Inspirador Wie Montevideo mit Kunst sein historisches Erbe schützt

Besucherinteraktion mit dem Werk „Somos Patrimonio, Plan Piloto barrio la Aguada“ („Wir sind Erbe – Stadtplan für das Viertel La Aguada“), einem Augmented-Reality-Kunstwerk von Rodrigo Labella, Bruno Tortorella und Anaïs Vaillant für die Ausstellung „Ghierra Intendente“ 2020.
Besucher*inneninteraktion mit dem Werk „Somos Patrimonio, Plan Piloto barrio la Aguada“ („Wir sind Erbe – Stadtplan für das Viertel La Aguada“), einem Augmented-Reality-Kunstwerk von Rodrigo Labella, Bruno Tortorella und Anaïs Vaillant für die Ausstellung „Ghierra Intendente“ 2020. | Foto: © Rodrigo Labella, Bruno Tortorella und Anaïs Vaillant

Alle fünf Jahre beteiligen sich Künstler*innen, Architekt*innen und Designer*innen aus Montevideo an einer künstlerisch-politischen Kampagne, die zeitgleich mit den Kommunalwahlen stattfindet. Auf Basis einer im künstlerischen Bereich verwurzelten Perspektive ruft das Projekt die Menschen zur Teilnahme auf, um neue Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie das Leben in der Stadt aussehen kann.

Von Jonaya de Castro und Laura Sobral

Der Inspirador ist ein Projekt, mit dem Ziel, nachhaltige Städte neuzudenken, indem es inspirierende Beispiele aus mehr als 32 Orten auf der ganzen Welt identifizierte und präsentierte. Die Forschung systematisiert die Fälle und Ideen in verschiedene Kategorien, gekennzeichnet durch Hashtags.
 
#politische_vorstellungskraft
Themen, die bereits vorher im Alltag wichtig waren, erweisen sich nun als dringlich, und einige der entwickelten Ideen können uns dazu inspirieren, mit den Gegebenheiten bestmöglich umzugehen. Mit kreativen Kampagnen und Notfallmaßnahmen wird versucht, die Zukunft unter dem Gesichtspunkt der kulturellen Entwicklung zu beeinflussen. In dieser Kategorie stellen wir Design- und Nachhaltigkeitslabore, Beispiele von Pflegekultur, sowie Foren und Plattformen für philosophische Diskussionen vor, die sich den Themen Hoffnung, Transformation und politischer Vorstellungskraft widmen.


Das Projekt Ghierra Intendente, übersetzt „Bürgermeister Ghierra“, ist eine Ausstellung mit Performances, die sich mit Schönheit, Erinnerung und dem architektonischen Erbe der Stadt Montevideo auseinandersetzt. Die Projektgruppe bringt Vorschläge ein, die normalerweise im traditionellen Kommunalwahlkampf ausgeklammert werden, und drängt darauf, sie auf die Agenda der Politik zu setzen. Das Kollektiv präsentiert eine andere Sicht auf die Stadt und hebt die Rolle der Bewohner*innen Montevideos in diesem Umfeld hervor.

„Bei unserem Projekt geht es darum, die Zeit und den Raum der Stadt für die Bürger*innen zurückzugewinnen und Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir die Stadt sind.“

Alfredo Ghierra

Denkmalschutz trägt zur Qualität des öffentlichen Raums bei

Montevideo ist keine 300 Jahre alt, aber im Kontext Lateinamerikas erscheint es aufgrund seiner außergewöhnlichen Ansammlung von Architektur älter als andere moderne Städte. Allerdings schenken weder die Bevölkerung noch die öffentliche Verwaltung diesem Schatz genügend Aufmerksamkeit, so dass der Mangel an öffentlicher Politik zu einer Bedrohung für die Bewahrung des städtischen Erbes geworden ist.
 
„Es fing alles vor zehn Jahren an, weil ich mir Sorgen über die systematische Zerstörung des lokalen architektonischen Erbes machte“, sagt Projektleiter Alfredo Ghierra. Nachdem das Projekt damit begann, Beschwerden und Berichte zu verfassen, erkannte Ghierra, dass die Probleme, mit denen er es zu tun hatte, viel komplexer waren als gedacht.
 
