About the Future in Times of Crises Pflege in einer technisch-kapitalistischen Welt

Pirate Care
© Pirate Care

Die Initiative Pirate Care verbindet – in Zeiten der Pandemie – die Themen Pflege und Technologie, um die Menschen zu unterstützen.

Von Pirate Care

Als der Herbst kam und sich die zweite Welle der COVID-19-Pandemie ausbreitete, führten Länder auf der ganzen Welt erneut Restriktionen ein, um zu verhindern, dass die Gesundheitssysteme überlastet werden, und um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Während im Frühjahr eine stärkere, noch tödlichere zweite Welle vorausgesagt wurde, verbrachte man den Sommer damit, die alte Normalität wiederherzustellen. Der Gedanke, dass erneut Restriktionen und tiefergreifende strukturelle Veränderungen nötig sein würden, wurde verdrängt.

​Technologien der Spaltung

Als sich dann die zweite Welle ausbreitete, waren die Lektionen, die wir im Frühjahr gelernt hatten, schnell vergessen. Insbesondere die Lektion, dass Gesellschaften grundlegend von Arbeitsformen abhängen, die wir, um es mit den Worten des verstorbenen David Graeber zu sagen, einander auferlegen und uns zu „Projekten gegenseitiger Schöpfung“ machen (David Graeber in The Guardian, 26. März 2014). Während die Arbeit im Gesundheitswesen und in der Altenpflege, im Bereich Reinigung und in der Landwirtschaft sowie im Transport- und Bildungswesen noch vor einem halben Jahr als „systemrelevant“ bezeichnet und von der Öffentlichkeit heroisiert wurde, wurde sie jetzt erneut weitestgehend zur Nebensache – genauso abgewertet und prekär wie vor der Pandemie. Da es sich diese unterbezahlten „aufopfernden“ Arbeiter – Menschen der Arbeiterklasse, überwiegend Frauen, Migranten und People of Color – nicht leisten konnten, ihr Einkommen zu verlieren, waren diese Gemeinschaften am stärksten von der Pandemie betroffen. In den bestehen Systemen der Pflegeversorgung sind diejenigen, die in Pflegeberufen arbeiten, auch diejenigen, die im Gegenzug am wenigsten erwarten können, eine adäquate Versorgung zu erhalten – eine Situation, die sich im Laufe der Pandemie nur noch mehr festgefahren hat.
 
Zur gleichen Zeit konnten die, die ihren Arbeitsplatz nach Hause verlegen konnten, die schnelle Digitalisierung der meisten Aspekte ihres Alltags erleben. Das Zuhause wurde in einen Arbeitsplatz verwandelt und die Prozesse der sozialen Reproduktion – Lebensmitteleinkauf, Schulbesuch, Arbeit – wurden weitestgehend Apps, Smart-Home-Geräten und Plattformen überlassen.
 
Daraus entsteht ein Szenario, in dem Pflege instrumentalisiert und so die Umleitung öffentlicher Ressourcen weg vom Erhalt, der Ausbesserung und Stärkung bestehender öffentlicher Infrastrukturen hin zu den Hauptakteuren des „Plattform-Kapitalismus" gerechtfertigt wird. Die Politikern von den alteingesessenen Firmen des Silicon Valley angepriesenen Services für Telemedizin, Fernunterricht und Breitband sichern große Summen an öffentlichen Geldern, die die Öffentlichkeit nicht genauer unter die Lupe nimmt (Naomi Klein in The Intercept, 8. Mai 2020).
 
Plattformen wie Deliveroo, Uber und Amazon machen auf der ganzen Welt einen Reibach auf Kosten derer, die keine andere Wahl haben, als für die Bequemlichkeit derjenigen zu arbeiten, die das Glück haben, von zu Hause aus in Isolation arbeiten zu können. Die immer größer werdende Kluft zwischen diesen beiden Positionen, die durch das vernetzte Kapital operationalisiert wird, führt zu einer weiteren Fragmentierung der Arbeiterklassen, stellt die Unterordnung des Lebens unter den Profit in den Vordergrund und beeinträchtigt die Fähigkeit, eine erfolgreiche techno-kapitalistische Oligarchie zu bekämpfen.

