About the Future in Times of Crises Die Verlaufsform der abgeschlossenen Zukunft

Future Perfect Continuous
© Alesia Zhitkevich

In Belarus ist ein Aufstand im Gange – gegen die Regierung, die seit 26 Jahren an der Macht ist. Gedanken über die Protestbewegung, die heutige „Post-“ Zeit und über die Zukunft.

Von Olia Sosnovskaya

Ich versuche über die Zukunft zu schreiben, heute, am 12. November 2020, an dem die Zukunft ganz besonders unvorstellbar erscheint. Heute, an dem Tag, an dem die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit – die gerade erst geschehen ist, erst vor wenigen Stunden, die seit gestern Abend geschehen ist, die ganze Nacht hindurch, bis zu diesem Moment – so überwältigend und so tragisch sind. Dein Körper und deine Gedanken sind gefangen in diesem Moment der Gegenwart – und er verlangt sofortiges Handeln. Gestern wurde ein junger Mann, Raman Bandarenka, ein Künstler und Bewohner eines Protestviertels in Minsk, Belarus, von der Polizei zu Tode geprügelt. Er ist im Krankenhaus verstorben, heute, am 12. November 2020.

„Und was uns bleibt sind die Nachwirkungen, in denen die Gegenwart von Unbeweglichkeit und Schmerzen und Verderben heimgesucht zu sein scheint.“ [1]
 
An dieser Stelle muss ich unterbrechen, um zu erklären, dass in Belarus ein Aufstand im Gange ist gegen die Regierung, die seit 26 Jahren an der Macht ist, seit 1994. Diesem Aufstand sind immer wieder historische Proteste der Öffentlichkeit vorausgegangen – gegen gefälschte Wahlen, unbeliebte Gesetze, Wirtschaftskrisen und unzählige Akte der Unterdrückung. Als Ereignis, das den gegenwärtigen Aufstand in seiner Größe und Dauerhaftigkeit ausgelöst hat, wird die Präsidentschaftswahl vom 9. August 2020 angesehen. Diese Wahl, wie üblich gefälscht, wurde von außergewöhnlichen Umständen [2] begleitet und rief massive Proteste hervor, welche mit beispielloser polizeilicher und staatlicher Gewalt [3] beantwortet wurden.
 
Eine Konsequenz aus den vielen gescheiterten Protesten im modernen Belarus war, dass wir geglaubt haben, das staatliche System würde sich ändern, sobald sich eine große Masse an Menschen auf den Straßen versammelte. Doch anstelle eines triumphalen Durchbruchs besteht die Revolutionsbewegung nun seit mehr als 110 Tagen lässt Zweifel an der Zukunft aufkommen.
 
Gleichzeitig jedoch leben wir bereits in der Zukunft – der Zukunft, die sich immer weiter nähert, aber die niemals ankommt. Eine Zukunft, die nicht in Gang kommt, in stetiger Erwartung des „Danach“, der Nachwirkungen. Postsozialismus wird oft kritisiert als eine lediglich verhüllte Zukunft, eine Zukunft, die durch die sozialistische Vergangenheit verseucht ist, ein nicht endendes Aufschließen zur westlichen kolonialen Zeitlichkeit. Es ist diese Zukunft, welche die Unmöglichkeit jeglicher alternativer Zukünfte vorschreibt, jeglicher Alternativen zum Kapitalismus.
 
„Ich sehe das Buch an, wie es vor mir auf der Oberfläche liegt. Ich nähere mich dem Buch, als sei es selbst eine Oberfläche, ich registriere die Farbe des Einbands – rot. Das Buch ist ein Dokument und ein Drehbuch, ein ideologischer Text und eine Partitur für kollektive Emotion. Es stolpert darüber, dass Vergangenheit und Zukunft nicht zusammenpassen, über das, was in der Zukunft in der Vergangenheit stattfindet. Die Zeitform des Buches ist die Verlaufsform der vollendeten Zukunft. Es zeigt an, dass die Aktivität an einem Punkt in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft begonnen haben wird, und voraussichtlich in der Zukunft anhalten wird.“ [4]
 
Dieses Fragment einer Performance-Vorlesung erinnert an meine Empfindungen während meiner Arbeit in der Nationalbibliothek von Belarus, als ich das Konzept der sozialistischen Zelebration anhand historischer Materialien erforscht habe. Bücher, Texte, Bilder: Ich war getroffen und verwirrt von ihrer Zeitbezogenheit, die, wie ich glaube, das übliche Maß an Vergangenheitsform eines historischen Dokuments übersteigt und die utopische sozialistische Zukunft so darstellt, wie man sie sich vorgestellt hat.
 
Im Sozialismus war eine kollektive Vorstellungskraft, feierlich und emotional – „die Vorstellungskraft der Massen“ – von existenzieller Bedeutung für die Schaffung und Umsetzung von Zukunftsvisionen. Sich etwas vorzustellen war ein politischer Akt. Heute, in der „Post“-Zeit, scheint es, als ob das Scheitern des sozialistischen Utopiehorizonts mit der Begrenztheit der westlichen politischen Vorstellungskraft zusammentrifft. Politische Bewegung, als solche, wird als „langsame Auslöschung der Zukunft“ [5] wahrgenommen.
 