Diese Problematik wirkt sich auch auf die städtische Identität aus. Die Erhaltung des kulturellen Erbes trägt zur Qualität des öffentlichen Raums und zum allgemeinen Zusammenhalt der Gesellschaft bei und schafft darüber hinaus eine Vielzahl von Arbeitsplätzen im kreativen und kulturellen Bereich.
 
Das Projekt hat sich organisch entwickelt. Im ersten Jahr wurde eine Ausstellung von Ideen und Visionen für die Stadt Montevideo veranstaltet, mit enormem Erfolg. Aber erst fünf Jahre später, mit dem Etablierung der sozialen Medien, wuchs das Projekt wirklich. Für jede Kampagne wählt die Gruppe einen emblematischen Slogan. Im Jahr 2015 war es „Die Stadt, die wir wollen“, im Jahr 2020 „Wir sind die Stadt“. In diesem Jahr wurde die Ausstellung in drei Aspekte aufgeteilt: Erbe, ökologische Stadt und Peripherie.

“Wenn man die Verbindung zu den Werken früherer Generationen kappt, läuft man Gefahr, die historische Vorstellung davon zu verlieren, was es bedeutet, eine Stadt zu bauen.”

Alfredo Ghierra


„Montevideo: las dos ciudades“ („Montevideo: die zwei Städte“) von BMR Cultural Producer „Montevideo: las dos ciudades“ („Montevideo: die zwei Städte“) von BMR Cultural Producer anlässlich der Ausstellung „Ghierra Intendente“ 2020. | © BMR Cultural Producer Derzeit sind viele Menschen an dem Projekt beteiligt. Durch die Einladung von Künstler*innen, Architekt*innen und Designer*innen, soll vor allem Raum für neue Stimmen und Perspektiven geschaffen werden. „Regierungen berücksichtigen Künstler*innen oder deren Herangehensweise kaum, und diese Berufsgruppen sind nur selten in Regierungen vertreten“, erklärt Ghierra.

Schönheit als eine Form des Handelns

Vorstellungskraft ist das Hauptthema, dem sich das Projekt widmet, sowohl im Hinblick auf die Schaffung von alternativen Welten als auch als Mittel, um die Menschen zur Beteiligung an der Gestaltung der Stadt zu ermutigen. Durch Ausstellungen und andere Initiativen versucht die Gruppe, Ideen anzustoßen, die die Menschen zum Handeln anregen.
 
Wenn man die Stadt den Regeln des Marktes überlässt, wird sie ihrer demokratischen Prozesse beraubt. Uruguay hat eine starke demokratische Tradition, aber ein großer Teil der Zivilgesellschaft denkt, dass es ausreicht, bei jeder Wahl abzustimmen und in der Zwischenzeit einfach Steuern zu zahlen. „Die Regierungen sind nicht in der Lage, das gesamte Spektrum dessen abzudecken, was eine Stadt bedeutet“, sagt Ghierra und weist darauf hin, dass die Stadt für ihn ein kollektives Unterfangen ist, bei dem Zivilgesellschaft, Bürger*innen und Künstler*innen eine entscheidende Rolle spielen. Wenn die Gesellschaft nicht mitmacht, funktioniert die Stadt nicht. Das Projekt Ghierra Intendente zeigt, wie Künstler*innen ihre Sichtweise als Werkzeug nutzen können, um neue Wirklichkeiten zu schaffen.
 