Pirate Care in Krisenzeiten

Mit dem Projekt Pirate Care, das vor über zwei Jahren ins Leben gerufen wurde, haben wir uns zum Ziel gesetzt, Lernprozesse aus Praktiken der kollektiven Pflege abzubilden und zu aktivieren, die als Reaktion auf konvergierende Prozesse entstanden sind, die durch die Pandemie beschleunigt wurden. Die Verbreitung von Technologien der Spaltung, Sparpolitik, Kürzungen der Sozialleistungen, der Auferlegung von Workfare, konservativen Angriffen auf reproduktive Rechte und der Kriminalisierung von Migration – all dies verhindert die Pflegeversorgung der Menschen und führt zu einer Systemkrise der Pflege. Die Formen des Aktivismus, die wir „Pirate Care“ nennen, teilen alle die Bereitschaft, sich offen über Gesetze und Anordnungen der Exekutive hinwegzusetzen, wenn diese der Sicherheit und Solidarität im Weg stehen. Pirate Care ficht mit der Politisierung von zivilem Ungehorsam den Status quo an, während es Soforthilfe für diejenigen bietet, die von der multidimensionalen, dauerhaften „Pflegekrise“ am meisten betroffen sind (Nancy Fraser in The New Left Review, Juli/August 2016).
 
Im Jahr 2019 haben wir uns mit fünfzehn weiteren Ärzten in Rijeka, Kroatien, getroffen, um einen Pirate-Care-Syllabus zu verfassen, der Themen behandelt wie Solidarität gegenüber Migranten, Wohnungsknappheit, einheitliche Kinderbetreuung, Peer-Beratung und psychologische Unterstützung, Vorgehen gegen rassistische Überwachung, Hormone und Körpersouveränität und Politisierung von Piraterie. Unser Plan für dieses Jahr war die Organisation eines transnationalen Meetings, um gemeinsam aus diesen Praktiken zu lernen. Im März mussten wir unsere Arbeit am Syllabus allerdings unterbrechen, um die Verbreitung selbstorganisierter Initiativen zu dokumentieren, die als Reaktion auf die Pandemie entstanden, die wir als aufstrebende „Basisinfrastruktur der Pflege“ sahen.
 
Das Ergebnis unserer gemeinschaftlichen Notizsammlung – Flatten the Curve, Grow the Care: What Are We Learning from Covid-19 – wurde von Hilfsorganisationen auf der ganzen Welt genutzt. Die Dokumente, die Themen behandelten wie die Unterstützung von Menschen in Isolation oder die Organisation von Solidarity Kitchens, die Hilfebedürftigen Essen und Unterstützung bieten, verbreiteten sich weit über unsere Kreise hinaus und wurden rasch ins Italienische, Deutsche, Spanische und Kroatische übersetzt.

Technopolitik von Pirate Care

Viele der von uns dokumentierten Praktiken von Pirate Care sind äußerst technisch. Aktivisten befehlen Schiffen die Rettung von Migranten, synthetisieren nicht verfügbare Sexualhormone für die Transgender-Therapie und kostspieliges Epinephrin für allergische Reaktionen. Sie verwenden Drohnen, um Abtreibungspillen über Grenzen zu transportieren, nutzen Kryptowährungen, um Pflegearbeit aufzuwerten, und 3-D-Drucker, um Beatmungsventile herzustellen. Sie erstellen Raubkopien von Anleitungen für die Reparatur von medizinischen Geräten und betreiben Server, auf denen Menschen Bücher austauschen können. Doch während wir kollektives Lernen aus diesen Praktiken ableiten konnten, haben wir selbst auch eine Reihe techno-politischer Entscheidungen getroffen.
 
Wir entwickeln eine radikale Pädagogik zur Unterstützung von Initiativen für soziale Gerechtigkeit, indem wir ihnen dabei helfen, ihre eigenen Online-Syllabi in einem technischen Rahmen zu schreiben. Das ermöglicht, dass die Syllabi sowie die begleitenden Sammlungen von Texten und Quellen kollektiv erstellt, von anderen Aktivistengruppen wiederverwendet und unabhängig von großen digitalen Plattformen aufbewahrt werden können.
 
