We...Wei...What? #11 Wie aus einer Bauerntochter aus Guizhou die Chilisoßen-Königin Chinas wurde

Lao Ganma © yì magazìn

Tao Huabi ist die bekannteste Frau Chinas. Ihr Gesicht ist praktisch in jedem Supermarkt, in jedem Haushalt zu finden. Wie die Bauerntochter aus Guizhou sich ihren Chinesischen Traum erfüllte und zur legendären Chilisoßen-Königin Chinas wurde.

Vielleicht kennt ihr Lao Ganma, ein Produkt, das praktisch in jedem chinesischen Haushalt zu finden ist. Über die Geschichte hinter der Chilisoße und über die Unternehmensgründerin Tao Huabi, die Millionen von Menschen inspiriert hat und eine der bekanntesten Persönlichkeiten der chinesischen Gegenwartskultur geworden ist, wisst ihr aber wahrscheinlich weniger. Für viele ist die erfolgreiche Geschäftsfrau und „Chilisoßen-Königin“ der personifizierte „Chinesische Traum“.
 
Von T-Shirts und Armbändern mit ihrem Logo bis hin zu Handy- und Airpod-Hüllen – in China ist Lao Ganma heute ein Modeprodukt. Die hippe Marke ist eine der bekanntesten Chilisoßen im Land und taucht täglich in den chinesischen Medien und der chinesischen Online-Sphäre auf. Und das nicht nur, weil sie und die anderen Rezepturen der Firma so gut schmecken, sondern auch wegen der bemerkenswerten Unternehmensgeschichte.
 
Neben der Beliebtheit der in Öl eingelegten gerösteten Chilis ist es vor allem der Werdegang der Gründerin Tao Huabi (陶华碧), der zum aktuellen Erfolg der Marke beigetragen hat. Es ist Tao Huabis Gesicht, das auf der Verpackung zu sehen ist, die in China jedes Kind kennt, und deren Bekanntheitsgrad auch in vielen anderen Ländern immer weiter zunimmt.
Das bekannteste Gesicht Chinas Das bekannteste Gesicht Chinas | © szmtzc.com Der Markenname „Lao Ganma” (老干妈) bedeutet so viel wie „alte Patentante” und bezieht sich direkt auf Tao Huabi. Sie ist die Erfinderin der berühmten Chilisauce und ist mit der Zeit zu einer Repräsentantin des Chinesischen Traums geworden, weil sie, aufgewachsen in bitterer Armut, zu einer der reichsten Geschäftsfrauen Chinas wurde, indem sie ihren eigenen Weg ging und sich auf ihren Geschäftsinstinkt verließ.
 
Schauen wir uns die verschiedenen Phasen in der Geschichte von Lao Ganma an, um zu verstehen, wie Tao Huabi zu der Ikone wurde, die sie heute in China ist.

„Wäre ich nicht stark gewesen, wäre ich verhungert.“ 

„Es gibt viele erfolgreiche Unternehmer, die Not erlebt haben, aber nur wenige kommen aus so elenden Verhältnissen wie Tao.“ So beginnt die Biografie von Tao Huabi, geschrieben von Zhang Lina (张丽娜)

Tao Huabi wurde 1947 in einem kleinen Dorf im Kreis Meitan in Guizhou geboren, eine der ärmsten Provinzen Chinas. Sie war die achte Tochter ihrer Eltern, die wieder einmal auf einen Sohn gehofft hatten. Es war schwer genug für die Eltern, ihre Kinder zu kleiden und satt zu kriegen, an eine Schulbildung war nicht zu denken. Also lernte Tao weder lesen noch schreiben.
 
In der Biografie heißt es, dass Tao ihre Kindheit damit verbrachte Holz zu sammeln, zu kochen und auf den Feldern zu helfen. Der Titel des Buchs lautet „Wäre ich nicht stark gewesen, wäre ich verhungert“ (我不坚强,就没得饭吃) und symbolisiert, wie sehr die frühen Jahre der jungen Tao von Hunger und dem Kampf ums Überleben geprägt waren.

Tao Huabis Biographie, verfasst von Zhang Lina Tao Huabis Biographie, verfasst von Zhang Lina | © Shanghuibs 2021 Während der großen Hungersnot 1959-1961 suchte Tao nach Wildgemüse und experimentierte mit verschiedenen Methoden, um Pflanzenwurzeln essbar und schmackhaft zu machen. Armut und Hunger waren es also, die die junge Tao dazu trieben, ihre allererste Chilisoße herzustellen. Diese Mischung aus natürlichen Zutaten – Heilpflanzen aus den Bergen und selbst angebauten Chilischoten – war in der ganzen Familie begehrt.
 
