Mobile Filmmaking + MINA

Der Film Tangerine von Sean Baker war der erste Smartphone-Film, der auf sämtlichen großen Filmfestivals gezeigt wurde (inklusive der Premiere auf dem Sundance Film Festival 2015) und später auch auf vielen anderen Filmfestivals zu sehen war, darunter San Francisco, Seattle und Sydney. Tangerine wurde mit einem Budget von 100.000 $ auf einem iPhone 5 produziert. Baker hat den Anamorphi Adapter von Moondog Labs und die App FiLMiCPro in Kombination mit einer Steadicam-Halterung benutzt, allesamt gängige Hilfsmittel in der internationalen Smartphone-Filmbranche. Laut dem Wired Magazine hat Sean Baker über Instagram, Vine und Soundcloud sowohl Darsteller rekrutiert als auch die Musik für sein Projekt beschafft. Außerdem hat er mit dem Smartphone Aufnahmetechniken angewendet, die an die Straßenfotografie oder das französische Nouvelle Vague Kino erinnern. Unter Einsatz von natürlichem Licht und mit in der Hand gehaltener Kamera werden die Darsteller durch ihren nicht immer glamourösen Alltag begleitet – ein Stilmittel, das sowohl Tangerine charakterisiert als auch die ersten Smartphone-Filme oder die Nouvelle Vague. Baker vereint in seinem Film die Milieus von Einwanderern und Mitgliedern der Transgender-Gemeinschaft und nutzt dabei die Fähigkeit der Smartphone-Filmtechnik, um besonders nah an seine Protagonisten heranzukommen. Auch in Steven Soderberghs mit dem iPhone 7 und einem Budget von 1,5 Millionen $ produzierten Film Unsane Ausgeliefert sind es die verwackelten und bewusst unprofessionellen Bilder, die diesen amerikanischen Psycho-Horrorfilm ausmachen.

Die Fachgruppe zum Thema soziale Auswirkungen, von links nach rechts: Hilary Davis, Jason van Genderen, Tania Sheward, Adrian Jeffs und Max Schleser Die Fachgruppe zum Thema soziale Auswirkungen, von links nach rechts: Hilary Davis, Jason van Genderen, Tania Sheward, Adrian Jeffs und Max Schleser | © MINA
Die Mobile Innovation Network And Association (MINA) ist eine jährlich stattfindende Zusammenkunft von Regisseurinnen und Regisseuren, Künstlerinnen und Künstlern, Designerinnen und Designern und Autorinnen und Autoren. Im November 2018 fand die 8. Ausgabe des International Mobile Innovation Screening (www.mina.pro/screenings) im Australian Centre For The Moving Image im australischen Melbourne statt. Im Rahmen der Präsentation gab es zwei Fachdiskussionen: Eine zum Thema experimentelle und innovative Ansätze in mobilen Filmproduktionen und eine zu sozialen Auswirkungen und Einflüssen des Filmens mit mobilen Geräten, Smartphones und Pocket-Kameras. Junge aufstrebende Filmschaffende sowie etablierte Namen wie Liz Burke, Jason Van Genderen, Seth Keen, Smiljana Glisovic, Dean Keep, Adrian Jeffs oder Max Schleser sprachen dabei über ihre mit dem Smartphone oder anderen Mobilgeräten aufgenommenen und produzierten Filme und sogenannte Mobile-Mentaries, Dokumentationen, die durch mobile Technik entstanden sind. Inzwischen haben sich in diesem Bereich bereits diverse Independent-Regisseure wie Soderbergh, Baker, Cherry, Alvarez und Fisch mit großen Spielfilmen hervorgetan. Darüber hinaus gibt es sehr interessante Filme wie Parks Nachtangeln, der 2011 bei der Berlinale lief, Auftragsarbeiten von Apple, wie der von Gondry produzierte Film Detour (2017) und natürlich die Oscar-gekrönte Dokumentation Searching For Sugar Man (2012), die auch mit dem iPhone gefilmte Sequenzen enthielt.

Obwohl das International Mobile Innovation Screening nicht zum ersten Mal in Melbourne bzw. dem Federation Square stattfand, wurde die 5. MINA Präsentation im Jahr 2015 erstmals von Fed TV ausgestrahlt. Im australischen Nationalmuseum für Film, Fernsehen, Videospiele und digitale Medienkultur fand ebenfalls eine Premiere dieser Vorführung statt. In den Jahren davor sowie 2017 und 2018 wurden die MINA Präsentationen auch im Ngā Taonga Sound And Vision in Wellington (NZ) übertragen. Kurator der Veranstaltungen war Max Schleser, aufgeführt wurden Filme im Format Mobil, Pocket und Smartphone aus allen Kontinenten. Schleser war in den vergangenen acht Jahren für die Programmauswahl zuständig und hat zahlreiche Beiträge zum Thema Ästhetik und konzeptionelle Entwicklung im Bereich Mobil-, Pocket und Smartphone-Film veröffentlicht. Vergleicht man MINA mit ungefähr einem Dutzend anderer Mobil- und Smartphone-Filmfestivals auf der ganzen Welt, so zeichnet sich dieses Festival besonders durch seinen Fokus auf experimentelle Filmproduktionen und Werke aus, die in der Tradition von Dokumentationen, experimentellen Filmen und Essays stehen. Im Rahmen der moderierten Gesprächsreihen MINA SHOW & TELL gab es zwei Fachdiskussionen. Hier sprachen in der Vergangenheit z.B. Filmschaffende wie Vivi Octaviani, Seth Keen, Smiljana Glisovic, Liz Burke, sowie Dean Keep, über experimentelle und innovative Ansätze und über soziale Auswirkungen dieses Filmgenres.

Inzwischen kann man nicht nur auf dem Smartphone Filme produzieren, sondern auch mit Hilfe von mobilen Bearbeitungs-Apps wie Adobe Clip, Adobe Spark Video oder Adobe Spark Montagen erstellen