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Ägypten
„Zwingt eure Kinder nicht dazu, euren Fußabdrücken zu folgen, denn sie wurden für eine andere Zeit als die eure bestimmt“

Eine Großmutter mit ihrem Enkel in Tizmant, Ägypten
Eine Großmutter mit ihrem Enkel in Tizmant, Ägypten | ©Sandra Wolf

Undankbar, verantwortungslos, gierig, faul…so betrachten ältere Ägypter meine junge Generation. Mit engstirnig, altmodisch, verständnislos und langweilig schlagen wir zurück. Das Resultat ist oft ein schwieriges Familienleben, das sich in der Gesellschaft als Ganzes widerspiegelt.

Von Engy Ashraf

Generationskonflikte sind keine Neuigkeit. Jeder hat sie schon mit seinen Eltern, Verwandten oder LehrerInnen erlebt. Es ist vollkommen normal, dass Meinungsunterschiede zwischen Menschen verschiedener Altersgruppen auftreten. Wenn diese Unterschiede aber zu viel werden und gegenseitiges Verständnis dagegen nur noch seltener wird, dann kann sich jeder vorstellen, wie schwierig das Familienleben sein kann. Streitigkeiten zwischen Eltern und ihren Kindern kennt in Ägypten jeder. Auf der Straße, in Supermärkten, in der Nachbarswohnung – überall sind Schreie und Beleidigungen von beiden Seiten zu hören, sodass eine ägyptische Familie, die nicht tagtäglich laut wird und in Frieden lebt, eine seltene Erscheinung geworden ist.

Eine Familie am Strand von Ain Sokhna, Ägypten Eine Familie am Strand von Ain Sokhna, Ägypten | ©Sandra Wolf
 

Der Beitrag des 21. Jahrhunderts


Wählen wir drei Jahre aus, die jeweils den folgenden drei Generationen zugeordnet werden können: Großeltern, Eltern und Jugendliche. Zum Beispiel: 1957, 1987 und 2017. Natürlich kann man sie nach tausend Aspekten miteinander vergleichen, aber wir wollen uns auf das wichtigste Schlüsselwort konzentrieren: Medien. 1957 waren lokale Zeitungen und Radiosendungen die üblichen Nachrichtenquellen. Schwarz-Weiß-Fernseher konnten sich nicht alle leisten. 1987 waren Farbfernseher in Mode, PCs noch nicht. 2017 kennt eine besondere Erfindung, die die zwei anderen Jahre nicht kannten: das Internet. Mit der Einführung des World Wide Webs im Jahr 1991 kommt ein wichtiger Begriff auf, der bald vieles verändern wird: „Globalisierung“.
 

„Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.“


Mit dem Internet liegt uns die ganze Welt zu Füßen oder besser gesagt auf unseren Bildschirmen. Die „ganze Welt“ bedeutete aber für unsere ägyptischen Großeltern und Eltern nichts weiter als ihre Heimatstadt. Meine Generation lernt mindestens eine Fremdsprache in der Schule (die mittlerweile eine internationale Schule sein kann), schaut lieber amerikanische Filme im Fernsehen, hört weltweit berühmte Musikgruppen, bevorzugt Markenklamotten, wünscht sich das neue Apple-Handy zum Geburtstag, möchte gerne im Ausland studieren, fragt nach Dingen wie Kommunismus, Atheismus und Homosexualität.
Eltern mit ihrem Kind im McDonalds in Alexandria, Ägypten Eltern mit ihrem Kind im McDonalds in Alexandria, Ägypten | ©Goethe-Institut Kairo/Sandra Wolf
Irgendwann wird es zu viel für die armen Eltern, für die McDonald’s, Jeanshosen und Michael Jackson höchste Modernität waren. Und genau wie der alte Spruch sagt, „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“, fühlt sich die ältere Generation dem schnellen Tempo und der materiellen Natur des 21. Jahrhunderts gegenüber oft verzweifelt und entfremdet. Folglich versuchen sie ihre Kinder gemäß ihrem alten, als „richtig“ empfundenen Lebensstil zu erziehen. Jedoch weigern sich die Kinder, zur großen Enttäuschung ihrer Eltern, in einer anderen Zeit als ihrer eigenen zu leben. Und so entsteht schon während der ersten Jahre der Eltern-Kind-Konflikt, der mit der Adoleszenz so stark wird, dass in vielen Fällen die beiden Generationen unwiderruflich „inkompatibel“ werden.
 

Die ägyptische Kultur ist kein Hollywood Film!

