KI und Journalismus Fakten, Falschmeldungen, Zahlen

Die Medien kämpfen um die Aufmerksamkeit und das Vertrauen der Öffentlichkeit. Sie müssen Arbeitsplätze streichen und Kosten senken und setzen zunehmend künstliche Intelligenz (KI) ein. Die KI wird genutzt, um Information zu beschaffen, Artikel zu schreiben und Trends zu identifizieren. Aber wird ihr Einsatz den Journalismus verbessern?

Von Barbara Gruber

Wer fragt sich bei der Durchsicht des Newsfeeds auf seinem Smartphone, ob die Schlagzeilen, die er da liest, von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurden? Tatsächlich ist der KI-gestützte Journalismus in den großen Redaktionen rund um den Erdball seit fast einem Jahrzehnt auf dem Vormarsch und bringt bereits Finanzartikel, Sportnachrichten sowie Wetter- und Verkehrsberichte hervor.
 
Zu den ersten KI-Nutzern zählte Bloomberg, dessen Programm Cyborg Finanzberichte auswertet und augenblicklich in Nachrichten umwandelt, die alle relevanten Fakten und Zahlen enthalten. Die Washington Post machte Schlagzeilen mit dem Einsatz ihrer selbst entwickelten KI-Technologie Heliograf in der Berichterstattung über die Olympischen Spiele 2016 in Rio und die amerikanischen Kongresswahlen.
 
Der Nachrichtenagentur AP gelang es mit KI, die Zahl der Artikel über Geschäftsberichte von Unternehmen von 300 auf 3700 im Quartal zu erhöhen. Mittlerweile produziert die KI-Technologie der AP-Redaktion automatisch rund 40.000 Berichte im Jahr. Dies ist nur ein Bruchteil der Information, die diese globale Nachrichtenagentur weitergibt, aber Lisa Gibbs, die Leiterin des Bereichs Nachrichtenpartnerschaften und KI News Lead bei AP, beschreibt zahlreiche Vorteile von KI und Automatisierung.
 
„Sie befreit unsere Journalisten von Routinetätigkeiten, so dass sie sich der höherwertigen, kreativen Arbeit widmen können“, erklärt sie. „Sie ermöglicht es uns, mehr Inhalte zu produzieren und neue Lesergruppen effizienter mit Information zu versorgen. Und sie erhöht unsere Fähigkeit, nachrichtentaugliches Material aufzuspüren.“ NYSE Journalist Finanzjournalisten verwenden seit Jahren KI in ihrer Berichterstattung | © AP Foto / Richard Drew

Das Robo-Reporting hält im Alltag Einzug

Das sogenannte „Robo-Reporting“ kann uns helfen, mehrere Versionen eines Berichts für verschiedene Medien und Konsumenten zu produzieren und ein Nischenpublikum zu erreichen, das sich zum Beispiel für die Details der jährlichen Spenden an australische Parteien, für die Wahlresultate in sämtlichen Gemeinden Frankreichs oder für die Ergebnisse im High School-Football in Washington interessiert.
 
Übernehmen die Roboter also den Journalismus? Nein, sagt Charlie Beckett, der Leiter der auf Medien spezialisierten Denkfabrik Polis an der London School of Economics. Polis hat vor kurzem die Ergebnisse einer Studie über 71-Medienorganisationen in 32 Ländern vorgelegt.
 
Wie Lisa Gibbs sieht auch Beckett Potenzial für die künstliche Intelligenz, für Maschinenlernen und Datenverarbeitung, die den Journalisten in seinen Augen neue Möglichkeiten eröffnen werden, „zu entdecken, zu erzeugen und Verbindungen herzustellen“. Er glaubt, dass die Maschinen „bald in der Lage sein könnten, einen Großteil der journalistischen Routinearbeit zu übernehmen“.
 
In der weltweiten Studie von Polis zu Journalismus und künstlicher Intelligenz – Titel „New Powers, New Responsibilities” (Neue Möglichkeiten, neue Verantwortung) – stellten Beckett und seine Mitarbeiter Redaktionen, die mit KI arbeiten, die Frage, wie sich diese Technologie auf den Journalismus und die Medien auswirkt. Sie gelangten zu dem Ergebnis, dass die Redaktionen die KI gegenwärtig in drei Bereichen nutzen: Informationssammlung, Produktion und Vertrieb.
 
Die Stuttgarter Zeitung zählt zu den KI-Pionieren unter den deutschen Medien. Die CrimeMap der Zeitung war die Idee des Datenjournalisten Jan Georg Plavec, der gemeinsam mit der Firma Arvato einem Computer mittels Maschinenlernen beibrachte, die Berichte des Stuttgarter Polizeipräsidiums auszuwerten. Das System sortiert die Information, ordnet sie bestimmten Kategorien zu, erkennt Zeitpunkt und Ort einer Straftat und speist sie in die CrimeMap ein.
 
