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Jemen
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Jemens hungernde Mütter - Hagar Yahia, eine Jemenitin, zeigt die Menge an Mehl, die sie für die Herstellung von einem Laib Brot verwendet. Foto aufgenommen am 15. Februar 2018 in Abyan, Jemen. An den wenigen guten Tagen, wenn sie, oder ihr Mann Arbeit finden, können sie sich etwas Gemüse leisten.
Jemens hungernde Mütter - Hagar Yahia, eine Jemenitin, zeigt die Menge an Mehl, die sie für die Herstellung von einem Laib Brot verwendet. Foto aufgenommen am 15. Februar 2018 in Abyan, Jemen. An den wenigen guten Tagen, wenn sie, oder ihr Mann Arbeit finden, können sie sich etwas Gemüse leisten. | ©Nariman El-Mofty/AP; CC BY 2.0 via flickr.com

Die Frauenbewegung in der jüngeren Geschichte des Jemen war nie durchgängig und einheitlich, sondern eher zeitlich beschränkt und zersplittert mit unterschiedlichen Prioritäten. Diese sind beispielsweise der Kampf der Frauen gegen Menschenrechtsverletzungen, oder der feministische Fokus auf die Bekämpfung patriarchaler, Frauen benachteiligender Stammesstrukturen. Sie alle hatten ihren Ursprung im aufrichtigen Interesse an Menschenrechten und Demokratie.

Von Afrah Nasser

Während meiner frühen Kindheit in Sanaa in den 1990ern war die Idee von der Gleichstellung der Geschlechter verwirrend für mich. Einerseits brachte mir meine Mutter bei, dass Frauen für ihre Rechte kämpfen müssen, andererseits wurden außerhalb des Hauses Konzepte wie „Gleichstellung der Geschlechter“, oder „Feminismus“ in negativem Licht dargestellt. Ich erinnere mich daran, dass unsere Lehrerin in der weiterführenden Schule der Klasse erklärte, dass „Gleichheit“ zwischen den Geschlechtern eine vom Westen entwickelte Vorstellung sei, um die arabischen und muslimischen Gemeinschaften zu zerstören. Ebenso erinnere ich mich daran, wie meine religiöse Nachbarin mich dazu drängte, sie in die nahegelegene Moschee zu einer Koranstudiengruppe nur für Frauen zu begleiten. Dort hörten wir dann einer Sheikha (religiöse Führerin) zu, die erklärte, inwiefern „Gleichstellung der Geschlechter“ und „Feminismus“ gegen den Islam seien, und dass Gott wolle, dass Männer und Frauen unterschiedliche und ungleiche Rollen und Verantwortlichkeiten hätten.
 
Als ich anfing zu studieren, begegnete ich dann jedoch einem anderen Diskurs zum Thema Frauenrechte. Sowohl die unabhängige Presse, als auch Veranstaltungen zum Thema Frauenrechte, organisiert von lokalen pro-demokratischen zivilgesellschaftlichen Organisationen (CSOs), öffneten mir die Augen für Jemens feministische Frauen.  Fürsprecherinnen für Frauenrechte in politischen Positionen oder  Führerinnen von CSOs, wie beispielsweise Radhya Shamsheer, Amar al-Alim Alsoswa, Raufa Hassan, oder Amal Basha, die sich wortgewandt zu Aktivismus von Frauen im Jemen äußern, hatten entscheidenden Anteil daran, mein feministisches Bewusstsein zu formen. Sie arbeiteten unter anderem zu Themen wie Kinderheirat, geschlechtsspezifische Gewalt, diskriminierende Gesetze und politische Teilhabe von Frauen.
 
Das Wort Feminismus wurde jedoch nicht immer ausdrücklich verwendet, da es gefährlich war und Widerstand hervorrief.
 