Ein Syllabus in unserem Framework Sandpoints wird auf Basis von Plaintext-Dokumenten erstellt, die in Markdown, einem einfachen, lesbaren Markup-Syntax, geschrieben werden. Markdown-Dokumente werden auf einem Kontrollsystem mit Git gespeichert, das kollaboratives Schreiben und einfache Teilungen ermöglicht, um neue Versionen aus den bereits existierenden Syllabi zu erstellen. Von dort werden sie in eine statische HTML-Website gerendert, die kein ressourcenintensives Datenbanksystem benötigt, das leicht beschädigt werden kann. Ein Syllabus wird in eine Sammlung von Büchern, Artikeln und Dokumenten integriert und in der Software Memory of the World katalogisiert und gepflegt. Sowohl Syllabus als auch Sammlung können ganz einfach auf einen USB-Stick oder einen Server übertragen werden. Der Syllabus und der Katalog können so gestaltet werden, dass sie den Anforderungen unterschiedlicher Prozesse des kollektiven Lernens entsprechen. Das Machine Listening Curriculum ist ein hervorragendes Beispiel.
 
Wir sehen die Technopolitik unseres Vorhabens als eindeutig unterscheidbar von zwei vorherrschenden Perspektiven zur Politik digitaler Netzwerke. Die erste basiert auf der Annahme, dass wir durch die Kontrolle der Kommunikationsinfrastruktur, Datenüberwachung und -erfassung jetzt alle im Schleppnetz der algorithmischen Steuerung gefangen sind, die von kommerziellen Betreibern und dem Überwachungsstaat kontrolliert wird. Unsere einzige Zuflucht sind die technisch versierten Hacker, die mutig genug sind, das wahre Gesicht der vom militärisch-industriellen Komplex und den kommerziellen Kommunikationsnetzwerken kontrollierten Welt zu enttarnen – Menschen wie Assange, Snowden and Manning. Entgegen dieser hegemonialen Perspektive verstehen wir digitale Technologien als Mittel zur Transformation von Wirtschaftsbeziehungen und der Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen. Eine Ressourcenpolitik, die mit Piraterie beginnt, ist – im Gegensatz zu Hacking – die Ausübung des Ungehorsams der Massen und ein großartiger Ausgleich in einer digitalen Welt, die von zunehmender wirtschaftlicher Ungleichheit geprägt ist.
 
Die zweite vorherrschende Perspektive beginnt mit der Annahme, dass Informationen frei sind, ungeachtet der Tatsache, dass der Zugriff durch private digitale Plattformen erleichtert wird. Aber es reicht nicht aus, einfach nur Zugriff auf Informationen, Kultur und Wissen zu haben. Die Frage ist, unter wessen Bedingungen? Es können nicht die der Plattformen sein, da sonst die Gefahr besteht, das Netz gesellschaftlicher Interdependenz zu zerreißen, das die Pflege definiert, und sie so frei verfügbar macht. Wir müssen digitale Ressourcen als Möglichkeit sehen, Gegenseitigkeit, kollektives Lernen und radikale Pädagogik unter den Bedingungen derer aufzubauen, die unsichtbar und schutzbedürftig sind und diskriminiert werden.
 
Im weiteren Verlauf der Pandemie sind die gegenseitigen Hilfeleistungen, die wir dokumentiert haben, immer noch notwendig, aber die sozialen Ungleichheiten, die sie adressieren, werden durch die Erwartungen überlagert, dass sich alles schnell wieder normalisieren wird. Als ob die „Pflegekrise“ nicht schon vorher da war; als ob „normal“ nicht schon vorher für viele die Hölle auf Erden gewesen ist; als ob die Umweltkrise in naher Zukunft nicht noch weitere Katastrophen hervorbringen wird, die noch viel mehr Menschen betreffen werden.
 
Wir glauben, dass die Fähigkeiten der Gesellschaften in den kommenden Jahren mit den Folgen der aktuellen Situation umzugehen, von unserer kollektiven Fähigkeit abhängen wird, sich schnell zu organisieren, von anderen zu lernen und die gesellschaftlichen Pflegeleistungen zu verändern, um das nachhaltige Projekt der sozialen und ökologischen Pflege auf allen Ebenen zu beginnen.
 

 

Perspectives on post-digital cultures © @rainbowunicornstudio © @rainbowunicornstudio Ein Beitrag der Interview- und Essayreihe About the Future in Times of Crises von Goehte-Institut und Superrr Lab.