About the Future in Times of Crises Venezuela – die doppelte Krise

Joven Pride
Joven Pride | Foto (Detail):Joven Pride

Vanessa Blanco und Daniela Ropero sind zwei junge Frauen, die in Venezuela für mehr Gerechtigkeit kämpfen. Vanessa Blanco setzt sich für mehr Sichtbarkeit für Jugendliche der LGBTI-Community ein. Daniela Ropero möchte Frauen mit Programmier-Kursen mehr Selbstbewusstsein und bessere Zukunftsaussichten ermöglichen. Hier erzählen die beiden von Herausforderungen und Hoffnungen in einem Land, das in einer politischen und wirtschaftlichen Dauerkrise steckt.

Von Julia Jaroschewski

Vanessa Blanco, 22 Jahre, Direktorin und Mitgründerin von „Joven Pride“, Caracas:

Vanessa, Venezuela befindet sich seit Jahren in einer politischen und gesellschaftlichen Krise – was sind die größten Herausforderungen, denen man als lesbische Frau, Transperson oder schwuler Mann in Venezuela heute gegenübersteht?
 
Vanessa Blanco: LGBTI leiden in Venezuela unter verschiedenen Formen der Diskriminierung, sie laufen Gefahr misshandelt und gefoltert zu werden – ein Leben in Würde ist schwierig. Es gibt nur wenige politische Instrumente, die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verbieten. Gerade für junge Personen der LGBTI-Community gibt es viele Herausforderungen: sie werden beim Studium diskriminiert, haben einen eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, zum Gesundheitssystem und können keine Familie gründen, zu heiraten ist unmöglich. Viel schlimmer sind die Stigmatisierung, die physischen und verbalen Aggressionen, Erpressung, Mobbing und sogar Morde. Wir erfahren Diskriminierung an Orten, die lebensnotwendig sind wie Schulen und Krankenhäuser. Transsexuelle, sowohl Männer als auch Frauen, erhalten kein Dokument, das tatsächlich ihrem Geschlecht entspricht, was im Alltag große Schwierigkeiten bringt. 
 
Inwiefern verschärft die Coronakrise die Situation? Sind die Rechte von LGBTI noch mehr vom Radar verschwunden?
 
VB: Die LGBTI-Gemeinschaft in Venezuela war schon immer wenig sichtbar. Viele Personen aus der LGBTI-Gemeinschaft arbeiten in informellen Bereichen, was wegen der Pandemie nicht mehr möglich ist. Homophobie ist ein großes Problem. Es gab mehr gewalttätige Übergriffe, Morde und Misshandlungen, insbesondere aufgrund der sozialen Isolation – die Menschen sind zuhause mit Familie oder Partnern eingesperrt. Vor kurzem wurde eine junge Frau von ihrem Vater bedroht, weil sie lesbisch ist. Natürlich ist das vorher auch passiert: Angehörige der LGBTI erleben ein kulturelles Stigma, stehen konservativen Überzeugungen gegenüber und sehen sich noch stärker Feindseligkeiten ausgesetzt, wenn sie ihr Haus betreten, bei ihren Verwandten, im Bekanntenkreis, an den Orten, in denen sie leben.
 
Ist denn die Krise ein guter Moment, sich zu organisieren?

VB: Man sagt ja, dass sich in der Krise neue Chancen ergeben. Ich denke aber, dass es keine bestimmte Zeit gibt, um sich zu organisieren. Wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Stimme nicht gehört wird, müssen wir lauter werden. Wir müssen uns einfach an die Bedingungen der Krise anpassen, und wir werden weitermachen. 
 
Welche Rolle spielen Technologie, das Internet und die sozialen Medien für die LGBTI-Gemeinschaft? 
 
VB: Es ist wichtig, eine digitale Gemeinschaft zu schaffen, weil es wenig physische, reale Räume gibt, in denen wir sicher sind. Wir brauchen Orte, wo wir einfach wir selbst sein können, in denen wir unsere Gedanken formulieren können und Gleichgesinnte finden – Räume, in denen wir uns nicht wie seltsame Freaks oder Aussätzige fühlen und in denen wir willkommen sind, wenn es einen Notfall gibt, oder wir einfach mal reden müssen. 

Es ist wichtig, eine digitale Gemeinschaft zu schaffen, weil es wenig physische, reale Räume gibt, in denen wir sicher sind.

Vanessa Blanco

Das Internet und die sozialen Medien sind zweifelsohne eine große Hilfe: Früher waren Informationen nur für bestimmte Gruppen, für Personen mit Zugang zu Macht verfügbar. Heute kann danke des Internets jeder etwas tun, jeder kann seiner Stimme Gehör verschaffen und hat die Möglichkeit, anderen zu helfen.
 
Ist die Bedeutung des Internets in der Corona-Krise nochmal gewachsen? 
 
