Themen

Bauhaus und Funktionalismus
Das Festival widmet sich der gesellschaftlichen und politischen Situation, in der als Teil der Moderne das Bauhaus und der Funktionalismus entstanden, und sondiert dabei das politische und soziale Maß an Emanzipation von Staaten, Bürgern und weiteren Individuen, das mit der Entstehung der modernen Gesellschaft einherging. Aus heutiger Sicht ist diese Entwicklung längst nicht beendet, und dies vor allem mit Blick auf aktuelle politische und kulturelle Ereignisse und Entwicklungen in Europa, zuvorderst der gegenwärtige Stand der Frauenrechte. Weniger bekannte Vertreterinnen der Moderne und des Bauhauses tragen in dieser Hinsicht wesentlich auch zur heutigen Genderdebatte bei.

Emanzipation der modernen Frau
Ein bedeutender Schritt zur Gleichberechtigung der Geschlechter war die Einführung des Frauenwahlrechtes: in Deutschland kam es 1918 dazu, in der Tschechoslowakei zur Jahreswende 1919/1920. Ein weiteres Schlüsselmoment in der Emanzipation und des modernen Verständnisses der Frau war der erweiterte Zugang von Frauen zu höherer Bildung. Dieser Trend setzte sich zunehmend in der allgemeinen Bildung und auch Kunst durch, unter anderem auch beim Bauhaus, wo sich Frauen zum Präsenzstudium einschreiben konnten. Der Durchsetzung der Studentinnen auf professioneller Ebene standen nach wie vor grundlegende gesellschaftliche Hindernisse entgegen, soziale und das Geschlecht betreffende. Dies zeigt sich deutlich in der ungleichen Repräsentation von Frauen in Medien und Historiografie. 

Grundgesetze und moderne Staaten
Die gesellschaftlichen Begebenheiten in Mitteleuropa vor einhundert Jahren im Sinne moderner Verfassungsstaaten stellten hinsichtlich der modernen Architektur und Baukultur einen entscheidenden Impuls dar. Sie führten die damalige Gesellschaft zur Akzeptanz moderner Architektur, des Funktionalismus und Bauhaus. Gerade in der ehemaligen Tschechoslowakei erlangte die moderne Architektur eine große gesellschaftliche Bedeutung, wozu auch die hohe Akzeptanz der Ersten Republik beitrug. Im Gegensatz dazu wird in Deutschland, das an die Entstehung der Weimarer Republik vor 100 Jahren erinnert, dieser erste demokratische Staat vom „Versagen“ und der Entstehung des Dritten Reiches überschattet. 
 
Bildung und Interpretation
Mit dem Thema Bildung und Interpretation verbindet das Festival den Konnex gesellschaftlicher Entwicklungen und Baukultur mit Diskussionen über Materialität, Medien und deren Bedeutung sowie Methoden und Strategien von deren Erschließung. Die Plattform bauhaus reuse arbeitet an einer gegenwärtigen Interpretation der Moderne bzw. – in Abhängigkeit von der Perspektive – deren Resten und einem bewussten Umgang mit demselben bzw. denselben. Dieser Zugang versteht sich somit als Alternative zu einem rein stilistischen Nachlass bzw. der „Musealisierung“ von Ikonen wie des Bauhauses.

Das Thema Moderne Reuse und Do it Yourself bietet haptische und konzeptionelle Zugangsorte ausgehend von außergewöhnlichen Lokalitäten und Objektmedien des Festivals: der Pavillon bauhaus reuse, die Galerie PLATO Ostrava und die Installation bauhausTWINS des Studios zukunftsgeraeusche, die aus Fassadenelementen des Bauhauses in Dessau entstanden ist und die als Podium zur Präsentation verschiedener diskursiver Formate dient.    

 

Fokus Mitteleuropa 

 
Die fünf Themen des Festivals re:bauhaus bieten einen innovativen und alternativen Zugang zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses: Das Festival fokussiert seinen Blick auf die geografisch gegebene mitteleuropäische Nachbarschaft sowie gemeinsame gesellschaftliche und politische Tendenzen und analysiert deren Beziehung zu gegenwärtigen sozialen, urbanen, architektonischen und baukulturellen Fragestellungen.

Der besondere Fokus auf Mitteleuropa soll auch die ehemalige Spaltung zwischen Ost und West überwinden. Diese sollte dreißig Jahre nach dem Kalten Krieg eigentlich keine Rolle mehr spielen, tatsächlich aber versteht sich Deutschland – und vor allem dessen westlicher Teil – als Teil Westeuropas, obwohl sie sich geografisch in Mitteleuropa befinden. Der Dialog zwischen den Diskussionsteilnehmern aus Berlin, Prag, Ostrava und weiteren mitteleuropäischen Städten bietet eine ganze Reihe von Gelegenheiten zur Reflektion und zum Gedankenaustausch sowie eine Chance zur Überwindung der veralteten mentalen Spaltung von Ost und West. Vor dem Hintergrund der Europawahlen 2019 und dem bevorstehenden 30-jährigen Jubiläum des Falls des Eisernen Vorhangs ist die Kombination der oben genannten drei Städte ein geeigneter Ausgangspunkt für eine Analyse der Grundlage moderner Staaten, die zur gleichen Zeit entstanden wie das Bauhaus.
 
Diese Idee wird symbolisch ausgedrückt durch den Umzug der architektonischen Installation bauhausTWINS in die Galerie PLATO Ostrava. Ähnlich wie der Pavillon bauhaus reuse in Berlin kombiniert auch die Installation bauhausTWINS Fassadenelemente des Bauhauses, die zu dessen umfassender Nachkriegsrekonstruktion 1976 gewonnen werden konnten. Dem Publikum wurde die Installation erstmals in einer Vorpremiere 2018 in Potsdam vorgestellt, und zwar auf einem Treffen zur Baukultur veranstaltet durch die Bundesstiftung Baukultur. Als erfühlbares Beispiel des Modernismus und Nachlass des Bauhauses bildet diese Installation eine klare Verbindung zwischen den physischen und konzeptionellen Orten des Festivals re:bauhaus.