Das Projekt beleuchtet Themen, die vorher unbeachtet blieben

Im Jahr 2020 fand die Veranstaltung zum dritten Mal statt. Ghierra erzählt uns, dass bei den letzten Wahlen interessanterweise alle Kandidat*innen zum ersten Mal die Anerkennung, Erhaltung und Aufwertung des historischen Erbes der Stadt in ihre politische Programme aufgenommen haben. „Alle setzen sich für Transport, Mobilität, Abfall ein... aber dieses Mal haben sie sich auch auf das Kulturerbe konzentriert. Kultureller Wandel ist immer sehr langsam, er wirkt nicht sofort. Er ist schwer messbar, aber er ist es wert.“
 
Indem sie diese Lücke besetzte, entwickelte sich die Projektgruppe zu einem Gesprächspartner für die Regierung. Ghierra weist darauf hin, dass es lange gedauert hat, bis sie das Vertrauen der politischen Behörden gewonnen hatte und ihre Arbeitsweise nicht länger als Witz, sondern als wichtige Stimme wahrgenommen wurde.

„Es ist uns wirklich ernst, aber Ernsthaftigkeit bedeutet nicht Mangel an Fantasie, geschweige denn Mangel an Humor.“

Alfredo Ghierra

Die Mobilisierung in den sozialen Medien erregte auch die Aufmerksamkeit der Regierung. Ein von der Gruppe veröffentlichter Facebook-Post über den Abriss eines Hauses fand die Unterstützung von 150.000 Menschen – für Montevideo, einer Stadt mit etwa 1,3 Millionen Einwohner*innen, ist das viel: Eine solche Anzahl von Menschen kann den Ausgang einer Wahl verändern. „Ich denke, darin liegt unsere Stärke: dass wir entdeckt haben, dass diese Themen, die unbedeutend und unwichtig schienen, für viele Menschen wirklich bedeutsam sind.“
 
Denjenigen, die ein ähnliches Projekt starten wollen, empfiehlt Ghierra, eine möglichst klare Grundidee zu haben: „Die Idee hinter Ghierra Intendente ist wirklich sehr einfach: Es geht darum zu sagen ‘Leute, lasst uns zusammenkommen und eine parallele Kampagne zu den echten Wahlen durchführen.‘“
 
„Wenn wir unsere Straße lieben und plötzlich miterleben, wie Häuser oder andere Dinge, die wir mochten, abgerissen werden oder Bäume entfernt werden, ist unser erster Eindruck normalerweise, dass wir nichts dagegen tun können, dass dies aus einem bestimmten Grund geschieht“, sagt Ghierra. Aber bei den Kampagnen von Ghierra Intendente passiert etwas anderes. Die Leute fangen an, nachzuforschen, zu berichten, Fragen zu stellen. Es ist, als ob ein Samen in die Köpfe der Menschen gepflanzt wurde, und sie anfangen, an die Möglichkeit einer Veränderung zu glauben. Künstler*innen, Architekt*innen und die gesamte Bevölkerung kommen zusammen, um zu reflektieren und die gemeinsame Vorstellungskraft spielen zu lassen – erst recht in Zeiten der Pandemie, in denen man Abstand zueinander halten muss.
 

In dieser Reihe geht es um:

Das Projekt „Inspirador für mögliche Städte“ von Laura Sobral und Jonaya de Castro zielt darauf ab, Erfahrungswerte aus Bürger*inneninitiativen, akademischen Kontexten und politischen Maßnahmen zu identifizieren, die sich an Transformationsprozessen hin zu nachhaltigeren, kooperativeren Städten beteiligen. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Lebensweise und unsere Konsumgewohnheiten die Auslöser der Klimakrise sind bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Mitverantwortung einzugestehen. Grüne, geplante Städte mit autonomer Nahrungsmittelversorgung und einer Abwasserentsorgung auf Grundlage natürlicher Infrastrukturen können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung der neuen Vorstellungswelt sein, die für diesen Wandel notwendig ist. In dem Projekt werden öffentliche Maßnahmen und Gruppeninitiativen aus der ganzen Welt vorgestellt, die auf die Möglichkeit anderer Lebensweisen aufmerksam machen.
 
Das Projekt systematisiert inspirierende Fälle und Ideen in den folgenden Kategorien: 
#entwicklung_neudefinieren, #raum_demokratisieren,
#ressourcen_(re)generieren, #zusammenarbeit_intensivieren, 
#politische_vorstellungskraft