Chinesische Geschichte Dichterin – Feministin – Aktivistin: Das Leben der Qiu Jin

Qiu Jin via Wikimedia Commons

„Ich lebe in einer Übergangszeit und ich nutze das anbrechende Tageslicht westlicher Zivilisation, um die Grenzen meines Weltbildes zu erweitern. Obwohl ich kaum gebildet bin, ist es doch sehr schmerzhaft für mich dran zu denken, dass die Frauen in meinem Vaterland in einer Welt der Finsternis wie trunken dahinleben, oder wie in einem Traum, ohne das geringste Wissen.“

Das schrieb Qiu Jin um etwa 1905 während ihres Studiums in Japan. Sie hatte einen klaren Blick auf die politische Situation in China und die der Frauen im Besonderen – eine Situation, die sie radikal verändern wollte, für sich, für alle Frauen, für ganz China, durch Wissen und Bildung, durch politisches Handeln.

Als Qiu Jin 1875 in der südchinesischen Stadt Xiamen geboren wurde, war China ein von den imperialistischen Mächten ausgebeutetes Land, das zentrale Souveränitätsrechte verloren hatte. Xiamen (Amoy) war ein Vertragshafen: Ausländische Handels- und Marineschiffe ankerten hier, Ausländer lebten auf der Insel Gulangyu, der britischen Konzession mit eigenen Gesetzen. Der Dominanz der ausländischen Mächte stand die Ohnmacht der Qing-Regierung gegenüber, die der zunehmenden Pauperisierung breiter Bevölkerungsschichten kaum noch entgegenwirken konnte: Es fehlten die Steuereinnahmen, die vor den Opiumkriegen durch Außenhandel erzielt worden waren, notwendige Reformprozesse wurden nicht konsequent verfolgt. So prägte weiterhin eine patriarchalische Sozial- und Familienordnung, gestützt durch konfuzianisch legitimierte Hierarchien des Gehorsams und der Unterordnung, das Leben.
Zollboot, im Hintergrund europäische Gebäude mit verschiedenen Nationalflaggen Hafen von Amoy, China | via Wikimedia Commons In Qiu Jins Familie ist dieser politisch-gesellschaftliche Kontext evident. Es war eine ursprünglich aus Shaoxing, Provinz Zhejiang, stammende Beamtenfamilie, deren Status und Wohlstand mit dem Niedergang des Kaiserreiches ebenfalls im Abstieg begriffen war. Qiu Jins Großvater ebenso wie ihr Vater machten auf ihren Posten in Xiamen und auf Taiwan demütigende Erfahrungen mit den als Kolonialherren agierenden Ausländern. Sie erfuhren so aber auch deren „überlegenes Wissen“, ein Wissen über eine andere Welt mit anderen Werten und Normen. Diese familiären Eindrücke und auch dass ihre Mutter ebenfalls gebildet war, prägten Qiu Jin. Sie lernte schon als Kind die Welt der Vertragshäfen, auch Shanghai, kennen, ihre Mutter, möglicherweise auch ein Privatlehrer, unterrichteten sie, ganz im Sinne traditioneller klassischer Bildung. Früh begann sie Gedichte zu schreiben. Die Erzählung von Hua Mulan, die als Mann verkleidet anstelle ihres Vaters in den Krieg zog und in der klassischen Oper als Heldin gefeiert wird, beeindruckte sie – sie lernte reiten und fechten, als sie mit ihrer Familie 1890 nach Shaoxing zum alten Familiensitz zurückkehrte.

Qiu Jin Qiu Jin | © Baidu Baike Im Jahr 1896 wurde die 21-jährige Qiu Jin mit einem begüterten Kaufmann in Xiangtan, Hunan, verheiratet. Sie übernahm die traditionelle Rolle der Schwiegertochter mit allen Pflichten in ihrer neuen konservativ geprägten Familie. Ihr Vater hatte zuvor in Hunan einen Beamtenposten erhalten und die Familie war in die ärmere Binnenprovinz gezogen. Die Armut breiter Bevölkerungsschichten wuchs und auch der Widerstand nicht allein gegen die Ausländer, sondern auch gegen die eigene Regierung, die „Fremdherrschaft“ der Mandschu. Kritische Beamte und Gelehrte formierten sich, besonders nach der Niederlage im Widerstand gegen den japanischen Angriff 1895 und 1898 nach der Besetzung Jiaozhous durch deutsche Truppen. Doch die Reformbewegung Kang Youweis von 1898, die mit Hilfe des reformwilligen Kaisers das Land modernisieren wollte, dauerte nur 100 Tage. Nach ihrem Scheitern rebellierte das Volk, bekannt als Bewegung der Boxer, gegen die zunehmende Macht der Ausländer. Der von den Kolonialmächten als Reaktion geführte Kolonialkrieg machte die Schwächen des Kaiserreichs erneut deutlich. Seine höchsten Vertreter waren weder imstande, Chinas Souveränität zu verteidigen, noch die notwendigen gesellschaftlichen Reformen durchzuführen.

