Der informelle Sektor „Die Klimakrise geschieht nicht im luftleeren Raum“

Eine Fischerin in Makassar
Eine Fischerin in Makassar. Frauen in Küstengebieten sind durch die Auswirkungen des Klimawandels besonders gefährdet. | Foto (Detail): © Solidaritas Perempuan Anging Mammiri

Was macht einen gerechten Übergang aus – und was hat das mit Gender zu tun? Dinda Yura erläutert in diesem Interview, warum nachhaltiges Wirtschaften nicht ohne die Teilhabe der Arbeitnehmer*innen umgesetzt werden kann.

Frau Yura, Sie setzen sich für einen geschlechtergerechten Übergang ein. Wie sieht ein gerechter Übergang im Zusammenhang mit der Klimakrise aus?

In Debatten über die Klimakrise nimmt die Wirtschaft einen zentralen Stellenwert ein. Es bedarf zahlreicher Übergangsprozesse, um eine nachhaltigere Wirtschaft und Lebensgrundlage für die Menschen zu schaffen. Wenn wir also von einem „gerechten Übergang“ sprechen, dann denken wir dabei vor allem an die Menschen, die sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen, beispielweise im Energiesektor, in der Kohle- oder Palmölwirtschaft. Es muss unbedingt sichergestellt werden, dass diesen Menschen der notwendige Übergang nicht schadet. Aus dieser Perspektive wird das aktuelle wirtschaftliche und politische System im Grunde als Ursache für die Klimakrise und die Ausbeutung der Arbeitnehmer*innen betrachtet. Deshalb geht es beim gerechten Übergang nicht nur um eine Transformation des Energiesektors, sondern um einen Umbau des gesamten Systems. Das ist der Grundgedanke. Dann gibt es noch einige spezielle Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen und soziale Sicherheit und ähnliches, um die Einhaltung der universellen Menschenrechte zu gewährleisten.

Sie sprechen häufig von den besonderen Folgen des wirtschaftlichen Transformationsprozesses auf Frauen. Inwiefern gibt es hier einen Bezug zu genderspezifischen Dimensionen?

Wir alle wissen, dass die Klimakrise nicht im luftleeren Raum geschieht. Bereits heute haben wir mit sozialen Ungleichheiten wie geschlechtsspezifischen Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Es ist also nur naheliegend, dass damit auch durch den Klimawandel Folgen für die Geschlechterdynamiken verbunden sind. Das asymmetrische Wirtschaftssystem, das die Klimakrise auslöst, führt auch zur Ausbeutung von Frauen. Wir wissen bereits, dass Frauen in vielen unterschiedlichen Bereichen davon betroffen sind. Beispielsweise sind es in vielen Fällen Frauen, denen aufgrund von geschlechtsspezifischen Rollenbildern die Aufgabe zufällt, für die Familie zu sorgen. Auch in der Arbeitswelt lassen sich die vielschichtigen Folgen beobachten, wo wir es mit Lohndiskriminierung und der Tatsache zu tun haben, dass soziale Sicherheit, insbesondere im globalen Süden, häufig nur für Männer gewährleistet ist.

Warum ist es für Frauen so schwer, als Teil der arbeitenden Bevölkerung akzeptiert zu werden und Sozialleistungen zu erhalten?

Ich möchte es Ihnen an einem Beispiel erläutern: In meiner Heimat Indonesien arbeiten mehr als 60 Prozent der Frauen im informellen Sektor. Und das ist nur die Zahl, die in den offiziellen Statistiken unserer Regierung erscheint. Sie liegt mit Sicherheit höher. Diese Frauen arbeiten in der traditionellen Landwirtschaft, als Kleinbäuerinnen und auch als Fischerinnen und erhalten keine Anerkennung für diese Arbeit. In ihren Ausweisen ist als Beruf Hausfrau angegeben. Wir haben mit vielen Fischerinnen gearbeitet, die einen Fischereischein machen wollten, weil sie damit Zugang zu Versicherungsleistungen und Fördermitteln hätten. Doch sie stoßen mit ihrem Anliegen auf starken Widerstand, weil die lokale Regierung darauf besteht, dass sie Hausfrauen sind und lediglich ihre Ehemänner unterstützen.

Und dann gibt es noch die kleinen Händlerinnen, die Haushaltshilfen, die in vielen Ländern nicht als Arbeitnehmerinnen anerkannt werden. Soziale Absicherung ist also wichtig. Die Einhaltung von Arbeitsrechten ist wichtig. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist wichtig. Doch das ist nicht genug, denn selbst wenn wir Einfluss auf die Politik nehmen und all diese Dinge gewährleisten können, reicht dies möglicherweise noch immer nicht aus, weil es viele Frauen gibt, für die die Arbeitsrechte nicht gelten. Darüber hinaus ist es auch eine Frage der Einstellungen. Denn wenn wir über gerechte Übergänge sprechen, die die Situation von Frauen berücksichtigen, dann müssen wir uns auch mit den grundlegenden Ungleichheiten auseinandersetzen. Es geht darum, die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und damit auch die traditionellen Geschlechterrollen aufzubrechen.

„Climate March“ auf der COP 24 Mit vielen anderen Aktivist*innen setzt Dinda Yura sich regelmäßig für Klimagerechtigkeit ein. Besonders in internationale Veranstaltungen und Konferenzen, wie die COP setzt sie viel Hoffnung. | Foto (Detail): © Danny Moore Wie lassen sich diese Machtverhältnisse aufbrechen?