VB: Wir wurden wie alle von der Pandemie getroffen. Doch ohne eine digitale Welt gäbe es unsere Workshops nicht, unsere Aktivitäten hätten einfach pausiert. Vor der Pandemie war das Digitale, das Internet, eine Unterstützung; jetzt dient es uns als Hauptquelle für Informationen. Auch Aktivisten nutzen mittlerweile den digitalen Raum, die digitalen Aktionen wachsen extrem und erlauben es uns, uns dort auszutauschen, da wir uns real nicht treffen können.
 
Ergeben sich mit der digitalen Präsenz auch neue Gefahren für die LGBTI-Gemeinschaft?
 
VB: Natürlich werden wir auch online mit Cyberbullying angegriffen. Es ist für eine LGBTI-Person in einem gewalttätigen und unsicheren Land wie unserem gefährlich, in der Öffentlichkeit zu stehen – weil es sexistische, homophobe und transphobe Handlungen nun einmal gibt. Uns öffentlich zu zeigen, macht uns Angst und bringt uns in eine verwundbare Position. Aber gleichzeitig haben wir das Bedürfnis, unser Leben, unsere Identität, unsere Wünsche und Rechte sichtbar zu machen. Es sollte kein Tabu mehr sein, zu lieben und offen zu leben. 
 
Wie wird sich Venezuela in den kommenden Jahren entwickeln und welche Auswirkungen hat das auf die LGBTI-Community?
 
VB: Ich habe Sorge, dass die Krise in Venezuela voranschreitet, dass sie den Menschen der LGBTI-Community mehr Schwierigkeiten bringt und die Probleme für junge Menschen verschärft. Dennoch bin ich zugleich berührt, weil ich gesehen habe, wie sich mehr und mehr Menschen für die LGBTI-Gemeinschaft engagieren, sich mehr jugendliche Gruppen organisieren, neue Debatten schaffen. Ich hoffe, dass unsere Sexualität nicht länger ein Thema ist, das unter den Teppich gekehrt wird, dass es Veränderungen und einen Einstellungswandel in der Zivilgesellschaft, bei den Bürgern und insbesondere bei der Regierung geben wird. Andererseits habe ich aber auch Angst, dass die Gewalt wieder ansteigt, die Hassdelikte und institutionelle Gewalt weiter zunehmen, und es Menschen trifft, die Aktivismus betreiben – aber ich versuche, positiv zu denken. 

Daniela Ropero, 32 Jahre, CEO „Chamatech“ und Gründerin von „Soy Mujer“, Caracas:

Daniela, 2020 ist weltweit wegen Corona für viele ein Jahr der Krise. Wie geht es dir damit?
 
Daniela Ropero: Wir befinden uns in einer komplexen humanitären und zugleich einer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise. Als Gesellschaft können wir nur das tun, was in unseren Händen liegt, um die Lage zu verbessern. In unserer Organisation versuchen wir Technologie zu nutzen, um Frauen und Mädchen mehr Wissen und Instrumente zu geben, um bessere Lebensbedingungen zu erreichen.
 
Inwieweit sind Mädchen und Frauen besonders von der Pandemie betroffen?

DR: Mädchen, Frauen und Kinder zählen zu den Bevölkerungsgruppen, die von den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise besonders betroffen sind – besonders schwierig ist es für diejenigen, die keinen familiären Rückhalt oder keine gute Ausbildung haben. Wir haben einen großen Anteil einer jungen Bevölkerung, die wir nutzen könnten, um als Land Fortschritte zu machen.
 
Es gibt immer wieder Medienberichte darüber, wie die venezolanische Bevölkerung leidet. Inwiefern möchtest du mit deiner Arbeit neue Realitäten und Narrative schaffen?
 
DR: Die Informationen, die aus Venezuela rausgehen, können nur einen bestimmten Teil unserer Realität zeigen. Wir wollen insbesondere im Tech-Bereich echte Möglichkeiten für einen Teil der Bevölkerung schaffen, der sonst keinen Zugang zu Technologie hat. Technologie ist eine Industrie mit großem Wachstum weltweit, für dieses Wachstum man braucht Menschen mit speziellem Wissen, von denen es zu wenige gibt. In der Pandemie steigt die Nachfrage nach Programmierern oder Webdesignern nochmal – Menschen, die die virtuelle Welt verstehen und managen und vor allem neue virtuelle Welten schaffen.

Mit unseren Programmen wollen wir Frauen eine grundlegende Ausbildung vermitteln, die es ihnen ermöglicht, sich sicher in der Welt der Technologie zu bewegen.

Daniela Ropero

Mit unseren Programmen wollen wir Frauen eine grundlegende Ausbildung vermitteln, die es ihnen ermöglicht, sich sicher in der Welt der Technologie zu bewegen. Statt Mädchen nur das Programmieren für die Freizeit beizubringen, wollen wir sie aber in echte Macherinnen verwandeln, die das Coden beherrschen und es als Weg nutzen, ihre Lebensqualität und ihr Einkommen zu verbessern, was sich wiederum auf ihre Familie und Gemeinschaft auswirken kann.
 