Ägypter lieben Fernsehen. Egal, ob es amerikanische Filme oder türkische Serien sind, das Fernsehen hat jede Menge Einfluss auf die Gesellschaft, insbesondere Jugendliche. Stellen wir uns zwei ägyptische 18-Jährige, einen Jungen und ein Mädchen, vor. Der Junge sieht Jugendliche seines Alters im Fernsehen Alkohol trinken, mit Mädels quatschen, gegen den Willen ihrer Eltern handeln, mit 18 ausziehen, den Glauben ändern, allein die Welt entdecken. Das Mädchen sieht ihresgleichen problemlos mit Shorts herumlaufen, in der Öffentlichkeit Freunde berühren und küssen, ohne Aufsicht mit Freundinnen die Ferien im Ausland verbringen, einen Nebenjob während des Studiums suchen, über die Zukunft selbstständig entscheiden. Dann schalten beide den Fernseher aus und sind mit der Realität der ägyptischen Gesellschaft konfrontiert.

Du weißt noch nicht, was gut für dich ist. Dafür bist du noch zu jung. Also musst du auf mich hören.

Jugendliche der ägyptischen Gesellschaft rebellieren mit ihrem Verhalten nicht nur gegen ihre Eltern (was in einem bestimmten Alter eigentlich normal ist), sondern gegen jahrhundertealte Gesellschaftsnormen. Dann beschweren sich die Eltern und vergleichen ihre Kinder mit sich selbst als Jugendliche, um wie üblich zu schlussfolgern: „So schwierig sind wir nie gewesen.“ Allerdings stellt sich hier die Frage: Wenn eine Person sich in einer bestimmten Art benimmt, nur weil sie keine Alternativen kennt, ist es dann eine Frage des Willens?

 
Die Welt verändert sich - Erziehungsmethoden müssen Tempo halten


In östlichen Kulturen, inklusive der ägyptischen Kultur, wird hauptsächlich aus religiösen Gründen großer Wert auf das Verhalten gegenüber Eltern gelegt. Jedoch ist unter ÄgypterInnen die Missinterpretation verbreitet, dass gutes Verhalten in Gehorsamkeit, und zwar der blinden Art, zusammengefasst werden kann.
 
Yasmin Mohamed Gaber, 17 Jahre alt
© Goethe-Institut Ägypten
Yasmin Mohamed Gaber, 17 Jahre alt

„Du weißt noch nicht, was gut für dich ist. Dafür bist du noch zu jung. Also musst du auf mich hören“, sagen typisch ägyptische Eltern. Sie lassen dabei eine wichtige Tatsache aus: Die heutige junge Generation wurde mit offenen Augen geboren. Wir wissen schon viel mehr von der Welt, als was unsere Eltern in unserem Alter wussten. Eine Kindheit von absoluter Unschuld und Naivität hatten wir vielleicht in den ersten paar Jahren unseres Lebens, mehr nicht. Wiederum typisch für das 21. Jahrhundert. Ob das gut ist oder schlecht ist nicht das Thema. Wichtig ist, dass wir mit einem Alter von, sagen wir mal, 16 in erster Linie nicht mehr Wissen brauchen, sondern Erfahrung. Aber unsere lieben Eltern wollen, dass wir zu Hause bleiben und nur noch für die Schule lernen! Woher soll jetzt die Erfahrung kommen? Genau deshalb fühlen sich die meisten ägyptischen Jugendlichen nach ihrem Schulabschluss und manchmal sogar nach ihrem Bachelor total ahnungslos und verloren, weil sie weder zu Hause noch in der Schule etwas Praktisches von der „Außenwelt“ gelernt haben.
 

Alternative Erziehung


Anstatt zu Hause zu bleiben, um täglich für die Thanaweya-Prüfung zu lernen, sollten Eltern ihre Kinder ermutigen die Welt zu entdecken. Sie sollten Fehler erlauben und die ständige Kritik sein lassen. „Unsere Eltern mögen uns nur, wenn wir das Richtige tun“, „Ich habe oft Angst vor meinen Eltern“. So fühlen sich viele ägyptische Kinder, weil ihre Eltern Fehler meist nur mit Aggressivität, verbaler und körperlicher Natur, begegnen. Natürlich lieben alle Eltern ihre Kinder, selbst wenn sie das Falsche tun, aber sie vergessen, dass Liebe, auch Elternliebe, gezeigt werden muss. Folglich entfernen sich die Kinder von ihren Eltern und suchen Rat und Unterstützung bei anderen Erwachsenen, zum Beispiel bei LehrerInnen. Dann beschweren sich die Eltern, dass ihre Kinder ihnen nichts mehr erzählen und anstatt das Problem mit ruhigen Gesprächen zu lösen, werden sie misstrauisch, daraufhin noch aggressiver und der Teufelskreis fängt von vorne an.