Die Entwicklung muss von den Gemeinschaften ausgehen. Wir müssen ihre Ideen und Initiativen berücksichtigen, denn in vielen lokalen Gemeinschaften fallen Frauen häufig einflussreichere Funktionen zu, sie verfügen über das Wissen, übernehmen die Rolle der Versorgerin und sind eine tragende Säule der Gesellschaft. Aus wirtschaftlicher oder politischer Sicht werden sie jedoch als Bürgerinnen zweiter oder sogar dritter Klasse betrachtet. Gleichzeitig wissen wir, dass patriarchale Strukturen in einigen Kulturen fest verankert sind. Der Beitrag der Frauen wird nicht anerkannt, weil sie für die Reproduktionsarbeit zuständig sind, die Betreuung der Familie übernehmen, das Essen auf den Tisch bringen und in der Mehrzahl der Fälle im informellen Sektor tätig sind. Damit leisten sie keinen volkswirtschaftlichen Beitrag. Eine solche patriarchal geprägte Gesellschaft geht also davon aus, dass die wirklich wichtige Rolle der Person zufällt, die das Geld nach Hause bringt. In vielen dieser Gemeinschaften müssen wir daher zunächst diese materialistische Perspektive überwinden, um die Rolle von Frauen in der Gesellschaft zu stärken.

Was ist also nötig, um diesen gerechten Übergang zu ermöglichen?

Dafür gibt es meines Erachtens kein Patentrezept, weil die Situationen in den verschiedenen Ländern sehr komplex sind. In meiner Heimatregion in Zentraljava haben sich die Gemeinschaften gegen den Bau einer Zementfabrik gewehrt. Die Regierung sagte, sie würde Arbeitsplätze schaffen, die in dieser Region offenbar benötigt würden. Tatsächlich haben die Bürger*innen, die meisten Angehörigen dieser Gemeinschaften, kein festes monatliches Einkommen, und doch geht es ihnen gut. Sie unterrichten ihre Kinder selbst, sie bestellen ihre Felder, sie bauen ihre Nahrungsmittel selbst an und betreiben Viehzucht. Doch den geringen Verdienst der Menschen nutzt die Regierung als Argument, um den Bau der Fabrik voranzutreiben und den Menschen auf diese Weise zu „helfen“. Dabei wird jedoch nicht bedacht, dass die Umwelt und die Lebensgrundlagen zerstört und kulturelle und sogar spirituelle Werte der Menschen verletzt werden. Für mich muss der Wandel von unten kommen. Jede Gemeinschaft muss selbst bestimmen können, welcher Übergang in einer bestimmten Region notwendig ist. Es ist ganz einfach, auch wenn es nicht ausreichen wird. Doch es ist ein guter Ausgangspunkt und könnte auf andere Strategien übertragen werden.

Was denken Sie über die Beteiligung der internationalen Gemeinschaft und der politischen Entscheidungsträger*innen?

Auf internationaler Ebene werden zahlreiche Versprechen gemacht, und es wird viel Geld für den Kampf gegen den Klimawandel veranschlagt. Doch wir sprechen nicht darüber, wie wir diese Gelder verteilen wollen. Außerdem sind viele Unternehmen und Privatinvestoren daran beteiligt, die von möglichen Profiten, insbesondere im Energiesektor, angelockt werden. Bei uns in Indonesien werden zum Beispiel zahlreiche Geothermie-Projekte geplant und ausgeführt, die in vielen Fällen von der Weltbank oder sogar von Privatunternehmen finanziert werden. Diese riesigen Geothermie- oder Wasserkraftwerke erzeugen dann angeblich umweltfreundlichere Energie. Im Grunde geht es dabei jedoch um Profite, auch wenn sie gleichzeitig als klimafreundliche Lösungen verkauft werden. Niemand schert sich um die katastrophalen Folgen dieser Projekte für die Gemeinschaften. Sie bauen beispielsweise ein Wasserkraftwerk in einen Fluss in Poso in Sulawesi, das die Wasserversorgung der Gemeinschaft beeinträchtigen wird. Die Konsequenzen werden in der Landwirtschaft, der Viehzucht und der Fischerei zu spüren sein. Die Menschen holen sich ihre Nahrung aus dem Fluss, und es gibt dort einige endemische Fischarten, von denen zwei wegen des Projekts bereits ausgestorben sind. Das Projekt greift auch auf den See über. Dort gibt es eine Brücke, die über eine spirituelle Bedeutung verfügt, weil sie für die Gemeinschaft ein Symbol der Einheit verkörpert. Diese Brücke wird möglicherweise abgerissen. So lange klimafreundliche Lösungen also nicht mit den betroffenen Menschen vor Ort abgestimmt werden und die eigentliche Wurzel des Problems nicht angehen, werden die Menschen keinen Vorteil daraus ziehen, sondern ihre Lebensgrundlagen verlieren.

Wasserkraftwerk in Poso Im Fluss Poso wird ein Wasserkraftwerk gebaut, das die Lebensgrundlage der Menschen zerstören, Überschwemmungen in landwirtschaftlichen Betrieben verursachen und Fischarten ausrotten könnte. | Foto: © Solidaritas Perempuan Poso Haben Sie Hoffnung, dass sich das ändern kann?

Ich hoffe, dass wir auf Konferenzen und in Vorträgen Menschen, die nichts von den negativen Folgen klimaschädlicher Lösungen wie beispielsweise den so genannten Walderhaltungsmaßnahmen oder den „sauberen“ Energien wissen, zum Umdenken bewegen können. Deswegen müssen wir unsere Geschichten erzählen. Ich glaube daran, dass die Menschheit selbst diejenigen unterstützen wird, die Unterstützung benötigen.


Das Interview führte Natascha Holstein, Zeitgeister-Redakteurin.