Warum ist so wichtig, dass junge Frauen den Umgang mit Technologie lernen? Werden Frauen im Tech-Bereich weniger respektiert, nicht ernst genommen? 
 
DR: Es ist sehr wichtig, dass Frauen in den Technologie- und Wissenschaftssektor einsteigen, denn derzeit haben wir in Lateinamerika ein sehr großes Missverhältnis: Fast 90 Prozent von denen, die in Technologieunternehmen einsteigen und in den technischen und wissenschaftlichen Prozessen arbeiten sind Männer und vielleicht zehn Prozent Frauen. Es ist ein Bereich mit großem Wachstum, der gesamtwirtschaftlichen Profit und persönlichen Gewinn schafft. 
 
Wie wirkt sich diese männliche Dominanz auf die Entwicklung und Anwendung von Technologie aus?
 
DR: Künstliche Intelligenz (KI) wird uns zum Beispiel zukünftig helfen, immer mehr Dinge des täglichen Lebens praktischer und leichter zu erledigen. KI ist nicht nur für Männer geschaffen, und dennoch sind es mehrheitlich Männer, die daran arbeiten. Frauen, die den größeren Bevölkerungsanteil stellen, sind außen vor gelassen – ihre Denkweise, die Herangehensweise wären anders.
 
Es steht auch im Kontrast dazu, dass wir Frauen technologisch zunehmend mehr konsumieren, doch inhaltlich wird uns der Zugang versagt. Wir sollten also mehr Inhalte und Produkte aus Sicht der Frauen schaffen, Themen setzen, die Frauen beschäftigen, Produkte entwickeln, die unsere Bedürfnisse befriedigen. 
 
Wie verbessert Technologie ganz konkret den Alltag in Venezuela?
 
DR: Das Internet und Code sind Werkzeuge, die es uns ermöglichen, mit der Welt verbunden zu sein. Soziale Netzwerke sind zentral, um uns miteinander zu verbinden, das ermöglicht uns auch, zu wissen, was um uns herum geschieht. Unsere Meinungsfreiheit wird in den sozialen Medien nicht eingeschränkt. Technologie verbessert das Leben der Venezolaner an vielen Stellen, sei es in Form einer App, die es ermöglicht, an Medikamente zu gelangen, oder einer Anwendung, mit der wir sehen wie wir uns besser ernähren können. Für Personen, die im Landesinneren wohnen, wäre es ohne Apps schwieriger an Informationen zu gelangen. Momentan können viele Kinder wegen der Pandemie nicht in die Schule gehen. Jetzt bräuchten wir eine Plattform, über die jeder kommunizieren kann. Doch Telefonanbieter sind so teuer, dass der Zugang zum Internet beschränkt ist.
 
Wie kann man auch mit begrenzten Mitteln zukunftsträchtig arbeiten?
 
DR: Mit begrenzten Ressourcen arbeiten wir jeden Tag. Alltägliche Probleme sind große Herausforderungen, wie der Empfang zum Beispiel. Das Handy ist unser wichtigstes Arbeitsmittel, es spielt eine größere Rolle als ein Computer, ein Tablet oder ein Smartphone, aber ohne Empfang haben wir ein Problem. Wir brauchen das Netz, weil wir überwiegend über WhatsApp kommunizieren.
 
Damit auch benachteiligte Mädchen weiterkommen, laden wir ihre Telefone mit Guthaben auf, damit sie weiter an Informationen gelangen – wir wollen, dass sie trotz der Einschränkungen telefonisch am Unterricht teilnehmen. Eines unserer Hauptziele ist es, dass sie den Schulabschluss schaffen. Denn ein Abschluss erlaubt es ihnen, beruflich aufzusteigen. 

Was motiviert dich, den Job zu machen und was erhoffst du dir damit in Zukunft zu erreichen?
 
DR: Mich motiviert, dass wir das Potenzial haben, mit unseren Talenten ein fortschrittliches Land zu schaffen. Wir leben zwar in einer humanitären Krise, haben aber fähige Jugendliche, die studieren wollen. Im Bereich der Technologie könnten wir schneller vorankommen, als wir uns das jetzt vielleicht vorstellen können. Ich bin Venezolanerin und auch, wenn es manchmal hart ist, möchte ich die Lage meines Landes verbessern.
 
Ich wünsche mir, dass wir in Lateinamerika zu den Ländern gehören, die die Gleichberechtigung der Geschlechter schaffen, dass wir im Tech-Bereich weibliche Macherinnen haben und mit unserem Wissen Zugang zur Wirtschaft und all den Ressourcen haben – und nach dem Ende der Krise eine Transformation für Venezuela in Gang setzen, bei der Feministinnen meiner Generation verantwortungsvolle Positionen besetzen.
 
Perspectives on post-digital cultures © @rainbowunicornstudio © @rainbowunicornstudio Ein Beitrag der Interview- und Essayreihe About the Future in Times of Crises von Goehte-Institut und Superrr Lab.