Berlinale | Interview mit Leyla Bouzid  „Kino ist immer politisch, selbst wenn man Blumen filmt.“

Eine junge Frau schaut mit einem besorgten Gesichtsausdruck geradeaus. Eine ältere Frau hat die rechte Hand auf ihrer Schulter  und sagt ihr etwas ins Ohr.
Hiam Abbass (links) mit Eya Bouteraa im Film "In a Whisper" von Leyla Bouzid © 2025 - UNITE

Eine junge Frau kehrt nach dem Tod ihres Onkels nach Tunesien zurück und entdeckt eine Wahrheit, die er sein Leben lang verborgen hielt – eine Wahrheit, die das widerspiegelt, was sie selbst vor ihrer Familie verbirgt. Sexuelle Identität ist ein sensibles Thema, das im arabischen Kino selten angesprochen wird, doch Regisseurin Leyla Bouzid behandelt es in ihrem dritten Spielfilm „In a Whisper“ einfühlsam und tiefgründig. Ahmed Shawky traf sie in Berlin.

In einer Zeit, in der viele Filmemacher*innen sich der Auseinandersetzung mit wichtigen politischen Themen widmen, haben Sie sich erneut für einen Film entschieden, der von tiefer Intimität geprägt ist, obwohl er eine wichtige gesellschaftliche Botschaft vermittelt. Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt?

Meine Filme handeln immer von Intimität, aber aus einer politischen Perspektive. Mein Lieblingsthema ist vielleicht, wie Politik unser Privatleben beeinflussen kann. Ich habe viele Filme in mir, die ich drehen möchte. Nach „As I Open My Eyes“ (dt. Als ich meine Augen öffnete) hätte ich einen großen Film machen können, entschied mich aber für „A Tale of Love and Desire“ (dt.Eine Geschichte von Liebe und Sehnsucht), eine Entscheidung, die nicht unumstritten war. Ich erzähle die Geschichten, die ich erzählen und teilen möchte. „In a Whisper“ (dt. Im Flüsterton) ist mit meiner Familiengeschichte verbunden. Das Haus, in dem wir gedreht haben, war das Haus meiner Großmutter in Sousse. Als meine Großmutter 2017 starb, vereinbarte ich mit der Familie, dass ich dort drehen dürfe, bevor sie das Haus verkauften, da der Käufer es höchstwahrscheinlich abreißen und an seiner Stelle einen Wohnblock errichten würde. Seit meiner Jugend spüre ich eine besondere filmische Präsenz in diesem Haus und wollte es schon lange filmen.

Die Großmutter spielt eine zentrale Rolle im Film und spiegelt die Präsenz des Patriarchats (bzw. der mütterlichen Autorität) in arabischen Gesellschaften wider. Wie sehen Sie diese Figur? Und warum haben Sie die Regisseurin Selma Baccar für die Rolle ausgewählt?

Wenn das Haus eine Figur ist, dann ist die Großmutter sein schlagendes Herz. Ich wollte eine ältere Frau besetzen und die Falten in ihrem Gesicht einfangen. Ich wollte auch eine starke Frau, denn die Stärke aller weiblichen Charaktere bildet das Fundament des Films. Ihre Führung der Familie sollte glaubwürdig sein, und gleichzeitig sollte sie jemand sein, den wir lieben und mit dem wir mitfühlen können. Diesen Charaktertyp kennen wir gut aus arabischen Gesellschaften, aber er ist im Westen vielleicht nicht so verbreitet. Ich dachte an Selma Baccar, die zuvor noch nie gespielt hatte, vielleicht wegen ihrer stets starken Ausstrahlung. Ich zeigte ihr das Drehbuch, und es gefiel ihr, aber sie sagte mir, ich würde die volle Verantwortung übernehmen: Wenn ich sie als Schauspielerin nicht anleiten könnte, wäre das mein Problem. Ich glaube, sie hat die Dreharbeiten genossen, und das Ergebnis war sehr zufriedenstellend. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass Salma die Figur besser kennt als ich.
Alle weiblichen Charaktere im Film sind stark – gleichzeitig zeigt sich aber eine deutliche Zerbrechlichkeit bei den männlichen Charakteren, selbst bei denen mit Regierungsmacht. Was denken SIe?

Was mich an den Männern interessiert, ist ihre Zerbrechlichkeit und ihr Umgang mit Macht. Wir nehmen an, dass Macht für arabische Männer selbstverständlich ist, doch ich glaube, sie wird für sie zur Last und macht sie bis zu einem gewissen Grad zu Opfern. Das sehen wir natürlich deutlich an den Figuren des Onkels und seines jungen Freundes, aber auch an den anderen Charakteren. Vielleicht wurde ich dabei vom Kino meines Vaters, Nouri Bouzid, beeinflusst, von Filmen wie „Man of Ashes" (dt. Der Mann aus der Asche), in denen wir sehen, wie Männer Opfer dessen werden können, was die Gesellschaft ihnen auferlegt.

Vielleicht hängt dies auch mit der tunesischen Gesellschaft zusammen, in der Frauen historisch gesehen stärker und selbstbestimmter waren als in anderen arabischen Gesellschaften. Stimmen Sie dem zu?