Mit 20 Jahren heiratete Tao ihren Mann, der Buchhalter bei einem lokalen Team von Geologen war. Die beiden bekamen zwei Söhne. Aber das glückliche Familienleben währte nicht lange, denn nach nur wenigen Jahren wurde bei Taos Mann eine schwere Leberkrankheit festgestellt.
 
Tao – eine Analphabetin ohne formelle Bildung und Arbeitserfahrung – befand sich nun in einer äußerst schwierigen Lage. Sie musste einen Weg finden, die Familie zu versorgen und Geld für die Behandlung ihres Mannes und das Schulgeld ihrer Söhne zu verdienen. Die 30 Yuan, die ihr Mann jeden Monat erhielt, reichten bei weitem nicht aus, um die Familie über Wasser zu halten.

In dieser Situation fasste Tao den Entschluss, zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Dorf zu verlassen und sich in der Metropole Guangzhou als Wanderarbeiterin einen Fabrikjob zu suchen. Ihre hausgemachte Chilisoße nahm sie mit und würzte damit ihre Dampfbrötchen, wenn sie sich nichts anderes leisten konnte. Die Soße teilte sie auch mit ihren Kolleginnen, die begeistert waren.
 
Aber alle Anstrengungen konnten ihren Mann nicht retten. Als Witwe kehrte sie zurück nach Guizhou, um sich um ihre zwei Söhne zu kümmern. Als Alleinversorgerin der Familie verkaufte sie Tofu und betrieb einen Straßenstand, an dem sie von morgens bis spät in die Nacht Gemüse verkaufte.
 
Ihre Leidenschaft zu kochen folgte Tao überall hin. Einmal, als ihre Söhne schon erwachsen waren, besuchte sie ein Nudelrestaurant und beklagte sich bei der Besitzerin über den wenig authentischen Geschmack. Tao gab der Besitzerin ein paar Tipps, wie sie ihre Nudelgerichte mit Chiliöl verbessern konnte und bekam sogleich einen Job angeboten.  Die Erfahrungen, die sie in dem Restaurant sammeln konnte, brachten Tao auf die Idee, selber ein Unternehmen zu starten.

„Einen Geschmack verkaufen” 

1989, im Alter von 42 Jahren, eröffnete Tao ihr eigenes kleines Imbissrestaurant im Stadtteil Nanming von Guiyang. Ihre Spezialität waren einfache Nudeln, zu denen sie ihre scharfe Chilisoße mit Sojabohnen servierte. Ihr Restaurant war in der Nachbarschaft sehr beliebt und sie wurde schnell zur „Patentante“ der armen Studenten, denen sie Sonderpreise gewährte und Extraportionen zukommen ließ.
 
Viele Studenten und Nachbarn wurden zu Stammkunden und die Geschäfte liefen sehr gut – weniger wegen der Nudeln, sondern weil viele Kunden wegen der Chilisoße immer wieder kamen. 
 
Wie beliebt ihre Soße war, begriff Tao Huabi, als immer mehr Leute nur die Chilisoße kauften, ohne Nudeln zu essen. Als die Soße einmal ausverkauft war, musste sie feststellen, dass sie ohne die Chilisauce auch ihre Nudeln nicht loswurde. Außerdem fand sie irgendwann heraus, dass andere Nudelrestaurants in der Gegend mit ihrer Sauce ebenfalls ein gutes Geschäft machten. So wurde ihr klar, was für ein Potenzial ihr Produkt wirklich hatte.
 
Anfang der 1990er Jahre kamen immer mehr Lkw-Fahrer an Taos Laden vorbei, weil in der Gegend eine neue Autobahn gebaut wurde. Tao nutzte die Chance, um ihre Gewürze über ihr Viertel hinaus bekannt zu machen. Sie verteilte ihre Soßen kostenlos an die Trucker, damit diese sie mit nach Hause nehmen konnten. Diese Form der Mund-zu-Mund-Propaganda zahlte sich bald aus: Immer mehr Leute von außerhalb des Stadtviertels besuchten Taos Laden, um ihre Chilisoßen und andere Gewürzmischungen zu kaufen.
 