Eltern (jetzt nicht nur in Ägypten) meinen oft, meine Generation sei süchtig nach ihren Smartphones und dergleichen. Anstatt denselben Satz („Leg dieses Schrottstück endlich mal weg!“) unendlich oft zu wiederholen, sollten an Schulen und in Vereinen Programme angeboten werden, die Jugendlichen beibringen, wie sie von ihrer Online-Zeit profitieren können und nicht nur Selfies posten und Stars folgen. Das Internet gestaltet nicht nur unseren Alltag, sondern unsere Geschichte und Politik. Sehen wir uns nur den Arabischen Frühling an. Das Smartphone ist zu wertvoll, um einfach weggelegt zu werden!
Anas Mohamed Ahmed Nakhla, 19 Jahre alt
© Goethe-Institut Ägypten
Anas Mohamed Ahmed Nakhla, 19 Jahre alt

Anstatt Jugendlichen zu verbieten, ohne Aufsicht auf Ausflüge oder ins Ausland zu gehen, muss man sie von Anfang an so erziehen, dass sie zu vertrauenswürdigen Menschen heranwachsen.

Eine andere häufige Beschwerde ist „Undankbarkeit“. Hier könnten die Eltern das ältere Kind beauftragen, für das jüngere Kind oder das Haustier zu sorgen, damit es erkennt, wie schwierig es ist, sich für ein anderes Lebewesen verantwortlich zu fühlen.

Wenn „Gier“ in Form von ständigen Nachfragen nach neuen unnötigen Geräten, Klamotten oder einfach zu viel Geld ein Problem ist, dann bietet sich eine einfache Lösung: Ein Sommerjob für die Kinder, um ihnen den Wert des Geldes beizubringen.

Der Gedanke, dass nur Ärzte und Ingenieure erfolgreich sind, soll endlich aus der ägyptischen Gesellschaft verschwinden. Der Druck, der auf OberstufenschülerInnen ausgeübt wird, um in die Fakultät für Medizin oder Ingenieurwissenschaften aufgenommen zu werden, ist unmenschlich. Eine gute Seite des 21. Jahrhunderts ist, dass jeder mit genug Mühe und Kreativität erfolgreich sein kann.

Jeder junge Mensch muss seine Rechte und Verantwortungen verstehen, wenn es um Sexualität geht, und es ist die Verantwortung von Eltern und Schulen ihm/ihr diese beizubringen.


Ein anderer Punkt, der sich in Ägypten ändern muss, ist die Haltung von Erwachsenen dem Thema Sex gegenüber. Unsere Großeltern redeten nicht mit unseren Eltern darüber und so wollen unsere Eltern auch bis zur Hochzeitsnacht stumm bleiben. Heute geht das nicht mehr, weil das Thema überall auftaucht: In den Medien, in Freundschaftskreisen, auf den Straßen in Form sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Jeder junge Mensch muss seine Rechte und Verantwortungen verstehen, wenn es um Sexualität geht und es ist die Verantwortung von Eltern und Schulen ihm/ihr diese beizubringen.

Es gibt Dutzende von Beispielen, die alternative Erziehungsmethoden verdeutlichen. Und wenn sie alle in einem einzigen Satz zusammengefasst werden können, finde ich den folgenden arabischen Spruch mehr als passend: „Zwingt eure Kinder nicht dazu, euren Fußabdrücken zu folgen, denn sie wurden für eine andere Zeit als die eure bestimmt.“
 

Und unsererseits?

Sara Amru Ali, 18 Jahre alt
© Goethe-Institut Ägypten
Sara Amru Ali, 18 Jahre alt
Das Wichtigste, das Jugendliche meiner Meinung nach heute ihren Eltern anbieten können, ist Empathie. Wenn wir uns in die Schuhe unserer Eltern ab und zu hineinversetzen, wird vieles verständlich. Ich würde mir auch Sorgen machen, wenn meine Tochter bis Mitternacht nicht heimgekommen ist und nicht an ihr Handy geht. Es würde mich auch nerven, wenn mein Sohn sein iPhone zum zweiten Mal verloren hat. Und natürlich würde es mir unglaublich schwerfallen, meine Kinder ausziehen zu lassen.

Das Erwachsensein ist weder einfach, noch ist es, ein Elternteil zu sein. Außerdem kann das 21. Jahrhundert einen schwindelig machen, soviel muss man zugeben.

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