Vielleicht. Zumindest im häuslichen Bereich ist deutlich, dass tunesische Frauen über eine gewisse Macht verfügen, selbst wenn sie einen Mann bewusst davon überzeugen, dass er die Entscheidungen trifft. Ich verallgemeinere hier natürlich nicht, denn Tunesien ist sehr vielfältig. Aber es ist ein Land, in dem Frauen beträchtlichen Einfluss ausüben, insbesondere in Großstädten wie Tunis, Sousse und Sfax, was sich in der hohen Anzahl weiblicher Führungskräfte und Politikerinnen widerspiegelt.

Eine weitere interessante Wahl war der palästinensische Star Hiam Abbass für die Rolle der Mutter. Wie kam es zu Ihrer Auswahl?

Hiam hatte bereits in tunesischen Filmen mit Regisseurin Raja Amari mitgewirkt, war aber ursprünglich nicht Teil meiner Planung. Ich hatte viele talentierte tunesische Schauspielerinnen kennengelernt, doch irgendetwas fehlte der Rolle. Dann traf ich Hiam zwei Monate vor Drehbeginn auf einem Festival. Ich bot ihr die Rolle spontan an, was untypisch für meine übliche, langsame Vorgehensweise beim Casting war. Vielleicht faszinierte mich ihre Art, mit Stille umzugehen, wie sie Emotionen durch ihre Augen und Bewegungen ausdrücken konnte. Hiam erfasste die Figur unglaublich schnell. Sie verstand sofort, dass die Mutter eine moderne, nicht homophobe Frau ist und dass sie mit der Realität ihrer Tochter bitter umgeht, weil sie darin ihr persönliches Versagen als Mutter sieht – unfähig, ihre Tochter vor dem zu schützen, was ihr bevorstehen könnte. Die Wahl von Hiam war Liebe auf den ersten Blick, und sie spielte die Rolle fantastisch.

Diese Perspektive ist entscheidend, denn sie trifft auf viele Familien zu, deren Kampf mit der Geschlechtsidentität nicht auf Ablehnung, sondern auf Angst um die Zukunft ihrer Kinder und die Herausforderungen, denen sie begegnen könnten, beruht. Stimmt das?

Sie hegen keine Vorurteile gegenüber Homosexualität, wünschen sich aber sehnlichst, dass das Thema in ihren Familien nicht zur Sprache kommt, da sie es als schwere Last empfinden – eine durchaus berechtigte Sorge. Gleichzeitig habe ich bewusst auf eine gewalttätige Reaktion der Familie und jegliche Versuche, die Protagonistin Lilia zu etwas zu zwingen, verzichtet, was den Erwartungen eines westlichen Publikums an eine Geschichte aus der arabischen Welt widersprechen könnte.

Ich empfinde das Ende als traurig und hoffnungsvoll zugleich; es lehrt uns, dass Veränderung mit der Zeit unausweichlich ist. Sind Sie wirklich optimistisch, was das reale Leben angeht?

Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich angesichts der Weltlage zu pessimistisch, aber ich wollte ein optimistisches Ende bieten – kein Happy End wie in alten Filmen, sondern eines, in dem Lilia und ihr Kind zur Familie gehören können. Ob die Großmutter Bescheid weiß oder nicht, bleibt offen, und ich habe das Publikum abstimmen lassen. Die Meinungen darüber, ob sie die Identität ihrer Enkelin kennt, gingen auseinander. Das Ende mag, wie die Mutter in einer Szene sagt, wie Science-Fiction klingen, aber ich wollte dem Film auf keinen Fall ein trauriges oder gewalttätiges Ende geben.

Glauben Sie, dass der Film einen Weg finden wird, auf arabischen Festivals und in arabischen Kinos gezeigt zu werden?

Ich hoffe es. Geplant ist, den Film im April in den tunesischen Kinos zu veröffentlichen. Alle Schauspielerinnen, darunter auch Selma Baccar, unterstützen die Vorführung aufgrund ihres gesellschaftlichen und politischen Einflusses und ihres unermüdlichen Einsatzes für persönliche Freiheiten. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich werde versuchen, den Film überall zu zeigen, und ich glaube, das arabische Publikum ist bereit, ihn anzusehen, darüber zu diskutieren und sich damit auseinanderzusetzen, insbesondere da es sich um einen Film handelt, der in erster Linie für ein arabisches Publikum gemacht wurde und nicht, um dem Westen zu gefallen.

Politik ist zwar nicht das direkte Thema, aber im Kern ist „In a Whisper“ ein politischer Film. Was halten Sie von der Kontroverse um dieses Thema auf der Berlinale?

Ich glaube, Kino ist immer politisch, selbst wenn wir Blumen filmen. Die Zugehörigkeit zu unserer Region macht einen vor allem politisch. Ich denke, alle meine Filme sind politisch, auch wenn ihr Thema nicht direkt mit Politik zu tun hat. „In a Whisper“ behandelt ein Thema, das immer präsent ist, selbst wenn es im Bereich des Unausgesprochenen liegt. Die Fähigkeit, unsere Gefühle auszudrücken, ist an sich zutiefst politisch.