Lamia Hamdis, 29 Jahre

Lamia am Fenster einer Wohnung in Algier, mit Blick auf den Hafen.
Lamia am Fenster einer Wohnung in Algier, mit Blick auf den Hafen. | ©Goethe-Institut/Leïla Saadna

Ich bin Teil einer kollektiven Immigrationsgeschichte. 2004 habe ich Algerien verlassen, denn meine Mutter hat alles getan, um uns in Frankreich ein neues Zuhause zu schaffen. Im Jahr 2000 ist sie zunächst alleine dorthin, sie hat Papiere erhalten und eine einigermaßen stabile Situation. Dann, vier Jahre später, hat sie uns nachgeholt. Da bin ich nach Paris gekommen. Ich war zuvor noch nie aus meinem Heimatort Kabylie rausgekommen: der erste Kontakt, die erste Reise aus meinem Dorf in der Nähe von Tizi-Ouzou, in dem ich aufgewachsen bin, in die europäische Metropole Paris. Wie anders alles wirkte! Es war nicht leicht, mit meinem jugendlichen Hirn zu sortieren, was alles peitschenschlagartig auf mich eindrang. Schließlich nahm mich eine andere Gesellschaft auf, in der andere Sitten herrschten. Ich bin in einem Lycée in Aubervilliers gelandet. Ich dachte, dass ich dort auf kleine Franzosen treffe, wie man so sagt, aber stattdessen fand ich dort Leute vor, die mir sehr ähnlich waren und vom afrikanischen Kontinent kamen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war einerseits angenehm, aber für sie war ich auch die, die von woanders kam. Sie wollten nicht mit den Erstankömmlingen verwechselt werden, denn sie beharrten darauf, in Frankreich geboren zu sein; ihre Eltern waren es, die in Algerien oder anderswo geboren waren. Ich habe also unter dem Stigma der „blédarde“ [Immigrant aus dem Maghreb, Dorfbewohner, abwertend, Anm. d. Ü.] gelitten, eine Bezeichnung, die man in Frankreich oft hört. Das schmerzt, vor allem, wenn es von Leuten kommt, die dir ähneln.
 
Meine Mutter war eine der ersten Frauen ihres Dorfes, die ausgewandert ist, übers Meer, dem Zufall entgegen, weil sie hier niemanden hatte. Vorher waren es nur Männer, die auswanderten. Sie hat den Weg für etwas Neues geebnet. Nach ihr sind viele weitere Frauen gegangen. Es erforderte viel Mut, um sich das zu trauen. Es war schwierig und wurde nicht gern gesehen, wenn eine Frau das Dorf verließ, das eine enge Gemeinschaft bildete. Auch meine Tanten sind fortgegangen, die eine in die tschechische Republik, andere sind zum Studium in die Hauptstadt. Man kann die Geschichte meiner Migration also auf mehreren Ebenen betrachten: von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, auch vom Dorf in die Stadt. Es ist eine Frauengeschichte.
 
Meine Mutter war 40, als sie fortgegangen ist, ich selbst war eine Jugendliche. Die Ausbildung war für sie das oberste Ziel, wir waren nicht gekommen, um Däumchen zu drehen und mussten in der Schule wirklich Erfolg haben. Die Entschlossenheit, die die Erstankömmlinge in einer unbekannten Gesellschaft ausmacht, hat mich bis an die Universität begleitet. Dank ihr habe ich es geschafft, mich dem Rassismus zu stellen, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr erlebt hatte, die Meinesgleichen aber oft traf. In meinem Masterstudiengang waren wir zwei, die immigriert waren. Da habe ich begriffen, dass ich Teil einer kollektiven Geschichte des Kampfes bin, der einem kolonialen Verhältnis eingeschrieben ist und Generationen vor meiner begann. Von maghrebinischen Arbeitern, die sich in Gewerkschaften zusammenschlossen, oder mit Auseinandersetzungen in den Arbeitervierteln, denn es ist schwierig, in einem Frankreich zu leben, das rassistische Anti-Migrations-Gesetze erlässt.
 
Ich war auch überzeugte Feministin. Meine Mutter und meine Tanten haben mir beigebracht, was es bedeutet, als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft zu leben, wie man sich durchsetzt, Solidarität unter Frauen schafft, sich wertschätzt, sich selbst finanziert. Meine Mutter war sehr feministisch, sowohl in Frankreich als auch in Algerien. Sie hat als Frau das Leben geführt, das sie immer wollte, niemand störte sie. In Frankreich lebten wir zu dritt, sie führte einen kleinen Zeitungskiosk und war unabhängig, entschied über ihr Geld, und niemand mischte sich in ihr Leben ein. Sie forderte das Recht ein, als alleinstehende und alleinerziehende Frau zu leben und respektiert zu werden, und das war schwierig. Sie war tief in ihrer amazighischen Kultur verwurzelt, das Funktionieren der ländlichen Gesellschaft war der Grund, warum sie gegangen ist. Sie wollte sich in einer anonymeren Umgebung ausleben, die Stadt kennenlernen, wo ihr Schicksal nicht zwangsläufig mit dem der Gemeinschaft zusammenhing. Mit 40 Jahren fragte sie sich: „Was habe ich meinen Töchtern eigentlich zu bieten? Ich will, dass sie die Freiheit haben, zu tun und zu sein, was sie möchten.“ Am Ende bin ich es nun, die die Gemeinschaft sucht.
 
Wenn ich nach Algerien komme, versuche ich auf bescheidene Art, das Werk meiner Mutter fortzuführen, die sich immer um ihre Mutter und ihre Schwester gesorgt hat, um ihre kleine Gemeinschaft, die sich durch ihre Sprache und die amazighische Kultur geweitet hat. Ich habe verschiedene Wege, das symbolische und ökonomische Kapital, dass ich vor allem in Frankreich erhalten habe, meiner Gemeinschaft zurückzugeben. Und ich habe das Gefühl, Teil mehrerer Gemeinschaften zu sein. Der Feminismus ist meine Basis, ich gehöre also der Gemeinschaft der Frauen an, ich bin Algerierin, komme aus einem eher bescheidenen Milieu. Das alles sind Gemeinschaften, denen ich angehöre. Wichtig ist für mich, meinen Lebensweg sichtbar zu machen, in die Welt hinauszuschreien, dass wir existieren, dass wir kämpfen, hier und dort, denn die Frauen, die hier kämpfen, sind die gleichen, die in Frankreich kämpfen. Ich gehöre auch zu einer Gemeinschaft von Einheimischen, denn ich entstamme einer Kolonialgeschichte und ich lebe in Frankreich, ein Land, das einen großen Teil der Welt kolonialisiert hat. Ich muss mit all diesen Geschichten leben. Entschlossenheit ist wichtig, um ein würdiges Leben zu leben und meiner Gemeinschaft begreiflich zu machen, dass wir das Recht haben zu existieren und dasselbe zu beanspruchen wie die anderen. Kämpfe mit dem Herzen zu führen, die "niya", wie man im Arabischen sagt, das ist der Schatz, den mir meine Mutter vererbt hat.