Seit dem Entstehen der Reformbewegung, so schreibt Qiu Jin später einem Freund, hielt sie ihr eigenes Leben für nicht mehr so wichtig und war bereit, es der Rettung des Landes zu opfern. Hinzu kam ihre familiäre Situation. Sie hatte inzwischen zwei Kinder geboren und empfand ihr Leben als dem Ehemann und der Schwiegermutter gehorsame Schwiegertochter zunehmend als schwierig. Nach dem Tod ihres Vaters 1901 war ihr Mann überdies nicht bereit, sich um die mittellose Mutter Qiu Jins und ihre Geschwister zu kümmern, so dass diese gezwungen waren, nach Shaoxing zurückzukehren. Erneut musste Qiu Jin die Ohnmacht von Frauen erfahren.

Der Umzug nach Peking im Jahre 1902/03 wegen der Versetzung ihres Mannes eröffnete Qiu Jin neue Möglichkeiten. In der Hauptstadt fand sie Gleichgesinnte, vor allem Wu Zhiying 吳芝瑛 (1868–1934), eine Kalligraphin und Reformerin, kritisch gegenüber dem patriarchalischen Familienmodell. Als sie von der Möglichkeit hörte, in Japan studieren zu können, sah Qiu Jin ihre Chance, sich weiterzubilden und als Frau emanzipieren zu können. Gegen den entschiedenen Widerstand ihres Mannes gelang es ihr, die Kosten für ein Studium in Japan aufzubringen. Sie vollzog damit einen vollständigen Bruch mit Mann und Kindern – Kinder wurden stets der Familie des Ehemannes zugehörig betrachtet – und mit der patriarchalischen Familie. Nun trug sie eigenständig die Verantwortung für ihr Leben.

Qiu Jin Qiu Jin 1905 | © Baidu Baike Qiu Jin erlebte die Zeit in Tokio von 1904 bis 1906 als großen persönlichen und politischen Freiraum, fruchtbar für ihre schriftstellerische, ihre persönliche und politische Entwicklung. Sie schrieb in dieser Zeit Jingweishi (精卫石 , Die Steine des Vogels Jingwei) – eine autobiographisch geprägte Erzählung. Es ist in einer überlieferten feministischen Erzählform von Prosa und Gedichten verfasst, welche an ihre Gedichte anknüpfte. In ihre Schriften fließt ihr breites Wissen über die Welt außerhalb Chinas ein, in Japan waren ihr wichtige übersetzte europäische Werke zugänglich und sie lernte zentrale Ideen der Aufklärung und Frauenemanzipation kennen.

Nach intensiven Japanischkursen begann Qiu Jin an einer Mädchenhochschule Pädagogik, Kunsthandwerk und Krankenpflege zu studieren. Doch wichtiger war ihre Einbindung in die Gruppen der aus China geflüchteten Reformer von 1898 und der chinesischen Studierenden, von denen viele Qiu Jins Kritik am politischen und gesellschaftlichen System Chinas teilten. Sie wurde schnell zu einer der führenden Aktivistinnen, bestimmte die politischen Debatten mit und trieb die Organisierung und Vernetzung aktiv voran. Zentrale Orte waren für sie die landsmannschaftlichen Gruppen aus Zhejiang und Hunan, die zu entschiedenen Verfechtern radikaler Veränderung zählen; Qiu Jin gehörte bald zu deren beliebtesten Rednerinnen. Sie schloss sich auch zwei Geheimgesellschaften an, deren dezidiertes Ziel der Sturz der Qing-Regierung war. Einer, eine Sektion der Triade, gehörte auch Sun Yatsen an, Qiu Jin und zwei weitere Studenten fungierten als Leiter. Gemeinsam mit Kommilitoninnen belebte sie die erste Frauen-Vereinigung wieder, die 1903 gegründete Gongaihui (共爱会, Gesellschaft für gemeinsame Liebe). Die Gesellschaft hatte, wie ihre männlichen Pendants, den Widerstand gegen die Mandschu und die Verbesserung der gesellschaftlichen Situation zum Ziel.

Die Befreiung der Frauen und nationale Befreiung waren für Qiu Jin eng miteinander verknüpft.

Anarchistische Ideen in der Tradition russischer Extremisten wurden für Qiu Jin wie für viele andere chinesische Studierende attraktiv. Nur durch einen gewaltsamen Umsturz der herrschenden Mandschu, durch militante Aktionen – so glaubte der radikale Flügel – konnte ein starker neuer Staat etabliert werden, der die Souveränität des Landes gegenüber den Imperialisten wiederherstellen konnte. Das war die Lehre der gescheiterten Reformbewegung von 1898. Qiu Jin bereitete sich auch praktisch vor, indem sie an einer Kampfkunst-Schule trainierte. Sie verteidigte die Idee des Umsturzes vehement gegen den Flügel der Reformisten, die eine solche Revolution für verfrüht hielten. Sie wurde so Mitbegründerin einer Gesellschaft, die sich speziell gegen reformistische Ideen richtet und die eine eigene Zeitschrift in der Umgangssprache, die Baihua Zazhi (白话杂志), herausgab. Vier Nummer erschienen bis Dezember 1904: Qiu Jin spricht sich für mündliche Propaganda als Waffe im politischen Kampf aus, will Frauen überzeugen, sich von der feudalen Ideologie zu befreien und den militärischen Kampf für die Rettung des Vaterlandes in die eigenen Hände zu nehmen. Die Befreiung der Frauen und nationale Befreiung waren für sie eng miteinander verknüpft.