So wurde beispielsweise im Jahr 1999 Raufa Hassan, eine führende feministische Persönlichkeit, wegen ihrer Arbeit Opfer eines aggressiven religiösen Angriffs und war schließlich dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Die anti-feministische Gegenreaktion vonseiten einiger einflussreicher religiöser Parlamentsmitglieder und konservativer Geistlicher nötigte die meisten Feministinnen dazu, einen pragmatischeren Ansatz für ihren Aktivismus zu wählen und weniger strittige Bezeichnungen zu verwenden, wie beispielsweise Empowerment von Frauen. Nur eine Handvoll nannte sich furchtlos weiterhin Feministin oder Feminist. Mit Sicherheit waren sie alle am gleichen feministischen Kampf beteiligt.
 
Die Frauenbewegung in der jüngeren Geschichte des Jemen war nie durchgängig und einheitlich, sondern eher zeitlich beschränkt und zersplittert mit unterschiedlichen Prioritäten. Diese sind beispielsweise der Kampf der Frauen gegen Menschenrechtsverletzungen, oder der feministische Fokus auf die Bekämpfung patriarchaler, Frauen benachteiligender Stammesstrukturen. Sie alle hatten ihren Ursprung im aufrichtigen Interesse an Menschenrechten und Demokratie.
 
Es gibt drei Hauptereignisse in der jüngeren Geschichte des Landes, die diese Kämpfe und die politischen Rechte der Frauen beeinflusst haben: 1) die Vereinigung von Nord- und Südjemen 1990, 2) die Aufstände im Jemen im Jahr 2011, und 3) den Krieg, der seit 2015 andauert.
 
Als sich die beiden jemenitischen Staaten im Jahr 1990 vereinigten, wurde eine Reform des Familienrechts durchgeführt, was einen Fortschritt für die Frauen im Norden und einen Rückschlag für die Frauen im Süden bedeutete, da der Süden bereits fortschrittlichere Frauenrechte als der Norden eingeführt hatte, wie beispielsweise rechtliche Gleichstellung in Familienangelegenheiten.
 
Dann, im Zuge der Aufstände von 2011, kämpften Frauen hart für eine größere und effektivere politische Beteiligung, bis sie schließlich eine nie dagewesene 30%-Quote für Frauen im Parlament erreichten.

Außerdem waren zum ersten Mal in der Landesgeschichte Frauen im Gremium für die Erarbeitung eines Verfassungsentwurfes vertreten.
 

Wo die politischen Frauenrechte heute stehen
 

Mittlerweile wurden jedoch all diese Fortschritte im Bereich der Frauenrechte wieder untergraben Während des vierjährigen, weiter andauernden Krieges ist das politische System im Ganzen ins Chaos abgerutscht und der Fokus hat sich von der Repräsentanz von Frauen in politischen Institutionen auf Diplomatie und Fürsprache verschoben.
 
Während der Zeit von der Übernahme Sanaas durch die Huthis im September 2014 bis zur saudisch geführten Militärintervention im Jahr 2015 ist der formelle politische Prozess zum Stillstand gekommen. Durch die Militarisierung verloren die politische Stimme der Frau und ihre Rolle in Entscheidungsprozessen an Bedeutung. Tatsächlich scheint, in Anbetracht der aktuellen apokalyptischen Zustände, die Diskussion über die politischen Rechte der Frau im Jemen zur Zeit wie ein extravaganter Gedanke.
 
Der Konflikt hat Jemen zum Schauplatz der größten humanitären Krise der Welt gemacht. Das Leben von Millionen von Menschen ist durch Hunger in Gefahr; aber den höchsten Tribut zahlen Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter. Frauen sind zunehmend dem Risiko von Kinderheirat ausgesetzt, sowie einem Anstieg von 63% bei Gewalt gegen Frauen. Dutzende Frauen in Gefangenschaft von Huthi-Rebellen, die dabei Folter und Misshandlungen ausgesetzt sind, zeigen, dass der Konflikt einige Stammessicherheiten zerstört, die Frauen vor Entführung oder Gefangenschaft schützten. In Taiz wurden Aktivistinnen Zielscheibe von Huthi-Kugeln. In vielen Städten leiden Frauen darunter, dass ihre männlichen Verwandten nicht anwesend sind, sie sind kaum in der Lage, ihre hungernden Kinder zu ernähren.
 