Zu den Beiträgen von Mensch und Maschine in diesem Projekt erklärt Plavec, in der Planungsphase hätten „journalistische Erfahrung und menschliches Denken“ die Hauptrolle gespielt. Und obwohl die KI mittlerweile die Routinearbeit erledige, würden die Daten weiterhin täglich von Journalisten geprüft.
 
„Wir haben eine manuelle Qualitätssicherung, die jedoch immer seltener eingreifen muss, da die Maschine dank unseres regelmäßigen Feedbacks besser wird“, erklärt er.
 
„Die Genauigkeit liegt mittlerweile deutlich über 90 Prozent, weshalb wir nur sehr selten eingreifen müssen. Aber wir prüfen weiterhin, weil wir der Technologie noch nicht vollkommen vertrauen. Aber sie wird jeden Tag besser.“ CrimeMap Die CrimeMap der Stuttgarter Zeitung wurde vom Datenjournalisten Jan Georg Plavec entwickelt | © Stuttgarter Zeitung

Sie brauchen keine Kaffeepause

In einer Redaktion sind die Maschinen unermüdliche Kollegen, die automatisch gewaltige Datenmengen verarbeiten können und fast alles von Tags für die Suchmaschinenoptimierung über amtliche Daten und von Nutzern gelieferte Inhalte bis zu Lokalisierung von Socia-Media-Posts auswerten können.
 
Mittlerweile werden die Journalisten von Werkzeugen wie Heliograf, News Tracer oder CrowdTangle auf Breaking News, virale Geschichten oder ungewöhnliche Datentrends aufmerksam gemacht. Anhand dieser Informationen beurteilen die Redakteure, ob es lohnendes Material für eine Geschichte gibt, die von einem Menschen geschrieben werden sollte. Es gibt auch Werkzeuge, welche die Reichweite der von den Medienunternehmen produzierten Inhalte messen und feststellen können, welches die erfolgreichste Geschichte eines Konkurrenten an einem gegebenen Tag war.
 
„Wie jede Technologie kann die KI mit guten oder schlechten Absichten eingesetzt werden“, erklärt Lisa Gibbs. „Jede Nachrichtenorganisation braucht einen ethischen Orientierungsrahmen für den KI-Einsatz und muss verstehen, wie er sich auswirkt.“  
 
Nachrichtenorganisationen, die Systeme zur „Ereigniserkennung“ einsetzen, um anhand von Socia-Media-Posts interessante Geschichten aufzuspüren, müssen sehr vorsichtig sein. Wie werden die Nachrichten von den Gruppen geprägt, die Twitter nutzen? Und wirkt sich das auf Gemeinschaften aus, die im Internet unterrepräsentiert sind?
 
„Im Idealfall verschafft die Tatsache, dass uns die Ereigniserkennung beim Durchforsten von Twitter, Snap, Reddit und so weiter helfen kann, den Journalisten zusätzliche Zeit, die sie nutzen können, um hinauszugehen und mit Leuten zu sprechen”, sagt Gibbs. „In der Praxis werden wir abwarten müssen, wie es funktioniert.“

Voitto: Der Roboterjournalist und Smart-News-Assistent

Die öffentliche finnische Rundfunkanstalt Yle setzt KI ein, um den Nutzern auf Ihrer Website auf ihre persönlichen Interessen zugeschnittene Nachrichten anbieten zu können, und hat ein duales System namens Voitto entwickelt. Voitto ist nicht nur ein Roboterjournalist, der jede Woche rund 100 Artikel und 250 Visualisierungen erzeugt, sondern auch ein Nachrichtenassistent, der ein Teil von Yles personalisierter Nachrichten-App NewsWatch ist.
 
Der Nachrichtenassistent Voitto lebt auf dem Sperrbildschirm von Mobilgeräten und empfiehlt den Nutzern in News Alerts oder Benachrichtigungen Inhalte, die für sie persönlich interessant sind. Anhand von Maschinenlernen verbessert Voitto seine Empfehlungen, indem es aus der Lesechronik des Nutzers, aus seinen Interaktionen auf dem Sperrbildschirm sowie aus direktem Feedback lernt.
 
„Das Erscheinungsbild von Voitto orientiert sich ebenso wie der Ton der Stimme und die zugrundeliegenden Algorithmen an den journalistischen Werten und der Mission von Yle”, erklärt Jarno Koponen, Leiter des Bereichs KI und Personalisierung im Yle News Lab. „Das Ziel ist ein Yle ‚für uns alle und für jeden einzelnen‘.“
 
Koponen beschreibt Voitto als ein handliches Instrument, anhand dessen man sich ein Bild davon machen kann, wie die Mächtigen ihre Macht tatsächlich einsetzen. Beispielsweise erzeugt es Newsletter über die 200 finnischen Parlamentsabgeordneten und erläutert die Abläufe im Parlament und anderen demokratischen Institutionen. Koponen erklärt, das System versorge die Nutzer mit den Nachrichten, die wirklich wichtig für sie seien, gebe ihnen jedoch auch Anregungen zur Erweiterung ihres Horizonts, indem es beispielsweise zu einem Thema zwei Artikel anbiete, die aus sehr verschiedenen Perspektiven geschrieben wurden.
Voitto der Yle News Assistent Voitto der Yle News Assistent | © Yle News Lab
Und was denken die Konsumenten? Sie scheinen die Technologie zu mögen. Die Benachrichtigungen des Smart-News-Assistenten Voitto werden regelmäßig am häufigsten aufgerufen. Noch aufschlussreicher ist, dass mehr als 90% der Nutzer, die den Assistenten einschalten, Voitto auch eingeschaltet lassen.
 