Als ich vom Protestmarsch zurückkomme, bemerke ich, dass mein Körper vollkommen erschöpft ist. Zum Teil durch die 12 Kilometer lange Strecke – aber mehr noch durch eine konstante Muskelspannung, hervorgerufen durch ständige Furcht und extreme Aufmerksamkeit: die Orte und Augenblicke zu erkennen, an denen die Polizei auftauchen könnte, Fluchtmöglichkeiten und Verstecke wahrzunehmen. Die Zeit des Umbruchs ist die Zeitlichkeit der Erschöpfung.
 
Die Zukunft aber könnte nur dann ausgelöscht werden, wenn wir in einer linearen Zeit gelebt hätten.
 
In Gesellschaft von Dekolonialisierungs- und feministischen Denkern behandeln wir Post-Sozialismus im Plural, als etwas Ungeeintes und verknüpft mit vielen Orten, Zeiten und Möglichkeiten. Wir sehen postsozialistische Zeitlichkeiten als eigenartig an, nicht-linear, vorangetrieben durch vielfältige politische Bestrebungen, Vorstellungen und Unsicherheiten.[6] Aus einer solchen Perspektive wird die Vorstellung einer „Aufhol-Revolution“ – einer Revolution, die zum Kapitalismus aufholt –, die üblicherweise genutzt wird, um auf politische Erhebungen außerhalb des Westens herabzusehen und sie zu entwerten, irrelevant.
 
 „Als Methode ergänzt der Post-Sozialismus die vergangene konditionale Zeitlichkeit dessen, was hätte sein können.“ [7]
 
Trotz liberaler und autoritärer Behauptungen, dass Ereignisse niemals irgendetwas zum Besseren verändern – und mehr noch, dass niemals irgendetwas passieren wird – begreifen wir, dass ein Ereignis einen Bruch darstellt. Sie macht Möglichkeiten sichtbar. Wir lesen darüber, [8] aber wir spüren es auch.
 
An einem Oktobertag in Minsk, im dritten Monat der Proteste, sind wir mit V. marschiert und haben mit ihr über ihre Beteiligung an der Revolution gesprochen, und ich habe mich gefragt – wann hat es alles angefangen? War es im Jahr 2015? [9] Als ich 12 oder 18 Jahre alt war? Als ich aus dem Haus ging, als es mich getroffen hat, als ich wütend wurde, als ich endlich geglaubt habe, dass eine andere Zukunft möglich ist?
 
„Das Thema der Politik ist somit die Pause zwischen der vergangenen und der kommenden Veranstaltung“ [10]
             
An einem anderen Tag, als ich mich für einen Protestmarsch bereit mache, frage ich mich: Ab wann fängt die Bewegung an? Wenn ich aus dem Raum gehe, wenn ich aus dem Haus gehe, wenn ich mit einem Freund zusammentreffe, wenn wir auf einen Zug treffen, wenn die Züge sich zusammenschließen, wenn wir Widerstand leisten, uns verstecken, entkommen? In der linken Hüfte oder im Oberkörper?

 
Inmitten der Korruption rechtlicher Institutionen scheint, für viele von uns hier, körperliches Engagement die Hauptressource und das Instrument der Auseinandersetzung zu sein. Protestchoreografien leiten unsere politische Vorstellungskraft mit Zerbrechlichkeit und Leidenschaft.
 
Einmal habe ich es nicht zum Marsch geschafft. Allein der Gedanke, draußen zu sein, hat meinen Körper gelähmt. Ich habe versucht, mich langsam zu bewegen, aber da ich nicht in der Lage war, mich an die allgemeine Marschgeschwindigkeit anzupassen, habe ich es nicht geschafft, ihn einzuholen. Als ich hinter den Menschen zurückblieb, gefangen in körperlichem Zögern, hatte ich das Gefühl, dass wir alle letzten Endes scheitern würden.
 
Als ich zum wiederholten Male die Schriften des geschätzten Tanz-Wissenschaftlers lese, begreife ich, dass politische Bewegung – im wahrsten Sinne des Wortes – „gelernt, geprobt, […], geübt und erfahren werden muss. Wieder und wieder, und wieder und wieder, und mit jeder Wiederholung, durch jede Wiederholung, erneuert.“ [11] Indem wir uns bewegen, trauern, organisieren, müde werden, uns weigern, gemeinsam feiern, proben wir die Zukunft und führen sie gleichzeitig aus.

Nicht einfach nur die Zukunft, die wir uns vorzustellen versuchen. Nicht die Zukunft die, so fürchten wir, nicht kommen wird. Auch nicht die, für die uns die Dramatik und Beharrlichkeit des jetzigen Zeitpunkts niemals weder Zeit noch Energie lässt.
 