Die revolutionären Gruppen in Tokio hielten enge Verbindungen zu Gleichgesinnten in China. Auch Qiu Jin war hier aktiv, im Frühjahr 1905 besuchte sie zu diesem Zweck auch China. Sie lernte die führenden Köpfe des Widerstandes gegen die Qing-Regierung kennen und wurde Mitglied der von Cai Yuanpei gegründeten Guangfuhui (光复会, Gesellschaft zur Wiedererstarkung), in der sich die Widerständler sammelten und die sich 1905 gemeinsam mit anderen Gruppen unter Führung Sun Yatsens zur Tongmenghui (同盟会, Revolutionäre Allianz) zusammenschloss. Sie wurde die stärkste Kraft im Kampf gegen die Qing-Regierung und sollte 1911 ihren Sturz bewirken. Qiu Jin war eine der wenigen Frauen in der Führung der Guangfuhui, sie wurde nach ihrer Rückkehr aus Japan verantwortlich für die politische Arbeit der geheim operierenden Gruppe in der Provinz Zhejiang.

Qiu Jin kehrte Anfang 1906 nach China zurück, gemeinsam mit etwa 40 Kommilitonen, die sich den neuen Restriktionen der japanischen Regierung gegenüber den politisch aktiven Studierenden nicht unterwerfen wollten. Sie unterrichtete in Zhejiang sukzessive an Mädchenschulen in Shaoxing und Nanxun, doch im Wesentlichen war sie politisch tätig: Sie machte ihre Schülerinnen mit ihren politischen Ideen bekannt, musste deshalb aber nach einigen Monaten auch die zweite Schule verlassen und widmete sich ab Sommer 1906 in Shanghai ganz dem Aufbringen von Stipendien für fortschrittliche Studierende und der Vorbereitung militanter Aktionen. Sie koordinierte die Arbeit in Zhejiang und stellte Verbindungen zu lokalen Geheimgesellschaften her, die traditionell anti-Qing eingestellt waren und die in den gesamten revolutionären Bewegungen des frühen 20. Jh. eine große Rolle spielten. Im Januar begründete sie überdies die erste Frauenzeitung Chinas, die Zhongguo Nübao (中國女報, Frauenzeitung Chinas), die zweimal erscheinen konnte. Qiu Jin formulierte hier die Einrichtung von Mädchenschulen sowie Vernetzung und Organisation der Frauen als große Ziele, die in verschiedenen literarischen umgangssprachlichen Formen ihren Ausdruck finden sollten. Die Praxis des Füßebindens wurde in der Frauenzeitung ebenso kritisiert wie arrangierte Ehen.

Qiu Jin in Männerkleidung Qiu Jin in Männerkleidung | © Baidu Baike Im Februar 1907 übernahm Qiu Jin, die sich nun in der Öffentlichkeit auch in Männerkleidung zeigte, in Shaoxing die Leitung der Datong-Schule (大通学堂) für die Ausbildung von Sportlehrern. Faktisch wurde hier militärisch trainiert für einen in Zhejiang und Anhui geplanten Aufstand, für den Qiu Jin und ihr Cousin und Mitstreiter Xu Xilin verantwortlich waren. Qiu Jins Aufgabe war es, Geheimgesellschaften und Militär für den Aufstand zu gewinnen und diese zu koordinieren. Im Zusammenhang mit der Festnahme Xu Xilins am 6. Juli wegen seines Attentats auf den Gouverneur der Provinz Anhui wurden jedoch die Aufstandspläne und die Namen der Beteiligten verraten. Qiu Jin wurde am 12. Juli verhaftet und mangels anderer Beweismittel auf Grund zweier ihrer als aufrührerisch gewerteten Gedichte verurteilt und drei Tage später öffentlich hingerichtet. Die unzureichenden Beweismittel, das schnelle Verfahren und auch die Tatsache, dass sie eine noch junge Frau war, sich zudem für nicht schuldig bekannt hatte, führte zu öffentlichen Protesten. In der Folge wurden die Hauptverantwortlichen des Verfahrens entlassen. 1912, nach dem Sturz der Qing-Regierung, wurde Qiu Jins Bestattung am Taihu gestattet – wie sie es selbst gewünscht hatte.

Qiu Jins Kampf um die Befreiung der Frauen und die Befreiung ihres Landes und Volkes von Unterdrückung haben im kollektiven Gedächtnis Chinas ihren festen Platz. Erinnerungsschriften, ihre wieder aufgelegten Gedichte und ihre Erzählung, Geschichtsbücher, populäre Romane und Filme – zuletzt 2011 Jackie Chan und Zhang Li in The Woman Knight of Mirror Lake – zeichnen das kämpferische Leben dieser außergewöhnlichen Frau, die den Bruch mit den bestehenden Geschlechternormen durch ihre Worte und Taten deutlich machte.
 

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