture alliance / akg-images
    Kleidungsstück einer Frau aus Bornu, Nigeria, „erworben 1876“, Staatliche Museen zu Berlin (ein über die Stiftung Preußischer Kulturbesitz von Bund und allen Bundesländern gemeinsam getragener Museumsverbund in Berlin), Ethnologisches Museum Berlin
  • Restitution – Plakette mit dem Kopf eines zähnefletschenden Leoparden, Benin, Nigeria, Standort: Ethnologisches Museum Berlin Barbara Heller © picture-alliance / /HIP
    Plakette mit dem Kopf eines zähnefletschenden Leoparden, Benin, Nigeria, Ende 16. bis 17. Jahrhundert. Die Plakette schmückte den Palast der Obas (Könige) von Benin. Standort: Ethnologisches Museum Berlin
Es wurde vielfach gezeigt, dass die Fragen nicht den Schutz, die Bewahrung, die Provenienz oder die spirituelle Bedeutung des entwurzelten Natur- und Kulturerbes betreffen, wie sie von Entwender*innen wie Eigentümer*innen geschildert werden. Stattdessen sollten sowohl die Entwender*innen als auch die Herkunftsländer notwendige und nachhaltige Wege diskutieren, diese Objekte entweder ihren rechtmäßigen Besitzer*innen zugänglich zu machen oder den Nutzen zu teilen.

„Die Behauptung der Entwender*innen, dass sie die Objekte durch das Ausstellen in ihren Museen zugänglicher machen, muss angesichts der Tatsache, dass die meisten Afrikaner*innen als eigentliche Besitzer*innen dieser Objekte nie die Möglichkeit haben werden, sie zu sehen, als eine zutiefst imperialistische und rassistische Auffassung interpretiert werden.“

Das liegt nicht nur daran, dass sie nicht das nötige Geld für die Reisekosten auftreiben können, sondern auch an den zahlreichen Beschränkungen, die ihnen unabhängig vom Zweck ihrer Reise auferlegt werden.

Doppelzüngigkeit oder reine Rhetorik?

Die Rhetorik über die Bewahrung und den Schutz dieser Objekte in den Museen der Entwender*innen und das angebliche Nichtvorhandensein von beidem in ihren Herkunftsländern klingt wie eine kaputte Schallplatte. Angesichts eines Berichts der Süddeutschen Zeitung vom 9. Juli 2019 über die nicht gerade optimalen Bedingungen, unter denen die afrikanischen Sammlungen im Humboldt Forum in Berlin gelagert worden waren, ist mittlerweile klar, dass die Berufung auf Infrastruktur als Hindernis für eine Restitution nichts als ein Vorwand ist. Wurden die Kulturobjekte denn nicht in gutem Zustand gestohlen? Hatten die Besitzer*innen sie denn nicht für spezielle Funktionen geschaffen, nach denen die Objekte ein natürliches Ende finden und entsorgt oder neu hergestellt würden und somit keine langfristige Lagerung, Ausstellung oder Bewahrung durch die Besitzer*innen benötigten? Ein weiterer Punkt, den es hier zu bedenken gilt, ist, dass das afrikanische Kulturerbe aus seiner natürlichen Umgebung entfernt wurde, wo es keinen Schutz vor Umwelteinflüssen benötigte, und in gemäßigte Zonen mit extremen Wetterbedingungen verlagert wurde, die diesbezüglich aggressive Maßnahmen erfordern. Dasselbe gilt beispielsweise für die Entfernung von naturgeschichtlichen Sammlungen; der Dinosaurier Giraffatitan brancai war in situ in seiner ursprünglichen Umgebung ausgestellt und geschützt, nur um geplündert und nach Europa exportiert zu werden, was es für die Entwender*innen überhaupt erst nötig machte, hohe Kosten für die Montage der Knochen und die Einrichtung von Maßnahmen für seine Bewahrung und seinen Schutz auf sich zu nehmen. Wäre er nicht gestohlen worden, wären die exorbitanten Kosten für Bewahrung und Montage gar nicht erst entstanden. Diese Kosten sind somit für die Eigentümer*innen solchen Erbes irrelevant.