Ende 1994 hörte Tao auf, Nudeln zu verkaufen und verwandelte ihr Restaurant in ein Spezialgeschäft, wo sie vor allem ihre Chiliölsoßen verkaufte.
 
Zwei Jahre später, mit 49 Jahren, wagte Tao den nächsten Schritt: Sie mietete ein Haus in Guiyang, stellte vierzig Arbeiter ein und gründete unter dem Namen Lao Ganma ihre eigene Gewürzsoßenfabrik. Zu Beginn gab es noch keine Maschinen und das Zerkleinern der Chilis geschah ausschließlich von Hand. Hier stand Tao in ihrer Schürze zusammen mit ihren Arbeitern an den Tischen und hackte eigenhändig Chilis.
 
1997 wurde die Firma offiziell eröffnet und in Betrieb genommen. Es zeigte sich, dass Tao, die nie eine formelle Bildung genossen hatte, ein natürliches Talent für das Management ihres wachsenden Unternehmens hatte. Später stiegen auch ihre zwei Söhne in die Firma ein.
 
Obwohl die Marke Lao Ganma schon bald nach ihrer Einführung erfolgreich war, hatte Tao Huabi noch jahrelang mit einer Handvoll Konkurrenten zu kämpfen, die gefälschte Soßen mit ähnlicher Verpackung auf den Markt brachten und ihr Geschäft damit beinah ruinierten. Im Jahr 2001, Tao Huabi war jetzt 54 Jahre alt, entschied das Oberste Gericht in Peking schließlich, dass andere ähnliche Produkte weder den Namen „Lao Ganma” verwenden noch ihre Verpackungen imitieren dürfen. Sie erhielt eine Entschädigung in Höhe von 400.000 Yuan (etwa 60.000 US Dollar).

Tao Huabi in ihrer Fabrik Tao Huabi in ihrer Fabrik | © Sohu 2021 Mit einer Belegschaft von über 2000 Arbeitern und einer Produktion von 1,3 Millionen Gläsern Chilisoße täglich, war Lao Ganma das größte Produktions- und Handelsunternehmen von Chilisoßen in China geworden. Neben der klassischen Chilipaste in Öl gehören auch Chilisoße mit schwarzen Bohnen, Chilisoße mit Tomaten, Feuertopf-Gewürzmischungen und andere Gewürzmischungen zum Sortiment.
 
Inzwischen ist das Chili-Imperium ein internationales Unternehmen, das seine Produkte von Afrika bis in die USA vertreibt. Von Tao Huabi ist der Spruch überliefert, dass sie all die Länder, in denen Lao Ganma verkauft wird, gar nicht kenne, aber sie wisse, dass Lao Ganma überall dort zu kaufen sei, wo Chinesen leben.
 
2019 wurde Lao Ganma unter die hundert chinesischen Top-Marken gewählt, zusammen mit China Mobile, Huawei, TikTok, Tsingtao und Alibaba.
 
Die typische Verpackung Die typische Verpackung | © Taobao 2021 Das Geschäftsmodell von Lao Ganma unterscheidet sich deutlich von den üblichen Marketing- Strategien. Das Unternehmen macht kaum Werbung, es lässt sich nicht von Prominenten vertreten und ist nicht in sozialen Medien aktiv, weder mit Kampagnen noch mit eigenen Kanälen. Die Website wurde seit Jahren nicht erneuert und die Verpackung und das Verpackungsdesign wurde nicht einmal aktualisiert oder modernisiert. Dasselbe alte Logo ziert die Gläser seit Jahrzehnten.
 
Diese Marketingstrategie folgt der schlichten Logik von Taos Konzept: Wenn das Produkt gut ist, werden die Leute es wieder kaufen, oder wie Tao es selbst einmal formuliert hat: „Wir verkaufen einen Geschmack, keine Verpackung.“

Durch Arbeit den chinesischen Traum verwirklichen

Vor einigen Jahren wurde die heute 74-jährige Tao Huabi in einer der Episoden der Serie Der Chinesische Traum beruht auf Arbeit (劳动铸就中国梦), produziert vom chinesischen Staatsfernsehen CCTV, porträtiert. Seitdem verkörpert sie für viele Chinesen den Chinesischen Traum.
 