Was mich am meisten schmerzt ist, dass Jemen vor dem Krieg, trotz all seiner institutionellen Ungerechtigkeiten gegen Frauen, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in der Förderung der Frauenrechte überholt hatte - ein Fortschritt, der mittlerweile praktisch zunichte gemacht wurde. Während im Jemen Krieg herrscht haben Frauen in Saudi Arabien und den VAE einige positive Entwicklungen erlebt, wie beispielsweise die Aufhebung des Fahrverbots in Saudi Arabien und eine verstärkte politische Repräsentation von Frauen in den VAE, wohingegen die Rechte und Freiheiten der Jemenitinnen abnehmen. Dies ist ein sehr wichtiger Vergleich, da die verheerenden Bombenangriffe auf den Jemen von niemand anderem als von seinen Nachbarn ausgehen: Saudi Arabien und die VAE.
 
Unabhängige Presse und CSOs, die das Bewusstsein für Empowerment von Frauen stärken könnten, sind verschwunden. Journalistinnen und Journalisten, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wurden von allen Kriegsparteien belästigt, angegriffen, und/oder zum Verschwinden gebracht. Der Raum für ziviles Engagement ist drastisch geschrumpft. Stimmen, die es wagen, sich für die Rechte von Frauen einzusetzen, werden wirkungsvoll zum Schweigen gebracht.
 
 

Frauen schlagen zurück

 
Inzwischen drängen die Frauen zurück. An der Basis, angesichts von 12.000 inhaftierten Männern und mehr als 3.000, die zum Verschwinden gebracht wurden, haben Mütter, Schwestern und Töchter der Entführten begonnen, sich in größeren jemenitischen Städten vor den zentralen Gefängnissen oder Polizeistationen zu versammeln, um ihre Söhne, Brüder, Väter zu finden. Sie haben sich in einem Kollektiv mit dem Namen „Mothers of Abductees Association“ (Mütter von Entführten-Vereinigung) organisiert. Auf der politischen Ebene hat UN Women die Einrichtung des Yemeni Women’s Pact for Peace and Security (Jemenitischer Frauenpakt für Frieden und Sicherheit) unterstützt, der dazu aufruft, Frauen am politischen Dialog sowie am Friedensprozess teilhaben zu lassen.
 
Darüber hinaus wurde der politische Aktivismus der Jemenitinnen in den letzten acht Jahren von den UN Sondergesandten für den Jemen, Jamal Ben Omar, Ismail Ould Cheikh Ahmed, und aktuell Martin Griffiths, unterstützt. In Übereinstimmung mit der Resolution 1325 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen zur uneingeschränkten und gleichberechtigten Beteiligung von Frauen an Konfliktlösungsprozessen hat Griffiths die Präsenz von Frauen bei den jemenitischen Friedensgesprächen in Kuwait, Genf und Stockholm durch Beratungsgruppen sichergestellt.

 
Die Zukunft der Frauen


Obwohl Jemen in der jüngsten Vergangenheit keine starke Frauenbewegung hatte, sind Frauen seit den Aufständen 2011 zu einer wichtigen Säule in der Bildung eines demokratischen Jemen geworden. Unter den schwierigen Bedingungen des andauernden Konflikts spielte ihr Aktivismus eine wichtige Rolle dabei, auf grobe Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und für Frieden einzutreten.  Die Zukunft der Jemenitinnen hängt von der Zukunft des Jemen ab. Die Aktivistinnen werden deshalb nicht ruhen, bis das Land wieder auf den Beinen ist und Frieden herrscht. Die jemenitischen Frauen versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, etwas zu erreichen, womit sich die Weltgemeinschaft solidarisiert.

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