Provenienz als Kunstgriff

Auch wenn die konkrete Provenienz von gestohlenem Erbe nicht immer offensichtlich sein mag, sind die Herkunftsländer doch klar dokumentiert. Die meisten Besitzer*innen der Objekte mögen seit Langem tot sein und die Rituale und kulturellen Funktionen, denen die Objekte dienten, an Bedeutung verloren haben. Die Museen der Entwender*innen sind jedoch räumlich weit von den Herkunftsländern entfernt, was es für afrikanische Kinder extrem schwierig macht, sich eine Vergangenheit vorzustellen, in der ihre Vorfahr*innen kreativ und innovativ waren oder auch nur, wie wichtig ihre Länder und natürliche Umwelt für sie und ihre Lebensweise waren. Während es selbst in der heutigen Zeit nicht ungewöhnlich ist, dass die Eigentümer*innen von Kulturerbe Beschränkungen unterliegen, was den Zugang zu ausgestellten Museumsexponaten in ihren eigenen Ländern betrifft, birgt das Vorhandensein dieser Sammlungen in den nationalen Museen vor Ort eine realistische Hoffnung, sie irgendwann zu Gesicht zu bekommen. Die Frage der Provenienz darf daher nicht als Vorwand benutzt werden, um afrikanisches Erbe auch weiterhin in Gefangenschaft zu halten.

Der Weg nach vorn

Manche der Diskurse, die in der Vergangenheit als Rechtfertigung dienen sollten, auch weiterhin an den afrikanischen Sammlungen festzuhalten, haben sich als nichtig erwiesen, da ein erheblicher Anteil des wertvollen afrikanischen Erbes unter beklagenswerten Bedingungen in den Museen der Entwender*innen verbleibt, während andere, für nützlich erachtete Stücke den Entwender*innen Wohlstand und wissenschaftliches Wissen einbrachten und -bringen. Es ließe sich argumentieren, dass der Zweck, dem sie heute in den Ausstellungen dienen, sehr viel mehr mit Wirtschaft als mit Wissenschaft, Forschung oder Bewahrung zu tun hat und daher das Loslassen für sie schwierig macht.

Wenn es jedoch um Schutz, Sicherheit und Bewahrung geht, sollten die afrikanischen Länder sich nicht scheuen, Gerechtigkeit einzufordern. Als die Objekte gestohlen wurden, erforderten sie keinerlei Bewahrung oder Schutz. Sie waren in Benutzung, in ihrer natürlichen Umgebung und in gutem Zustand. Es ist daher die moralische Pflicht der Entwender*innen, bei ihrer Rückgabe Bedingungen zu schaffen, die für ihre Kuratierung, Bewahrung und Ausstellung zuträglich sind.  

Der Schwerpunkt bei der Rückführung von gestohlenem Erbe lag bisher auf Fragen der Spiritualität und kulturellen Identität der Menschen. Auch wenn diese wichtig sind, ist es höchste Zeit, dass die afrikanischen Länder ihren Fokus auf die nicht greifbaren negativen Folgen dieser Gräueltaten hintanstellen, die für immer irreversibel bleiben werden, und sich auf die greifbaren wirtschaftlichen Vorteile konzentrieren, die unmittelbar und selbsttragend sein können.

Für den Weg nach vorn ist es wichtig, die Verantwortung der Museen der Kolonisator*innen in den Rückführungsdebatten neu zu bewerten. Entwender*innen und Herkunftsländer müssen zusammenkommen und aufrichtige Gespräche führen, um sichere Wege der Rückführung, Bewahrung und Instandhaltung zu finden und notwendige Fragen geteilter Vorteile zu klären.