„Natürlich ist nichts perfekt“, räumt Koponen ein. „Wir sammeln sowohl qualitatives als auch quantitatives Feedback und verfolgen die Zahlen systematisch, um die reale Wirkung von Voitto einschätzen und unseren Bürgern in Zukunft besser dienen zu können.“

KI für den Kampf gegen Schikane und Beschimpfungen

Die Einsatzmöglichkeiten für KI-Werkzeuge im Journalismus sind zahlreich und vielfältig. Viele Nachrichtenanbieter setzen KI auch ein, um aggressive Kommentare von Nutzern abzumildern, eine konstruktive Diskussion zu fördern und Schikane und Beschimpfungen auf ihren Websites zu bekämpfen.

Um die Kommentare zu filtern und unangemessene Beiträge zu unterdrücken, setzt die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) die KI-Software Conversario ein. Joachim Dreykluft, der Leiter des HHLab von NOZ Medien und mh:n Medien, ist mit der Funktionsweise zufrieden, weist jedoch darauf hin, dass die KI weiter lernen muss. „Mein für die Community zuständiger Kollege sagt immer noch zu der Software: ‚Diesen Kommentar hätte ich nicht unterdrückt. Diesen Kommentar hätte ich verborgen.‘ Die Software lernt weiter und wird jeden Tag besser.“

Die neuen Technologien werden jedoch auch für groß angelegte Desinformationskampagnen eingesetzt. Lisa Gibbs fordert die Nachrichtenbranche auf, dieses Problem aggressiv in Angriff zu nehmen. Beispielsweise wird die Erkennung von „Deep Fakes“ in den kommenden Jahren für viele Redaktionen ein wichtiger Wachstumsbereich sein, während einige Medienorganisationen wie Reuters bereits ähnliche Technologien einsetzen, um vollkommen automatisierte, von Moderatoren präsentierte Sportnachrichten zu erzeugen.

Angesichts der zunehmenden Desinformation muss jede Medienorganisation, die neue Nutzer an sich binden will, Vertrauen schaffen. Jarno Koponen von Yle weiß, dass Transparenz für seine Organisation „entscheidend“ ist.
 
„Wir dienen den Bürgern, und wir dienen ihnen am besten, wenn wir sie in ein offenes Gespräch über die Frage einbinden, was funktioniert und was nicht.“ 
 
Das ist einer der Gründe dafür, dass Yle seine Ziele, Methoden und Praktiken in Bezug auf Voitto offen vermittelt. Jeder vom Roboterjournalisten erzeugte Artikel ist mit dem Zusatz „Von Voitto“ versehen. Kameraleute in Hong Kong Es sieht aus wie ein Nachrichtenbeitrag, aber ist das Video, das Sie sich ansehen, vertrauenswürdig? | © Pixabay / Engin Akyurt

Die Zeit ist reif

Die KI wirkt sich oft außerhalb der Nachrichtenmedien auf die Information und den Verlauf von Debatten aus. Die neuen KI-Technologien liefern zweifellos Werkzeuge, die sich sehr gut eignen, um den Journalismus transparenter und für die Menschen relevanter zu machen.  

Aber die Redaktionen müssen rasch handeln, erklärt Lisa Gibbs von AP. „Sieht man von den großen Nachrichtenanbietern und einigen Nischenakteuren ab, so haben die meisten notleidenden Redaktionen nicht die Kenntnisse – und was noch wichtiger ist: die Zeit –, um herauszufinden, wie sie diese Technologien einsetzen können. Also beschäftigen sie sich überhaupt nicht damit.“

Wie Charlie Beckett in seiner Studie über KI und Journalismus erklärt: „Wir haben einen weiteren historischen Wendepunkt erreicht. Wenn wir den Journalismus als wertvolles gesellschaftliches Gut betrachten, das von Menschen für Menschen erzeugt wird, dann bleiben den Nachrichtenorganisationen vielleicht zwei bis fünf Jahre Zeit, um sich diese Technologie anzueignen.“

Dieser Artikel ist ein Teil von Kulturtechniken 4.0, einem Webprojekt des Goethe-Instituts in Australien, das sich mit dem Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz und traditionellen Kulturtechniken befasst.