„Kann Revolution in irgendeiner anderen Zeit als der Gegenwart stattfinden?“ [12]
 
Die Gegenwart, die wir durchleben, findet nicht einfach davor oder dazwischen statt. Stattdessen ist sie ein tiefgründiger und dauerhafter temporärer Bruch, in dem die Zukunft hier und jetzt erprobt werden kann, ein Ereignis, welche „die Entfaltung affektiver Verbindungen erträgt, einen ‚Affekt-Virus‘, durch den neue Sozialitäten entstehen“.[13] Es ist die Präsenz solidarischer Netzwerke, die Präsenz tausender politischer Gruppierungen auf den Straßen, in den Höfen, in den Häusern, die Präsenz politischer Forderungen sichtbar auf jeder Fläche des öffentlichen Raums.

Ich versuche noch einmal, über die Zukunft zu schreiben, heute, am Abend des 15. November 2020. Heute, dem Tag, an dem die einzig mögliche Zukunft eine dunkle Zukunft zu sein scheint, an dem die Zukunft ein gescheitertes Projekt zu sein schein. Am Tag eines weiteren Massen-Protestmarsches, der dargestellt wird als hätte er nie stattgefunden. Heute, als ich mehr als je zuvor das Gefühl habe, dass das Vorstellen der Zukunft ein Kampf ist – eine Geste der Forderung, ein Imperativ, die Zukunft jetzt zu leben.[14]

[1] David Scott schreibt in seinem 2014 erschienen Buch „Omens of adversity: Tragedy, memory, justice“ über Grenadas unvollendete sozialistische Revolution, niedergeschlagen von einer militärischen Intervention der USA im Jahr 1983. Zitiert in: Neda Atanasoski & Kalindi Vora, ‘Postsocialist politics and the ends of revolution’, Social Identities no. 24 (2), 2018, 139-154.
[2] Beispielsweise die COVID-19 Pandemie, die von staatlicher Seite ignoriert wurde und stattdessen zur Entstehung von selbstorganisierten medizinischen Hilfsinitiativen führte, beispielsweise den Teams der neuen, alternativen Kandidaten - diese schlossen sich in einer gemeinsamen Wahlkampagne unter Führung von Swetlana Tichanowskaja zusammen, welche die Menschen mit Nachdruck dazu aufriefen, zur Wahl zu gehen. Ebenso entstand eine Vielzahl selbstorganisierter ziviler Initiativen und digitaler Plattformen, die darauf abzielten, Wahlbetrug offenzulegen.
[3] In letzter Zeit sind Akte des Widerstands in Wohnvierteln, häufig im öffentlichen Raum ausgedrückt, ebenso bedeutsam geworden wie großangelegte Protestaktionen und Demonstrationen. Raman Bandarenka wurde getötet, nachdem er ohne Gewaltanwendung versucht hatte, maskierte Männer - vermutlich Polizisten in Zivil und enge Verbündete des Staates - daran zu hindern, Bänder in den Farben der Protestbewegung von seinem Hof zu entfernen.
[4] ‘Citing sources’, eine Lecture Performance von Olia Sosnovskaya, 2019. http://oliasosnovskaya.com/citing-sources/
[5] Mark Fisher, Ghosts of My Life: Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures (Hampshire: Zero Books, 2014).
[6] Neda Atanasoski & Kalindi Vora, ‘Postsocialist politics and the ends of revolution’, Social Identities no. 24 (2), 2018, 139-154.
[7] Ibid, S.6.
[8] Alain Badiou mit Fabien Tarby, Philosophy and the Event (Oxford: Polity Press, 2013).
[9] Im Jahr 2015 wurde in Belarus der sogenannte Präsidentenerlass „gegen das soziale Parasitentum“ veröffentlicht. Einwohner, die an weniger als 183 Tagen im Jahr einer offiziellen Arbeit nachgingen, wurden zu einer Steuerzahlung von ca. 200 US$ verpflichtet. Eine Vielzahl von Massenproteste folgte und das Gesetzt wurde schließlich leicht geändert.
[10] Alain Badiou mit Fabien Tarby, Philosophy and the Event (Oxford: Polity Press, 2013), S.13.
[11] André Lepecki, ‘Choreopolice and Choreopolitics or, the task of the dancer’, The Drama Review no. 57 (4), 2013, S.15.
[12] Susan Buck-Morss, Dreamworld and Catastrophe: The Passing of Mass Utopia in East and West (Cambridge, Mass, London: The MIT Press, 2000), S.144.
[13] Isabell Lorey, ‘The power of the presentist-performative: on current democracy movements’ in A Live Gathering: Performance and politics in contemporary Europe, ed. durch Ana Vujanovic, Livia Piazza (Berlin: b_books, 2019), S.38.
[14]Tina Campt, Listening to Images (Durham, London: Duke University Press), 2017, S.17.
 

Perspectives on post-digital cultures © @rainbowunicornstudio © @rainbowunicornstudio Ein Beitrag der Interview- und Essayreihe About the Future in Times of Crises von Goehte-Institut und Superrr Lab.