Die Hauptbotschaft dieser Doku-Serie ist, dass alle Menschen eines Landes gemeinsam dessen Wohlstand schaffen. Dabei handelt es sich nicht um ein individuelles, sondern um ein kollektives Ziel. Seit Xi Jinping im Jahr 2013 Präsident wurde, ist die Idee des „Chinesischen Traums“ in den offiziellen chinesischen Medien allgegenwärtig. Das Konzept bezieht sich auf „die große Erneuerung der chinesischen Nation“. In seiner ersten Ansprache an die Nation im März 2013 betonte Xi, dass es zur Verwirklichung des „chinesischen Weges“ nötig sei, „den chinesischen Geist zu verbreiten, der den Geist der Nation mit Patriotismus als Kern und den Geist der Zeit mit Reform und Innovation als Kern verbindet.“
 
Taos Geschichte passt sehr gut zu diesem Traum der gemeinsamen „Straße zum Wohlstand“. Sie hat sich aus großer Armut hochgearbeitet und ihr eigenes Unternehmen trotz vieler Hindernisse und Widerstände aufgebaut. Dabei hat sie immer auch anderen geholfen, gleichzeitig aber nur selten auf ihre eigenen Kontakte oder das Geld anderer Leute zurückgegriffen.
 
Ihrer Heimatprovinz ist Tao während der ganzen Zeit treu geblieben, was ihr den Spitznamen „Wunder von Guizhou“ einbrachte. Die vielen Angebote, ihr Geschäft anderswo aufzubauen, hat sie immer abgelehnt – sehr zur Freude der lokalen Regierungsbeamten, die Tao immer wieder unterstützt haben. Die Geschäftsfrau ist ein Segen für die Provinz – nicht nur, weil ihre Marke als einzigartiges „Produkt aus Guizhou“ bekannt geworden ist, sondern vor allem, weil sie inzwischen fast 5000 Arbeitsplätze geschaffen, und direkt oder indirekt für Zehntausende lokale Bauern ein Einkommen generiert.
 
Tao ist Parteimitglied und politisch aktiv, unter anderem als Vertreterin im Ständigen Komitee des Guizhouer Volkskongresses und durch mehrmalige Teilnahme am Nationalen Volkskongress in Beijing.

Tao Huabi beim Nationalen Volkskongress in Beijing Tao Huabi beim Nationalen Volkskongress in Beijing | © Sohu 2021 Lao Ganma ist eine der nationalen Marken Chinas und Tao Huabi wird oft als patriotische Unternehmerin gesehen. Die Würzmischungen von Lao Gan Ma sind im Ausland viel teurer als in China. Während ein Doppelpack Lao Ganma auf der chinesischen E-Commerce-Plattform Taobao für nur 9,9 Yuan (1,5 Dollar) verkauft wird, muss der Kunde für die gleiche Packung in den USA auf dem amerikanischen Amazon 13 bis 18 Dollar ausgeben, acht bis zwölf Mal mehr als in China. Auf die Frage nach dem enormen Preisunterschied für Lao Ganma zwischen China und anderen Ländern antwortete Tao: „Ich bin Chinesin. Ich verdiene kein Geld mit Chinesen. Ich will Lao Ganma ins Ausland verkaufen und an den Ausländern verdienen.“
 
In den vergangenen zehn Jahren wurden die Chili-Produkte auch außerhalb von China immer beliebter. Auf Facebook gibt es sogar eine Gruppe für Chili-Connaisseure („The Lao Gan Ma Appreciation Society”), wo sich über 4000 Mitglieder über ihre Liebe zu diesem Chiliöl austauschen.
Nicht mehr nur Chiliöl: Lao Ganma als Modeaccessoire Nicht mehr nur Chiliöl: Lao Ganma als Modeaccessoire | Screenshot Auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo wird Lao Ganma häufig in Posts erwähnt: „Lao Ganma zeigt, dass man auch ohne Schulbildung etwas aus seinem Leben machen kann.“
 
Vielleicht gibt es keine Person, die den Chinesischen Traum besser verkörpern könnte als Tao Huabi, die das Leben in China aus so vielen verschiedenen Perspektiven erlebt hat: Tochter armer Bauern, junge, sich abrackernde Witwe, Wanderarbeiterin in einer Fabrik, liebende Mutter, Straßenverkäuferin, Managerin, loyales Parteimitglied und zuletzt sogar unerwartete Modeikone – Tao Huabi hat vieles gesehen und durchgemacht. Aber eines wird sie immer bleiben: Chinas Chilisoßen-Königin.
 

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